über die liebe zum rauch
...
genau betrachtet hat nicht der mensch einen fetisch, sondern der fetisch
hat einen menschen. er ist allerdings weise genug, dem menschen nicht
das gefühl von zuviel abhängigkeit zuzumuten. dieser goldenen kette
rückwärts zu folgen, einen klaren blick auf den „fetisch“ zu werfen,
wird dadurch nicht leichter. vielleicht sogar unmöglich. denn wer weiß
schon, wie sehr begierde und sehnsucht den klaren blick trüben? was ist
die liebe ohne ein rätsel?
ich liebe den rauch.
wir führen eine schwierige beziehung. irgendwie ist in vergessenheit
geraten, wer zuerst auf den anderen aufmerksam wurde, wer den ersten schritt machte. und nun hängen wir aneinander und bereiten uns freude
und mißvergnügen, je nach dem. doch die freude überwiegt und das mißvergnügen ist leicht ertragen. ein tropfen wermut, mehr nicht.
„wir“
- der personifizierte plural (eigentlich ein andauerndes paradoxon,
denn so sehr zwei sich einander nähern, es bleibt doch immer eine
deutliche grenze bestehen ) ist nicht in einer geschichte mit auftakt,
dramatischem spannungsbogen und absehbarem ende erzählbar. „wir“ ist fragment und wird es immer bleiben.
ein paar fragmente kann ich dem neugierigen
anbieten. anfangs, in jenem unscharfen bereich intuitiver annäherung,
gab es kaum mehr als eine gänzlich unschuldige faszination:
-
eine kerze, die man lange beobachtet, erlischt. und dann gibt es da den
schneegrauen rauchfaden, der nach oben steigt, gebrochen wird,
zerfasert, und auf eine ganz eigene weise riecht.
- ein schlecht
ziehender ofen im nassen herbst. feuchtigkeit und rauch verbinden sich
zu etwas, das man einen ganzen tag in der kleidung trägt. etwas, das man
auswaschen muss, um es loszuwerden.
- ein onkel, fleischer von beruf, macht nicht nur
leckere würste, sondern hängt einige von ihnen in den rauch, damit sie
den winter in der kammer besser überstehen. man kann den rauch also auch
essen.
- ein erwachsenenritual – nach dem abendessen wird ein
dreiflammiger leuchter angezündet und die männer ziehen sich mit dieser
tollen lampe an den küchentisch zurück, spielen karten und erzählen sich geschichten. dazu gibt es schnaps und unmengen zigaretten. als kleiner
junge schleicht man ehrfürchtig durch diesen rätselraum, wäre gern dabei
und versteht doch nichts: warum trinken sie zeug, von dem man die
seltsamsten grimassen schneiden muss? was um himmels willen meinen sie
mit den zahlen und komischen worten beim kartenspiel? und warum sitzen
sie hustend in einem nebelartig verqualmten zimmer und schimpfen dann
noch, wenn die oma das fenster aufmacht? alles sieht gut und
geheimnisvoll aus. aber es stinkt.
es gibt mehr solcher episoden. sie sind ein teil dessen, was die jahre füllt. so wird man miteinander groß, ist bereits aneinander gewöhnt und vertraut, bevor aus einem losen verhältnis plötzlich eine packende affaire wird:
- ich stehe an der reling eines vertäuten flußschiffes und schaue reichlich nervös auf das wasser. denn neben mir
steht eine unfassbar schöne frau und guckt genauso nervös. sie kramt mit
schmalen händen nach einer zigarettenschachtel, zündet sich eine zigarette an, atmet tief ein und wird sichtbar ruhiger. dann bietet sie
mir (was sie nicht weiß, ich ihr in diesem augenblick aber auch
unmöglich sagen kann) meine erste zigarette an, wortlos,
verschwörerisch. denn wir müssen uns ja beruhigen. sie gibt mir feuer
und ich ziehe tief und tapfer. tausend nädelchen stechen in meiner lunge. natürlich unterdrücke ich das husten geschickt, wenn auch mühsam,
denn an diesem abend gilt es, ganz besonders mannhaft zu sein. dann tut
das nikotin, was es eben tut: es macht die muskeln schwer und den kopf
leicht. gott sei dank.
so wurde ich zu dem, was man gemeinhin einen raucher nennt. allerdings fühle ich mich nicht wirklich als raucher. es ist ein kompromiß: der rauch wirkt am besten, wenn man ihn inhaliert. und alles was man im rauch aufnehmen kann, kann praktischer weise mit tabak gemischt werden und verträgt sich meist auch mit der wirkung des nikotins. von getrockneten blättern der unterschiedlichsten pflanzen bis zu bernsteinpulver (ein außerordentlicher gedanke: das jahrtausende alte blut von bäumen füllt einem die lunge) – der rauch ist ein vermittler, ein medium, ein geschichtenerzähler. und wo man atmet, da riecht man und deshalb ist es natürlich auch unvermeidlich, mit räucherwerk und duftstoffen umgang zu haben.
dinge, gegenstände, sind selbstverständlich von ganz
eigener bedeutung dabei: das sehende, schmeckende, tastende, hörende
und riechende empfinden von all dem, was der rauch zum leben braucht.
eine ganze welt entsteht aus dunst und schleier, nährt sich aus immer
neuen entdeckungen: geräte, methoden, zutaten – in tausend jahren wüßte
man nicht alles, hätte nicht alles gesehen, geatmet, gefühlt. eines
steht fest: der rauch ist niemals langweilig.
die frau an
der reling hat mit ihrem unmoralischen angebot auch dafür gesorgt, das
der rauch seine dunstigen fühler über meinen sex gelegt hat. bei ihr hat
es begonnen und seitdem nicht aufgehört:
- eine frau, im
abendlichen dämmer, nach zigaretten riechend und ein wenig nach schnaps. mir ist vollkommen klar, das es genügend menschen gibt, die das sogar
abstoßend finden würden. mich macht es an. so sehr, das ich gelegentlich
schon von der vorstellung allein geil werden kann.
- rauchende frauen. die weibsbilder neigen ja
ohnehin zu beständigerer eleganz als die kerle. im rauchen kommt das für
mich drastisch zum ausdruck. gestik, mimik, atmen und verführerisches verhüllen. die rauchende frau ist immer ein versprechen der sünde.
- in den rauch küssen, in einem kuss rauch weitergeben. voneinander atmen.
- eine rauchende frau vögeln. doppelter genuß & zugleich auch die ahnung einer gewißen, reizvollen gleichgültigkeit.
- nach erschöpfendem sex eine rauchende frau anspritzen. hui!
die varianten sind endlos. jedes detail rundet das bild ab.ich stolpere so vor mich hin und der rauch ist immer dabei.
das ist vieles, aber immer eines: ruhige gewißheit. auf den rauch ist verlaß. sicher spielt dieser gedanke bei
jedem anderen fetisch auch eine nicht zu unterschätzende rolle. mit den jahren wird der fetisch zu einem anker in den ungewissen tiefen der lust.
und selbst über die vielberaunte, ärgerliche dominanz kann ich etwas aus dem rauch ziehen: vermutlich ist sie nur
dazu da, durch kontrolle den angemessenen raum für den kontrollverlust
zu schaffen. jenen raum, in dem man zu einem seltenen menschen sagen
kann: atme mich.
was für eine vorstellung.
Tags: Robert, Suydam






Kommentare
oh man, da bekomme ich (eigentlich nichtraucher) total lust eine zu rauchen,
20.08.2012, 03:15 von ilanzschöner text
deine worte sind wie rauch. sie fließen ruhig, verteilen sich in meinem kopf und machen angenehme bilder.
17.08.2012, 22:22 von YOLKkein sprachliches ruckeln, kein bildliches. das ist selten.
darauf eine zigarette.
da nehm ich doch ne nase :)
17.08.2012, 22:37 von GluecksaktivistinHilft alles nix. Da fehlen die großen Buchstaben.
11.08.2012, 11:20 von forstUnd wenn die da nun wären?
11.08.2012, 21:27 von GluecksaktivistinDann würdest du ein Herz vergeben?
Dann hätte ich ihn gelesen.
11.08.2012, 23:01 von forstach soo!
11.08.2012, 23:04 von Gluecksaktivistinok. nur wer formwahrend deinen ästhetischen ansprüchen genügt, ist es wert, dass du ihm beachtung schenkst?
Robert und ich haben das schon ausdiskutiert. Es ist seine Art zu schreiben und das ist völlig in Ordnung. Es gibt keinen Grund für ihn, das zu ändern und ich hab kein Recht, das zu verlangen. Warum auch? Sieh das als einen kleinen Insider zwischen uns ;) Ich bin mir sicher er weiß, dass ich seine Texte schätze.
12.08.2012, 01:27 von forst"Dann hätte ich ihn gelesen."
12.08.2012, 12:47 von robert_suydamvs.
"Ich bin mir sicher er weiß, dass ich seine Texte schätze."
... der kommt gut, herr forst.
surrealismus.
der widerwille läßt etwas verneinen, das man aus höflichkeit bejat, obwohl man es widerwillig dem verinnerlichen vorenthielt, aber es ist trotzdem zu einem durchgedrungen, höflich.
absurd.
haben sie schon einmal einen hamster in seinem laufrad kleinbuchstaben kotzen sehen? - wenn der bursche einfach schnell, schnell, schnell weiterrennt, kann er in seiner eigenen geschichte ertrinken, obwohl er sie ekelhaft findet. oder gerade deshalb?
herr s, wird ein bild daraus machen.
@ gluecksaktivistin :
der herr forst hat recht, es wurde besprochen.
rein argumentativ ist herr s. aber auf ihrer seite.
er findet nämlich, daß den krümelkackern einfach die phantasie fehlt, sich einen kuchen vorzustellen ;-) . man darf sie deshalb nicht ausschimpfen. man muß sie bedauern, ein bißchen.
ich finde es befremdlich, wenn man texte aufgrund der form nicht liest.
12.08.2012, 13:05 von Gluecksaktivistinich orientiere mich eher am titel und selektiere so, was ich als lesenswert oder eben nicht erachte...
aber macht ihr mal. konnte ich ja nicht wissen
wie gesagt:
12.08.2012, 13:13 von robert_suydambefremdlich finde ich persönlich das auch. schon deshalb, weil den armen formfetischisten soviel wunderbares durch die brille flutscht - experimentelle texte, konkrete poesie, wortspielerei ... morgenstern, jandl, ball ... all diese dinge fehlen in ihrer welt.
wie bedauerlich.
aber man kann ja niemanden zwingen.
auch nicht zu meinem schreibkram.
auch nicht den herrn forst.
Sich gegenseitig widersprechende Wahrheiten können wunderbar parallel existieren. Auch inhaltliche Zu- und formelle Abneigung.
das fühlt sich ja an wie sonntags an der spree, wenn man den ruderern beim rudern zuschaut.
12.08.2012, 14:27 von robert_suydamwarum machen wir es nicht wie hannibal lecter und empfehlen uns ein wenig simplifizierung:
was man nicht gelesen hat, über dessen inhalt sollte man schweigen.
sobald man formfragen kritisiert, die sich auf einen inhalt beziehen (woher weiß man, ob ein text großbuchstaben enthält, wenn man ihn nicht gelesen hat ?), sollte man diesen inhalt kennen, oder schweigen.
wenn einem etwas nicht gefällt, sollte man sagen: das gefällt mir nicht.
das ist als geschmacksurteil ebenso wert und hilfreich wie das positive gegenteil.
nicht weniger.
nicht mehr.
jede erweiterung ist und bleibt egowichse, oder, in den worten der großmütter:
man soll nicht von sich auf andere schließen.
( befindlichkeitenbremse:
herr s. verwendet das wort "sollte" ohne zeigefinger. es markiert nur seine ganz private überzeugung.)
darüber hinaus hat herr s. nun genug kleine buchstaben über kleine buchstaben geschrieben. es gibt soviel schönere dinge, die man kleinbuchstabieren kann, selbst wenn man sie klein buchstabiert.
Wenn man sich genug anstrengt, kann man in jedem Schwimmer einen gescheiterten Ruderer erkennen.
12.08.2012, 15:51 von forstLegt man auf Groß- und Kleinschreibung keinen Wert mehr?
11.08.2012, 11:08 von Cenereherr s. weiß nicht, wer "man" ist, aber für sich selbst und sein schreiben darf er aus ganzem herzen antworten:
11.08.2012, 11:57 von robert_suydamnein.
je nach textart kann ich das gut nachvollziehen. geht mir genauso!
11.08.2012, 16:27 von FrauTinaEs wurde Zeit, dass Herr S. auf die S1 kommt, wenn auch das nicht mein Favorit gewesen wäre.
Somit passt der Text super zu Penis-Neon heute...10.08.2012, 22:24 von Mrs.McH
Großes Kino!
Ich setze mich gerne in den Sessel und schaue auf die Leinwand, lasse mich von den Woten eines Herrn S. einhüllen. Immer ein Vergnügen sich dabei zu beobachten, wie die Synapsenverbindungen knistern.
10.08.2012, 16:11 von jetsamschöne gedanken zum thema.
08.08.2012, 22:46 von Gluecksaktivistinich kenne die faszination des rauchs. fetisch würde ich das nun nicht gerade nennen, aber ich liebe den geruch ausgeblasener kerzen und streichhölzer und diesen würzigen geruch in den ersten kühlen tagen des herbstes, wenn man das erste holz zum heizen anzüdet.. der geruch des holzrauchs ist unvergleichlich....
interssanter text. gern gelesen.
faszinierend.
08.08.2012, 22:33 von Ozelotteund wieder was gelernt. bernsteinpulverrauchen ist mir neu.