Hysterie & Massenanstehen
Wenn ich sage, ich gehe zu H&M, dann freue ich mich wie ein kleines Kind.
Ich freue mich, wenn ich zum Bahnhof laufe, freue mich, wenn ich im Zug sitze und erst recht, wenn ich die roten Leuchtbuchstaben in der Ferne aufblitzen sehe. Wenn ich davor stehe, freue ich mich nicht, nein, noch viel mehr, mein Herz hüpft und ich kann mir ein glückliches, halbwegs bescheuertes Grinsen nicht verkneifen.
Ich setze einen Fuß in den Laden - eine Welt aus tausend Farben, Mustern, Stoffen und Kleiderbügeln en gros verschafft sich gewaltsam Zugang zu meinem Bewusstsein und prügelt darauf ein. Ich weiß nicht, wo ich zuerst gucken und hingehen soll. Aber diese Entscheidung nehmen mir freundlicherweise die 387 anderen Menschen im Laden ab, die sich wie eine wildgewordene Horde Hyänen durch dieses Textilparadies wälzen. Ich werde in die Ecke mit den Streifenshirts gedrückt. Gut, warum nicht, da wollte ich sowieso gucken. Ich erblicke gerade den Pullover, von dem ich schon fast dreimal geträumt habe und greife nach dem letzten in meiner Größe ... - mist, ich war zu langsam. Die feindlich guckende Madame am anderen Ende der Kleiderstange hat mich besiegt. Nun hebt sich ihre Nase und ich habe das starke Gefühl, dass sie auch noch schadenfroh ist. Eigentlich könnte ich jetzt sauer sein, oder enttäuscht, oder beides, aber mir fällt ein, wie glücklich ich vor ein paar Minuten noch war, also drehe ich mich um und spaziere auf die Unterwäscheabteilung zu.
Beim Anblick auf dem Boden liegender Spitzen-Slips und fahrig zwischen diversen BHs in allen Farben und Größen hin-und herschiebenden jungen Damen beschließe ich, doch lieber den Hosen einen Besuch abzustatten.
Nach Einsatz meines linken Ellenbogens gelingt es mir sogar, dorthin zu kommen. Jetzt stehe ich vor dem riesigen Jeansregal und bin ratlos. Denimblue neben grau, darunter schwarz und hellblau, nicht zu vergessen alle in verschiedenen Formen, die da unter anderem Sqin, Original oder Romantic heißen. Na, die da sieht doch ganz gut aus. Muss ich bloß noch eine in meiner Größe finden... - bloß. Bloß. Größe Da-pass-ich-zweimal-rein, dahinter Oho-mein-Po-ist-zu-groß...und wo ist meine Größe? - Gibts ja nicht, ich hab sie gefunden!
Nach diesem echten Erfolgserlebnis steuere ich schnurstracks auf die Umkleidekabinen zu. Oder eher auf die riesige Schlange davor, die sich nur dadurch von der restlichen kaufwütigen Meute im Laden unterscheidet, dass diejenigen angenervt ihren Vordermann anstarren und von einem Bein aufs andere treten, während die noch-Suchenden fleißig weiter von einer Ladenecke zur anderen rennen. Ich stelle mich ans Ende der Schlange. Mein Lächeln von vorhin ist spätestens jetzt zu einem zweideutigen Mundwinkel-Verziehen geworden. Ich warte. Und warte. Endlich ist eine Kabine frei. Nun rein da und schnell die Hose angezogen. Was sich leichter macht als angenommen. Die Hose ist nicht zu eng. Nein, sie ist locker. Zu locker. Das ist niemals meine Größe. Oder doch? Nun ja, zumindest steht es drauf. Aber bei meinen anderen Hosen kann ich mir kein Dreierpaket Stullen vor den Bauch klemmen. Also gut. Die Hose passt nicht. Ab damit auf die Will-ich-doch-nicht-haben-Stange.
Jetzt merke ich, wie erschöpft ich eigentlich bin. Naja, das ganze Drängeln und Gewarte dauert nicht nur lang, es ist auch ziemlich anstrengend.
Zum zweiten Mal kämpfe ich mich zum Jeansregal vor und finde sogar meine auswerwählte Hose in der Nummer kleiner. Mit einem Seitenblick auf das Boa-constrictor-Gebilde von der Anprobe beschließe ich, mutig zu sein und mich darauf zu verlassen, dass mir diese Hose jetzt auch passt, ohne dass ich mich im Spiegel der von unvorteilhaftestem Licht beleuchteten Kabine davon überzeuge.
Ich renne durch den Laden, greife mir da ein Shirt und hier einen Pulli, gehe noch einmal zurück und schnappe mir nach kurzem Zögern auch das Kleid - wagemutig wie ich jetzt bin, ganz ohne Anprobieren.
Als mein Arm schwer wird und ich an die Platzkapazitäten meines Kleiderschranks denken muss, stelle ich mich an die zweite Schlange im Laden - an der Kasse. Ich danke insgeheim den Kassierern, dass sie die Kunst des Summentippens und Bügel-Wegwerfens schneller beherrschen als jeder Biber gucken kann. Darum bin ich auch sehr bald selbst dran, die Verkäuferin legt meine Sachen zusammen, sagt mir, wieviele Euros ich wieder mal loszuwerden habe und packt den Kram in eine hübsche weiße Tüte. Ich bezahle, packe meine neuen Sachen und das Portemonnaie und nehme Anlauf auf die Holzbank neben dem Gummibaum da vorne bei der Rolltreppe.
Erst als ich darauf niedersinke, merke ich, dass ich es keine Sekunde länger im H&M ausgehalten hätte. Das einzige, was ich jetzt will, ist eine Fußmassage und ein pünktlicher Zug, der mich auf schnellstem Wege nach Hause bringt.
Und trotzdem liebe ich H&M.






Kommentare
ich find deinen text gut und es wird doch deutlich, wie groß deine freude auf h&m ist. daher wird es eben für echls unverwechslich und der einkauf zum erlebnis inkl vorfreude :)
01.02.2007, 20:12 von toller_hecht