astra_la_vista 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Der Kampf gegen die Konsumhölle

Ich sitze am Wohnzimmertisch und schreibe. Einen Einkaufszettel. Ich wappne mich für den Besuch bei Toom...

Der Kühlschrank ist leer. Mist. Ich sage meinem Freund bescheid, dass wir einkaufen müssen, zu Penny oder Aldi oder Plus oder so.
Begrenzte Auswahl, keine grafisch ausgeklügelten Verpackungen, die einem den Himmel auf Erden versprechen, man bleibt sparsam, beschränkt sich aufs Wesentliche.

"Da gibts aber meine Lieblingspizza nicht!"

Nun haben wir ein Problem. Wie für die meisten Männer ist für meinen Freund Einkaufen eine rein technische funktionale Angelegenheit - Kühlschrank leer, vier Pizzen für die nächste Woche, vier Tetrapacks Eistee, Auftrag ausgeführt.

Das kann ich ihm nur zugute halten, denn ich verliere mich regelmäßig in einem Vollrausch, betrete ich einen Laden dessen Auswahl überqualifiziert mit dem Konsumenten flirtet.
Diese Reizüberflutung macht mich zu einem willenlosen Konsumjunkie, der jedem Produkt eine besondere Wichtigkeit zuschreibt. Meine Bewegungen automatisieren sich zu zwei Unterabläufen: 1. Produkt anvisieren und zupacken, 2. Ab in den Einkaufswagen.

Ich verliere den Überblick. Es ist zu vergleichen mit einem Kurzsichtigen der seine Brille verliert und sich nicht mehr orientieren kann.
Zuhause angekommen packe ich die zehn Plastiktüten aus [weil ich wieder einmal die Stoffbeutel vergessen habe] und frage mich in welchem Zusammenhang diese Vielzahl an Produkten mit meinem Essverhalten stehen.
Da wäre Soßenbinder, Flusskrebssuppenpaste, Dinkel zum Kochen, zehn verschiedene Nudelsorten, .... ?!
Wo ist die Milch die ich für meinen Kaffee brauche, der Salat den ich heute essen wollte, die Tütensuppen für faule Mittagessen..? Alles vergessen.

Ganz ehrlich, beim türkischen Gemüsehändler wäre das nicht passiert. Man riecht die Präsenz der Produkte, mein Kopfkino bietet mir verschiedene Zubereitungsvorschläge, ich kaufe was ich brauche und das mit gutem Gewissen.
Sogar Großeinkäufe bei Penny oder Aldi bereiten mir nicht solche Magenschmerzen, wie der Ausflug in solche Kommerzwüsten, die das Tier im Konsumenten hervorrufen.
Beim Verlassen dieser Märkte schäme ich mich vor mir selbst, weil diese Art von Einkäufen nur der Quantität dienen, die Qualität bleibt auf der Strecke.
Sei es die Qualität des Einkaufens an sich oder die der Produkte. Und wenn ich die Wahl habe zwischen einer gestressten Kassiererin, die nicht einmal ein "Hallo" für mich übrig hat, da sie den ganzen Tag stumpfsinnig Produkte übers Band ziehen muss, oder einem türkischen Kleinhändler der jedes seiner Produkte noch selbst ausgelegt hat und mich mit einem Lächeln empfängt und "Danke" sagt, dürfte die Entscheidung doch [eigentlich] klar sein, oder?

Jedenfalls fast, ich schreibe Einkaufszettel, um die Übersicht zu behalten, falls ich irgendetwas bei Aldi, Penny oder meinem Gemüsehändler nicht bekomme. Ausserdem unterstützt mein Freund mich mittlerweile - es ist auch in seinem Sinne, wenn ich nicht wie ein haltloser Zombie durch die Produktlandschaft wüte.

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