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Zu euch oder zu uns?

Wer heute SWINGERSEX will, muss keine schmierigen Keller lokale aufsuchen, sondern nur den Computer hochfahren. Unser Autor hat den populären Partnertausch probiert. Text: Thilo Mischke

»Würdest du gerne mal mit einem anderen Mann schlafen, würdest du gerne mal einen neuen Schwanz anfassen?«, frage ich meine Freundin, während sie auf dem Bett liegt und die »Brigitte« liest.

Es ist beängstigend still. Verdammt! Ich habe das doch nur wissen wollen, weil mir langweilig war. Eine rhetorische Frage. Eigentlich hätte ich mir Lobeshymnen gewünscht. In etwa: Warum denn, dein Schwanz ist der beste der Welt, niemals würde ich einen anderen wollen, und so weiter. Aber es kommt kein Lob.
»Ja«, sagt sie.
»Hm«, antworte ich.
Sieben Jahre sind wir zusammen, mehr oder weniger. Bis auf ein oder zwei Trennungen und Wiedervereinigungen haben wir eine lückenlose Beziehungsgeschichte. In sieben Jahren hatten wir viel Zeit uns kennen zu lernen, und wir kennen uns gut. Sehr gut. Vielen erscheint das als Vorteil, aber uns kommt es manchmal, nun ja, etwas zu gewohnt vor. Besonders unser Sexleben. Ich habe es schon tausend Mal in den Frauenzeitschriften gelesen, die auf dem Klo meiner Freundin rumliegen. Und leider steht da manchmal auch was Richtiges: Die Qualität der Liebe wächst über die Jahre, die Qualität des Sex lässt nach.

Nach meiner Frage folgt eine Nacht voller Diskussionen. Keine Ahnung, warum dabei das Licht aus ist. Sie erklärt mir, dass sie Angst davor hat, etwas zu verpassen, aber nicht unsere Beziehung aufs Spiel setzen möchte. Ich sage, dass ich auch mit einer anderen Frau schlafen will (natürlich will ich das, auch wenn mich ihre mentale Untreue eifersüchtig macht). Ich schlage vor, dass ich mir etwas ausdenken werde, für uns. Ich höre, dass sie nickt. Sie hebt meine Decke hoch, legt sich neben mich, nimmt meinen Arm, und wir schlafen ein.

Meine Freundin und ich werden uns mit einem anderen Paar treffen. Und wir werden Sex haben, zu viert. In einem Raum, auf einem Bett. Das habe ich kurz nach der Mittagspause, im Büro, beim Surfen durchs Internet, beschlossen. Denn genau dort finde ich die passende Website zu meinem Plan. Adultfriendfinder.com. Die größte Partnerbörse des Internets. Eigenen Angaben nach ist die Seite mit mehr als zwanzig Millionen angemeldeten Mitgliedern der größte Markt für Geschlechtsverkehr weltweit. Und alles funktioniert nach den Regeln des Web 2.0. Männer, Paare, Transen, Frauen, Gangbang- Gruppen stellen hier ihre Profile ein, füttern sie mit Informationen und warten auf Besucher und Bewertungen ihrer Webseite. Werben mit privaten Pornovideos, kämpfen um die Aufmerksamkeit der Surfer mit erschreckend expliziten Bildern und Vorlieben. Warten auf einen Kontakt für eine einzige Sache: Sex. Schnell und unkompliziert. Kein langes Drumherumreden.

Auf dem Foto sieht mein Schwanz unrea listisch riesig aus

Ich melde mich an, bezahle 150 Euro für eine Einjahresmitgliedschaft und richte ein Profil für mich und meine Freundin ein. In Gedanken wiederhole ich ständig das Wort Pärchenbörse, es erinnert mich an diese Singlemann-sucht-Paar-für alles-kann-nichts-muss-Annoncen in Zeitungen. Stelle mir vor, wie meine Freundin und ich in Lederschlüpfern an einer holzvertäfelten Bar in einem Hobbykeller sitzen - um uns herum noch mehr Lederschlüpfer und Paare, die mit venezianischen Masken ihre Anonymität wahren. Es schüttelt mich.

Am selben Abend: Wir liegen mit aufgeklapptem Laptop auf dem Bett und wundern uns über die Offenheit auf Adultfriendfinder. Wundern uns, wie viele Paare es alleine im Raum Berlin gibt, die gerne mit anderen Menschen schlafen wollen. Es ist, als würden wir einen MySpace-Account einrichten. Nur, dass hier nicht gefragt wird, welche Band man mag, sondern, ob man auf Analsex steht, Bi-Ambitionen hat, ob man gerne angepinkelt wird oder lieber pinkelt, ob man einen Mann, eine Gruppe, eine Frau, eine Transe oder ein Paar sucht. Gefolgt von Fragen zu unserem sozialen Umfeld, ob wir studiert haben, was wir als Beruf haben. Wir antworten ehrlich. Auf jede Frage. Wir suchen Bilder für unser Profil aus, das soll erfolgsfördernd bei der Vermittlung sein. Blättern durch unsere private Pornosammlung. Meine Freundin sucht ein Foto aus, auf dem mein Schwanz unrealistisch riesig aussieht. Für sich selbst wählt sie ein Bild, auf dem sie masturbiert. Das soll wild sein. Wir finden das auch wild. Im Vergleich zu den Bildern und Texten auf den anderen Profilseiten sind wir noch ziemlich lahm. Immerhin konkurrieren wir hier mit Menschen, die auf Parkplätzen Sex haben, sich in Pornokinos verabreden und ihre Münder und Hintern gegen Löcher in Wänden auf öffentlichen Toiletten pressen.

Wir erfüllen Wünsche von SexyPaar7482 und Samenstute23

Am nächsten Tag, in meinem Adultfriendfinder-Postfach sind zwölf Nachrichten. »Alter, dein Mäuschen hat ja mal ?ne geile Fotze, die würde ich ja gerne mal ficken«, schreibt ein Mann aus der ländlichen Umgebung von Hamburg. Entsetzen. Doch was habe ich erwartet? Nette Mails, zärtliche Komplimente, geschmackvolle Kommentare? Ich klicke mich durch die weiteren Nachrichten, nur Männer, und alle loben im gleichen Tonfall die Brüste, den Hintern, den Bauch, den Mund meiner Freundin. Ich lerne neue Begriffe für den weiblichen Körper kennen und stelle fest: Tatsächlich gibt es Menschen, die das Wort »Lustgrotte« ernsthaft verwenden. Ich leite meiner Freundin die Mails weiter. Kurze Zeit später bekomme ich eine SMS. »Das macht mich an«, schreibt sie. Ich antworte: »Echt?«

Die letzte Nachricht ist von einem Paar aus der Nähe von Hannover. »Wir mögen eure Bilder - schickt uns doch mal welche davon, wenn sie dir einen bläst. Ach ja, meine Frau mag deinen Schwanz.« Ich bin geschmeichelt und ertappe mich dabei, mich zu freuen, dass nach elf Mails voller Anmerkungen zum Körper meiner Freundin auch ich endlich ein Kompliment bekomme. »Lass uns doch für das Pärchen die Bilder machen, mit dem Blowjob, du weißt schon«, sagt meine Freundin am selben Abend. Ich bin immer noch unsicher, noch mehr verwirrt mich aber ihr Enthusiasmus. Meine offensichtlich extrem begeisterungsfähige Freundin formuliert einen eigenen Bilderwunsch. Sie will wissen, wie weit man gehen kann. »Ich will sehen, wie ihr Analsex habt«, schreibt sie.

Nicht nur, dass wir die Bilder unseres Blowjobs an das Pärchen schicken, wir laden sie auch in ein Onlinealbum und geben es zur Bewertung frei. Was dann passiert, verblüfft uns. Innerhalb von zwölf Stunden sehen sich 4500 Menschen unsere Pornobilder an. Schreiben Kommentare, schicken uns Glückwünsche. Nach 24 Stunden haben sich knapp 9000 Menschen den Oralverkehr, der sich bildsprachlich zwischen niederländischem Pornoheft und Amateurfotografie bewegt, angesehen. Neun Bilder haben gereicht. Wir haben fast vierzig Kommentare. Zum Vergleich: Auf meiner MySpace-Seite habe ich knapp hundert Bilder und insgesamt vielleicht drei Kommentare.

Es wird zu einer Sucht, wir laden noch mehr Bilder hoch und verlieren dabei komplett unser Schamgefühl. Wenn wir jetzt miteinander schlafen, erfüllen wir nicht nur geheime Fantasien von uns, sondern auch die Bilderwünsche von neuen Freunden, die Namen tragen wie »Sexy Paar7482«, »Parkplatzfick22_27« oder »Samenstute23«. Wir haben Sex auf einer Clubtoilette, im Bett, im Schwimmbad, in einer Umkleide bei American Apparel - und kurze Zeit später gibt es ein Onlinebilderbuch davon. Ich frage mich, ob wir Sex wegen des Bilderbuchs haben oder weil wir Lust auf Sex haben. Unsere Sexualität scheint fest mit den Wünschen unzähliger Nutzer verzahnt zu sein.

Nach einem Monat auf Adultfriendfinder zeigt unser Profil, dass wir fleißig waren, siebzehn Ordner mit je neun Bildern, vier Videos, 21 Paare, neun Frauen und dreizehn Männer sind unsere Freunde. Wir wissen nicht, wie die Gesichter unserer neuen Bekanntschaften aussehen, dafür wissen wir aber, worauf sie stehen und wie ihre Schwänze, Brüste und Hintern auf Fotos wirken. Wir haben mit mehreren Paaren E-Mails ausgetauscht, um heraus zubekommen, mit wem der kalkulierte Seitensprung funktionieren könnte. Zwei sind übrig geblieben. Ein junges Paar, er 25 und sie 22, aus Berlin-Friedrichshain und ein etwas älteres Paar. Er 32 und sie 28, es ist das Paar, das uns gleich zu Beginn unseres Ausflugs ins Internet geschrieben hat, das meinen Schwanz toll fand und meine Freundin sehr aufregend. Wir verabreden uns mit diesen beiden Paaren, erst mit den Hannoveranern und dann mit den Friedrichshainern. Wir fühlen uns verwegen. Es erscheint uns als logische Konsequenz, dass wir jetzt Sex mit einem fremden Paar haben werden. Nachdem tausende Augen unsere privaten Bilder abgetastet haben.

An dem Abend, an dem wir uns mit dem älteren Pärchen treffen, benehmen wir uns wie Singles vor dem großen ersten Date. Meine Freundin lässt mich daran teilhaben, wie sie die richtigen Kleidungsstücke aus dem Schrank sucht. »Sehe ich darin fett aus, soll ich einen Rock anziehen und mein Höschen weglassen?«, ruft sie aus dem Schlafzimmer. Ich sitze in der Küche und überlege. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich eifersüchtig oder aufgeregt sein soll. Ich wähle den Mittelweg und bin eifersüchtig aufgeregt. Später, wir sitzen beide still im Taxi, meine Freundin nimmt meine Hand. Wir sagen kein Wort. Kurz bevor wir das verabredete Café betreten, flüstert sie mir ins Ohr, dass sie mich liebt, auch dafür, dass man mit mir solchen Quatsch machen kann.

Offensichtlich hat uns das Paar Bilder aus besseren Tagen geschickt. Wir kneifen uns gegenseitig in die Hand, ich erkenne die Angst in den Augen meiner Freundin, als sie den Mann, mit dem sie heute Nacht schlafen soll, sieht. Auch wenn die beiden gerade mal fünf Jahre älter sind als wir, wirken sie so, als wären sie unsere Eltern.

Vielleicht liegt es daran, dass sie uns den ganzen Abend über von ihren zwei Kindern erzählen, von ihrem Hausbau und ihrem fürchterlich schlechten Musikgeschmack. Sie trinken Wein, werden betrunkener, wir trinken Milchkaffee, werden nervöser. Als die beiden darüber berichten, wie sie »König der Löwen« in Hamburg gesehen haben, beschließen wir mit Handzeichen unter dem Tisch den strategischen Rückzug. Wir stehen auf, verabschieden uns höflich. Offene Münder. »Was denn, war doch alles super, oder?«

Einen Abend später, wir sind mit den Berlinern verabredet. Sie sind jünger als wir, sie haben noch keine Kinder, und wir wissen, dass sie Musicals genauso doof finden wie wir. Auf den Bildern wirkten beide sehr attraktiv, allerdings haben wir aus dem gestrigen Abend gelernt, dass wir Bildern nicht trauen können.

Ich flüstere mir zu: »Unsere Beziehung ist fest wie Beton«

Erster Eindruck: keine Enttäuschung. Sie sieht aus wie 22, er sieht aus wie 25. Keine Schnurrbärte, keine »Zicke«-T-Shirts und mehrfach gebleichte Jeans mit Strasssteinen. Wir begrüßen uns schüchtern. Und kommen ohne Umschweife zum Thema.

»Wir sind jetzt drei Jahre zusammen, wir wollten etwas Neues ausprobieren «, beschreibt er die Situation. Erst haben sie Bilder hochgeladen, vom Sex, haben wie wir die Wünsche anderer erfüllt. Aber dann wollten sie es wissen, wie wir. Wir trinken Schnäpse aus kleinen Gläsern, sie auch. Es ist ein bisschen wie ein Treffen von Internetnerds. Tauschen unsere Erfahrungen aus, über vor Webcams hastig onanierende Männer, Männer die sich auf die Bilder der Freundin einen runterholen, über Paare, die runzelig, alt und blöd sind, obwohl in ihrem Profil steht, dass sie straff, jung und höchst gebildet seien. Nach dem x-ten Witz über Sex im Internet, nachdem wir festgestellt haben, auf demselben physiologischen und psychologischen Niveau zu sein, sagt die neue Freundin: »Ich würde deine Freundin gerne küssen und ich glaube, ich spreche auch für meinen Freund, wenn ich sage, dass wir Lust haben, mit euch zu ficken.« Keine Stille, herzliches Lachen, und wir müssen nicht einmal kurz nachdenken. Wir willigen ein, bezahlen die Rechnung und stehen zu viert frierend in der kalten Berliner Nacht.

Ich frage: »Zu euch oder zu uns?«
Sie antworten: »Zu uns.«
Wir sind in einer Studentenwohnung, trinken noch mehr Schnäpse, werden noch betrunkener. Keine Eifersucht, nur Lust zu erfahren, wie es sich anfühlt, mit zwei Frauen und einem Mann zu schlafen. In meinem Kopf verändert sich das Bild meiner Freundin, ein Bild, das ich seit fast sieben Jahren mit mir trage. Nicht die gewohnten Brüste, die bekannte Achsel, der eindeutige Geruch. Die Frau, die meine große Liebe ist, liegt wie eine fremde Frau, die ich kennen gelernt habe, auf einem fremden Bett. Ein ebenso fremder Mann beugt sich über ihren Schoß, und eine noch fremdere Frau hockt über ihrem Gesicht. Ich fühle mich als strenger Beobachter, frage ob das okay sei, bekomme keine Antwort. Die fremde Frau holt mich zu sich herüber. Zieht mich aus, wir küssen uns, meine Freundin beobachtet mich. Meine Freundin zieht einen Mann, der nicht ich bin, am Schwanz ins Bett. Irgendwie eine zärtliche Geste. Ich höre und sehe, wie sie ihm einen bläst, sich zur Freundin dreht und sagt: »Der Schwanz ist ja riesig.«

Es sticht.
»Der von deinem Freund aber auch«, sagt die neue Bekannte.
Es sticht weniger.
Bevor vier Menschen miteinander schlafen werden, in wenigen Augenblicken, gehe ich ins Bad. Stecke mir auf dem Weg eine Zigarette an. Ich stehe vor einem unbekannten Badezimmerspiegel und sehe mich, meine vom Rauch geröteten Augen, ich höre leises Stöhnen aus dem Zimmer nebenan. »Ich habe keine Angst, ich bin nicht eifersüchtig, und unsere Beziehung ist in ihren Wurzeln fest wie Beton«, flüstere ich mir selbst zu. Verlasse das Bad, drücke die Zigarette in einem Aschenbecher aus, gebe meiner Freundin einen Kuss auf ihre vom Schweiß feuchte Stirn und lege mich dazu.

1 Antworten

Kommentare

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    Toller Artikel. Kriegt man Lust, das selbst mal auszuprobieren! :)

    16.05.2012, 17:26 von t.niehues
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