schimmern 02.07.2010, 17:09 Uhr 75 33

Salon Nadia, du Arschloch.

Ich habe ab jetzt Vorurteile.


Als ich heute Morgen in den Spiegel blickte, sah ich aus, als könnte ich mich durchaus auch selbst zur Welt gebracht haben. Ich zähle mich grade mal zu den Mittzwanzigern, frisurenmäßig könnte sich aber das ein oder andere Muttchen noch ein paar Tricks zu möglichst langweiligem Haarstyling abgucken. Meine Haare sind püselig und trocken, an den Seiten habe ich unmotivierte Locken, der Pony ist viel zu dick, die Farbe ist schlichtweg beschissen, und die Länge ist auch nirgendwo die Gleiche. Ich sehe einfach ätzend aus.
Weil ich grade im allerschönsten Stadtstaat Deutschlands gastiere, und den ostfriesischen Kleinstadtfrisören auf Grund vorangegangener Frisurenunfälle nicht mehr traue, bin ich guten Willens mir endlich eine altersgemäße Großstadtfrisur verpassen zu lassen.

Die Sonne scheint, es ist heiß, und ich bin außerordentlich frohen Mutes. Aber auch knapp bei Kasse. Weil ich mich als eine ziemlich vorurteilsfreie Person begreife, und nur sehr selten, und dann auch nur beim Essen, niemals aber bei Dienstleistungen denke "Was nichts kostet, ist auch nichts" laufe ich durchs Viertel, auf der Suche nach dem billigsten Frisör.
Fündig werde ich im "Salon Nadia", der Haarschnitte ab sieben Euro anbietet. Ich werde natürlich kein bisschen stutzig, das sich außer Nadias Kollegin, mit der sie sich lautstark in einer mir völlig unbekannten Sprache unterhält, niemand sonst in dem "Salon" befindet.
Ich gehe an den Tresen und die beiden Frauen schauen mich, offenbar verärgert darüber das ich ihr Gespräch unterbreche, mit zusammengekniffenen Augen an.
Ich deute mit meinen beiden Zeigefingern auf mein Haupt, und sage, dass ich ganz dringend eine neue Frisur brauche.
Die augenscheinliche Chefin des Ladens seufzt, ist dann aber doch bereit, mir die Haare zu schneiden.

Ich wundere mich kurz darüber, dass Nadia, so nenne ich sie einfach im Geiste, eine ziemlich rausgewachsene Blondierung auf rausgewachsener Dauerwelle trägt, aber verschwende immer noch keinen Gedanken daran, die Beine in die Hand zu nehmen, und schleunigst das Weite zu suchen.

Stattdessen bin ich ein bisschen aufgeregt, und auch sehr gespannt auf das Ergebnis.
Nadia fragt "Wie wollen?", und ich stammle irgendwas von "Hinten kürzer, Pony dünner, Spliss rausschneiden", und sie macht sich ans Werk.
Mit etwas, dass eher an eine Bastelschere als an professionelles Haarschneidegerät erinnert. Aber ich bin mir immer noch sicher, das Nadia was kann.
Sie fängt an, schneidet einfach munter drauflos, ohne vorher zu kämmen oder zu scheiteln.
Ich denke "Freestyle" und hoffe, dass alles gut geht.
Während Nadia an meinen Haaren rupft (das tut sie wirklich, sehr schmerzhaft) unterhält sie sich weiter ziemlich angeregt mit ihrer Kollegin, die mit weit offenem Mund auf dem Stuhl neben mir sitzt und sich schminkt.

Im Spiegel schaue ich mir den Laden an, also das, was hinter mir ist. Die Plakate wirken schon etwas?veraltet, und mit den Fotografien von selbstgemachten Hochsteckfrisuren würde ich nicht unbedingt Werbung machen. Aber was soll's, ich gehe immer noch davon aus, in guten Händen zu sein.
Nach zehn Minuten eifrigen Schneidens, das mit wirklich viel Gereiße und Gezupfe an meinen Haaren einhergeht, sieht das, was ich bisher erkennen kann, nur bedingt nach einer tragbaren Frisur aus. Ich frage Nadia, ob das so bleibt. Sie fragt "Nicht gefallen??? "und ich antworte "Äh. Irgendwie...also, nee. Nicht so."
Sie atmet laut aus und schneidet weiter. Diesmal nimmt sie eine Art Messer zu Hilfe. Das tut so weh, dass ich sage "Ach, lassen Sie das mal so. Wenn man es föhnt, wird es schon gut aussehen!", und gehe in Gedanken schon mal die nächstliegenden Geschäfte für Kopfbedeckungen durch.
Nadia geht dazu über, mich zu frisieren. So, wie man ihrer Meinung nach als Frau auszusehen hat. Da wird toupiert und gesprüht, geföhnt und über Bürsten gerollt, und als sie endlich von mir ablässt und ich das volle Ausmaß der Katastrophe sehen kann, fange ich an zu weinen.

Das ist mir wirklich peinlich. Aber in großen, dicken Tropfen kullern mir die Krokodilstränen vom Kinn.
Nadia ist erschüttert. Er-schütt-ert! Sie radebrecht auf Deutsch, dass bisher immer alle total zufrieden waren, dass die Stammkunden auf sie schwören, und das ihr sowas ja wohl noch nie untergekommen ist. Sie hat sich so viel Mühe gegeben!
Was mich aus dem Spiegel beglotzt, hat mit meiner Person nichts mehr zu tun.
Ich sehe trutschig aus, um Jahrzehnte gealtert. Mein Gesicht aufgequollen und mit einer Mischung aus Schweiß und Tränen benetzt. (Es sind 35 Grad im Schatten!)
Das erniedrigendste ist aber, dass Nadia versucht, mir die abgeschnittenen Haarstoppeln aus dem Genick und vom Hals zu bürsten, was aber nicht funktioniert, weil ich schwitze wie ein Schwein.

Zusammenfassend ähnele ich in dem Augenblick Camilla Parker Bowles auf Crack, mit einem stark behaarten Hals und zum Regenschirm gebogenen Pony.
"Da gehen waschen!" patzt Nadia mich an, und deutet auf ein Waschbecken. Ich versuche, so gut es eben geht, die hartnäckigen Stoppeln abzuspülen, scheitere aber kläglich. Das Wasser spritzt in alle Richtungen, weil ich so hektisch versuche, Nadias Wunsch nachzukommen. Alles ist nass, haarstoppelloser bin ich nicht.
Ich bezahle schließlich die verlangten 21 Euro (!), Nadia findet, dass Styling und Föhnen so viel extra zu kosten haben. Ich hinterfrage das nicht weiter, ich will nur noch hier raus.
Mit beiden Händen um meinen Kopf gelegt, und mit klitschnassem T-Shirt verlasse ich den Salon.

Einigermaßen verzweifelt stehe ich auf dem Bürgersteig. So kann ich unmöglich zu meiner besten Freundin zurück gehen. Sie ist Frisurenkatastrophen von mir gewohnt, aber so schlimm, so unfassbar grässlich habe ich nicht mal nach meinem Dauerwellenunfall ausgesehen.
Dieser Kritik an der Wahl meines Salons und natürlich an der Frisur kann ich mich jetzt unmöglich aussetzen.
Ich rauche eine Beruhigungszigarette und sehe mich um. Ein Stück weiter die Straße runter ist noch ein Frisör. Der ist bummvoll. Und auch günstig.

Ich trete ein.
Und die Menge schweigt.
Dann ruft jemand "Dieeeeeeego!!! Ein NOTfall!", und herangerauscht kommt ein indianisch anmutender Mann, mit schwarzem Wallehaar und offenem Hemd.
Er schnalzt mit der Zunge, reicht mir ein Taschentuch und sagt: "Salon Nadia?!"
Ich nicke stumm und erröte.
"Die beschert mir jede Woche zwei bis drei solcher... Verbrechen."

Ich komme sofort dran, die anderen Kunden schauen mitleidig in meine Richtung. Ich kann wirklich nicht aufhören zu heulen, und bin mir sicher, bei dieser Schweinehitze zum Tragen von großen Wollmützen verdammt zu sein. Diego macht sich ans Werk, und ich erzähle ihm, dass ich eigentlich nur ein bisschen altersgemäßer aussehen wollte. Ich veranstalte unter anderem Punkkonzerte, da mag ich nicht so gerne mit meiner Tante verwechselt werden.
Er sagt, dass ich ihm vertrauen soll, er wird mich schon retten, korrigiert im Laufe seines Tuns sein Versprechen aber von "Ich mach dir nen Frisurenhit!" auf "Es wird auf jeden Fall etwas besser."

Nadia hat mir eine so unfassbar schreckliche Grundfrisur verpasst, dass es zwischen ganz kurz abschneiden und Extensions eigentlich keinen Mittelweg mehr gibt.
Als Diego fertig ist, schlägt er mir vor, die Haare zu Hause zu färben, weil eine dunklere Farbe auch einiges kaschiert. "Sorry, Liebes. Ich kann auch keine Wunder vollbringen. Aber jetzt im Sommer, da wachsen die Haare auch schnell wieder nach!"
So ganz überzeugt bin ich nicht. Die Leute auf der Straße werden sich schon nicht nach mir umsehen, aber das was ich mir vorgestellt hatte, hat mit dem was ich nun auf dem Kopf spazieren trage, nichts zu tun. Ich zahle nur 15 Euro für immerhin noch Haare da, und kaufe mir auf dem Weg nach Hause eine rote Haarfärbung.
Jetzt sehe ich aus, als trüge ich eine stark gebrauchte Dominaperücke, und bin mir ziemlich sicher, dass ich im Verlauf des Wochenendes noch gefragt werde, was ein Mal Haue bei mir kostet.
Als ich nach Hause kam, sagt meine beste Freundin übrigens:
"Na, dat is Punk, mien Jung!", was soviel bedeutet wie:
"Es wird schon wieder werden."

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75 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Genau die Erfahrung hab ich auch gemacht... Nur in Köln eben... Schlimm sowas, da will man am liebsten die Schere nehmen und selber machen, weil schlimmer kanns auch nicht mehr werden :)

    20.08.2012, 11:57 von Lia89
    • 0

      Schön dass Du diesen Artikel noch mal in Erinnerung gerufen hast, ich habe mich damals schon amüsiert, und heute musste ich wirklich laut lachen. Bei manchen Artikeln lohnt es sich wirklich sie nach einiger
      Zeit noch mal zu lesen.

      Irgendwie bin ich froh in meinem 45jährigen
      Leben nur 1 mal meinen Friseur gewechselt zu haben, als der Alte in Rente ging. Es gibt keinerlei  Klagen meinerseits.

      20.08.2012, 12:53 von Cyro
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  • 0

    Sehr, sehr super! :D Der letzte Absatz hat mich tatsächlich zum Lachen gebracht - und ich lache selten bei Texten.

    23.09.2011, 01:21 von katroh
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  • 0

    gelesen und gelacht :-)

    15.12.2010, 11:07 von Traumversinken
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  • 0

    das war eher ironisch gemeint von ihr. ich hoffe ja auch bis heute, dass nadia die frisur eher ironisch gemeint hat.
    eine frisuren-persiflage, quasi. :D

    27.11.2010, 00:18 von schimmern
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  • 0

    Richtig guter Text!
    Musste oft lachen, weils mich an meine letzten Friseurerlebnisse erinnert... Da kam ich dann mit Naturmittelscheitel, Locken inklusive lockigem Pony raus... -.-

    Aber:
    "Na, dat is Punk, mien Jung!"
    hört sich eigentlich so an, als wärs der totale Frisurenhit geworden!? :D



    27.11.2010, 00:09 von MsKatorza
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  • 0

    :-DD

    08.11.2010, 22:59 von Kokomiko
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Will alles, zahle nix.

    Den Rest erledigt das Leben.



    Schön anschaulich in dieser Geschichte erzählt.

    11.07.2010, 12:08 von frl_smilla
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  • 0

    sehr amüsant geschrieben........und um einige erfahrungen reicher! späer wirst du drüber lachen können.war bei mir auch so :o)

    10.07.2010, 17:30 von Flacky
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  • 0

    sooo schön gelacht ...

    10.07.2010, 00:14 von peterpanka
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