Deutschfluesterer 18.11.2011, 06:53 Uhr 0 4

Garantiert kein Dings - aber 20 Prozent mehr Bums

Die Art und Weise wie Produkte an den Verbraucher gelangen, ist oftmals recht eigentümlicher Natur...

Manchmal sind ein erstauntes Gesicht und ein regungsloser Zustand offenbar das Ziel des Herstellers, wenn man auf einer Verpackung liest, dass der gewünschte Inhalt tatsächlich drin ist. Sobald sich die Erstarrung, die übrigens auch den Herzschlag aussetzen lässt, aufhört, dreht man sich unwillkürlich um und sucht nach einer versteckten Kamera samt Mikrofon oder zumindest nach der verantwortlichen Person, die sich wahrscheinlich vor Lachen auf dem Boden krümmt.

Es ist zwar unglaublich, aber man liest z.B. auf Erdnusspackungen den Text „Mit echten Erdnüssen“ oder gerne auch „mit 100% Erdnuss“. Auf der Verpackung eines Stücks geruchloser Seife liest man derlei nicht, das beruhigt. Man liest es dort, wo man es kaum vermutet, auf den Packungen der Erdnüsse. Und nun schlägt das Verbraucherherz drei Stockwerke höher, denn die Erdnusspackungen enthalten tatsächlich Erdnüsse.

Nicht nur das Aroma und nicht nur den Geschmack, nein, richtige Arbeit für die Zähne in Form echter Erdnüsse. Und damit nicht genug, der Hersteller lässt sich nicht lumpen und schüttet glattweg 20% mehr rein, als der Kunde bezahlt. Natürlich nicht dauernd. Diese Aktion ist zeitlich begrenzt und wer in dieser Zeit nicht geboren wurde um mitzumachen, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt.

Wem der Sinn nicht nach Erdnüssen steht, greift evtl. bei den Waschmitteln zu. Auch in diesem Sortiment finden immer wieder Sonderbefüllungen statt, die dann zum gewohnten Preis ein neues zuhause erreichen.

Was in gewissen Tüten und Dosen nichts zu suchen hat, wird gnadenlos aufgelistet. Garantiert „ohne Geschmacksverstärker“ heißt es gerne. Das Reinheitsgebot sollte nicht nur für Bier gelten. „Keine Farbstoffe“ sind in anderen Produkten. Ein mindestens 3 mal 2 Meter großes Schild sollte man als Kunde tragen und drauf steht zu lesen „Nicht mit mir!“

Völlig überrascht wäre ein Tourist, der einen Flieger nach Portugal besteigt und in Beirut landet. Das nennt man dann nicht Mogelpackung, sondern Entführung.

Überfällig in allen Kategorien erscheint ein entsprechender Hinweis bei Frikadellen. Ein Hinweisschild „mit 100% Fleischanteil“ beseitigt so manchen Zweifel. Abwechselung ist besonders auf diesem Terrain gegeben, denn in der Folgewoche kann eine andere Aufschrift blutdrucksenkend wirken: „mit 100% Paniermehl“. Zugegeben, es könnte zu unerwünschten Reklamationen führen, denn „mit 100% alten Brötchen“ ist mancherorts besser Kirschen essen.

Was schreibt man an ein Toupet, an eine Prothese, an falsche Brüste? 100% Silikon? Botox oder KlitschKO? „Jute statt Plastik“ als General-Tipp? Hier würden die Präservativhersteller kein Humorverständnis zeigen. Bewährt hat sich z.B. Nachzählen an Ort und Stelle. Nicht nur das Wechselgeld, sondern auch die Anzahl der beigefügten Schrauben eines im Norden angesiedelten Möbelhauses, denn das weist immer wieder Defizite in diesem Segment vor.

Die Gutgläubigkeit und Treue, die latente Schwäche in der Mathematik und allein der damit verbundene Aufwand, eine einzige fehlende Schraube zu reklamieren, lassen dem Hersteller Bares für ca. ca. 847 Millionen Tonnen eingesparten Edelstahls auf dem Konto.

Nichts ist demnach sicher und nicht überall ist auch das drin, was außen drauf steht.

Die in der Literatur üblichen Bezeichnungen für Druckwerke wie z.B. ein Roman, ein Drama oder ein Gedichtsband, wiegen den Verbraucher dahingehend in Sicherheit, kein Kreuzworträtselheft gekauft zu haben. Bei einer Tafel Schokolade kann man nicht so auftrumpfen. Ist es Vollmilch, Magermilch, Buttermilch oder laktosesensible Milch, die für die Herstellung der Schokoladentafel verwendet wurde? Sind vielleicht besagte Erdnüsse mit von der Partie und aus welchem Land stammen sie? Steppe, Grasland, Ebene oder Südhang? Wo ging die Kakaobohne zur Schule? Wie klein muss die Schrift auf Verpackungen noch werden, um all diese wichtigen und unwichtigen, jedoch gesetzlich vorgeschriebenen Hinweise unterzubringen?

Festgestellt hat man auf jeden Fall, dass durch den Beschriftungswahn das Nettogewicht der Ware plus der Verpackung nicht mehr mit der vorgeschriebenen Angabe übereinstimmte. Als allererstes reagierten die Hersteller und reduzierten den Warenanteil entsprechend, so dass die aufgedruckte Gewichtsangabe wieder gesetzeskonform war.

Durch Weglassung und per Vorschrift deklarierte Verpackungsaufdrucke mit Hinweisen zu Sondergrößen mit Sonderzugaben zu Sonderpreisen, nahm das reine Verpackungsgewicht allerdings wieder zu und korrespondierte nicht mehr mit dem Gesamtgewicht. Um jeder üblen Nachrede, jeder Vermutung und jeder Messtoleranz potentiell entgegenzuwirken, gaben manche Hersteller von vorn herein 20% mehr Warenanteil dazu. Andere Hersteller zogen 20% Warenanteil ab. Das waren die, mit der latenten Schwäche in der Mathematik.

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