War das jetzt alles?
Man kann miteinander Sex haben, ohne intim zu werden. Immer öfter wird dies zum Normalfall. Aber kann das auch auf Dauer emotional befriedigen?
Es gibt tausende Gründe, die guten Sex, also unverkrampften, als lustvoll und befriedigend empfundenen Sex, verhindern. Unsere sozialen Lebensbedingungen scheinen, bei näherer Betrachtung, sogar strukturell darauf ausgelegt zu sein, die statistischen Chancen für guten Sex zu minimieren. Beispielsweise wird die fiktive, irreale ästhetische Perfektion des menschlichen Körpers in den Medien, vor allem in der Werbung und im Hollywood- Kino, als Vorbedingung für erfüllte Sexualität propagiert, was natürlich Unsinn ist. Aber die Propaganda wirkt.
Alle, die keine Model- Figur haben, bekommen Minderwertigkeitskomplexe. Die Frauen wegen ihrer Rettungsringe und ihrer Zellulitis, die Männer wegen ihres Bierbauchs und ihrer Glatze. Niemand ist mehr mit seinem Körper zufrieden, niemand steht mehr zu seiner eigenen Körperlichkeit.
Der soziale Druck steigt: Erwartungsdruck, Leistungsdruck, Anpassungsdruck... Kein Wunder, dass wir alle uns- insgeheim- wegen unserer (vermeintlichen) physischen Unzulänglichkeiten schämen. Aber nur insgeheim! Denn nach außen darf man sich ja nichts anmerken lassen, die Show muss schließlich weitergehen, und wer in unserer Gesellschaft Verunsicherung oder Selbstzweifel kommuniziert, der hat schon verloren, das wissen wir alle. Also: Hinter der makellosen Fassade aus Coolness, Narzissmus und Eitelkeit, die man zum Überleben braucht, die eigene Verunsicherung verstecken!
Das Dumme daran ist nur: Wer in einem solchen psychischen Harnisch steckt, der kann nicht mehr intim werden. Intimität heißt nämlich: Sich einander ausliefern; sich gegenseitig die verwundbaren Stellen offen legen; Risiken eingehen; mit hohem Einsatz spielen. Wenn man sich nicht traut, den mentalen Schutzpanzer abzulegen und nichts aufs Spiel setzt, dann kann man auch nichts gewinnen; nicht lieben und auch keinen guten Sex haben. Wer mit angelegter Ritterrüstung fickt, dem kann zwar nichts passieren, aber er spürt auch nicht mehr viel.
Trotzdem machen es die Meisten heute genau so. Das Motto scheint zu lauten: „Lieber ohne jedes Risiko zu Liebe und gutem Sex unfähig werden, als Risiken eingehen und dafür mit Chancen auf Liebe und guten Sex belohnt werden.“ Das verstehe ich nicht.
Ich sehe es umgekehrt, stehe mit dieser Einstellung aber ziemlich alleine da. Wie ich höre, gibt es in meiner Generation sogar schon Leute, die einfach gar keinen Sex mehr haben wollen- weil sie nichts mehr dabei empfinden. Die sagen: „Als ich zum ersten Mal Sex hatte, war ich total enttäuscht: Im Fernsehen sieht alles viel aufregender, selbstverständlicher und einfacher aus, als es in Wirklichkeit ist. Bei mir war Sex immer nur Arbeit und meistens hat es dann nicht einmal richtig funktioniert.“ Oder auch: „Sex ist in Wirklichkeit gar nicht so toll, wie man sich das früher beim Onanieren immer vorgestellt hat. Irgendwann verliert man das Interesse daran.“
Und all das nur, weil uns ein medial monopolisiertes Schönheitsdogma insinuiert wurde, damit die Industrie noch mehr Kosmetikprodukte, Diätlebensmittel und Schlankheitsmedikamente verkaufen kann, indem allen eingeredet wird, sie würden das Teufelszeug benötigen?
Oder weil man ständig davor Angst hat, beim Kopulieren schlechter auszusehen, als die body- gedoubelten, computer- bildbearbeiteten Hollywood- Stars in ihren Sexszenen?
Dann jedenfalls kann man keinen unverkrampften, entspannten, spontanen, hemmungslosen, gefühlsintensiven, befriedigenden Sex mehr haben. Und das scheint mir immer häufiger der Fall zu sein.
Wenn man sich insgeheim für den eigenen Körper schämt, dann muss man sich auch im Bett noch hinter Maskierungen und Schutzbarrieren verstecken. Nichts verhindert guten Sex zuverlässiger. Auch zur Liebe wird ein solcher, von Eitelkeiten beherrschter und zerfressener Mensch unfähig. Das Schlimme daran ist: Auf uns alle trifft das zu - mehr oder weniger; vielleicht sogar in zunehmendem Maß?
Die tieferliegenden Ursachen der Problematik sind natürlich im Wandel der Identitätskonstruktion im Lauf der letzten 60, 70 Jahre zu suchen. Betrachtet man sich die Entwicklung des Wertewandels von der Kriegsgeneration der heute 80- bis 90- jährigen über deren Kinder, nämlich die ´68er- Generation der heute 50- bis 60- jährigen, bis zu deren Kindern, nämlich der Milleniumsgeneration der heute 20- bis 30- jährigen, dann ergibt sich etwa folgendes Bild:
Von der Selbstbeschränkung über die Selbstverwirklichung zur Selbstinszenierung.
Von der Zurückhaltung über die Forschheit zur Beliebigkeit.
Von der Disziplin über die Anarchie zum Arrangement.
Von der Doppelmoral über die Gutmenschenethik zum Opportunismus.
Von der Pflichterfüllung über die Eigeninitiative zur Apathie.
Vom Gehorsam über den Protest zum Zynismus.
Von der einmaligen Monogamie über die Polygamie zur seriellen Monogamie.
Vom Faschismus über den Kommunismus zum Kapitalismus.
Früher war die Identität des Einzelnen durch das Arrangement seiner sozialen Rollen, durch Brauchtum und Tradition determiniert, für Individualität im heutigen Sinn war kein Platz. Für den überwiegenden Teil der Menschen galt bis 1950, 1960: Die Norm ist Gesetz, Normabweichung wird drastisch sozial sanktioniert. Mit der Kulturrevolution der ´68er wurde die Normabweichung zur Normalität umdefiniert, die Identität war plötzlich nicht mehr durch präexistente Modelle vorgegeben, sondern sie musste sich jeder in einem langwierigen biographischen Selbstfindungsprozess erwerben. Die heutige junge Generation lebt in einer überkomplexen, drastisch beschleunigten Welt und hat den Glauben an eine Identität, die man sich über Jahre und Jahrzehnte hinweg individuell erwerben muss, und die einem entsprechend stark anhaftet, aufgegeben.
Heute ist die Identität kommerzialisiert, also käuflich, fragmentiert und schnell wechselbar. Identität ist inzwischen gleichbedeutend mit dem individuellen Arrangement verschiedener Labels, die wiederum verschiedene Images kommunizieren und auf den Träger projizieren. Labels kann man sich, das nötige Kapital vorausgesetzt, kaufen. Man wechselt sie buchstäblich wie die Unterhosen- je nachdem, was gerade opportun ist. Identitäten werden heute nicht mehr erworben, sondern sie werden von darauf spezialisierten Label- Industrien konzipiert, produziert und vermarktet. Insofern kann man sagen, dass die heutige Jugend näher an ihren Großeltern als an ihren Eltern ist, was ihre Identitätskonstitution anbelangt. War man früher durch Traditionen und Normbiographiemodelle determiniert und gleichgeschaltet, so ist man es heute durch das vorgegebene Sortiment von Labels und Marketingstrategien. War früher die Identitätsfrage an religiöse und moralische Autoritäten delegiert, so delegiert man sie heute an die Labels. Letzteres ist ein Zeichen von frei gewählter Unmündigkeit, aus der Bequemlichkeit heraus, den beschwerlichen, mühsamen Prozess eines individualistischen Identitätserwerbs im ´68er- Stil nicht auf sich nehmen zu wollen. Wir haben es heute also eher mit schnell wechselnden Abziehbildern als mit „Persönlichkeit“ im aufklärerischen oder humanistischen Sinn dieses Wortes zu tun.
Das spiegelt sich auch im Umgang mit der Sexualität. Früher war eine legitimierte, auf geistiger Ebene angebahnte Beziehung die Voraussetzung und der Bezugsrahmen für die Ausübung von Sexualität; man musste sich zuerst diese Beziehung erarbeiten und verdiente sich durch diesen langwierigen und aufwändigen Prozess den Sex, sozusagen als Belohnung für geleistete Beziehungsarbeit, als Ertrag aus umfangreichen und auf Dauer angelegten Investitionen. Sex wurde demzufolge als verborgener, wertvoller Schatz angesehen, den man nach einer gemeinsamen Suche, die oft genug einer Odyssee ähnelte, vielleicht fand und aus den Tiefen der Tabuisierung hob.
Diese Konstruktion von Partnerschaft schloss natürlich große Risiken mit ein, vor allem die Gefahr, dass die erwähnte Suche nie ihr Ziel fand, oder dass nur einer, oft sogar keiner der Partner die Schatzinsel des Sexus, der Lust, der Befriedigung wirklich unbeschadet erreichte: Wer eine Odyssee beginnt, begibt sich in Gefahr. Die Literatur jener Zeit, die voller verknöcherter Hagestolze, gerissener Don Juans, armseliger Casanovas, unbefriedigter Hausfrauen, gefallener Mädchen und geschiedener Ehepaare ist, legt beredtes Zeugnis von diesen Gefahren ab. Das will ich hier gar nicht verheimlichen oder verharmlosen.
Heute haben sich diese Verhältnisse analog zur Entwicklung der Börsenkultur verändert: Gefragt sind nicht mehr Nachhaltigkeit und langfristige Investitionen, es geht vielmehr um schnelles Geld, kurzfristige Gewinnmitnahmen, sprunghafte Fantasien und unbesonnene Spekulationen.
Sex hat heute Verabredungscharakter, er ist nicht mehr großes Ziel und Höhepunkt einer langen, gemeinsamen Beziehungsarbeit oder Suche, sondern er steht am Anfang potenzieller, noch gar nicht existierender Beziehungen. Sex dient allenfalls noch dazu, fragliche Beziehungschancen im Vorfeld abzuklären. Die Folge ist, dass man sich in aller Regel die Beziehungsarbeit spart, weil es nach dem gehabten Sex keine wirkliche Motivation mehr gibt, sie sich anzutun.
Die Zugangsrestriktion zur Welt des Sex heißt nicht mehr länger „Intimität“, sondern „Schönheit“. Während früher nur Menschen legitim miteinander Sex haben konnten, die miteinander eine formell- offizielle Intimbeziehung aufgebaut hatten, kann man heute sehr wohl Sex haben, ohne miteinander intim zu werden, ohne eine Beziehung aufgebaut zu haben. Heute heißt der latente Subtext der Sexualität: „Nur schöne Menschen können Sex haben.“
Die frühere Hochsicherheitszone des Intimbereichs, eine Art Schatzkammer der Identität, ein Allerheiligstes der Persönlichkeit, in die man den Partner, wenn überhaupt, nur nach langen und harten Prüfungen Schritt für Schritt (vom ersten Kuss über das Petting zum echten Sex) eingelassen hat, ist in Folge dessen heute zur leeren, wertlosen Durchgangsstation verkommen. Virginie Despentes legt diese Erkenntnis in ihrem epochalen Film „Baise- moi!“ ihrer Protagonistin Manu in den Mund: „Das ist wie mit dem Wagen, den du in der Vorstadt parkst: Du lässt nichts drin, weil du nicht verhindern kannst, dass er aufgebrochen wird. Mit meiner Möse ist das genauso: Ich kann es nicht verhindern und habe nichts Wertvolles dringelassen.“
Die Inflation der Sexualität hat also zu ihrer Ubiquität und damit zu ihrer zunehmenden Entwertung geführt. Damit fällt für diejenigen Individuen, die ihres Intimbereichs auf diese Weise nolens volens ledig geworden sind- und das sind immer mehr von uns- die schlechthinige Möglichkeit weg, ihre Intimität als transzendierten Wertschöpfungsort zu nutzen. Sie verlieren durch diese Entwertung ihrer Intimität meist ihr einziges, in jedem Fall aber ihr wichtigstes Potenzial, ihrem Leben emotionale Tiefe, so etwas wie Befriedigung oder gar eine Spur von Glück einzuhauchen.
Was zurückbleibt, in diesen Menschen, ist Leere. Diese Leere beim Miteinanderreden, diese Leere beim Miteinanderschlafen. Dieses Gefühl, dass da Nichts ist, wo doch Etwas sein sollte. Dieses Gefühl, dass etwas Wichtiges fehlt. Dieses Gefühl: „Das kann doch nicht alles gewesen sein...“





Kommentare
Toll
28.11.2005, 21:07 von Singapursollte man die heutige sexuelle Situation nicht einfach mal so nehmen wie sie ist und mit sich selbst vereinbaren, was für einen selbst klar geht und was nicht? Ich persönlich finde es überhaupt nicht schlimm, das Sex unpersönlich sein kann, wenn man es will, denn Sex ist Sex und trotzdem kann er gut sein, auch wenn man nicht zu 100 % mit sich und seinem Körper zufrieden ist! Man sollte es mal so sehen: Man hat alles Möglichkeiten, man muss sich nur aussuchen, welche einem am ehesten zusagt, oder zumindest Situationsbedingt zusagt!
23.10.2005, 14:23 von Sabsbei dem text fällt mr spontan lustkiller nr 3 ein : zu viel texten !!!!!!!!!!!!!!!
21.10.2005, 14:06 von Neffewow !!!! super text!!!
11.10.2005, 14:02 von BlueStartrifft den nerv der zeit exakt!!!
.... was ja wiederum sehr traurig ist....
ich werd mir mal gedanken darüber machen, auf anhieb eine passende antwort auf all diese aussagen zu finden, find ich sehr schwer. aber das lob sollte schon mal stehen!! :-)
ich teile deine Meinung! intimität bedeutet sich fallen lassen können, verletztbar zu werden. Die Fähigkeit dies zu erleben, zu lieben und damit irgendwann guten sex zu haben wird in der Kindheit grudlegend bestimmt, psychologisch betrachtet. Der Konsum in unserer Null-acht-fufzig fun-Welt zwischen Playstation und Plasmabildschirm entrückt uns von der Realität. Werbeinhalte und Filmszenen werden zum Maßstab. Ich denke weniger die Angst zu versagen, als vielmehr die Unlust sich auf die realen Dinge wirklich einzulassen, intim zu werden, führen zu einem degenerierten Bild eines sexlosen, unbefriedigten Singles. - Sex ist etwas wunderbares, solange man bei der Sache ist, solange Sex nicht bedeutet, dass ich zum Helden werden muss. Wenn Sex mit Liebe zu tun haben soll, dann darf Sex auch mit Schwäche zu tun haben. Kein Grund für Komplexe. Dann darf Sex auch etwas spannendes, besonderes zwischen mir und der (einer der ;-) ) Person sein, die ich liebe. Denn geliebt wird man ja bekanntlich nur dort wo man Schwäche zeigen kann ohne Stärke zu provozieren. In diesem Sinne: glücklicher Sex kann erfüllend sein.
06.10.2005, 19:57 von TomDurenski