Wir hätten zu mir gehen sollen
Stimmt, hätten wir. Dann wäre die Geschichte vielleicht etwas weniger unschön verlaufen. Aber wer weiß das schon.
Als wir den Club betraten, hatte ich schon einiges an Sekt und zwei oder drei Wodka-Red Bull getrunken, jenes Sauzeug mit dem Potential, jeden arglosen Barbesucher in einen partyhungrigen Zombie zu verwandeln. Nach einer kleinen Runde durch den Laden stellte ich mich leicht wankend mit erwartungsfrohem Blick an den Rand der Tanzfläche, neben die Bar, und es dauerte keine fünf Minuten, bis mich ein Typ ansprach, der neben mir auf einem Barhocker saß. Er erinnerte mich an Robbie Williams. Hat also auch sein Gutes, der Alkohol. Weitere fünf Minuten später schlug Robbie mir vor, zu sich nach Hause zu fahren.
Wir könnten da ’ne Menge Spaß haben. Während er das sagte, blickte er ungerührt zur Tanzfläche und nahm einen Schluck aus seinem Glas. Dann sah er mich an, und sein Blick verriet, dass es ihm ernst war. Ich bekam eine leichte Gänsehaut und blickte mich Rat suchend um, als wäre irgendwo an die Wand geschrieben, was ich nun tun sollte. Meine Antwort, mit der ich mir mehrere Sekunden Zeit ließ, gewährte tiefe Einblicke in den umnebelten und dümmlichen Zustand, in dem ich mich befand: Geht nicht, sagte ich, ich muss noch mit meinen Freundinnen tanzen.
Ich klopfte ihm unbeholfen auf den Oberschenkel und stolperte davon. Ich war verwirrt: Seit mittlerweile neun Monaten war ich nun Single, wartend auf den Richtigen, der es diesmal sein sollte... So eine Aktion passte wahrlich nicht zum "Richtigen", und dennoch merkte ich, dass ich mich angesprochen fühlte. Als ich meine beiden Begleiterinnen fand, hatten die gerade einen Bekannten getroffen, der für alle eine Runde Tequila besorgt hatte und mir sofort sein Glas in die Hand drückte. Ich mag eigentlich keinen Tequila. Trotzdem trank ich und schüttelte mich. Dann ging ich zur nächstgelegenen Bar und bestellte zwei Gläser Wasser. Kein Alkohol mehr, bitte wieder etwas klarer werden, nahm ich mir vor. Kurze Zeit später kam ich wieder an Robbie vorbei, der mich diesmal ein Stückchen näher zu sich heran zog. Auch ich hatte Lust ein bisschen zu knutschen. Das taten wir, doch schon nach einer Minute vernahm ich seine Stimme ganz dicht neben meinem Ohr.
Pass auf, raunte er mir zu, wir gehen jetzt zur Garderobe, holen unsere Jacken und treffen uns am Ausgang. Alles klar?
Ich musste überlegen, aber mein Gehirn wollte nicht richtig funktionieren. Es war, als hätten sich meine Synapsen einen Weg durch eine gallertartige Masse bahnen müssen, kein Funke sprang über, kein Geistesblitz wollte sich einstellen. Ein paar Gedanken nahmen dann doch irgendwann Gestalt an:
Egal, wo ich hingehe, ich werde den Ort vor morgen Vormittag nicht mehr verlassen können, ich hab zuviel getrunken. Wenn ich mit ihm gehe, muss ich dort schlafen. Vielleicht wird mir auch noch schlecht.
Ich sah ihn an, er blickte mir unbeteiligt über die Schulter, dann grinste er mir kurz zu. Ein Kribbeln stellte sich ein.
Oder soll ich doch mitgehen? Jetzt oder nie! Aber halt – One-Night-Stands sind nichts für mich. Das hier wäre auf jeden Fall einer. Will ich das?
Auch diesmal war meine Antwort in puncto Esprit und Schlagfertigkeit unübertroffen:
Ich glaub, ich hol mir mal ein Glas Wasser.
Ja, dann hol dir mal ein Glas Wasser, wiederholte Robbie, der jetzt ein wenig ungeduldig wirkte. Ich zog ab, bestellte mein Wasser, schob mich dann unschlüssig durch das Partyvolk und ließ mich auf einem an der Wand stehenden Sofa nieder. Irgendwann kam er vorbei, sah mich, nahm mir das mittlerweile fast leere Glas ab, zog mich hoch, nahm mich an die Hand und ging los. Er sagte etwas, das ich nicht verstand. Ich glaube, wir gingen so durch den ganzen Laden, er vorweg, ich hinterher, ewig müssen wir so umhergelaufen sein, manchmal durch ein Gedränge von Leuten, dann durch einen düsteren Gang, dann über eine zuckende Tanzfläche, dann ein paar Stufen hinauf, und wieder eine Stufe hinunter, manchmal im Rhythmus der dröhnenden Beats, die mal ganz nah, mal etwas weiter entfernt waren. Ich gab mir Mühe, nicht zu stolpern, und war froh, dass niemand von mir weit reichende Entscheidungen zu erwarten schien. Einmal drehte er sich um, und diesmal verstand ich, was er sagte: Verdammt, wir hätten zu mir gehen sollen.
Kurz darauf fand ich mich in einem relativ hellen, weiß gekachelten Raum wieder, in dem sich ein paar Typen aufhielten. Die Männertoilette, registrierte ich erstaunt. Im hinteren Bereich gab es eine ziemlich geräumige, abgetrennte Kabine mit Klo. Noch während Robbie mit der rechten Hand die Tür zuschlug und den Schlüssel umdrehte, schob er mich mit der linken Hand an die rückwärtige Wand, zog dann mit derselben meinen Kopf zu sich um mich zu küssen, riss gleichzeitig mein Oberteil hoch und meinen BH herunter und machte sich dann mit je einer Hand an unseren Gürteln zu schaffen, die er mit einem synchronen „schnapp“ aus ihren Schnallen zog – virtuos, das dachte ich tatsächlich, trotz meiner Benommenheit erinnere ich mich genau an dieses Wort, das mir durch den Kopf ging: virtuos.
Sekunden später spürte ich seinen Schwanz zwischen meinen Beinen. Aber vis-a-vis im Stehen, dazu noch bis zu den Knien mit einer Hose gefesselt – jeder weiß, dass das nicht geht. Also umdrehen. Während er in mich eindrang, berührten meine Handflächen die angenehm kühle, glatt geflieste Wand. Ein hoher Pfeifton ertönte in meinem Kopf, während sich dunkelgraue Flecken vor mein Sichtfeld schoben, und trotz meines wahrhaftig kritischen Zustandes war dieser Mann in mir, in diesem Moment, in dieser Pose, schlicht grandios.
Das Grandiose hielt vielleicht acht oder zehn Sekunden an, bis ich seine gepresste Stimme vernahm: Nimmst du die Pille? Nein, du musst aufpassen…
Auch für Robbie, wie für die meisten Männer auf der Welt, entsprach das Wort „aufpassen“ einer erfreulichen Einladung zum Oralsex. Hüfte und Schulter in festem Griff, drehte er mich um.
Ich komm in deinem Mund, ja?
Selbst ich hatte auf die Schnelle keine bessere Idee, aber mich mit heruntergelassen Hosen auf einen öffentlichen Toilettenboden zu knien, das war nicht drin. Ich versuchte, mich stehend nach vorn zu beugen, was mir nicht richtig gelang, irgendwann kam er, vielleicht war meine Hand im Spiel, ich weiß es nicht mehr. Als ich mich, völlig durcheinander, gevögelt, aber unbefriedigt, bemühte meine Hose hochzuziehen, war er schon im Begriff, die Tür wieder zu entriegeln.
Halt, rief ich schwach, warte.
Bist du soweit?
Das waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte. Er riss die Tür auf und stürmte hinaus, ich hinterher, etwas langsamer und nicht ohne die Blicke einiger Typen zu verpassen, die sich vor den Pissoirs versammelt hatten. Draußen empfingen mich die gnadenlosen Bässe, die Leute immer noch dicht an dicht, schnell an einen sicheren Ort, mein Mund so trocken, hilfe!
Zur Frauentoilette, Wasserhahn auf, erstmal trinken. Ich blickte in den Spiegel, sah mich an, und fand mich – schön. Ich sah schön aus, mit leichter Panik in den Augen, wie ein gehetztes Reh. Wieder raus.
Ich sah eine Frau, die rauchend an der Wand lehnte, und bat sie um eine Zigarette. Die Not in meinen Augen muss groß gewesen sein, ohne zu zögern gab sie mir ihre Vorletzte, und dazu noch Feuer. Ich dankte ihr überschwänglich. Hastig rauchend erblickte ich eine meiner Freundinnen, ich hau ab! brüllte ich ihr ins Ohr.
Wie, jetzt sofort, ja, jetzt sofort, muss raus hier, bis dann...
Ab jenem Moment musste mich ein Schutzengelchen geleitet haben, es holte mit mir gemeinsam meine Jacke ab, geleitete mich zum Ausgang, winkte mir in Nullkommanichts ein Taxi heran, das mich raumschiffgleich bis vor meine Haustür fuhr, fand meinen Schlüssel, schloss die Tür auf, half mir die Treppe hinauf, putzte sogar meine Zähne, wusch mein Gesicht und stellte mir ein Glas Wasser neben mein Bett, in welches ich mit letzter Kraft kroch und in dem glücklicherweise nach kurzer Zeit ein koma-ähnlicher Schlaf den Kampf gegen wirre, verstörende Bilder gewann.
Als ich am nächsten Morgen viel zu früh aufwachte, war mein Kopf wie in Watte gepackt. So unwirklich erschien mir das Erlebte, dass sogar das eiskalte Entsetzen, welches einen beim Aufwachen nach tief greifenden Ereignissen manchmal überfällt, einfach ausblieb. Immer noch benommen quälte ich mich aus dem Bett und schluckte eine Kopfschmerztablette, wärmte mir den Eintopf vom Vortag auf, salzte ordentlich nach, aß im Bett und nahm mir mein Buch, ein gutes Buch, in dem ich dankbar zu lesen begann. Aus Gewohnheit spielte ich mit einer Haarsträhne, als ich in etwas Hartes, Verklebtes griff. Nein! Mein Schrei musste durch das ganze Haus geschallt sein, da war es, das Entsetzen, und ein doppelter Schreck fuhr mir durch die Glieder, so schockierte mich zudem der Klang meiner eigenen Stimme. Trotz meiner schweren Beine war ich blitzschnell unter der Dusche. Der tröstende warme Regen, der mir über das Gesicht lief, vermischte sich mit reichlich Salzwasser, Tränen, endlich Tränen....
Ich fühlte mich erbärmlich wie selten zuvor und hoffte, es möge irgendwann ein Tag kommen, an dem die Erinnerung an die vergangene Nacht nur noch Grinsen und Kopfschütteln hervorrufen würde. Eines Tages, wer weiß.
Tags: One-Night-Stand




Kommentare
schön geschrieben!!! ich wette allerding es hat sich eher weniger schön angefühlt am nächsten tag...aber glaub mir das passiert so vielen irgendwann wird man wirklich anderes darüber denken
09.06.2011, 01:37 von ophelia-Sehr gut geschrieben, wie als würde man alles sehen.
25.03.2011, 04:10 von Anders28Aber eine schockierende Geschichte.
Ich verabscheue solche Männer...
ieh.
13.12.2010, 20:31 von strassenstaubMal ganz abgesehen vom Kernpunkt, dem ungeschützten Verkehr, stört mich etwas der andere Schwachpunkt eines solchen Abenteuers: gevögelt, aber unbefriedigt ...eine Frau, die "in dieser Pose" den Sex grandios finden kann, aber trotzdem nicht auf ihr Recht auf einen Orgasmus besteht und noch nicht mal wütend darüber ist, dass ihre Befriedigung kein Thema bei der ganzen Aktion war? Das finde ich wirklich traurig..
09.11.2010, 01:42 von ninikada kann ich mich nur anschließen, es ist aber gut geschrieben. Hut ab vor deinem Liebesleben!
11.08.2010, 21:47 von -Dunkelblau-Emil
Liest sich fließend... ich fühlte mich wie ein heimlicher Beobachter der Beiden.
20.07.2010, 21:27 von BrokenPigeDas nüchterne beschreiben ,ohne wirkliches "ich bin das opfer" gelaber...wirklich gut
05.01.2010, 15:32 von Svulfvielleicht bin ich einer der machomänner ,die mit jeglichem sexismus "uns" gegenüber nicht fertig werden.
16.12.2009, 00:57 von buildalphanumericTrotzdem versuche ich mich mit deinem text kurz auseinandersetzen und werde meine Kritik und erste Interpretation darzulegen:
Die Erzählweise ist spannend, treibend und unterhaltsam. Hättest du vor charlotte roche ein Buch mit solchen noch verschärften kurzgeschichten herausgegeben wärst du sicherlich einigermasen wohlhabend.
Leider erkenne ich in deinem Text ein unterschwelliges Angst-Denkmuster Männern gegenüber, welches sich Selbst durch das Lesen so manch weiblicher Leserschaft subtil aufoktroyiert.(siehe comments above)
Der Mann wird als ein von Trieben kontrolliertes Tier dargestellt, welches eine wehrlose betrunkene Frau durch die tanzende Menge schleift um sie letztendlich am nach urin stinkendem Männerklo(assoziation mit unangenehmen Ort) in einer extrem unbequemen Position zu vögeln und ihr danach ins Gesicht/Haare/Mund ejakuliert.
Sowohl die Form als auch die Stellung (dazu noch mit dem Gesicht zur wand) suggeriert den Leserinnen Unterdrückung und Gewalt.
Auch wird die entscheidungstragende Rolle der Frau nicht abgehandelt und der Diskussion entledigt.
Sie selbst wird als wehrloses Opfer (das im schlimmsten Fall von einem geschlechtskranken Unbekannten welcher ihre des Alkohols zu verdankende Unzurechnungsfähigkeit ausnützt), dargestellt.
Hätte das eine Frau geschrieben die dieses Erlebniss rückblickend als positiv betrachtet, würden nicht negativen Konnontationen mit Männern Erlebnisse mit Männern entstehen sondern man würde im schlechtesten Falle die FRAU als unvernatwortlich oder züchtig*lol* darstellen.
Da dies augenscheinlich nicht der Fall ist sehe ich dies als eine sehr außergewöhnliche aber durchaus berechtigte Kritik deines Textes.
akzeptabel?!?
mfg
PS: geschwollen schreiben macht spass
@buildalphanumeric gibs keine korrekturfunktion so man im nachhinein noch mal was ändern kann...?!
16.12.2009, 01:06 von buildalphanumericlame
@buildalphanumeric Doch, oben rechts "Deine Kommentare editieren"
16.12.2009, 09:56 von Tanea@Tanea aja seh ich danke
17.12.2009, 01:01 von buildalphanumericaber leider nur 8einhalb stunden zu spät
is ne 5 min limitierung..schade