christian_seiler 19.03.2009, 16:50 Uhr 0 0

Picknick

Hymne, Sturmwarnung und Crashkurs zur schwierigsten kulinarischen Disziplin: dem ESSEN UNTER FREIEM HIMMEL.

.Es ist ein, ja, spirituelles Erlebnis, im richtigen Moment am richtigen Ort zu picknicken. Ich hatte mein Erweckungserlebnis an einem heißen Julitag im tirolerischen Paznauntal, als wir diesen Platz am Bach fanden, eine erstaunlich geräumige Schattenbucht, rund geschliffene Felsbrocken, auf denen man wunderbar sitzen konnte, und einer von uns, dessen Rucksack die ganze Zeit helle, metallische Geräusche von sich gegeben hatte, packte jetzt vier Bier aus und deponierte die Flaschen im kalten Wasser, ich wickelte eine Hirschsalami aus dem Zeitungspapier und schnitt sie mit dem Schweizer Armeemesser in tadellose, dünne Räder, es gab Schwarzbrot und ein Stück Käse, und als wir schließlich mit den kühlen Flaschen, von denen sich die Etiketten ablösten, anstießen, brach die Sonne durch das Geflecht der Blätter und flutete den Platz.

Nirgendwo in der Welt wäre ich in diesem Augenblick lieber gewesen und nichts in der Welt hätte ich lieber in der Hand gehabt als diese Bierflasche.

Schon klar, dass solche Momente schwer einzufangen sind. Jedes Picknick ein Original. Wiederholung ausgeschlossen.

Und in Wahrheit ist es sogar noch schlimmer. Das Misslingen von Picknicks ist die Regel, nicht die Ausnahme. Ameisen in der Arschfalte, der Kuchen ein Totalschaden, und der Wein ist zwar da, aber der Öffner nicht. Es hat handfeste Gründe, wenn Donald Duck seinen Neffen droht: »Benehmt euch, sonst machen wir einen Ausflug.«

Es braucht eine Portion Fatalismus und Bereitschaft zum ironischen Schulterzucken, wenn man sich an der schwierigsten kulinarischen Disziplin versucht, dem Essen ohne Küche unter freiem Himmel.

Garantieren kann niemand gar nichts. Aber für die asymptotische Annäherung an den Erfolg geplanter Einmaligkeit weiß ich ein paar Regeln.

Korb oder Rucksack: Die Picknickstelle sollte nicht belebt, aber auch nicht allzu weit vom nächsten Parkplatz oder Bahnhof entfernt sein. Dauert der Fußmarsch länger als fünfzehn Minuten, packt ihr Food und Getränke besser mit ein paar Kühlaggregaten in einen Rucksack als in den Korb.

Nicht zu romantisch sein: Das Manet?sche »Frühstück im Grünen«, der klassische Rausch der Sinne, sieht zwar berückend aus, ist aber ohne Kühltasche nicht in die Realität umzusetzen. Außerdem ruft bestimmt jemand den Parkwächter, wenn ihr euch beim Frühstück nackig auszieht.

Nicht zu viel ästhetischer Ehrgeiz: Picknickkörbe mit Porzellan und Silberbesteck und Klapptische sind etwas für englische Aristokraten, die sich sogar für den Ausflug zum Golfplatz Sherpas mieten. Glaubt mir: Ihr wollt den ganzen Kram nicht schleppen.

Je trockener, desto besser: Keine Shrimps in Knoblauchöl, das Öl rinnt unglaublich gern aus und weicht das Tischtuch ein. Stattdessen: harte Wurst. Schwarzes Brot. Hartkäse aus den Pyrenäen. Geräucherte Forellenfilets, vakuumiert. Paprikaschoten. Radieschen. Hart gekochte Eier. Eine Stange Sellerie. Dose Meersalz. Plastikteller. Messer. Wasser. Keine Tomaten.

Kühltasche für den Rotwein: Richtig gehört. Die Flasche Rotwein nehmt ihr am Morgen aus dem Kühlschrank und legt sie in die Kühltasche, genau neben die kleinen, dickwandigen Gläser. Rundherum packt ihr den anderen Kram. Als Nachspeise erlaubt ihr euch am besten etwas Bitterschokolade. Der Wein wird von Schluck zu Schluck besser. Bevor er zu warm ist, habt ihr ihn ausgetrunken. Jetzt kommt alles darauf an, ob in der Kühltasche noch eine zweite Flasche ist. Zur guten Stimmung trägt an dieser Stelle traditionell bei, dass ihr den Korkenzieher nicht im hohen Gras verlegt habt.

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