Wie mir der Kopf gewaschen wurde
und ich feststellen musste, dass ich doch ein bisschen eitel bin
Meine Wahrnehmung ist sehr selektiv, gnadenlos wird alles gefiltert und übrig bleibt meist nicht viel. Und auch der Friseurladen direkt vor meiner Haustüre wäre mir wahrscheinlich nie aufgefallen, obwohl ich jeden Tag daran vorbeilaufe, wenn er nicht immer leer gewesen wäre, nie sah ich einen Kunden, gelangweilt standen die beiden Friseurinnen rum oder fegten den Boden, auf dem gar keine Haare lagen.
Ganz früher hat meine Mutter uns die Haare geschnitten. Reihum hüpften wir alle unter die Dusche und setzten uns dann in unseren Bademänteln auf einen Küchenstuhl im Bad. Einmal hat meine Mutter meinem Vater ins Ohr geschnitten. Versehentlich, sagte sie. Absichtlich, sagte mein Vater und lachte. Zum Friseur gehen, das war so was wie Urlaub, ein Mysterium, in anderen Familien ganz selbstverständlich, bei uns nicht. Später dann haben mir Freunde die Haare geschnitten, zuletzt mein Mitbewohner. Es gab also nie einen Grund zum Friseur zu gehen.
Aber die beiden sahen so traurig aus. Also überlegte ich. Ich erinnerte mich, dass es Menschen gab, die von einem Friseurtermin sprachen. Ich musste also einen Termin machen. Anrufen oder einfach reinmarschieren? Anrufen ist eigentlich Unsinn, schließlich wohne ich direkt daneben. Und was sagte man da? Ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen? Aber das ist doch klar, warum sollte man sonst zum Friseur gehen. Und muss ich überhaupt einen Termin machen, wenn sowieso keine Kunden da sind? Ein paar Wochen lief ich immer an dem Laden vorbei und fragte mich, wie ich das anstellen sollte. Gerade als ich schon aufgeben wollte, entschloss ich mich, doch einfach mal reinzugehen und zu gucken was passiert.
“Hallo,” sagte ich.
“Hallo,” sagten die beiden und sie sahen nicht nur traurig aus, sie klangen auch traurig.
Einen kurzen Moment stand ich unschlüssig da, ich hatte gehofft, dass sie etwas sagen würden, das meinen nächsten Satz ganz einfach machen würde, vielleicht eine Frage, die ich einfach mit Ja beantworten könnte. Aber sie blickten mich einfach an wie ein Wesen von einem fremden Stern.
Also sagte ich: “Ich würde mir gerne die Haare schneiden lassen.” Und weil das tatsächlich sehr blöd klang, sagte ich noch: “Und tönen.”
“Dann setz dich mal.” Kein Termin? dachte ich und war etwas aus dem Konzept, setzte mich aber gehorsam. Die ältere der beiden begann an meine Haaren zu zupfen, fragte mich welches Shampoo ich benutze und als ich darauf nicht antworten konnte, zog sie missbilligend die fein gezupften Augenbrauen in die Höhe. Sie sagte, dass meine Haare sehr sensibel seien und meine Haarstruktur sehr angegriffen und ich sehr aufpassen müsse. Welche Haarfarbe ich mir so vorstelle. Ich war überfragt. Rot vielleicht, sagte ich. Rot! Nein, das geht nicht, mein Teint ist nämlich sehr heikel, erfuhr ich, niemals mehr als zwei Nuancen heller oder dunkler als meine Naturhaarfarbe. Um elegant mein Unwissen zu verbergen, entschied ich mich, ihr bei der Farbwahl freie Hand zu lassen. Ebenso beim Schnitt. Denn da konnte ich auch nichts genaues sagen. Kürzer halt.
Die beiden legten los. Mischten verschiedene Haarfarben und trugen sie auf. Währenddessen fiel mir ein, dass man beim Friseur ja plaudern muss, das hatte ich mal gehört. Nur was? Das hatte ich zuvor gar nicht bedacht. Also erzählte ich, dass ich auf eine Hochzeit eingeladen war. Hochzeit! sagte sie. Heirate bloß nie. Dreimal war sie schon verheiratet, erfuhr ich. Der erste hatte sie verprügelt und vergewaltigt. Der zweite wollte nach der Wende nicht in den Westen und der dritte war Alkoholiker, wie sich nach dreizehn Jahren Beziehung und einem Ehejahr herausstellte. In der Ehe zeigen Männer ihr wahres Gesicht, lernte ich. Niemals heiraten. Und so redete sie weiter. Der Laden läuft nicht gut, niemand kommt, dabei war es doch ihr Traum, ein eigener Laden. Und letzten Dienstag Wasserschaden, den ganzen Tag hat sie nur geheult. Wenn sie Pech hat, müssen alle Wände raus. Nicht so einfach mit der Selbstständigkeit. Bloß nie selbstständig, lernte ich auch.
Dann kam ich unter eine Haube und ich schlug die Beine übereinander, rauchte eine Zigarette, las Vogue und fühlte mich wie eine richtige Dame. Nach zwanzig Minuten dann die Haarwäsche, schon allein deshalb hatte sich die Überwindung gelohnt. Und dann: Fransen hier, schräges Pony da, punktiert und gestuft. Strähne um Strähne fiel zu Boden. Fertig. Fönen kannst du selber? Ja, klar.
Von wegen. Nicht einmal fönen kann ich richtig. Ein Wunder eigentlich, dass mir nicht schon alle Haare ausgefallen sind, so stiefmütterlich wie ich sie bisher behandelt habe. Aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Bevor ich erleichtert aufatmen konnte, stellte sie mir eine Reihe Tübchen auf den Tisch. Das ist das Shampoo, extra für getöntes Haar, um die Farbpigmente zu erhalten, eine mandelgroße Menge auftragen, einmassieren, mit einem groben Kamm durchkämmen, auswaschen und noch einmal von vorne, dann Conditioner, bonbongroße Menge auftragen, einwirken lassen, ausspülen und danach für den Glanz ein Wunderspezialzeug, nach jeder zweiten Haarwäsche einen erbsengroße Menge im Haar verteilen. Wenn ich das regelmäßig machen würde, gäbe es noch Hoffnung für meine ruinierte Haarstruktur, sagte sie mit ernster Miene und ich fühlte mich nicht mehr wie ein Kunde, sondern wie ein Patient und fragte mich, wie ich nur all die Jahre meinen Haaren so wenig Beachtung schenken konnte.
Sorgfältig notierte sie alles auf eine Karteikarte, Farbe, Schnitt und Produkte, für das nächste Mal. Drei Stunden später stand ich wieder auf der Straße, arm wie eine Kirchenmaus, aber ich fühlte mich dafür wie ein neuer Mensch und stolzierte hocherhobenen Hauptes extra dreimal die Straße auf und ab und bildete mir ein, dass sich alle Männer nach mir umdrehten.






Kommentare
hihi, der gefällt mir sehr, der Text! (=
24.01.2010, 19:45 von Tiger.EnteEin netter Text, ein kleiner Angriff aufs Zwerchfell.
05.06.2009, 13:55 von CyroGibt es den Friseurladen denn heute, 2 Jahre später noch ? Und war es Dir wirklich 3 Stunden Zeit und viel Geld wert ?
Vielleicht entspreche ich damt dem Männerklischee .. .aber ich bin glücklich wenn ich in 15 Minuten beim Friseur fertig bin, der Preis moderat ist und niemand mir versucht irgendwelchen Schnickschnack zu verkaufen. Gespräche während dieser 10 - 15 Minuten gibts nur wenn ich dazu in Laune bin, ansonsten bin ich einfach ruhig oder gebe nur knappe, aber höfliche Antworten.
Wie auch immer, es hat spass gemacht idesen Text zu lesen :)
riesig!
29.05.2009, 21:32 von muhsedtgeht mir auch immer so. dreimal oder viermal die straße lang
GENiAL!
27.03.2009, 11:17 von sophi.sticatedmhh, ich hab mich aber auch wirklich nur nach den teuren friseurbesuchen so toll gefühlt wie du, der kommentar meines vaters war immer nur "bist du nicht drangekommen oder was ?!".
05.01.2009, 23:58 von Miekeherzdie letzten male war ich immer in sonnem billigladen für 18 euro, wobei mir die friseurin noch ne spülung andrehen wollte, die extra noch 3 euro mehr gekostet hätte (davon kann man sich ja ne ganze packung holen -.-*), und dann war die gute richtig eingeschnappt als ich das nicht wollte... ist schon schwer das ganz ^^
HERRLICH. :DD
01.12.2008, 20:39 von Fratellis_Babywie süß^^
17.11.2008, 19:15 von feinwegdie fragerei ist voll schlimm.. "wie hättest du es den gern...?" - "ähm... na anders." - "kürzer?" - "ja?" - "na, musstd du doch wissen...?" - "na, so kurz ungefähr?" -"soll ich einfach erstmal anfangen." -"bitte" ....ächz....
wörterbücher beim termin wären klasse. :)
und so recht hast du! =D
07.11.2008, 15:38 von Mr.Butcherdu hast aus der eigentlich langweiligen Story ein spannendes Literatur Intermezzo gemacht das mir aus der Seele spricht. :D und humor hat =)
schreib mal ein Buch.
Ich werde es kaufen ;)
interessanter text.
27.10.2008, 22:37 von 7quadratich war letztens auch beim frisör, wollte dunklere haare, aber der frisör hätte es fast geschafft mich blond zu machen.
toll! :-)
23.07.2008, 18:40 von romanaund schön geschrieben!