Nothingness 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 3

IKEA – Kampf um Leben und… Möbel

Eine Sonderaktion zum Geburtstag von Ikea. Und ich war mitten drin.

Da mein Freund und ich unsere erste eigene Wohnung planen, ist das Thema Möbel und Einrichtung natürlich nahe liegend. Die Assoziation von Möbel über Ebay kommt schnell zu Ikea. Und wie gerufen flatterte ein Prospekt von Ikea Kamen in unseren Briefkasten. Eine Sonderaktion zum 30. Geburtstag. Klasse. Wir wollten mitfeiern. Der Tisch „Jokkmokk“ und vier dazugehörige Stühle hatten es uns angetan. Der Sessel „Poäng“ hatte unsere Aufmerksamkeit auch kurz in Anspruch genommen, jedoch haben wir uns dazu entschieden, nichts in der Wohnung haben zu wollen, dass heißt wie ein enger Arsch.

Aus beruflichen Gründen konnte mein Schatz leider nicht das Erlebnis mit mir teilen, unsere ersten Möbel zu kaufen, weswegen mein Vater als tatkräftige Unterstützung herhalten musste. Wir fuhren also um 9 Uhr los, da das Geschäft um 09.30 Uhr öffnen würde. Wir lagen ziemlich gut in der Zeit, wie ich fand, als wir um 09.39 Uhr auf den Parkplatz fuhren… oder es versuchten. Denn obwohl Ikea erst seit nicht mal 10 Minuten geöffnet hatte, war der Parkplatz überfüllt. Wir fuhren zwischen den einzelnen Abschnitten von A1 bis D5 hin und her und suchten einen Parkplatz. Glücklicherweise konnten wir uns in eine kleine Lücke quetschten, wo sich andere anscheinend nicht hinein trauten.

Es schien, als würden hunderte von Menschen zu den Eingängen pilgern, während ebenso hunderte wieder hinausströmten, oft mit stolzem Gesichtsausdruck ihre großen Pakete vor sich her schiebend. Mein Vater, Schnäppchenjäger und jahrelanger Einkäufer wie er ist, ging taktisch durch den Hintereingang. Ich konnte eigentlich nur hinter ihm her rennen und vor seinen energischen Schritten und den wehenden Haaren musste sich so mancher in Deckung bringen. Anstatt durch die ganze Ausstellung zu watscheln, quetschen wir uns an einer der Kassen durch. Und da sahen wir es.

Bis dahin habe ich nur von so etwas gelesen, wenn zum Beispiel bei Aldi oder Lidl ein Computer günstig angeboten wurde – natürlich nur, solange der Vorrat reicht. Die Menschen campieren vor den Fillialen und stürmen dann das Gebäude, um sich sofort das Produkt unter den Nagel zu reißen.
Es war hier nichts anderes. Drei Schlangen zogen sich durch die komplette Halle und die Menschen, die noch nicht an der Kasse anstanden, schoben sich durch die Masse, um zu ihrem gewünschten Produkt zu kommen. Ich konnte meinem Vater nur folgen, der sich stur durchboxte, indem ich auf den Boden sah, und so gut wie ich konnte über Kartons und Füße stieg.

Es wurde mir erst jetzt bewusst. Jeder war auf sich gestellt, jeder wollte das beste Schnäppchen haben – und jeder würde alles dafür geben, es zu bekommen.
Während ich noch leicht hilflos und irritiert um mich sah, um mein Jokkmokk zu finden, stürmte mein Vater schon wieder los. Langsam kam ich aus der Puste, doch wagemutig rannte ich ihm hinterher. So gut es ging. Denn es ist ein erstaunliches Phänomen: selbst wenn der Sturm tobt, haben einige Menschen noch immer eine Seelenruhe und schlendern vor sich her. Dafür hatte ich aber keine Zeit. Bei meinem Vater angekommen, sahen wir uns das Ausstellungsstück an, befanden es für gut und… warteten, dass eine neue Palette mit Jokkmokks von einem Lagerarbeiter herangekarrt wurde. Während dieser kam, machte ich mich auf die suche nach einem passenden Wagen, um das große Paket bis zur Kasse und zum Auto manövrieren zu können.

Mir strömten Menschen mit eben genau diesen Wagen entgegen und ich schwamm der Quelle entgegen. Ich sah schon die Station, musste allerdings erst eine Frau zur Seite drücken und über deinen Karton hüpfen, um endlich am Ziel zu sein. Doch was war das? Es gab Komplikationen, der Wagen wollte sich nicht aus dem nächsten lösen und so rüttelte und zog ich immer heftiger. Panik kam in mir hoch, wartete doch mein Vater, dass ich ihm helfen kam, um unseren Tisch mit den vier Stühlen zu einem Spottpreis zu sichern. Meine Bewegungen wurden hektischer und aggressiver, ich riss an den Griffen und stemmte meine Füße in den Boden. Was die anderen Kunden über mich dachten, war mir egal. Ich wollte nur diesen scheiß Jokkmokk!

Ohne es zu wollen, wurde ich selbst zu einem dieser rücksichtslosen Kämpfer, die alles dafür gaben, ein Schnäppchen mit nach Hause zu bringen. Und dann löste sich endlich der Wagen. Ich zog ihn heraus, musste dabei allerdings einer anderen Kundin den Weg versperren und knallte bei der Drehung mit einer anderen zusammen. Pech! Hier heißt es, jeder gegen jeden, also soll sie mal nicht jammern.
Auf schnellst möglichem Wege, also Schneckentempo, brachte ich das Fahrgerät zu meinem Vater, der noch immer auf die neuen Jokkmokks wartete. Ich stellte den Wagen ab und wartete, bereit, sofort loszustürmen und mich auf einen der Tische zu schmeißen, um ihn zu umklammern und nicht mehr loszulassen.

Da kam der Lagerarbeiter und brachte eine neue Palette. Fünf Jokkmokks. Süß nicht? Humor haben die hier auch, dachte ich. Drei waren im Nu weg, so schnell konnte man gar nicht „Jokkmokk“ sagen. Der vierte ging an einen Mann, der meinen Vater auch noch dreister Weise fragte, ob er ihm helfen könnte. Ist der blöd? Hat der noch nichts mitbekommen? Mein Vater erkannte die Situation sofort. „Aber wenn ich ihnen jetzt helfe, dann bekomm ich keinen Jokkmokk mehr!“, schlussfolgerte er logisch. Der Mann kapierte es nicht so recht, aber vielleicht verschleierten seine Glücksgefühle über den Fang seine rationale Wahrnehmung. Eine Frau, die schon zwei Jokkmokks ergattern konnte, bot meinem Vater an, sich einfach auf den Letzten zu setzen. In Anbetracht dessen, dass sie wahrscheinlich nicht noch einen Jokkmokk auf ihrem Wagen hätte verstauen können, traute mein Vater ihr und half dem Mann, das Paket hinüberzutragen.

Dann endlich kam mein Einsatz und wir hievten mein, unseren Jokkmokk auf den Wagen. Ich war stolz. Jetzt mussten wir nur noch wieder zur Kasse…

… inzwischen hatten sich jedoch die drei einzelnen Schlangen, die vorher bestanden, in ein völliges Knäuel verwirrt. Man konnte sich eigentlich nur noch in die Nähe, also ca 2-3 Kilometer entfernt, der Kassen stellen und warten. Es ging schleppend voran. Ein Mann vor uns berechnete 7 Minuten pro Meter. Das war eigentlich gar nicht mal ein so schlechter Schnitt. Jetzt hatten wir ja Zeit. Kurz vor den Kassen lichteten sich die Reihen und wir ordneten uns einer Kasse zu.

Plötzlich hörte man nur einen Ruf: „Hier wird noch ne Kasse offen!“
Dem folgte eine kurze Stille. Dann stürmten plötzlich einige Kunden nach links, ihre Wägen wild vor sich her schiebend. Auch wir rannten. Oder so was Ähnliches. Leider fuhr ich dabei einem Mann in die Hacken, doch auch im Krieg gab es Verletzte. Und das hier war Krieg.
Der Teil, der dann kam, verlief ruhig. Wir konnten stolz auf uns sein. Nun hatten wir also endlich einen Jokkmokk. Unseren Jokkmokk.

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5 Antworten

Kommentare

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    IKEA ist mir sowieso nicht geheuer, und jetzt weiß ich auch warum! ;-) Ich hab dieses Erlebnis einmal beim Aldi mitgemacht, es war ähnlich wie bie dir; mein Pa stand mit einem Einkaufswagen in Position, und ich hatte die ruhmreiche Aufgabe, sobald die Türen sich öffnen, reinzustürmen & eine Matratze zu sichern. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ganz gemächlich in dne Laden reinzuschlendern, allerdings hatte ich nicht mit dem Mob hinter mir gerechnet! Nun weiß ich auch, woher der Ausdruck "renn um dein Leben" kommt...und glaub mir, hätte ich dies nicht getan, wäre ich heute um 30 Einkaufswagenabdrücken in meinen Fersen reicher, wenn ich denn überhaupt noch am Leben wäre, und nicht eines grauenhaften Todes durch Überrollen gestorben wäre.
    Seitdem habe ich mit jedem Menschen Mitleid, der es wagt, sich in solche Situation zu begeben. ;)
    Ach ja, ausserdem ist IKEA eh gemeingefährlich:
    mal abgesehen vom Seelenwohl, was stark ins Wanken gerät, wenn man die achso glücklichen Pärchen und Co. sieht, birgt es die Gefahr, nie wieder hinauszufinden. Nachdem ich einmal mit dem neiven Gedanken ein bißchen zu bummeln, in die Fänge der Wegweisung durch die netten Pfeile am Boden in die Höhle des Löwen geraten war, und ich an Poäng oder Billy oder wie sie alle heissen nun schon zum 3. oder 18. Mal vorbeischlenderte, mit zunehmend hilfloserem Gesichtsausdruck, hatte ich nun die Wahl, mich kleinkind-like weinend auf den Boden zu setzen und auf Hilfe zu warten, oder mir eine Strategie zu überlegen. Die dann so aussah, dass ich mich einem älterem Ehepaar, welches mich mißtrauisch beäugte, an die Fersen heftete...
    Seitdem sieht man mich eigentlich eher selten in jener Location (ist eh Schrott und Einheitsbrei da, so!) ;-)

    27.11.2010, 17:19 von topfbluemchen
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    Herrlich! Ich weiß schon, warum ich IKEA an Samstagen meide. Und dann auch noch eine Sonderaktion! Armes Mädchen! ;)

    24.06.2008, 17:28 von Kwenda.Mzuri
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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