Lagback 18.04.2012, 23:42 Uhr 5 1

Der etwas andere Autoschlüssel.

Oder: warum man mir immer ansehen wird, dass ich keinen Porsche fahre

Mein VW-Bus hatte gerade die Radlager gestreckt, den Zahnriemen halb aufgefressen, eine kräftige Öl-Inkontinenz und den Unterboden dem Rost überlassen. Mein VW-Bus-Schamane sagte mir mit sorgenvoller Stimme, ich solle wegen der maroden Bremsen das Ding am besten gar nicht mehr bewegen. Todesurteil also.

VW-Busse sind eher eine Art geliebtes Haustier als ein Auto oder gar Fortbewegungsmittel im engeren Sinne. So sah man mir meinen Frust wohl etwas an. Jan, ein alter Freund von mir, der sich gerade auf seinen Urlaub freute, meinte, ich könne in den kommenden zwei Wochen etwas Aufmunterung brauchen, er sei ja eh unterwegs - und so lag da plötzlich der Schlüssel seines Porsches auf dem Tisch. Ein Boxster, silbergrau, natürlich mit elektrischem Faltdach, röhrendem Auspuff und was so ein Ding noch so alles hat. Der automobile feuchte Traum vieler Männer – obwohl ein Boxster ja eher als Mädchenporsche gilt.


Man muss Jan zugute halten, dass er, von einem halben Dutzend überwiegend liebenswürdiger Marotten abgesehen, eigentlich kein typischer Porschefahrer ist: er hat den Wagen von seiner Mutter geschenkt bekommen, für die es wegen ihres Rheumas zu beschwerlich wurde, sich aus den tiefen Ledersitzen wieder hochzuhieven.

Den Schlüssel für seinen Geländewagen legte Jan gleich noch daneben, denn ein Ikea-Einkauf stand ja auch noch an, da hatte er wirklich mitgedacht. So ein Freund ist das.

 

Kurz darauf flog Jan nach Spanien und ich hatte also diesen Hilfsboliden unter dem Hintern, Zündschlüssel bei Porsche immer links, das sei eine Tradition seit irgendeinem Rennen in LeMans, Verdeck entsichern und –bsssssssst – einfahren, verdammt, wo ist meine Sonnenbrille? Ich mag es, mit Klischees zu spielen.

Im Kieler Spätsommer merkte ich schnell, warum sich so viele Kabriofahrer dieses merkwürdige Fliegengitter hinter die Kopfstützen bauen – ganz schön windig. Der Wagen ist auch nicht für Sitzriesen geeignet, ein wenig krumm musste ich sitzen, um unter dem oberen Holm der Windschutzscheibe durch gucken zu können. Aber egal, teures Spielzeug fahren macht Spaß, da kommt es auf eine warme Jacke nicht an.

 

In den kommenden Tagen begann ich, das Wesen des Porschefahrers aus der Lenkradperspektive zu erkunden. Beispielsweise hatte ich das forsche, laute Anfahren, wie man es oft bei Sportwagen sieht, immer für Angeberei gehalten. Ist es meistens wohl auch.
Andererseits ist es ganz schön schwierig, so ein Ding leise anzufahren, denn die Kupplung ist tolerant wie ein Taliban. Wenn man also nicht sehr viel Feingefühl im linken Fuß hat, muss man also beim Anfahren rechts höher dosieren, der Motor bellt auf und man ist porschetypisch wider Willen.

Noch schlimmer ist es allerdings, mit offenem Verdeck so einen Wagen an der Ampel abzuwürgen – dabei wollte ich doch nur leise anfahren. Die unverhohlene Häme der umstehenden Passanten war unglaublich, im Reflex griff ich links nach dem Zündschlüssel, fand ihn dort nicht, weil: LeMans, guckte verwirrt und war nur froh, als ich endlich wegkam. Natürlich etwas lauter anfahrend. Ich wusste gar nicht, dass das Abwürgen an der Ampel so unglaublich peinlich sein kann.

 

Das Echo auf meinen neuen Untersatz war auch bei einer Freundin nicht sehr positiv, die es schaffte, mir auf der gesamten Strecke von Eppendorf bis in das alte Land zu erzählen, was für einen grässlich unbequemen, hässlichen, engen und lauten Potenzhobel ich da an Land gezogen hätte, das ginge ja wohl gar nicht, ich solle mir bloss nicht einfallen lassen, damit offen zu fahren, warum hätte ich nicht stattdessen den Geländewagen… und so weiter. Eindruck bei Frauen mit einem Porsche schinden? Kann ich nicht bestätigen.

Aber andererseits würde ich Frauen, die ihre Meinungsbildung von einem Auto abhängig machen, ohnehin nicht ernst nehmen können.

 

In Hamburg-Eppendorf abends einen legalen Parkplatz zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit und der Gedanke, dass ein frustrierter Radfahrer den Wagen mit einer Schramme verzieren könnte, trieb mich früh morgens wieder auf die Straße, ich wollte ja eh Brötchen holen. Wenn man in Eppendorf mit dem Porsche Brötchen holen fährt, ist das schon derbe klischeelastig und natürlich war der einzige Parkplatz der genau vor dem Bäcker.
Ein Mann hinter mir in der Schlange guckte die ganze Zeit abwechselnd mich, dann wieder das Auto, dann wieder mich ganz merkwürdig an. War es Neid oder das berechtigte Gefühl, dass ich irgendwie nicht zu diesem Auto passe?

Die Blicke, die man in einem solchen Wagen kassiert, waren mir überhaupt nicht angenehm, meist eine Mischung aus Neid, Bewunderung und Ablehnung: guck mal, ein reicher Schnösel. Wäre für mich ein Grund, so einen Wagen nicht wirklich fahren zu wollen, da wird man ja als rollende Klischeesülze taxiert. Weshalb manche Porschefahrer so etwas mögen, entgeht mir, aber es gibt ja viele seltsame Vorlieben, die ich nicht nachvollziehen kann. 

 

Nach dem Frühstück war ich bald wieder unterwegs  auf der Autobahn nach Norden, ich musste mir natürlich auch noch mal die Erfahrung gönnen, den Boxster einmal auszufahren. Offen natürlich, rechter Fuss auf Bodenblech – und das ist eben: leider geil.
Jedenfalls bis 180, dann wurde es richtig ungemütlich. Bei 220 musste ich meinen Selbstversuch abrupt abbrechen, weil der Wind so an meiner Brille zu rütteln begann, dass meine Sicht eingeschränkt wurde und ich mich hinter das Lenkrad kauern musste, um noch klar zu sehen.
Vollends zufrieden damit, in meinem bisher sportwagenfreien Leben nichts verpasst zu haben, ging ich vom Gas.

 

Komisch, dass manche Menschen für ein solches Auto und die Heizerei auf der Autobahn ihre Großmutter verkaufen würden. Es sei denn, man will die Großmutter um jeden Preis loswerden.
Der Wagen ist ja nett und elegant und all das – aber wenn man sich überlegt, was der Mehrspaß an Mehrkosten mit sich bringt, braucht man schon ein sehr entspanntes Verhältnis zu seinem Bankkonto, um so einen Wagen sorgenfrei zu fahren.


Und selbst dann würde ich nie verstehen können, wie man diese merkwürdigen Blicke der Passanten geniessen kann.

 

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5 Antworten

Kommentare

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    Och, das war recht kurzweilig zu lesen. Zu Neon hätte vielleicht noch gepasst, dass sich die Freundin dann wegen des Porsches von dir getrennt hätte...

    28.04.2012, 15:05 von justanotherpicture
    • 0

      Das blöde ist: Du bist mit dem Szenario verdammt nahe an die Realität gekommen...

      30.04.2012, 20:17 von Lagback
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    Cooler Text und cooles Auto, nur mal so nebenbei, auf einen Geländewagen IN DER STADT und auf der AUTOBAHN wird genauso blöd gemeckert und sicher mehr zu recht ;)

    Kleiner Tipp: Fahr mal Ferrari :D

    19.04.2012, 15:08 von EvilEvo
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    Andererseits ist es ganz schön schwierig, so ein Ding leise anzufahren, denn
    die Kupplung ist tolerant wie ein Taliban.

    Gnihiii*

    19.04.2012, 15:07 von Sommerschein
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    Porsche? Nik für Mik.

    Zum Text selber: Ich habe die ganze Zeit gewartet, dass noch irgendwas kommt. Da war aber nichts. Nur etwas amüsant war er.

    19.04.2012, 00:02 von Danny0511
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