dondada 16.07.2004, 18:15 Uhr 5 0

Cratedigging (an jedem verdammten Sonntag)

Sobald ich eine Kiste Platten sehe, geschehen seltsame Dinge mit mir.

Acht Uhr morgens. Ich weiß auch nicht, wie ich es schon wieder hingekriegt habe trotz des langen Abends gestern um diese Zeit auf den Beinen zu sein. Schon voher spüre ich die freudige Erregung, als mir die ersten Menschen mit Plastiktüten und alten Lampenschirmen in den Händen entgegenkommen. Ganz bewußt beschleunige ich meine Schritte, um schneller da zu sein, mir nichts entgehen zu lassen. Jetzt endlich liegt der Flohmarkt zu meinen Füßen, ein Gewirr von Buden, Ständen und Tapeziertischen, ein Geruch von Döner, Wurst und Dachbodenmuff. Ich atme einmal tief durch, bevor ich mich ins Getümmel stürze.
Für die nächsten Stunden werde ich nicht mehr imstande sein, etwas anderes zu sehen als schwarze Scheiben in quadratischen Papphüllen. Egal ob sauber gereiht in Curverboxen oder aufeinandergestapelt unter einem Wust von Weissbiergläsern und Kruzifixen, ich werde sie finden.
Mechanisch bewege ich mich durch die Korridore zwischen den Verkaufsständen, meine Augen scannen das Gewirr von vielfarbigen und -formigen Gegenständen. Ich bin ein Filter. Alles was nicht mit den eingestellten Suchkriterien übereinstimmt, rutscht gnadenlos durch. Einmal auf Vinylsuche gepolt, bin ich fähig, traumhafte Trainingsjacken, jubelauslösende Analogsynthesizer und langbegehrte Fotoapparate schlichtweg zu übersehen, nur weil sie nicht rund sind und ein Loch in der Mitte haben.
Ich gehe also zügig, strafe die Veröffentlichungen von Heinz G. Konsalik mit Nichtbeachtung, lasse den Herrn mit dem Operationsbesteck und den Zahnarztbohrern links liegen und auch das Dutzend weinender Harlekins in schwarz-weiss, gleich neben der Charlie Chaplin Tasse ist für mich Luft.
Da! Eine Kiste Platten, gut verborgen unter einem Tisch, obenauf Fisher-Price, Kinderschuhe und abstossende Gürtel mit Riesenschnallen. Nur eine Kiste bedeutet meist nichts Gutes, Leute mit Musikgeschmack haben mehr als nur fünfzig Platten.
Schauen muss man trotzdem. Das heisst auf die Knie und blättern. Es ist das was ich befürchtet habe: Rod Stewart, Supertramp und Nino de Angelo. Also weiter.
Habe einen Typen gesichtet mit Plattentasche. Typischer Styler. Skijacke, Sneakers, Vokuhila und so weiter. Das volle Programm. Der könnte gefährlich werden, es sei denn er ist mehr auf Indie. Muss beobachtet werden. Dort ein Stand, circa fünf Kisten, sieht trotzdem privat aus. Vorn in den Kisten John Mayall, Beatles und Boney M. Gehen könnte da schon was. Der Plattentaschenträger hat bereits Witterung aufgenommen und nimmt die erste Kiste in Angriff.
Jetzt heisst es schnell sein. Eine in langen Stunden des Plattenschaufelns und -wühlens antrainierte Routine wird in den Händen abgerufen. Die Finger blättern in rasender Geschwindigkeit durch die Cover, die in stumpfen Plastikhüllen stecken. Jedes ist nur für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen. Die Augen bleiben auf dies Daumenkino von Schriften, Logos und Fotografien geheftet, das in der Plastikbox vorbeiflimmert. Ich selbst bin wie nach Innen gestülpt in die Tiefen meines visuellen Gedächtnisses. Jedes Bildchen, jeder Name, der auf meiner Netzhaut landet, muss blitzschnell mit allen Plattencovern und allen Interpreten verglichen werden, die mir je bekannt waren. Extrembelastung und trotzdem das entspannendste, was ich mir vorstellen kann. Jetzt hat der Hornbrillenträger neben mir eine Scheibe gezogen. Ein banger Blick zur Seite: Könnte es eine rare Saba Pressung von Mark Murphy sein oder eine wunderschöne Leon Thomas LP auf Flying Dutchman? Mißgunst und Neid machen sich schon mal sprungbereit. Doch...zum Glück, er hält ein Kiss-Album in der Hand, mustert es interessiert von allen Seiten und legt es zu zwei raussortierten Stranglers Alben. Entwarnung.
Ich versinke wieder in meiner Kiste, die Bilder rasen weiter, immer wieder glaubt das Gedächtnis Übereinstimmungen zu finden und die Hand stockt kurz. Beim zweiten Blick stellt man fest, daß man Russ mit Hank Ballard verwechselt hat und schon geht's weiter quer durch Stile und Epochen. Rock und Rock und wieder Rock, da, eine Baden Powell, hab'ich schon ...weiter, Rock, Metallica, James Last - Sing mit 2, Kajagoogoo, The Ventures, ELO, Joan Armatrading, Hits mit Witz, Scorpions, Mandrill, Wishbone Ash ... Augenblick, zurück, das Herz stockt...Mandrill "Just Outside of Town"...zu schön um wahr zu sein...die feuchten Hände ziehen behutsam das schillernde Vinyl aus der Innenhülle. Kaum verkratzt, Original, U.S.Pressung in einem Cover aus dicker, fester Pappe. Jetzt bloß keine Luftsprünge machen und nicht blöde grinsen, denn der Typ hinterm Tapeziertisch sieht aus wie ein richtig harter Hund. Um die fünfzig, dick mit Vollbart und Hut. Also Pokerface aufsetzen, Mandrill mit einer Genesisplatte zudecken und ganz beiläufig fragen: "Was kosten denn die Platten so?"
Wenn er jetzt sowas sagt, wie: "Kommt ganz drauf an welche du nimmst.", kann man's vergessen. Dann hat er Ahnung, erzählt einem was von "Schönes Stück" und "Total selten" und "Hab'ich bei Ebay schon für ___________(setze astronomische Summe ein)weggehen sehen". Ich stelle also die Frage, desinteressiert, nebenher gedankenverloren blätternd. Bange Zehntelsekunden vergehen. Dann kommt er, ganz gemütlich mit Baritonstimme: "Zwei Euro das Stück, wennde mehr nimmst wird's billiger."
Jetzt möchte ich ihn am liebsten umarmen aber die Höflichkeit gebietet Mäßigung, schließlich will man den Leuten nicht auf die Nase binden, was ihnen an Kohle entgeht. Ich bezahle brav meine zwei Euro und wünsche dem Typen mit der Skijacke noch einen schönen Tag. Er schaut auf, erst irritiert, dann lächelt er und ich lächle zurück. "Viel Erfolg noch!"
Es wird langsam warm, mein Gang wird federnder und die Augen nehmen wieder etwas vom bunten Chaos um mich herum war. Später werde ich dann noch eine Salatschleuder kaufen, eine Partylichterkette und ein türkises T-Shirt mit Neonaufdruck "Breaking the Limits".
Zuhause falle ich in einen todesähnlichen Schlaf, noch ehe die Plattennadel bei Mandrills "Fat City Strut" angekommen ist. Bis zum Einbruch der Dunkelheit dreht sie sich in der Auslaufrille und begleitet meine Träume mit 33 1/3 Knacksern pro Minute. Als ich erwache, Gesicht auf dem Plattencover, desorientiert, Druckstellen meiner Hornbrille auf der Nase, nehme ich mir vor, nächsten Sonntag auszuschlafen. Falls nichts dazwischen kommt."Wichtige Links zu diesem Text"
gnosis2000.net/reviews/ mandrillpics.htm

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ja, diese schlimmen Flohmarkt Sonntage!
    Wobei ich leider die schönen Trainingsjacken nicht wegfiltern kann und doch meistens mein Geld für sowas raushaue...
    Aber wofür hat man Familie mit gutem Musikgeschmack und unerschöpflichen Plattenvorräten!

    Dir weiter viel Erfolg beim Suchen und Finden!

    17.03.2006, 18:57 von Mierze123
    • Kommentar schreiben
  • 0

    tipp: checkt http://kuchenplatte.de - da rollt Frau Soul mit Herrn Funk vorbei. ist ausserdem wesentlich netter, als die meisten Plattenbörsen.

    Allerdings weiss dort jeder um den Wert des schwarzen Goldes...

    13.03.2006, 13:51 von kleinski
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    yes...

    still diggin in the crates..

    09.03.2006, 15:57 von Supreme-NTM
    • 0

      @Supreme-NTM Jau, daily digging deeper. For the love of staubfingas.

      Du bist also noch einer der wenigen hier mit Hip Hop - Background unter all den Indie-Gitarreros.
      Mucho gusto conocerte.

      Särvas und Salaam.

      10.03.2006, 15:49 von dondada
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich gehe zwar nicht auf Flohmärkten Platten kaufen, aber das durchsuchen von Plattenkisten ist mir zu gut bekannt. Schön beschrieben wie das vor sich geht. Ich glaube normale Menschen müssen Nerds wie uns für total verrückt halt bei der Geschwindigkeit mit der wir Cover für Cover umklappen.

    02.01.2005, 23:47 von cherrystar
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare