Die Wahl war eine Scheibe.
Zeitzeug.
Den jüngeren oder vergesslichen Lesern sei kurz erklärt: Die Wählscheibe war im letzten Jahrtausend ein wichtiger Bestandteil des Fernsprechers. Damals, als das Telefonieren noch nur am Schnürchen klappte, als man sich dafür noch hinsetzen musste oder mit dem Apparillo nur so weit laufen konnte, wie das Telefonkabel es zuließ. Zu vergleichen mit einem Reitschüler an der Longe oder einem Hund an der Leine.
Das war zu der Zeit, als man zum Anrufen noch nach Hause oder in die Zelle musste, als man nicht von überall jeden erreichen oder von jedem überall erreicht werden konnte. Nicht rangehen war salonfähig und manchmal von Vorteil, worauf ich jetzt aber nicht rumzureiten gedenke, denn ich bin die Letzte, die die Erfindung des mobilen Phones verteufeln möchte. Es geht mir rein um die Scheibe.
Das Bedienen jener hatte einfach etwas Sinnliches.
Haut man heut gefühllos auf die Tasten des Telefons oder tatscht den Screen, so steckte man seinerzeit behutsam den Finger ins Loch seiner Wahl und drehte die Scheibe langsam bis zum Anschlag, nahm den Finger aus dem Loch, lauschte dem leisen Surren der zurückschnellenden Scheibe, um seinen Finger daraufhin noch mal in die gleiche oder in eine andere runde Öffnung zu führen, um das eben Beschriebene zu wiederholen bis man mit der Nummer fertig war. Der Hektiker ließ seine Pfoten übrigens beim Zurückdrehen im Loch um dieses zu beschleunigen. Naja, Banausen gab es immer schon.
Als ich meine erste eigene Wohnung bezog, konnte ich zwischen Wählscheiben- und Tastentelefon wählen. Als hätte ich es damals schon geahnt, dass die Wählscheibe eine bedrohte Gattung darstellt, entschied ich mich unmodern gegen einen tastengesteuerten Apparat. Beim Umzug in meine zweite Wohnung stellte sich die Frage nicht mehr und die seinerzeit noch monopolierte Telekom ihren Kunden ausschließlich Telefongeräte mit Tastatur zur Verfügung. Ich erinnere mich gut, wie sehr ich den Tastbestand bedauerte.
Das Tastentelefon hing übrigens noch kabelmäßig an der Wand, war aber von sehr leichtem Material und flog daher ständig irgendwo runter oder mir hinterher. Das kannte ich von meinem Wählscheibenkameraden nicht, einem schweren Brummer in hellgrau, zahnsteinfarben abgesetzt. Die Wählscheibe war gelblich durchsichtig. Nicht schön, aber speziell und scheinbar als Sinnbild für Telekommunikation in uns genetisch vorprogrammiert. Kinder, die lange nach der Wählscheiben-Ära geboren wurden, erkennen ein damit bestücktes Gerät als Telefon.
Vermutlich existieren noch ein paar wenige überlebende Exemplare auf unserer Erde, die ohne natürliche Feinde in urgroßomalichen Dielen unerhört klingeln, bis sie nach dem Ableben ihrer tapferen Besitzer, von herzlosen Nachkommen brutal entsorgt werden.
Die Tasten haben gut lachen: Heutzutage gibt es Tastenschutz. Bei dem hätten sich die Wählscheiben sicher gerne eine Scheibe abgeschnitten. Die kannten nämlich keinen Schutz ...
Ich bin realistisch: die Wählscheibe ist nicht mehr zu retten, aber ich appelliere dafür, dass das Detail nicht in Vergessenheit gerät. Und wenn jemand bei seiner Oma im Flur ein solches Ding entdeckt, dann bitte ich darum, es würdig zu behandeln oder bei Unbedarf mir zu übermitteln.
Und kommt mir jetzt nicht mit irgendeinem albernen Wählscheiben-App."Wichtige Links zu diesem Text"
Das entspricht seinem Typ.






Kommentare
fein, hübsch.
23.12.2012, 19:30 von zehnmomenteIch habe herzhaft lachen müssen. DANKE
Ich habe noch so ein schönes Ding mit Wahlscheibe im Keller. Das klingelt noch!
Und ich erinerre mich auch noch an das Schloss, welches meine Mum draufsteckte, als wir noch den Minutentakt hatten. Schmusetelefonate waren ja immer zu lang
29.03.2012, 11:49 von jetsamDann muss man bei Dir also zum Klingeln in den Keller gehen?
Nur, wenn die anderen Leitungen durch die "neue Generation mit ihren Schmusetelefonaten" belegt sind.
Oder ich eine schnelle Bedienungsanleitung für die Waschmaschine brauche. Manchmal brauchen Männer einen heißen Draht zu der besseren Hälfte.
29.03.2012, 12:03 von jetsamHach... good old times... :)
28.03.2012, 23:06 von Mrs.McH"so steckte man seinerzeit behutsam den Finger ins Loch seiner Wahl und
28.03.2012, 22:12 von Danny0511drehte die Scheibe langsam bis zum Anschlag, nahm den Finger aus dem
Loch, lauschte dem leisen Surren der zurückschnellenden Scheibe, um
seinen Finger daraufhin noch mal in die gleiche oder in eine andere
runde Öffnung zu führen, um das eben Beschriebene zu wiederholen bis man
mit der Nummer fertig war."
Ein Lächeln, weils an Oma erinnert. Danke dafür!
Das war meine Jugend ...
28.03.2012, 22:18 von B.tinaEs war ein gutes Telefon, doch gegen runterfallen und tobende Enkel, war es nicht gewappnet.
28.03.2012, 22:22 von Danny0511Oh, ich habe noch so ein altes, schwarzes Telefon mit sinnlicher Fingerbedienung! Bild stell ich gleich mal auf mein Profil
02.12.2011, 12:30 von Sasaliich hätte große lust morgen zum flohmarkt zu gehen!
28.10.2011, 22:18 von RAZimhttp://www.iphone-fan.de/vorfreude-auf-den-appstore-wahlscheibentelefon/
22.06.2011, 07:48 von andreaskuhn@andreaskuhn Ich hinke wie immer hinterher und hab kein iPhone.
22.06.2011, 16:25 von B.tina@B.tina ...ich hab auch kein iPhone, das Teil nervt - und ja, mit ner Scheibe wöhlen ist viel schöner, ratter, ratter, ratter. ^^
28.06.2011, 11:47 von derHalbstarkeSuper Text, vor allem die beinah erotische Beschreibung des Wählvorgangs ;-)
21.06.2011, 20:56 von SonglineMmmmh ja, ein Telefon, hübsch anzuschauen, aber seien wir doch mal ehrlich, praktisch ist was anderes. Wie oft hat man, weil man es nicht abwarten konnte, die falsche Zahl gedreht, und musste den ganzen Rotz von vorne starten. Nix für ungeduldige Blümchen. Dennoch wie gesagt nett anzuschauen; die Dinger.
20.06.2011, 20:32 von topfbluemchenInteressant - nur dass die Hundeleine heute viel länger ist, als es das Telefonkabel wohl in den meisten Fällen war
20.06.2011, 19:13 von fenster