justanotherpicture 21.07.2013, 14:48 Uhr 68 84

"Unfassbar" steht für "und" - Teil 1

Die Nacht hat sich herausgeputzt und begrüßt uns in all ihrer bizarren Schönheit.

„Ich habe da eigentlich keine große Lust drauf“, sage ich zu Marian, meinem Mitbewohner, aber den kann niemand mehr aufhalten, er redet schon seit Tagen nur noch von dieser Party und so steht er vor mir: Im etwas zu großen Superman-Kostüm, das „S“ hat er mit schwarzem Gaffa-Tape überklebt und unbeholfen ein „M“ auf seiner Brust geformt; unter dem Arm trägt er eine dieser unvermeidlichen Zebra-Masken, die martialische Bemalung amerikanischer Footballspieler ziert sein Gesicht. Die dunklen Locken hat er mit einem Schweißband zurückgebunden. Warum eigentlich Maske und Bemalung, will ich fragen, aber irgendwie ist es mir auch egal, wie mir so vieles momentan egal ist, das Leben seit Wochen ein gleichförmiger Fluss aus Alkohol, Zigaretten und Belanglosigkeiten.

 „Los, jetzt komm schon, hab dich nicht so“, weckt mich Marian aus meiner Apathie, „du hast mir versprochen, dass du mitkommst. Es wird bestimmt lustig!“

„Ich habe doch noch nicht mal eine Verkleidung“, entgegne ich. Selbstverständlich handelt es sich um eine Bad-Taste-Party. Bad Taste, das Ed-Hardy-Shirt unter den Partymottos. Marian wirft mir seinen Zebrakopf zu. „Jetzt hast du eine!“

Und so ziehen wir dann tatsächlich los. Marian, der Superman mit Kriegsbemalung in knallbunten Turnschuhen und weißen Tennissocken, die er über die Beine seines Kostüms gezogen hat. Und ich: Weißes T-Shirt, graue Jeans, Zebrakopf. Eigentlich die viel coolere Verkleidung, denke ich, während ich mich so in den spiegelnden Scheiben der U-Bahn mustere, die uns zu der angekündigten Festivität chauffiert. Zumindest glaube ich mal ein Musikvideo aus der angelsächsischen Hemisphäre gesehen zu haben, in dem die Jugendlichen auf einer exzessiven Hausparty genauso rumliefen wie ich jetzt. Ein bisschen cool fühle ich mich ja irgendwie, denke ich, während Marian wie ein Clown aussieht. Aber ein lustiger, sehr charmanter Clown, der schon wieder im Begriff ist, mit jeder anwesenden Frau in der Bahn zu flirten. Dann piepst sein Handy kurz, tatsächlich eine SMS, es ist Pierre, einer der Veranstalter der Party und bekennender Verweigerer von Smartphones und technischem Fortschritt im Allgemeinen.

Hallo Jungs, wäre voll gut, wenn ihr noch Bier unfassbar Wodka mitbringen könntet außerdem Chips unfassbar Nachos, die Bude platzt aus allen Nähten es ist der Hammer!!

„Warum schreibt er so oft unfassbar?“, frage ich Marian.

„Oh“, Marian lacht, „unfassbar steht für und. Irgendwas stimmt mit der Texterkennung seines Handys nicht. Aber daran gewöhnt man sich.“

„Und was ist, wenn er wirklich mal unfassbar schreiben will? Schreibt er dann stattdessen und?“

„Ne, dann schreibt er unfassbar.“

„Unfassbar“, entgegne ich.

Dann erklärt mir Marian noch, dass Pierre kein Franzose ist, sondern seine Eltern bekennende Winnetou-Fans sind und ihn nach Pierre Brice benannt haben, dem französischen Darsteller des Apachen-Häuptlings. Ich überlege kurz, ob ich noch einmal „unfassbar“ sagen oder Marian mit dem unnützen Wissen langweilen soll, dass Pierre Brice eigentlich Pierre Louis Baron de Bris heißt und Winnetou nicht in den USA, sondern im ehemaligen Jugoslawien gedreht wurde, verkneife es mir aber. Eines Tages wird der Moment kommen, in dem ich dieses Wissen, das ich mir in unzähligen nächtlichen Dokumentationen angeeignet habe, gewinnbringend einsetzen kann. Vielleicht bei Wer wird Millionär oder so. Sein Pulver lieber nicht zu früh verschießen.

Die restliche Bahnfahrt plätschert so dahin wie das Wegbier in unsere Kehlen. Als wir aussteigen, herrscht das typische Gedränge einer Samstagnacht in der Großstadt; man sieht Jungs mit Undercut in Röhrenjeans, junge Mädchen in viel zu kurzen schwarzen Kleidchen, die wackelig auf hohen Schuhen herumstolzieren und dabei den erhabenen Charme volltrunkener Flamingos verströmen; man sieht Tätowierte, Flaschensammler, Obdachlose, Straßenmusiker, Nachtarbeiter, mies gelaunte Fahrkartenkontrolleure und pöbelnde Betrunkene. Die Nacht hat sich herausgeputzt und begrüßt uns in all ihrer bizarren Schönheit.

Nachdem wir die Treppen zur Oberfläche erklommen haben, suchen wir den nächstgelegenen Kiosk auf und kaufen, was uns aufgetragen wurde. Der türkische Kassierer am Tresen sieht aus wie eine Kreuzung aus Elvis Presley und Muhammad Ali, im Hintergrund läuft „Love Me Tender“ in Endlosschleife; folgerichtig nennen ihn hier alle „The King“, was übrigens auch auf seinem Namensschild steht.

Fast dreißig Euro ärmer machen wir uns mit vollbeladenen Plastiktüten auf den Weg zu Pierres WG, Marian kennt den Weg. Die Wohnung liegt etwas abseits in einer Seitenstraße, doch schon ein paar Dutzend Meter davor können wir die Musik hören, die aus den geöffneten Türen und Fenstern aus dem obersten Stock schallt. Man kann von hier unten sogar einen Blick auf den Balkon erhaschen, ein unüberschaubares Knäuel aus kostümierten Menschen drängt sich ausgelassen tanzend darauf. Woher weiß man eigentlich, wie viel Belastung so ein Balkon verträgt, frage ich mich und stürze vor meinem geistigen Auge wenige Minuten später mit einem Haufen maskierter Unbekannter auf die Straße, meine Knochen brechen und ich sterbe, noch bevor ich mein erstes Buch veröffentlicht habe. Wie will Pierre das meinen Eltern erklären? Noch imposanter wirken nur die Stroboskop-Lichter, die die Partygesellschaft in zuckendes, immer wieder aufblitzendes Licht tauchen und dem Ganzen selbst aus der Entfernung eine surreale Atmosphäre verleihen.

„Na, was sagst du jetzt?“, fragt mich Marian grinsend und drückt mir seinen Ellbogen in die Seite, kurz bevor wir an der Haustür angelangt sind. Nebenan kotzt bereits ein Mädchen im Panda-Kostüm in den Busch, während ein Gorilla ihre Haare hochhält. „Vielleicht wird das gar nicht so schlecht“, antworte ich und muss zum ersten Mal seit einer Woche ebenso grinsen. 

Nach gefühlten fünf Minuten Sturmklingeln betätigt endlich jemand den Summer und wir nehmen die Stufen in dem geräumigen Altbau-Treppenhaus trotz schwerer Tüten im Laufschritt. Die Musik ist jetzt schon so laut wie in einem Club und als wir im fünften Stock ankommen, stellen wir fest, dass sich die Party aus Platzgründen bereits in den Hausflur ausgedehnt hat. Es riecht nach Zigarettenrauch, Marihuana, Schweiß und Schnaps, am Boden klebt dieser undefinierbare Belag aus unbekannten Substanzen, der sich spätestens ab 3 Uhr morgens auf jeder Hausparty bildet. Irgendwie schaffen wir es, uns in die Wohnung hineinzuquetschen, Marian wird herzlich von Batman und jemandem, der aussieht wie MC Fitti, begrüßt, ich kenne niemanden hier.

„Wo ist denn deine Verkleidung?“, vernehme ich eine Frauenstimme hinter mir. Ich drehe mich um und blicke in die schönsten blauen Augen, die ich jemals gesehen habe. Leider kann ich ansonsten nicht viel von dem Mädchen erkennen, da sie den Rest ihres Antlitzes hinter einer venezianischen Maske verbirgt. „Meine Verkleidung?“, erwidere ich höchst originell. FUCK! Die Zebra-Maske. Hab ich wohl beim King liegen gelassen. Noch bevor ich irgendetwas weiteres Sinnvolles hinzufügen kann, sagt die Schönheit „Ist auch egal“, nimmt meine Hand und zieht mich vorbei an unzähligen Leibern in einen komplett überfüllten Raum, der mit viel Fantasie mal das Wohnzimmer gewesen sein könnte. Die Musik ist so laut, dass jeder Unterhaltungsversuch zum Scheitern verurteilt ist und so geben wir uns einfach der tanzenden Menge hin. Fast automatisch wandern meine Hände um die Hüfte der schönen Fremden, die sich immer enger an mich schmiegt. Normalerweise brauche ich mindestens sechs Bier, um so locker zu werden. Aber heute ist alles anders. Diese Nacht wird gut, das spüre ich, das spürt jeder im Raum, die Welt meint es heute gut mit uns, von dieser Party werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen. Minuten verstreichen wie Sekunden, unfassbar, denke ich ein letztes Mal, und Erdbeerlikör, als mich das Mädchen zu sich heranzieht und küsst. Dann höre ich einfach mit dem Denken auf. 

Teil 2

grossstadtgeschichten.tumblr.com

84

Diesen Text mochten auch

68 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Sehr authentisch und amüsant. Das Ende kam aber ganz schön plötzlich und kitschig ;). Ich hätte die Geschichte bei 'ich kenne niemanden hier' enden lassen, hätte gut zum etwas pessimistischen Erzähler gepasst. Aber gefällt mir strotzdem wirklich gut!

    27.08.2013, 12:48 von Kiwi0815
    • 0

      Danke... "strotzdem"! :)

      27.08.2013, 17:48 von justanotherpicture
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Gute Worte hast du da gefunden..

    10.08.2013, 01:09 von where_are_U
    • Kommentar schreiben
  • 1

    top Beschreibung der nacht! ich finde sie braucht gar keinen Höhepunkt. ich weiß auch nicht wieso aber ich habe sie gelesen und es hat genau gepasst wie sie aufhörte ;)

    03.08.2013, 21:14 von bananenphilosophie
    • Kommentar schreiben
  • 2

    groß(stadt)artig.

    03.08.2013, 20:31 von Fadenroth
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich find's toll.. als wär man dabei gewesen..

    02.08.2013, 14:30 von LynchburgLemonade
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Schöne Momentaufnahmen einer Partynacht!
    Besonders gut gefallen mir die volltrunkenen Flamingos und das kotzende Pandamädchen.
    Ansonsten geht es mir ähnlich wie nacht_wind,
    man wartet irgendwie, dass noch etwas passiert,
    das so richtig klickt. Aber dennoch: einwandfreier Schreibstil, sehr souverän!

    30.07.2013, 16:43 von MarbleSounds
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Erhabener Charme volltrunkener Flamingos und unfassbar bedeutet und, finde ich genial. Mir gefällt diese auf-dem-Weg-zur-nächsten-großen-Party-Mentalität des Textes. Finde ich persönlich genauso gut, wenn nicht sogar unterhaltsamer als ständige Herzschmerztexte. Deshalb finde ich es auch passend, dass das Augenmerk nicht nur auf der eventuellen großen Liebe oder Sexbekanntschaft am Ende liegt. Als Abschluss ist das okay, aber ich stimme nacht_wind zu, dass man einen richtigen Höhepunkt vermisst.
    Wird (trotzdem) geherzt.

    25.07.2013, 13:10 von gefuehlsblind
    • 0

      Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? :)

      25.07.2013, 19:12 von justanotherpicture
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Mir gefällt dein Schreibstil sehr gut, auch wenn mich die Story nicht allzu fesselt - mir fehlt irgendwie die Tiefe. Zwar beschreibst du großartig die Kulisse der Party bzw. die Hinfahrt, aber es fehlt einfach irgendwie ein Höhepunkt, eine Wende o.Ä. 

    Aber ich kann mir denken, dass das Verfassen von Kurzgeschichten ziemlich schwierig ist. Könnte mir aber irgendwie gut vorstellen ein Buch von dir zu lesen.

    24.07.2013, 21:55 von nacht_wind
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Ich hätte bis zum letzten Absatz irgendwie gedacht, dass der Erzähler eine Frau ist, aber nagut. :D  Hast dieses nächtliche Leben in den Großstädten gut eingefangen!

    24.07.2013, 18:13 von Urmeli
    • 0

      hab ich auch das Gefühl gehabt! :D und dann am Ende.. "nee, ist wohl echt ein typ" 

      15.08.2013, 22:26 von curlyy
    • 0

      Mh... ihr könnt ja mal diesen Text hier lesen, da habe ich aus der Perspektive einer Frau geschrieben und alle dachten, sie wäre ein Kerl.

      16.08.2013, 02:07 von justanotherpicture
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4
  • Chronik einer Liebe

    Passend zur Titelgeschichte erzählen im NEON-Blog zwei weitere Paare ihre digitale Liebesgeschichte - wir zeigen ihre unbearbeiteten Nachrichten.

  • »Wir sind alle egozentrisch«

    Die 26-jährige Zosia Mamet aus der Serie »Girls« erzählt im NEON Blog, was man macht, wenn ältere Frauen in der U-Bahn über Oralsex reden möchten.

  • Die Fluchthelferin

    Einen Tag lang haben wir Deutschlands berühmteste Poetry-Slammerin Julia Engelmann begleitet. Im Blog gibt sie Tipps für einen gelungenen Auftritt.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android