Swing it, baby!
Es sollte ein nettes Wochenende werden.
Endlich wollten die beste Freundin meines Freundes und ihr Mann uns einmal besuchen kommen. Da sie am anderen Ende der Republik wohnen, kannte ich Herbert und Ilka bisher nur aus Erzählungen. Besonders auf Ilka war ich neugierig, da ich wusste, dass mein Freund früher auch gerne mal das Bett mit ihr geteilt hat. Die Tatsache, dass Ilka und Herbert damals schon verheiratet waren, war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht klar.
Dennoch verfluchte ich am Abend vor ihrer Ankunft diesen unheiligen Besuch, da mein Freund einen mir unbekannten Putzwahn entwickelte. Auf Knien das Badezimmer schrubbend und leise vor mich hinpöbelnd wünschte ich mir, Jonas würde diesen Enthusiasmus auch vor den Besuchen meiner Eltern entwickeln.
Ilka und Herbert zerrten jedenfalls bereits jetzt an meinen Nerven.
Am Samstag konnten wir die beiden dann endlich in unserem glänzenden Heim empfangen. Herbert, mit einem überdimensionalen Kamerarucksack behängt, drücke mir, kaum das er mich begrüßt hatte, ein Fotoalbum in die Hand. Lauernd beobachtete er mich, während ich die Seiten durchblätterte: „Und, gefällt es dir?“
Mehr als ein zustimmendes Grummeln könnte ich mir bei dem Anblick der Aktfotos von fast durchgängig unattraktiven Menschen nicht abringen. Die wenigen schönen Bilder stammten alle von seiner Frau, die zugegebenermaßen sehr attraktiv war und schulterguckenderweise neben mir auf dem Sofa saß. Herbert hingegen konnte mit seiner Frau nicht mithalten und passte optisch hervorragend zu seinen übrigen Models.
Er war im Schnitt zwanzig Jahre älter als die übrigen Anwesenden und diese Tatsache war ihm deutlich anzusehen. Er hatte sich in dieser Zeit einen beeindruckenden Bauch angefressen, den er unter einem farbenfrohen gestreiftem Hemd zu verbergen versuchte, und seine Haare würde ihm kein Spezialshampoo jemals zurückbringen. Seine dünnen Beinchen steckten in einer grotesk gemusterten Shorts. Abgerundet wurde der Anblick von den unvermeidlichen Treckingsandalen, die einen Blick auf die behaarten und hornhautbewachsenen gelben Füße freigaben. Immerhin harmonierten diese farblich gut mit seinen ramponierten Zähnen.
Genervt nahm mein Freund mir das Album aus der Hand und lud die beiden zu einer Sightseeing-Tour ein, die wir zuvor sorgfältig geplant hatten. Während wir ihnen die schönsten Ecken unserer Stadt zeigten, kratzte Herbert, der ständig meine Nähe suchte, immer mehr an meinen Nerven. Entweder beschwerte er sich über die Lichtverhältnisse (strahlender Sonnenschein), die es ihm nicht ermöglichten, mit seiner superduper Profikamera nur ein einziges brauchbares Bild zu schießen. Oder er erging sich in Andeutungen, dass er uns niemals hätte besuchen dürfen, wenn ich nur 10 Prozent über ihn wüsste. Ich fand das reichlich dämlich, denn in dem Fall sollte man doch besser die Klappe halten. Dennoch lächelte ich fleißig.
Am Abend, als wir gemütlich im Park saßen und Wein tranken, beschloss Herbert dann, dass es an der Zeit sei, alles über ihn zu erfahren.
„Weißt du, Mathilda, wir sind nämlich Swinger.“
In der klaren Erwartung, mich schockiert zu haben, blickte er mich an. Leider entging mir der gequälte Blick meines Freundes völlig und ich ließ mich zu einem fast gejubelten „Echt? Interessant!“ hinreißen. Von der Aussicht, etwas intimere Einblicke in die Swingerszene zu bekommen, war ich tatsächlich begeistert. Herbert nahm meinen Ausruf auch gleich zum Anlass für einen ausführlichen Bericht.
Ihm persönlich sei der Hinweis sehr wichtig, dass Swingerclubs ganz anders seien, als sie in den üblichen sensationsheischenden RTL II Reportagen dargestellt werden. Es gäbe dort eben keine widerlichen alten Männer, die nur darauf aus seien, junge Mädels zu poppen. Nicht, dass wir da ein falsches Bild bekämen.
Diese Aussage ausgerechnet von einem Mann wie Herbert war so absurd, dass ich vergnügt vor mich hingrinste. Herbert missinterpretierte meinen heiteren Gesichtsausdruck wohl völlig, denn er bot mir eifrig an, gleich ein paar Clubs rauszusuchen, die ihm gefielen. Anscheinend wollte er mich höchstpersönlich in die Welt des Partnertauschs einführen. Eine Reihe abstoßender Bilder drängte sich in meinen Kopf – danke Vorstellungskraft- und ich erstickte fast an meinem Wein.
Gott sei dank mischte sich Jonas, der bisher nur schweigsam dagesessen hatte, ein und ersparte mir eine Antwort (Danke für das Angebot, aber leider siehst du aus wie ein missgebildeter Grottenolm nach dem Ertrinken?).
„Für uns ist das nichts, ich hab dir auch schon tausendmal gesagt, dass ich meine Freundin nie teilen würde.“
Dieses Thema hatten die beiden wohl schon öfter. Herbert ließ sich durch diesen Einwurf aber nicht beirren - „Deine Freundin findet das interessant!“ - und erzählte weiter. Mittlerweile hatte ich zwei weitere Gläser Wein hinuntergestürzt und mir erfolgreich eingeredet, dass diese Partnertauschsache ein Scherz sein musste.
Herbert ließ mich damit auch zunächst in Ruhe und erzählte uns, wie bereichernd es für eine Partnerschaft sei, ab und an mal mit anderen Partnern zu schlafen. Man müsse halt nur Sex und Liebe trennen können.
„Ja, es ist absolut toll, mit jedem Mann schlafen zu dürfen, den man attraktiv findet.“, meldete sich nun auch Ilka zu Wort. Konnte ich verstehen, vor allem bei einem unattraktiven Exemplar wie Herbert an ihrer Seite. „Weil, mein Mann ist ja optisch nicht so mein Typ…“, erriet sie förmlich meinen Gedanken.
„Ja nee, Ilka ist ja eigentlich auch nicht meiner. Mehr so jung (noch jünger als seine Frau?!) und blond. Weißt du noch Schatzi, diese eine da letztens im Club…“
An dieser Stelle folgte eine detailverliebte Beschreibung von all den jungen Dingern, die er mal gevögelt hatte („Weißt du, die mit dem Piercing, Mathilda, die ich dir auf den Fotos gezeigt hatte…“), über Erektionsprobleme (Die war echt genau mein Typ, nicht Schatzi?. Aber ich hab einfach keinen hochgekriegt. Das ist mir sonst noch nie passiert, wahrscheinlich hat sie untenrum komisch gerochen.“), bis hin zu den favorisierten Sexualpraktiken („Ja, SM ist nicht so meins, bin mehr so der Typ für Dreier, aber letztens haben wir…nech Schatzi?“).
Versuche, das Thema zu wechseln, scheiterten völlig. Ilka und Herbert hatten sich in Fahrt geredet, lobten ihre eigene Toleranz und ignorierten die Tatsache, dass Jonas und ich das alles gar nicht wissen wollten, geflissentlich. Also trank ich weiter unglücklich meinen Wein und betete um einen anständigen Filmriss.
Doch es sollte schlimmer kommen.






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