Dela_Kienle 18.03.2004, 19:28 Uhr 0 2

Tierisch geil!

Tiere haben Sex. Und es dabei wirklich nicht einfach.

I. Zarte Bande
Das Schwierigste ist ja, den richtigen Lebenspartner kennen zu lernen. Jemanden zu finden, der keinen Schlag hat, keinen psychischen Knacks, der lustig ist und annehmbar aussieht, mit dem man Abenteuer erleben und auf den man sich gleichzeitig immer verlassen kann. Und wenn man so jemanden gefunden hat, wenn man sich endlich mal verliebt – dann muss der andere erstens noch frei sein und sich zweitens
auch interessieren.

Du denkst, du hast es schwer? Bei den Tieren läuft’s wirklich auch nicht besser. Viele Anglerfisch- Weibchen beispielsweise bleiben jahraus, jahrein frustriert. Zugegeben, es sind hässliche Tiefseemonster, mit Glupschaugen und krummen Zähnen. Aber sie haben’s auch besonders schwer, einen Geliebten zu finden! Vier von fünf treffen in den Tiefen des Ozeans ihr Leben lang kein Männchen. Kommen sie aber doch zusammen, ist ihre Liebe innig: Das winzige Männchen dockt am dicken Damenbauch an, verwächst mit ihm und lässt sich so künftig miternähren. Bei Bedarf gibt es Samen ab. Manche verkümmern bis auf die Hoden.

Bei der Balz gibt es verblüffende Parallelen zwischen Mensch und Tier. Der Amerikanische Ochsenfrosch beispielsweise ist beim Flirten nicht zu überhören. Fett hockt er mit den andern Jungs im Tümpel, bis zu zwei Kilometer weit schallt sein Gequake. Klar – wer sein Maul am weitesten aufreißt, bekommt die beste Frau, fast wie im wahren Leben. Eine andere wirksame Strategie ist es, mit Geschenken Eindruck zu schinden. Bei Menschen-Weibchen sollen sich Diamanten eignen; Skorpionfliegen-Damen hingegen lassen sich nur mit nahrhaften Speichelklumpen rumkriegen. Die formt ihr Verehrer persönlich, und nur, während sie daran knabbert, darf er ihr an die Wäsche.

Der Seidenlaubenvogel protzt lieber mit seiner Junggesellenbude. Was bleibt ihm auch übrig, diesem unscheinbaren Kerl? Also bastelt er monatelang an der Inneneinrichtung, mit Beeren, Orchideenblüten und kunstvoll geflochtenen Halmen. Und weil Blau bei Seidenlaubenvögeln so gut ankommt wie Design-Sofas bei Menschen-Weibchen, setzt er quietschblaue Wäscheklammern, Kugelschreiber und Müllsackfetzen in Szene, falls er sie irgendwo klauen kann. Nur in den schönsten Liebeslauben kommt es schließlich zum Liebesspiel.

II. Die Ausstattung
Schon klar: Es sind die inneren Werte, die zählen. Aber zum ersten Mal hingeguckt hast du wegen der niedlichen Grübchen. Oder wegen der Augen. Oder wegen des knackigen Hinterns. Körperliche Vorzüge werden überschätzt – aber unwichtig sind sie auch nicht. Und selbst wenn wohlmeinende Bettgenossinnen versichern, auf »seine« Größe käme es nicht an: Die Jungs fürchten trotzdem, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Männer, ihr müsst jetzt tapfer sein: Im Vergleich zum Tierreich ist eure Ausstattung tatsächlich nur Mittelklasse. Ein einziger Samen des Muschelkrebs Propontocypris monstrosa misst bis zu sieben Millimeter und ist damit zehnmal so lang wie sein Spender. Rechnet man das auf ein durchschnittliches Menschen-Männchen um, hätte es glibbrige 18-Meter-Monsterspermien.

Bei der Penisgröße protzt die Entenmuschel: Ihr gutes Stück ist fünfmal so lang wie sie selbst; beim Menschen ergäbe das gut neun Meter Mannespracht und würde für lustige Fesselspiele reichen.

Der Blauwal ist immerhin mit zweieinhalb Metern bestückt – aber Gorillas bringen es nur auf traurige drei Zentimeter, nebst winzigen Hoden. Woran das liegt? In der Natur gilt die Faustregel: Je treuer die Weibchen, desto unspektakulärer die Ausstattung. Gorillas müssen sich nicht bemühen, weil sie über einen braven, anhänglichen Harem verfügen. Dass die Hoden der Menschen-Männchen mittelmäßig groß sind, deutet evolutionsgeschichtlich darauf hin, dass ihre Weibchen nur mittelmäßig treu sind. Noppen, Häkchen, Borsten: Wenn Menschen auf so was stehen, müssen sie sich Sado-Maso- Dildos aus dem Sexshop besorgen – und schämen sich, wenn ein Besucher das Spielzeug zwischen den Sofaritzen entdeckt. Die Penisse vieler Tiere hingegen sind von Natur aus verschwenderisch ausgestattet. Aber bloß kein Neid – das ist auch nicht immer ein Vergnügen. Hunde zum Beispiel bleiben nach der Begattung noch eine Zeit lang aneinander hängen, bis ein spezieller Schwellkörper wieder zusammenge-schrumpft ist. Was für ein Alptraum! Da hat es die Natur mit vielen Schlangen und Echsen besser gemeint: Sie besitzen bequemerweise gleich zwei Penisse; in Aktion tritt jeweils derjenige, der näher am Zielort liegt. Dafür können Spitzmaus-Männchen ihr Gemächt nach Gebrauch zusammenklappen wie ein Schweizer Taschenmesser.

Noch unglaublicher: Schweinswale haben einen Schnupper-Schniedel! Mitte der 90er Jahre hat der Forscher Günther Behrmann entdeckt, dass an der Spitze des Begattungsorgans Chemorezeptoren sitzen, die auf den Geruch der Walvagina zusteuern. Der Japanische Schwalbenschwanz, ein Schmetterling, kann sogar mit seinem Penis sehen – na ja, zumindest fast. Lichtempfindliche Nervenzellen unterscheiden zwischen hell und dunkel. So erkennt er bei der wackligen Paarung in der Luft, wann er die weibliche Körperöffnung gefunden hat. Und dann gilt: Feuer frei.

Das Bettwanzen-Männchen dagegen hat einen feinen, mit Sensorhärchen gespickten Penis; wie beim Ölwechsel erkennt es so, ob das Sperma-Reservoir der Geliebten schon von einemanderen gefüllt wurde – und ob es sich also lohnt, viele Samen zu verschwenden oder nur eine halbe Portion.

Besonders effizient hat es die Natur für Männchen der Tintenfischart Papierboote eingerichtet: Ihr Penis bzw. ihr »Begattungsarm« geht allein auf Frauensuche! Er macht sich los, schwimmt mit dem Samen weg und befruchtet dann selbstständig ein passendes Weibchen. Der Papierboot-Mann kann sich derweil Wichtigerem widmen. Ziemlich praktisch, könnte man sagen – und ziemlich traurig zugleich. Weil er ja schließlich was wirklich Schönes verpasst ...

III. Zur Sache, Schätzchen
Sex ist immer und immer wieder dasselbe – und Sex ist immer wieder völlig neu. Aber keine Nacht wird wohl jemals wieder so nervenaufreibend- aufregend wie diese eine damals, das allererste Mal. Aal-Weibchen lassen sich etwa zur gleichen Zeit entjungfern wie der Durchschnitts-Teenager: mit zwölf bis 15 Jahren. Allerdings ist dies für die Aale nicht nur das erste, sondern gleich auch das letzte Mal, denn sie sterben direkt nach dem Ablaichen. Da hat es die Löwin doch deutlich besser. Ihr Gatte verwöhnt sie täglich mit bis zu 40 Nummern, ohne Murren und Schwächeln. Die Männchen der »Antechinus-Stuarti«-Beutelmaus allerdings übertreiben mit ihrem Eifer: In der Brunstzeit rammeln sie so wild durch die Gegend, dass sie nicht mal mehr Zeit zum Essen haben. Und so kommen die Mäusekinder allesamt als Halbwaisen zur Welt: Ihre Papas hat der Sex-Stress dahingerafft; sie sterben in den Pfoten der Geliebten an Magengeschwüren und Immunschwäche – aber vielleicht wenigstens glücklich. Davon kann das Männchen der Radnetzspinnenart »Araneus pallidus« nur träumen. Es stirbt zwar auch – aber festgenagelt von den Kieferklauen seiner Gattin. Nur so funktioniert die Kopulation überhaupt, denn ansonsten rutscht der Wicht immer vom Hinterleib seines mächtigen Weibchens ab.

Auch für die gefleckte Riesenschnecke »Ariolimax columbianus« ist der Beischlaf eine riskante Sache. Das Vieh ist Zwitter, also Männchen und Weibchen in einem. Nach der Kopulation versuchen die Partner gern, sich gegenseitig den Penis abzunagen. Wer sein bestes Stück verliert, muss fortan als Weibchen weiterleben. »Safer Sex« ist also auch im Tierreich ein Thema – allerdings wird er mit Methoden praktiziert, die zivilisierte Menschen ablehnen würden. Männliche Krabbenspinnen beispielsweise kommen folgenderweise unbeschadet weg: Sie schleichen sich an das Weibchen an, springen auf seinen Rücken und fesseln es; dann krabbeln sie unter den Bauch und schreiten zur

Tat. IV. Betrug, Eifersucht und Prostitution
Liebt er mich noch? Trifft sie sich mit einem anderen? Eifersucht schleicht sich wie Gift in eine Liebe. Misstrauen, eisiges Schweigen, Tränen und Beschuldigungen ... Kein Vergnügen, aber ehrlich: Es könnte schlimmer sein. Um Eifersuchtsszenen zu vermeiden, haben einige Tiere den Begattungspfropfen erfunden. Der ist genauso fies, wie er sich anhört; vor allem Insekten, aber auch Nagetiere wie Mäuse, Ratten und Meerschweinchen stehen auf diese Methode. Nach dem Liebesspiel sondern die Männchen ein Drüsensekret ab, das sich im Genitaltrakt des Weibchens zu einer undurchdringlichen Masse verbindet. Erinnert irgendwie an die Keuschheitsgürtel im Mittelalter. Da fließt kein Sperma mehr heraus – und es kommt auch kein weiteres hinein, außer es gelingt dem Konkurrenten, den Pfropfen wieder herauszupopeln; Ratten beispielsweise haben Penisknochen, die sie dazu wie Brechstangen einsetzen können.

Eine andere Methode eifersüchtiger Männchen ist Dauersex. Hört sich ja eigentlich ganz nett an. Aber das Stabschrecken-Weibchen muss gut und gern zehn Wochen lang ertragen, dass sich ihr Lover an ihr festklammert. Da hockt er dann auf ihr und kopuliert und kopuliert – damit sich bloß kein Rivale nähern kann. Das haben die Männchen der Bienenart »Centris adani« nicht nötig: Sie sorgen dafür, dass ihre Geliebten nach dem Sex ebenfalls wie Männchen riechen und damit für echte Kerle plötzlich unattraktiv sind. Es gibt allen Grund, dass die Männchen so eifersüchtig sind. Selbst Singvögel, die lange Zeit als besonders treu galten, suchen sich gerne Liebhaber. Nach neuen Untersuchungen stammt beispielsweise jedes siebte Ei der Blaumeise aus einer Affäre. Bei Menschenkindern soll übrigens nach seriösen Schätzungen jedes zehnte bei einem Seitensprung gezeugt werden. Sogar Prostitution ist aus dem Tierreich bekannt: Die Weibchen der Adélie-Pinguine lassen sich gezielt für Sex bezahlen. Zum Nestbau benötigen sie Kieselsteine – aber die sind auf dem antarktischen Ross-Island selten und kostbar. Schafft der eigene Gatte nicht genügend Baumaterial heran, watschelt die Pinguin-Dame zum Nachbarn. Neckische Kopfbewegung, Augenzwinkern – da kann kein Mann widerstehen. Nach vollbrachtem Liebesakt muss er allerdings Kies locker machen und eins der begehrten Steinchen hergeben.

Einen nützlichen Trick haben viele Tierweibchen den Menschen-Frauen voraus: Sie können sich aussuchen, ob und wann sie das Sperma an ihre kostbaren Eizellen lassen. Nach dem Liebesspiel speichern sie den Samen einfach in einer Art Extra-Tasche. Beim Feldhasen bleibt er so dreißig Tage frisch, beim Chamäleon anderthalb Jahre. Und die Javanische Warzenschlange kann sich noch sieben Jahre nach dem letzten Sex von ihrem Spermavorrat bedienen – oder eben auch nicht. Mit unfreiwilligen Schwangerschaften (wie nach dem blöden One-Night-Stand an Karneval) muss sie sich garantiert nie herumschlagen.

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