Von meiner Dummheit
Ich war immer der Meinung durch und durch lesbisch zu sein. Und dann kam Marek.
Ich mag nicht, wie Männer riechen, wenn sie geil sind. Alle verströmen sie dann den gleichen aufdringlichen „Fickmich!“-Geruch, der aus jeder Körperöffnung zu strömen scheint. Wenn du sie küsst kommt dir eine ganze Ladung davon aus ihren Mündern entgegen, aus jeder Pore fließt ein einzelner kleiner Bach an Sexualhormonen und vernebelt dir die Sinne, dass du fast ohnmächtig wirst. Außerdem haben sie überall Haare: an den Beinen, im Gesicht, am Hintern. Wenn mir nur ein Freund zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange gibt und dabei meinem Mund zu nahe kommt, dann zücke ich sofort meinen Weleda-Lippenpflegestift um die vermeintlichen Kratzwunden zu versorgen, die durch etwaige Bartstoppeln entstanden sind.
Und was bitte soll an einem Klumpen länglich angeordneter Zellen im Genitalbereich so super sein, die sich versteifen um dich anschließend aufzuspießen und in dir herumzurühren?
Ich hab den Reiz dahinter nie verstanden und die Male, die ich die Gelegenheit hatte, mit einem Mann zu schlafen, hab ich im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Es war immer okay solange nur sie mich berührt haben. In dem Moment, in dem ich sie anfassen sollte schaltete meine Gehirn auf Sperre und ich wusste: „Hier läuft etwas grad gewaltig schief. Das ist nicht meins.“
Und dann kam Marek.
Ich war eigentlich unterwegs um die Homoszene in Krakau zu erkunden. Nach ewigem hin und her bekam ich den Tipp, es mal im „Laf“ zu probieren, einem winzigen Kellerclub, in dem sich die Lesben der Stadt vorzugsweise aufhalten. Völlig auf mich gestellt in meiner neuen Heimat freute ich mich, als ich schon nach wenigen Minuten mit einem netten Schwulen namens Sebastian ins Gespräch kam, der mir sogar anbot, mich ein wenig an die Hand zu nehmen. Kurz darauf fand ich mich auf der Straße wieder, auf dem Weg in den nächsten Pub. Das tolle am Krakauer Nachtleben ist, dass die Clubs in der Regel keinen Eintritt verlangen und man daher ganz einfach und billig viele verschiedene Bars und Clubs in einer Nacht abklappern kann. Wenn eine Party langweilig wird: einfach auf zur nächsten!
Wir gingen ins „Moment“, eine schicke Kneipe im Ausgehviertel Kazimierz. Mit mittlerweile dem dritten Caipi des abends in der Hand gesellte ich mich zu den Freunden und Bekannten Sebastians an der Bar.
Marek fiel mir sofort auf. Neben seinem wirklich ausgezeichneten Kleidungsgeschmack hatte er noch dazu ein bildhübsches Gesicht. Da passte einfach alles zusammen. Seine feinen Gesichtzüge wurden umrandet von einem sehr kurz gestutzten dunklen Vollbart und Augen wie seine habe ich wirklich in meinem Leben noch nicht gesehen. Intuitiv würde ich sie als arktikblau bezeichnen; genauso stelle ich mir den Himmel über unendlichen Weiten von Eis vor.
Wir kamen gleich ins Gespräch, lachten gemeinsam und brachten uns die lustigsten Dinge in unseren jeweiligen Muttersprachen bei. Ich konnte den Blick nicht von ihm wenden. Mein ganzer körper drängte in seine Richtung. Wir rauchten, tranken, lachten, redeten, tranken noch mehr und waren plötzlich die Letzten in der gesamten Bar. Gemeinsam mit Malwina, der Ficke von Mareks Mitbewohner, bestiegen wir ein Taxi und fuhren zu ihm nach hause. Ich war inzwischen total wild darauf, ihn zu küssen. Wenn ich betrunken bin knutsche ich häufig mit schwulen Männern rum. Diesmal aber war es anders, ich war wirklich scharf auf diesen mir völlig unbekannten, heterosexuellen jungen Krakauer.
Angekommen in seiner Wohnung veranschiedete sich Malwina in ein anderes Zimmer und ließ mich mit Marek und seinem Einzelbett allein. Er gab mir ein Schlafshirt und ich legte mich neben ihn. Ohne zu zögern drehte ich mich in seine Richtung und küsste ihn.
Mich kitzelten die Bartstoppeln, ich konnte die Erregung in ihm aufsteigen riechen und spürte seinen Schwanz unter mir härter werden. Nichts davon empfand ich als störend.
Er zog mir das Shirt vom Körper und zerrte an meiner Unterhose. Ich hörte mich sagen: „I’m a fucking lesbian, i’m not able to sleep with you!“, um gleich darauf hinzuzufügen: “But I could try.”
Er nahm mich von vorn, von hinten. Mal war ich oben, mal er. Ich spürte die Haare an seinem Körper und als er ganz tief in mich eindrang empfand ich einen leichten Schmerz. Das alles war mir egal, ich war einfach nur scharf auf ihn.
Ich bestand darauf, nach Hause in mein eigenes Bett zu fahren, obwohl er mich bat zu bleiben: „You’re sweet as candy. Please stay.“
Aber ich brauchte jetzt meine Ruhe, musste mit mir allein sein.
Es kam mir vor wie eine Ewigkeit bis ich endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, ständig wachte ich auf. In den kurzen Schlafphasen träumte ich ausschließlich von Sex. Ich hatte Sex mit diversen Leuten, schaute anderen beim vögeln zu.
Als ich am frühen Nachmittag endgültig aufwachte wurde mir mit einem Schlag klar, was ich da getan hatte: ich hatte mich ohne Verhütung von einem völlig Unbekannten entjungfern lassen. Meine beste Freundin in Deutschland versuchte mich am Telefon aufzumuntern. Dass das alles gar nicht so tragisch sei, ich solle mir jetzt einfach die „Pille danach“ besorgen.
Bei meinem Einzug hatte mir mein Vermieter die Gegend um unser Haus herum beschrieben und lachend gemeint: „Aber das Krankenhaus, das direkt am anderen Ende der Straße liegt, wirst du ja hoffentlich niemals brauchen.“ An einem Sonntag blieb mir nun nichts anderes übrig.
Mein Herz atmete vor Erleichterung auf als ich die gynäkologische Abteilung betrat. Eine Krankenschwester rief für mich nach dem Arzt. Sie erklärte ihm, dass ich die Pille brauche. Dafür sei er nicht zuständig war seine Antwort. Da ich annahm, dass er mich nicht richtig verstanden habe, betonte ich nochmal, dass ich die Pille „für danach“ brauchte. Er sah mich abweisend an und sagte nur: „Thats not my problem. It’s yours.“ Dann drehte er sich um und ließ mich stehen. Ich rief ihm noch ein “fuck you“ hinterher und verließ frustriert und entsetzt das Krankenhaus.
Draußen entdeckte ich, dass sich direkt gegenüber des Krankenhauses eine geöffnete Apotheke befand.
Ich trug der Apothekerin mein Problem vor und hoffte inständig, dass das Pärchen, das an der Kasse neben mir stand kein Englisch verstand und nun nicht auch noch von meinem Problem erfuhr.
Für die Pille müsse ich zum Arzt gehen und mir ein Rezept holen. Die Tatsache, dass mich der Gynäkologe eben einfach weggeschickt hatte beeindruckte sie nicht. sie habe Vorschriften, an die sie sich halten müsse.
Völlig fertig sank ich auf der Straße auf einem Bordstein zusammen. Fieberhaft überlegte ich, was nun zu tun sei. Plötzlich stand das paar vor mir, das zuvor nebenan in der Apotheke Tabletten gekauft hatte.
„In Polen ist es sehr schwierig an die Pille zu kommen. Du musst zu einem privaten Arzt gehen. Du kannst mit uns kommen; wir bringen dich hin.“
Ich konnte es nicht glauben; zwei Menschen, die ich überhaupt nicht kannte, luden mich in ihr Auto und fuhren mit mir zu einer Arztpraxis. Sie war geschlossen und es ging weiter zur nächsten, die ebenfalls geschlossen hatte. Der Mann rief die Telefonnummer an, die draußen an der Haustür stand.
Wie lange ist der Sex her? Wie alt bist du?
Ich weiss gar nicht, wie ich den Zweien danken soll. Morgen früh habe ich einen Termin beim Frauenarzt, der mir ein Rezept ausstellen wird.
Marek hat sich gemeldet, mich gefragt, wie es mir geht und war geradezu beleidigt, dass ich ihn nicht um Rat wegen der Pille gefragt habe. Er ist sich seiner Verantwortung durchaus bewusst. Als mir gegen halb zehn abends auffiel, dass ich nicht genug Bargeld habe, um den Arzt zu bezahlen, stand er wenige minuten später mit seinem Auto unten und kutschierte mich zur Bank.
Jetzt sitze ich im Bett und rauche noch eine letzte Zigarette, bevor ich mich schlafen lege und darauf warte, ein Hormonmittel zu nehmen, das verhindern soll, dass sich ein Baby in meinem Bauch einnistet.
Wir haben dem vielleicht entstehenden Kind einen Namen gegeben: costam costam. Das ist polnisch und heisst „blabla“.





Kommentare
Mit Begeisterung gelesen. Stiltechnisch verbesserungsfähig. Geschichte bekannt und verstanden. Weiterer Kommentar noch nicht möglich. Danke für den Denkanstoß.
19.09.2009, 11:54 von FritzvonSpitzCostam costam.