robert_suydam 08.08.2012, 15:46 Uhr 29 16

über die liebe zum rauch

...



genau betrachtet hat nicht der mensch einen fetisch, sondern der fetisch hat einen menschen. er ist allerdings weise genug, dem menschen nicht das gefühl von zuviel abhängigkeit zuzumuten. dieser goldenen kette rückwärts zu folgen, einen klaren blick auf den „fetisch“ zu werfen, wird dadurch nicht leichter. vielleicht sogar unmöglich. denn wer weiß schon, wie sehr begierde und sehnsucht den klaren blick trüben? was ist die liebe ohne ein rätsel?

ich liebe den rauch.

wir führen eine schwierige beziehung. irgendwie ist in vergessenheit geraten, wer zuerst auf den anderen aufmerksam wurde, wer den ersten schritt machte. und nun hängen wir aneinander und bereiten uns freude und mißvergnügen, je nach dem. doch die freude überwiegt und das mißvergnügen ist leicht ertragen. ein tropfen wermut, mehr nicht.

„wir“ - der personifizierte plural (eigentlich ein andauerndes paradoxon, denn so sehr zwei sich einander nähern, es bleibt doch immer eine deutliche grenze bestehen ) ist nicht in einer geschichte mit auftakt, dramatischem spannungsbogen und absehbarem ende erzählbar. „wir“ ist fragment und wird es immer bleiben.

ein paar fragmente kann ich dem neugierigen anbieten. anfangs, in jenem unscharfen bereich intuitiver annäherung, gab es kaum mehr als eine gänzlich unschuldige faszination:


- eine kerze, die man lange beobachtet, erlischt. und dann gibt es da den schneegrauen rauchfaden, der nach oben steigt, gebrochen wird, zerfasert, und auf eine ganz eigene weise riecht.

- ein schlecht ziehender ofen im nassen herbst. feuchtigkeit und rauch verbinden sich zu etwas, das man einen ganzen tag in der kleidung trägt. etwas, das man auswaschen muss, um es loszuwerden.

- ein onkel, fleischer von beruf, macht nicht nur leckere würste, sondern hängt einige von ihnen in den rauch, damit sie den winter in der kammer besser überstehen. man kann den rauch also auch essen.

- ein erwachsenenritual – nach dem abendessen wird ein dreiflammiger leuchter angezündet und die männer ziehen sich mit dieser tollen lampe an den küchentisch zurück, spielen karten und erzählen sich geschichten. dazu gibt es schnaps und unmengen zigaretten. als kleiner junge schleicht man ehrfürchtig durch diesen rätselraum, wäre gern dabei und versteht doch nichts: warum trinken sie zeug, von dem man die seltsamsten grimassen schneiden muss? was um himmels willen meinen sie mit den zahlen und komischen worten beim kartenspiel? und warum sitzen sie hustend in einem nebelartig verqualmten zimmer und schimpfen dann noch, wenn die oma das fenster aufmacht? alles sieht gut und geheimnisvoll aus. aber es stinkt.

es gibt mehr solcher episoden. sie sind ein teil dessen, was die jahre füllt. so wird man miteinander groß, ist bereits aneinander gewöhnt und vertraut, bevor aus einem losen verhältnis plötzlich eine packende affaire wird:

- ich stehe an der reling eines vertäuten flußschiffes und schaue reichlich nervös auf das wasser. denn neben mir steht eine unfassbar schöne frau und guckt genauso nervös. sie kramt mit schmalen händen nach einer zigarettenschachtel, zündet sich eine zigarette an, atmet tief ein und wird sichtbar ruhiger. dann bietet sie mir (was sie nicht weiß, ich ihr in diesem augenblick aber auch unmöglich sagen kann) meine erste zigarette an, wortlos, verschwörerisch. denn wir müssen uns ja beruhigen. sie gibt mir feuer und ich ziehe tief und tapfer. tausend nädelchen stechen in meiner lunge. natürlich unterdrücke ich das husten geschickt, wenn auch mühsam, denn an diesem abend gilt es, ganz besonders mannhaft zu sein. dann tut das nikotin, was es eben tut: es macht die muskeln schwer und den kopf leicht. gott sei dank.

so wurde ich zu dem, was man gemeinhin einen raucher nennt. allerdings fühle ich mich nicht wirklich als raucher. es ist ein kompromiß: der rauch wirkt am besten, wenn man ihn inhaliert. und alles was man im rauch aufnehmen kann, kann praktischer weise mit tabak gemischt werden und verträgt sich meist auch mit der wirkung des nikotins. von getrockneten blättern der unterschiedlichsten pflanzen bis zu bernsteinpulver (ein außerordentlicher gedanke: das jahrtausende alte blut von bäumen füllt einem die lunge) – der rauch ist ein vermittler, ein medium, ein geschichtenerzähler. und wo man atmet, da riecht man und deshalb ist es natürlich auch unvermeidlich, mit räucherwerk und duftstoffen umgang zu haben.

dinge, gegenstände, sind selbstverständlich von ganz eigener bedeutung dabei: das sehende, schmeckende, tastende, hörende und riechende empfinden von all dem, was der rauch zum leben braucht.
eine ganze welt entsteht aus dunst und schleier, nährt sich aus immer neuen entdeckungen: geräte, methoden, zutaten – in tausend jahren wüßte man nicht alles, hätte nicht alles gesehen, geatmet, gefühlt. eines steht fest: der rauch ist niemals langweilig.

die frau an der reling hat mit ihrem unmoralischen angebot auch dafür gesorgt, das der rauch seine dunstigen fühler über meinen sex gelegt hat. bei ihr hat es begonnen und seitdem nicht aufgehört:

- eine frau, im abendlichen dämmer, nach zigaretten riechend und ein wenig nach schnaps. mir ist vollkommen klar, das es genügend menschen gibt, die das sogar abstoßend finden würden. mich macht es an. so sehr, das ich gelegentlich schon von der vorstellung allein geil werden kann.

- rauchende frauen. die weibsbilder neigen ja ohnehin zu beständigerer eleganz als die kerle. im rauchen kommt das für mich drastisch zum ausdruck. gestik, mimik, atmen und verführerisches verhüllen. die rauchende frau ist immer ein versprechen der sünde.

- in den rauch küssen, in einem kuss rauch weitergeben. voneinander atmen.

- eine rauchende frau vögeln. doppelter genuß & zugleich auch die ahnung einer gewißen, reizvollen gleichgültigkeit.

- nach erschöpfendem sex eine rauchende frau anspritzen. hui!

die varianten sind endlos. jedes detail rundet das bild ab.ich stolpere so vor mich hin und der rauch ist immer dabei.

das ist vieles, aber immer eines: ruhige gewißheit. auf den rauch ist verlaß. sicher spielt dieser gedanke bei jedem anderen fetisch auch eine nicht zu unterschätzende rolle. mit den jahren wird der fetisch zu einem anker in den ungewissen tiefen der lust.

und selbst über die vielberaunte, ärgerliche dominanz kann ich etwas aus dem rauch ziehen: vermutlich ist sie nur dazu da, durch kontrolle den angemessenen raum für den kontrollverlust zu schaffen. jenen raum, in dem man zu einem seltenen menschen sagen kann: atme mich.

was für eine vorstellung.




Tags: Robert, Suydam
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29 Antworten

Kommentare

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  • 1

    oh man, da bekomme ich (eigentlich nichtraucher) total lust eine zu rauchen,

    schöner text

    20.08.2012, 03:15 von ilanz
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  • 3

    deine worte sind wie rauch. sie fließen ruhig, verteilen sich in meinem kopf und machen angenehme bilder.

    kein sprachliches ruckeln, kein bildliches. das ist selten.

    darauf eine zigarette.

    17.08.2012, 22:22 von YOLK
    • 0

      da nehm ich doch ne nase :)

      17.08.2012, 22:37 von Gluecksaktivistin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 4

    Hilft alles nix. Da fehlen die großen Buchstaben.

    11.08.2012, 11:20 von forst
    • 0

      Und wenn die da nun wären?
      Dann würdest du ein Herz vergeben?

      11.08.2012, 21:27 von Gluecksaktivistin
    • 1

      Dann hätte ich ihn gelesen.

      11.08.2012, 23:01 von forst
    • 1

      ach soo!

      ok. nur wer formwahrend deinen ästhetischen ansprüchen genügt, ist es wert, dass du ihm beachtung schenkst?

      11.08.2012, 23:04 von Gluecksaktivistin
    • 0

      Robert und ich haben das schon ausdiskutiert. Es ist seine Art zu schreiben und das ist völlig in Ordnung. Es gibt keinen Grund für ihn, das zu ändern und ich hab kein Recht, das zu verlangen. Warum auch? Sieh das als einen kleinen Insider zwischen uns ;) Ich bin mir sicher er weiß, dass ich seine Texte schätze.

      12.08.2012, 01:27 von forst
    • 0

      "Dann hätte ich ihn gelesen."

      vs.

      "Ich bin mir sicher er weiß, dass ich seine Texte schätze."

      ... der kommt gut, herr forst.
      surrealismus.
      der widerwille läßt etwas verneinen, das man aus höflichkeit bejat, obwohl man es widerwillig dem verinnerlichen vorenthielt, aber es ist trotzdem zu einem durchgedrungen, höflich.
      absurd.

      haben sie schon einmal einen hamster in seinem laufrad kleinbuchstaben kotzen sehen? - wenn der bursche einfach schnell, schnell, schnell weiterrennt, kann er in seiner eigenen geschichte ertrinken, obwohl er sie ekelhaft findet. oder gerade deshalb?

      herr s, wird ein bild daraus machen. 

      @ gluecksaktivistin :
      der herr forst hat recht, es wurde besprochen.
      rein argumentativ ist herr s. aber auf ihrer seite.
      er findet nämlich, daß den krümelkackern einfach die phantasie fehlt, sich einen kuchen vorzustellen ;-) . man darf sie deshalb nicht ausschimpfen. man muß sie bedauern, ein bißchen.

      12.08.2012, 12:47 von robert_suydam
    • 1

      ich finde es befremdlich, wenn man texte aufgrund der form nicht liest.
      ich  orientiere mich eher am titel und selektiere so, was ich als lesenswert oder eben nicht erachte...

      aber macht ihr mal. konnte ich ja nicht wissen

      12.08.2012, 13:05 von Gluecksaktivistin
    • 0

      wie gesagt:
      befremdlich finde ich persönlich das auch. schon deshalb, weil den armen formfetischisten soviel wunderbares durch die brille flutscht - experimentelle texte, konkrete poesie, wortspielerei ... morgenstern, jandl, ball ... all diese dinge fehlen in ihrer welt.
      wie bedauerlich.

      aber man kann ja niemanden zwingen.
      auch nicht zu meinem schreibkram.
      auch nicht den herrn forst.


      12.08.2012, 13:13 von robert_suydam
    • 0

      Sich gegenseitig widersprechende Wahrheiten können wunderbar parallel existieren. Auch inhaltliche Zu- und formelle Abneigung.


      Jetzt "rächt" sich meine kurze Antwort auf Glücks Frage, die nur einen Teil meiner Welt beleuchtet hat. Ein Krümel eines Kuchens wenn man so will. Ich habe nicht überhaupt nichts vom Text gelesen und auch nicht damit aufgehört weil er keine Großbuchstaben hat, das ist nur ein Teilbereich meiner Gründe und lässt sich weniger auf Formfetischismus zurückführen, eher auf Lesegewohnheiten. Der Rest sind Vermutungen, dazu brauch ich ja keine Position beziehen, auch wenn sie Ursache für Bedauern sind.



      12.08.2012, 14:04 von forst
    • 2

      das fühlt sich ja an wie sonntags an der spree, wenn man den ruderern beim rudern zuschaut.

      warum machen wir es nicht wie hannibal lecter und empfehlen uns ein wenig simplifizierung:

      was man nicht gelesen hat, über dessen inhalt sollte man schweigen.

      sobald man formfragen kritisiert, die sich auf einen inhalt beziehen (woher weiß man, ob ein text großbuchstaben enthält, wenn man ihn nicht gelesen hat ?), sollte man diesen inhalt kennen, oder schweigen.

      wenn einem etwas nicht gefällt, sollte man sagen: das gefällt mir nicht.
      das ist als geschmacksurteil ebenso wert und hilfreich wie das positive gegenteil.
      nicht weniger.
      nicht mehr.
      jede erweiterung ist und bleibt egowichse, oder, in den worten der großmütter:
      man soll nicht von sich auf andere schließen.

      ( befindlichkeitenbremse:
      herr s. verwendet das wort "sollte" ohne zeigefinger. es markiert nur seine ganz private überzeugung.)

      darüber hinaus hat herr s. nun genug kleine buchstaben über kleine buchstaben geschrieben. es gibt soviel schönere dinge, die man kleinbuchstabieren kann, selbst wenn man sie klein buchstabiert.

      12.08.2012, 14:27 von robert_suydam
    • 0

      Wenn man sich genug anstrengt, kann man in jedem Schwimmer einen gescheiterten Ruderer erkennen. 

      12.08.2012, 15:51 von forst
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  • 2

    Legt man auf Groß- und Kleinschreibung keinen Wert mehr?

    11.08.2012, 11:08 von Cenere
    • 2

      herr s. weiß nicht, wer "man" ist, aber für sich selbst und sein schreiben darf er aus ganzem herzen antworten:

      nein.



      11.08.2012, 11:57 von robert_suydam
    • 1

      je nach textart kann ich das gut nachvollziehen. geht mir genauso!

      11.08.2012, 16:27 von FrauTina
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  • 1

    Es wurde Zeit, dass Herr S. auf die S1 kommt, wenn auch das nicht mein Favorit gewesen wäre.

    - nach erschöpfendem sex eine rauchende frau anspritzen. hui!

    Somit passt der Text super zu Penis-Neon heute...

    10.08.2012, 22:24 von Mrs.McH
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Großes Kino!


    Ich setze mich gerne in den Sessel und schaue auf die Leinwand, lasse mich von den Woten eines Herrn S. einhüllen. Immer ein Vergnügen sich dabei zu beobachten, wie die Synapsenverbindungen knistern.

    10.08.2012, 16:11 von jetsam
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  • 2

    schöne gedanken zum thema.
    ich kenne die faszination des rauchs. fetisch würde ich das nun nicht gerade nennen, aber ich liebe den geruch ausgeblasener kerzen und streichhölzer und diesen würzigen geruch in den ersten kühlen tagen des herbstes, wenn man das erste  holz zum heizen anzüdet.. der geruch des holzrauchs ist unvergleichlich....
    interssanter text. gern gelesen.

    08.08.2012, 22:46 von Gluecksaktivistin
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  • 1

    faszinierend. 

    und wieder was gelernt. bernsteinpulverrauchen ist mir neu. 

    08.08.2012, 22:33 von Ozelotte
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Seite: 1 2

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