Platonovolution
Über das Wesen der Wesen Herr Kraus und noch einiges mehr.
Just in diesem Augenblick, einer unbedeutenden Minute am Novembernachmittag des vierten Donnerstags dieses Monats, geschah etwas Unerwartetes. Nicht etwa, dass es irgendjemanden in Erstaunen versetzt hätte, sicher am wenigsten den verehrten Leser, der sich bestimmt mit allerhand Unerwartbarem und Kuriosem auskennen wird, auch alle in diesem Text anzutreffenden Wesen ließen sich wenig anmerken oder frönten ihrem ehrlichen Desinteresse gegenüber dem Unerhörten, was gerade eintrat. Es mag den erfahrenen Leser wenig überraschen, wenn er nun lesen muss, dass der Ausdruck 'Wesen' an dieser Stelle nicht ganz richtig ist, aber doch im Wesentlichen zutrifft. Grund für diese uninteressante kleine Paradoxie ist im Wesen des Begriffes 'Wesen' zu suchen, welcher doch augenscheinlich sowohl im Singular als auch im Plural dieselbe Form hat. Dabei bezeichnet er nicht nur individuelle Existenzen sondern auch übergeordnet eine Idealvorstellung einer bestimmten Existenzform und erfüllt damit ganz im Sinne einer platonischen Idee beide Anforderungen: die theoretische, ideale Vorstellung einer Existenz und gleichzeitig ihre reale 'Abbildung', welche zwar der Idee nacheifert, aber durch seine reale Existenz ihre Vollkommenheit nie erreichen kann. Eine Konsequenz dieser Unvollkommenheit ist die prinzipielle Ungleichheit der real abgebildeten Ideen und damit kurioserweise ihre Einzigartigkeit. Der informierte Leser mag nun in sich hineinkichern bei dem Gedanken an eine fehlerhafte Abbildung einer strahlenden Idee, die zwar aufgrund ihrer Mangelhaftigkeit einzigartig ist, aber deren Streben paradoxerweise nur daraus zu bestehen scheint, ebenjene Einzigartigkeit abzustreifen und durch Ausmerzung aller Abweichungen von der übergeordneten Idee selbst zur Idee zu werden und damit die eigene Daseinsberechtigung zu verlieren. Paradoxien scheinen ein Fable unseres hochverehrten Weltenerschaffers zu sein und er wird an dieser Stelle eventuell ebenso nasal kichern wie der gebildete Leser. Doch bevor sich die ersten Leser oder Götter an dieser Stelle abwenden, zurück zu der Geschichte.
Schwierig ist eben nun zu beschreiben, welche Wesen sich so überhaupt nicht für das Unglaubliche, was sich gerade ereignete, zu interessieren schienen. Es waren tatsächlich viele, sehr viele um genau zu sein, womit der Plural irgendwie gerechtfertigt zu sein scheint, und sie saßen alle an kleinen Tischen, streng vornüber gebeugt und beäugten einen kleinen Knopf, der in den Tisch eingelassen war. Alle Wesen waren mit einem Hut ausgestattet, genauer einem Homburg, der anscheinend durch verlängerten Aufenthalt in berauchten Räumen seine ehemals graue Farbe zu einem schmierig melierten Gelb gewechselt hatte. Zu diesem Prachtstück gesellte sich ein grob kariertes Sakko, welches – ebenso aus Filz bestehend – die Farben blau und rot zur zweifelhaften Geltung brachte. Da sich die gebeugten Rücken der Wesen nach einem bestimmten Muster langsam auf und nieder bewegten, sah die Menge aus wie ein organisches, atmendes Schachbrett in blau und rot, welches von gelben Punkten durchsetzt war. Zu Sakko und Homburg gesellten sich ein rosa Flanellhemd, grobe, beige Cordhosen, braune, leicht abgewetzte Blücherschuhe und eine rote Fliege, die den rosa Kragen eng an den faltigen Hals des Wesens schnürte und im Versuchsansatz, das flanellene Rosa zu komplementären, schier erstickte. Gestatten: Die Wesen Herr Kraus.
Die Wesen Herr Kraus saßen – wie schon erwähnt – jedes an seinem winzigen Tisch und wogen ihre gekrümmten Rücken zu einer unhörbaren Melodie. Dabei ließen sie den kleinen, in den Tisch eingelassenen Knopf nicht aus den Augen, jede Sekunde stierten sie beinahe gierig darauf, um dann plötzlich und auf den kleinsten Moment gleichzeitig, mit geballter Kraft einmal auf den Knopf einzuschlagen.
Nun – fast gleichzeitig. Oder besser: Fast alle schlugen den Knopf zur gleichen Zeit ein. Wenn der verehrte Leser etwas früher begonnen hätte zu lesen, wären ihm einige Minuten mehr beschert geblieben, in denen er das Treiben der Wesen Herr Kraus beliebig genau hätte studieren können. Dabei wäre ihm aufgefallen, dass die Wesen Herr Kraus diese Tätigkeit, der sie hier so hingebungsvoll nachzukommen schienen, einhellig 'Arbeit' nannten. Jedenfalls – fast alle. Denn ebenso wäre dem scharf beobachtenden Leser aufgefallen, dass nicht nur bei der Bezeichnung ihrer Tätigkeit, sondern auch bei der zeitlichen Präzision des Drückens des Knopfes Abweichungen zu beobachten waren. Und wenn der geneigte Leser seine Beobachtungen noch ein wenig intensivierte, stellte er fest, dass es sich mit allen Parametern des Wesens Kraus bei seinen Abbildungen so verhielt: Sie wichen ab. Genauer: Jedes Wesen Kraus wich in einem entscheidenden Parameter ab. Das eine schlug nicht auf, sondern neben den Knopf, ein anderes hatte seinen Hut vergessen aufzusetzen, ein weiteres saß falsch herum an seinem Tischchen. Die Menge der Wesen Kraus definierte sich also aus der Anzahl der denkbar möglichen Abweichungen von Parametern oder – und hier weiß ich, dass der erfahrene Leser sich dies sicher schon gedacht haben wird – vor allem über die Anzahl der eben vom erlauchten Leser erdachten Anzahl von Abweichungen und er wird nicht erstaunt sein, die Anzahl der Wesen Kraus an ihren Tischchen, Knöpfe schlagend und Hüte tragend, bei jeder Erweiterung der Vorstellung der Abweichungen von Parametern wachsen zu sehen, den Raum sich bis zum Horizont erweitern und mehrdimensionale Züge annehmen zu sehen, nur um ihn mit der schieren Anzahl an abweichenden Wesen Herr Kraus füllen zu können. Wenn der begabte Leser nun annimmt, dass auch jede Abweichung von einem Parameter nur eine Abbildung einer Idee ist, käme er sicher schleunigst in eine Nervenheilanstalt. Es reicht aber aus, um in etwa eine Vorstellung von den Wesen Herr Kraus zu bekommen und der Welt, in der sie leben.
In dieser Welt jedenfalls geschah das Unerhörte, das nie Gesehene, das Unbeschreibliche. Aber da es niemanden sonderlich interessierte, erzeugte es keine weitere Unruhe bis auf ein kleines Quietschen und leises Tappen. Die Wesen Herr Kraus lauerten weiter verbissen auf den inneren Impuls, den Knopf zu drücken, und ließen sich nicht von ihrer 'Arbeit' ablenken. Das kurze Quietschen aber, das den Beginn des Unerhörten darstellte, rührte von einem der Stühle her, auf denen die Wesen Herr Kraus vor ihren Tischen saßen, denn dieser wurde plötzlich zurück geschoben. Eines der Wesen Herr Kraus hatte seinen Hut genommen. Der geschätzte Leser wird sicher verstehen, dass das besagte Wesen Herr Kraus seinen Hut natürlich nur im sprichwörtlichen Sinne genommen hatte, denn ebenjener saß selbstverständlich akkurat auf seinem Kopf. Das Wesen Kraus hatte also seinen Arbeitsplatz verlassen und bewegte sich tappenden Schrittes durch die Reihen der arbeitenden Wesen Herr Kraus hindurch. Blickte der interessierte Leser nun in die Gedankenwelt des besagten Wesen Herr Kraus, würde er sicher ein wenig zurückschrecken ob der Leere, die ihm in diesem Moment entgegen schlagen würde, denn tatsächlich bewegte sich im Gehirn des Wesens Herr Kraus kein einziges Neuron und alle Transmitter schienen einen intensiven Mittagsschlaf abzuhalten. Das revoltierende Wesen Herr Kraus wusste folglich auch keineswegs, was es tat, und noch viel weniger, warum es etwas tat, es ging ganz instinktiv einfach weiter weg.
Je weiter es kam, desto verstreuter wurden die Wesen Herr Kraus. Und mit zunehmender Entfernung vom Zentrum der Wesen Herr Kraus nahm auch die offensichtliche Parameterabweichung der Wesen Herr Kraus zu. Das wandernde Wesen Herr Kraus sah abstrus missglückte Abbildungen der Idee des Wesens Herr Kraus. Eines hatte zwei Köpfe mit zwei Hüten, ein anderes nur ein Auge, ein besonders interessantes Exemplar bestand aus einem Tyrannosaurus Rex, der mit Hut, Sakko, Flanellhemd und Cordhose bekleidet, sehr gewissenhaft seiner Arbeit nach kam.
Der aufmerksame Leser würde an dieser Stelle eifrig seinen Arm heben und enervierend mit dem Daumen und dem Zeigefinger schnipsend ganz flachatmig vortragen, dass an dem wandernden Wesen Herr Kraus keine Abweichung von der Idee der Wesen Herr Kraus zu erkennen sei und dass stattdessen das abnorme Verhalten des wandernden Wesen Herr Kraus also die Abweichung vom Parameter 'Arbeit' sein müsste. Und tatsächlich scheint diese Erklärung einleuchtend.
Das wandernde Wesen Herr Kraus lief so lange, bis es das letzte andere Wesen Herr Kraus – einen grauen Findling, der auf dem kleinen Tisch lag, den Homburg auf der Oberseite platziert, und mit wippenden Bewegungen den Knopf drückte – passiert hatte und dann so lange weiter, bis es kein anderes Wesen Herr Kraus mehr wahrnehmen konnte. Dann blieb es stehen und wartete. Das Wesen Herr Kraus stand vollkommen still und niemand kann sagen, wieviel Zeit verging, denn es stand im totalen Nichts, keine Umgebung definierte sich, noch nicht einmal die Farbe des Hintergrunds konnte definiert werden. Um den geschätzten Leser nicht zu überfordern, mag er sich die Hintergrundfarbe als Weiß vorstellen. Doch auch dann kann niemand sagen, wie lange das jetzt nicht mehr wandernde Wesen Herr Kraus starr an seiner Stelle stand und wartete. Nicht einmal das Wesen Herr Kraus selbst hatte ein Zeitempfinden, denn auch wenn sich sein Gehirn auf dem Weg vom Zentrum bis über den Rand der Welt der Wesen Herr Kraus hinaus mit den unterschiedlichsten Eindrücken von abweichenden Abbildungen gefüllt hatte, bewegte sich auch jetzt noch kein einziger Gedanke durch die Hirnwindungen des Wesens Herr Kraus. Es konnte also schon Jahre still an der Stelle im Nichts stehen und sich nicht einen Moment gelangweilt oder erst vor einigen Sekunden angehalten haben.
Das Wesen Herr Kraus erwachte aus seiner Starre, als es zum ersten Mal das Geräusch wahrnahm. Es war anders als alle Geräusche, die es bis dahin wahr genommen hatte. Der vorlaute Leser wird nun sicher anmerken, dass das Wesen Herr Kraus bisher nur wenige Geräusche erfahren hatte, das Schlagen auf den Knopf etwa, das Quietschen des Stuhls oder das Tappen seiner Schritte. Trotzdem jedenfalls schien das Geräusch, welches das Wesen Herr Kraus nun erreichte, weniger den üblichen Weg über den Gehörgang zu nehmen, sondern vielmehr über den ganzen Körper des Wesens Herr Kraus bis zu seiner Wahrnehmung vorzudringen. Und noch viel verwunderlicher war, dass das Wesen Herr Kraus sich darüber wunderte, denn – bevor sich der Leser darüber zu wundern beginnt – das ist ein untrügliches Zeichen für neuronale Bewegung in der verstaubten Hirnkammer des Wesens Herr Kraus.
Das Geräusch jedenfalls, kam stoßweise und niederfrequent in bestimmten Abständen. Jedesmal erzitterte der gesamte Körper des Wesens Herr Kraus und nahm ihm ein wenig die Luft. Die Abstände zwischen den Bassstößen waren regelmäßig und mit einem Mal nahm das Wesen Herr Kraus eine eigenartige Reaktion seines Körpers auf die neue Geräuschkulisse wahr. Mit jedem neuen Taktschlag zuckte einer seiner Arme immer ein wenig mehr nach vorne und dann wieder nach hinten. Der Torso des Wesens Herr Kraus wippte dabei auf elastischen Knien hin und her, wog nach vorne und wieder zurück. Das Wesen Herr Kraus hatte allerhand an neuronaler Arbeit zu erledigen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, die taktgesteuerten Bewegungen seines Körpers war es aber nicht mehr in der Lage zu kontrollieren. Da setzt das Geräusch plötzlich aus.
Etwas leer starrte das Wesen Herr Kraus ins weiße Nichts, es versuchte die eben erlebte Demütigung noch zu verarbeiten, als der Bass zurückkam und mit ihm ein schrilles Knallen, dass zwischen den Bassschlägen scheinbar unregelmäßig auf die Ohren des Wesens Herr Kraus ein prasselte. 'Breakbeat', kreischte ein Lesermädchen und schnellte aus dem bequemen Sessel hoch, nur um neben dem Wesen Herr Kraus im weißen Nichts zu landen und mit ihm in ein synchrones Verrenken der Körperteile einzufallen. Das Wesen Herr Kraus wippte was sein Körper hergab, es renkte sich die Arme aus und wieder ein und jedes Mal, bei dem er auf blickte, füllte sich die weiße Ebene mit Lesern, dicken und dünnen, Frauen und Männern, die seine Bewegungen exakt imitierten und dabei zu einem tanzenden, wogenden Meer aus Leibern verwoben, getragen und stimuliert vom Bass, gepeitscht vom Hihat, schwitzend und ferngesteuert und mit einmal stellte das Wesen Herr Kraus fest, das sich etwas in seinem Inneren veränderte. Mit der Bewegung, der Begegnung mit lachenden Gesichtern der Leser, dem Takt und der Vibration entstand etwas, was sich warm in seinem Bauch anfühlte, irgendwie fremdartig und doch wie etwas, das man nicht verlieren will. Das Wesen Herr Kraus nannte es 'Freude'. Ein Lachen überzog sein Gesicht und aus einem unbändigen Drang heraus nahm es den Hut ab, warf ihn in die Höhe und sah ihm hinterher.
Zu der Überraschung des Wesens Herr Kraus sah er gegen den weißen Hintergrund noch einen weiteren Hut in die Höhe fliegen und daraufhin noch andere. Schnell senkte er den Blick und sah, dass sich die Leser, die besonders nahe bei ihm ihre Glieder verrenkten, sämtlich schon Cordhosen und karierte Sakkos trugen, einige fingen gerade ihre Hüte, so wie das ursprüngliche Wesen Herr Kraus es gerade tat und ganz nah bei ihm stand ein ehemaliger Leser, der schon vollständig in ein Wesen Kraus verwandelt war. Zum Erschrecken des Wesens Kraus war das neue Wesen Kraus vollständig, also ohne Parameterabweichung, und es nahm Anlauf, mit kräftigen Beinschwüngen nahm es Geschwindigkeit auf, nur um kurz vor dem Wesen Herr Kraus abzuspringen und mit voller Wucht in dessen Körper zu verschwinden. Das Wesen Herr Kraus taumelte kurz zurück und musste husten. Es wurde erfüllte von Langeweile und plattem Einerlei und musste kämpfen, um seine eben gefundene Freude aufrecht zu erhalten. Da wurde er von dem nächsten Wesen Herr Kraus getroffen, das nach Perfektion heischend in seinen Körper sprang. Das Wesen Herr Kraus erkannte den Ernst der Lage, es begann durch die Menge der immer noch wogenden Leser und Wesen Herr Kraus zu laufen. Die perfide perfektionswilligen Wesen Herr Kraus folgten ihm und ab und an kam eines ihm nahe genug, um in ihn hinein zu springen.
In nackter Panik rannte das Wesen Herr Kraus in das weiße Nichts, denn es hatte verstanden, was es war. Es war keine Abbildung des Wesens Herr Kraus, es selbst war die Idee des Wesens Herr Kraus und hinter ihm die Meute der Abbildungen, die, wenn sie perfekt genug waren, in es hineinspringen und von innen aushöhlen würden.
Plötzlich stand es vor einem kleinen Tisch mit einem roten Knopf und ohne zu zögern schlug es darauf. Mit einem Mal war alles still, alle Abbildungen waren verschwunden. Erschöpft ließ sich das Wesen Herr Kraus auf den Stuhl neben dem Tisch sinken und starrte ins Weiß. Die Freude war ihm fast vollständig aus dem Körper gewichen und es war sich sicher, dass die nächste Abbildung, die sich mit ihm vereinte, alles in ihm töten würde. Als mit dem ersten Bassschlag ein neuer Leser im Nichts erschien, bereit zum freudigen Tanzen, wusste das Wesen Herr Kraus, was zu tun war und schlug wieder auf den roten Knopf.






Kommentare
Und der Text erinnert mich ein wenig an "Das Unmögliche" von Georges Bataille... zumindest vom Schreibstil her ^^
19.02.2012, 18:14 von deluecksartistdie fragezeichen in meinem kopf habe ich durch chronische nicht-beachtung ruhig gestellt und die kleine jammernde stimme habe ich mit meinem trommelschlag übertönt. jetzt hab ichs geschafft und ich fühl mich gut dabei. die ideen des textes werden mir wohl noch etwas im kopf rumspringen, genau wie deine formulierungen wahrscheinlich nach erneutem lesen schreien werden, aber das ist schon gut so. ich habe eine schwäche für derart skurile textungetüme :)
19.02.2012, 18:12 von deluecksartistDie reale Abbildung merzt sich die Abweichungen der überstehenden Idee aus, die als Unterschiedlichkeit der Existenzen schlussfolgert, dass die Realabbildung nur Einzigartig sein kann. Okey.
28.04.2011, 09:03 von lichterkletteAber wie kann eine Ausmerzung der Theorieideeabweichungen zu einer neuen Idee werden, wenn doch eigentlich gerade die Abweichungen eine Existenz anderer idealer Ideevorstellungen erzwingen?
Wenn der Text bedeute, die reale Abbildung verliere Daseinsberechtigung eben dadurch, dass sie in die Ebene der Nichteinzigartigkeit einer idealen Vorstellung strebe, ist die Existenzform der Einzigartigkeit selbst nur dadurch zu halten, dass sie eben nicht zur übergeordneten Idee tendieren darf.
Sie muss also, um gerechtfertigt zu sein, die Verschiedenheit beider platonischer Ideen darstellen.
Kann sie dies allerdings tun, streben als reale Abbildung in die höhrer Ebene samt Berechtigungsverlust, so gibt es keinen Berechtigungsverlust. Das Paradoxe besteht hier nicht im Streben an sich, sondern in der Definition der "Daseinsberechtigung" , und folgernd im Wissen um die Scheinbarkeit des Strebens.
Das Streben der Mangelhaftigkeit zum Verlust der Daseinsberechtigung, als Idee durch Abweichsausmerzung, ist an sich entweder richtig oder falsch. Beide Möglichkeiten existieren nicht gleichzeitig, da eine "bedingende" Logik definiert.
Die Ausmerzung aller Abweichungen von der übergeordneten Idee erwirkt, dass die reale Abbildung zu eben jener Idee wird - da sie(die Abbildung) die fehlerhafte(abweichende) Mangelhaftigkeit verliert.
Sollte der Text meinen, dass eine neue Theorieidee aus der Realabbildung entspringt, unterschiedlich zur vorrangegangen übergeordneten Idee, so liegt die Daseinsberechtigung der unteren Abbild-Existenzform darin, durch die höhere Theorie bedingt/berechtigt zu werden und kann selbst nicht durch Abweichungseliminierung als neue Idee existent sein.
Am Ende bleiben mir jetzt die Fragen über das eigentliche Paradoxon: Warum sollte ein Leser in sich hineinkichern? Und ist das ein Pradoxon, oder doch nur´n Widerspruch?
@lichterklette Danke erstmal, dass du dich durch diesen Wortsalat gewühlt hast.
28.04.2011, 09:33 von quatzatIn Anbetracht der Länge des Textes wäre es evtl. eine gute Idee, sich auf Textstellen zu beziehen.
Ich vermute, dass du dich mit dem ersten Paragraphen deines Kommentars auf folgende Textstelle beziehst:
'Dabei bezeichnet er nicht nur individuelle Existenzen sondern auch übergeordnet eine Idealvorstellung einer bestimmten Existenzform und erfüllt damit ganz im Sinne einer platonischen Idee beide Anforderungen: die theoretische, ideale Vorstellung einer Existenz und gleichzeitig ihre reale 'Abbildung', welche zwar der Idee nacheifert, aber durch seine reale Existenz ihre Vollkommenheit nie erreichen kann.'
Hier wird eigentlich klar, dass die Realvorstellung zwar danach strebt, ihre Abweichung zu eliminieren, es aber nie schaffen kann. Und selbst wenn sie es schaffen würde, würde sie ihre eigene EInzigartigkeit aufgeben, da sie dem Ideal gleichen würde. Also aus ~= würde =, welches einer Auslöschung gleichkäme. Mir scheint, dass das irgendwie falsch bei dir angekommen ist. Evtl. liegt auch ein Textfehler vor.
Der Text ist natürlich nicht stringent logisch, den Anspruch habe ich nicht, er ist eher ein etwas groteskes Gedankenspiel.
Dies oben zitierte Stelle bezieht sich im übrigen nicht nur auf das reine Ideenkonstrukt Platons, sondern auch auf das Idealstreben des Menschen. Und da wird hoffentlich auch klar, warum der geneigte Leser kichert.
Die Ebene des Lesers nimmt in diesem Text im übrigen eine besondere Rolle ein, mehr will ich dazu aber nicht sagen.
@quatzat Sorry, jap. War´n bissel viel komprimiert.
28.04.2011, 19:54 von lichterklette"..theoretische, ideale Vorstellung einer Existenz und gleichzeitig ihre reale 'Abbildung', welche zwar der Idee nacheifert, aber durch seine reale Existenz ihre Vollkommenheit nie erreichen kann."
Ja, ich meinte, dass kein Paradoxon vorliegen kann, da in der Theorie dieses Absatzes erklärt steht, dass die Realabbildung nie Vollkommenheit erreichen kann.
Völlig unabhängig vom Streben selbst.
"Und selbst wenn sie es schaffen würde, würde sie ihre eigene EInzigartigkeit aufgeben, da sie dem Ideal gleichen würde. Also aus ~= würde =, welches einer Auslöschung gleichkäme."
So hab´ich das verstanden. Denk ich. Mich störte darin eben nur, dass "Nicht-Daseinsberechtigung" künstlich durch die Gedankenspielung, sie könnte sich in die Vollkommenheit zurück beziehen, eben doch eine Daseinsberechtigung erfährt. Da dies in der theoretischen Idee davon liegt. Sozusagen das Ideal idealer Rückführungen. Was aber nicht paradox ist, sondern entweder richtig oder falsch.
Irgendwie so rum. Naja.
Irgendwie Krümelkacke.
Asoo, der profane Leser wird kichern. Okey.
Nur wird er das kaum verstehen. Und die, die´s verstehen, die sind wohl müde, weil sie´s schon lange wissen...die Sache mit menschlichen Idealvorstellungen.
Egal. Ich lass´mich halt immer zu leicht von sowas provozieren.
Assoziationen mit Politikern? Sloterdijk? Dem Leser "Inseln bieten"?
19.01.2011, 09:56 von holo...Naja, sicherlich ist es weder sozialdemokratische Erbauungsschreibe noch pseudo-distanzierter Befindlichkeits-Pop.
Intellektuell verbrämte Egowichse? Meinetwegen...
Aber vor allem ist es ein skurriles Gedankenspiel voller guter Ideen, stringent und dicht erzählt. Sprachlich meistens richtig gut, an ein paar Ecken aber sicher verbesserungswürdig (die direkte Ansprache der Leser fügt sich nicht immer so stimmig in den ansonsten zweifelsohne vorhandenen Sprachfluss)
Was hier bestimmt einige stört ist die Tatsache, dass der (im Vergleich zu anderen auf dieser Seite angebotenen Texte) hohe Leseaufwand nciht wirklich mit einer wie auch immer gearteten "Erkenntnis" belohnt wird, sondern er sich "nur" mit einem etwas bizzaren Spiel konfrontiert sieht. Naja, such is life (im wahrsten Sinne)
Man muss es dem Leser ja auch nicht unnötig einfach machen...
Ich lese deine Sachen gerne....aber das Höhlengleichnis ist schon im Original schwer zu erfassen...und ich verspürte auch diesen Widerwillen beim Lesen, den Cyro als Streik beschreibt.
17.01.2011, 18:45 von cosmokatzePeter Sloterdijk schreibt Prosa. Das habe ich mir gedacht, als ich versucht habe, das zu lesen.
17.01.2011, 18:27 von MisterGambitIch glaub aber, wenn du die Entspannung aus dem Bauch treibst und noch mal darüber lektorierst, kannst du damit noch was anstellen- so wie er ist, vergeht er aber völlig in einer sprachlichen Masturbation.
@MisterGambit Naja, die Form ist natürlich absichtlich so gewähkt. Ein paar mehr Absätze könnte ich vielleicht noch einbauen.
17.01.2011, 18:39 von quatzatWie meinst du das mit der Entspannung?
@quatzat Ich kenne das zumindest von mir:
17.01.2011, 18:49 von MisterGambitMan sitzt an der Tastatur und schaltet auf den entspannten Schwallmodus und tippt und tippt und dann am Ende hat man etwas vor sich, das im Kopf gut klang und Sinn machte- aber für andere ist es unlesbar.
Es ist mit deiner Satzstruktur und dem Aufbau schwer nachzuvollziehen. Im groben kann da einiges bleiben, ich glaube, im feinen muss man da aber sprachliche und inhaltliche Zäsuren reinbringen, ein paar Inseln, auf denen der Leser kurz hält um nachzuvollziehen: "was, warum, wie?"
@MisterGambit Die sollen ja fehlen. Es ist kein Text zum Ausruhen.
17.01.2011, 20:26 von quatzat@quatzat Meiner Meinung nach auch keiner zum Lesen ;)
17.01.2011, 20:42 von MisterGambitAlso .. .beim Lesen es ersten Teils des Textes war mein Gedanke: Was stimmt mir meinen Hirn nicht ? Meine Synapsen beschlossen einen Streik. Erst nur ein paar wenige, Rebellen, doch es wurden mehr und mehr. Aber ich habe Satz für Satz weitergelesen, in der Hoffnung, dass da noch etwas kommen mag, was mir Aufschluss, ja, Zugang zum Text gibt.
17.01.2011, 10:21 von CyroDoch was kommt dann ? Eine detaillierte Beschreibung, die schon beim ersten Hinblicken bei mit Widerwillen auslöst. Vorsichtig formuliert. Nein, nicht die Beschreibung selber. Mittlerweile verweigert mein Gehirn die Aufnahme von Textinformationen. Der Streik wird zum Flächenbrand. Weiterlesen unmöglich.
Sorry. Vielleicht mache ich später noch mal ein Anlauf. Denn mein erster Gedanke war: hm, interessant, das will ich lesen, ein neuer Text von quatzat. Doch die Hirnzellen, die für diesen Gedanken verantwortlich waren, fürchten gerade um ihre Existenz.
Die Überschrift lässt ja vermuten dass es um Mode geht, vielleicht die Beschreibung eine Modescheußlichkeit, aber .. nein, es ist einfach nicht zu ertragen. Bei der Erwähnung von schmierigem, verrauchtem Gelb und karierten Sakkos beginnt nicht nur das Hirn abzudriften, auch körperliche Abwehrmaßnahmen starten. Die beginnende Übelkeit wird noch dadurch verstärkt, dass ich gelb und (klein)kariert mit einem gewissen Politiker in Verbindung bringe, und nun ist es ganz aus mit der Fähigkeit der Aufnahme von Textinformationen. Im Gegenteil, ich muss etwas loswerden, das mittlerweile halbverdaute Frühstück meldet sich zu Wort. Wie gesagt, vielleicht traue ich mich später ja noch einmal an den Text. Momentan bleibt mir nur die Frage, ob ich mir mehr Textverständnis oder Dir einen entspannenden Urlaub wünschen soll ... meine aber, uns beiden wünschen zu können, dass solche beschriebenen Scheußlichkeiten (habe den Text ja nur zur Hälfte geschafft, weiss nicht ob und wie sich das auflöst) erspart bleiben mögen.
@Cyro Danke, dass du es immerhin versucht hast. Die Assoziationen mit einem Politiker will ich keinem streitig machen, lagen aber keineswegs in der Intention.
17.01.2011, 10:24 von quatzatKomischerweise ist das einer meiner am entspanntesten geschriebenen Texte, was auch an meinem Urlaub liegt, der erst vor etwa einer Woche beendet wurde.