Paul_Kaufmann 26.04.2018, 09:18 Uhr 19 3

Sowas von geheim

... so unter uns Partygängern...

Unsere Drinks habe ich dabei. Einen für mich, einen für ihn. Ich habe ihn gesehen, den Markus, oder, verdammt, wie heißt er noch mal, Michael, Thomas? Ach egal, so einen Allerweltsnamen hat er.

Wir kennen uns gut. Wir kennen uns seit meiner ersten Party. Also meiner ersten Sexparty überhaupt. Da stand er so rum wie er immer herumsteht. Er ist so ansprechbar. Ich glaube, er war der Erste mit dem ich überhaupt auf so einer Party sprach. So etwas merkt man sich, das bindet. Der Erste ist immer etwas besonderes, auch im Kleinen.

Und jetzt sitzt er hier, im Raucherbereich und ich reiche ihm seinen Drink. Alkoholfrei wie immer. Alkohol ist seines nicht. Trinkt er nicht. Ich glaube, er mag keinen Rausch.

Ich setze mich neben ihn. Rutsche in die riesige Sofalandschaft. Eine Sofalandschaft unter einem Zelt, dem Raucheraußenbereich. Der Raucherbereich ist für Raucher. Auch. Aber nur auch. Wie auf jeder Fetischfete ist der Raucherbereich der wichtigste Kontakthof überhaupt. Hier lernt man sich kennen. Hier quatscht man und wenn man Bock hat, fickt man hier auch.

Ich versinke im Polster. Markus, oder Michael, oder Thomas prostet mir zu. Sein Kopf wippt, er dankt.

„Und?“

„letzte Woche Wasteland.“ er macht eine Wellenbewegung mit der freien Hand. „Sowas von! Heilige Scheiße.“ Sein Kopf wippt.

„Top.“ Antworte ich. Das ist eine kompetente Antwort. Ich war dabei.

Markus, oder Michael, oder Thomas reckt sich. Hält den Drink kurz in die Luft. Das Glas schaukelt eine Weile über seinem Kopf. Eine Gestalt in Leder gleitet neben ihn. Er schlägt ihm auf die Schulter. Ich höre ein „Ey“, oder „hey“, oder so. Sie kennen sich, stecken die Köpfe zusammen, lachen.

Markus, oder Michael, oder Thomas ist ein Urgestein. Keine Fete gibt es ohne ihn. Egal wo ich hinkomme, er ist schon da, oder er kommt noch.

Etwas untersetzt, immer in Schwarz, ein wenig speckig, sehr bleich. Immer freundlich ist er, ist eher ein ruhiger Typ. Er spricht einen nicht an. Aber spricht er doch, dann geht es los: „Sowas von“ „läuft aus der Spur“ „Topsteil“ „Himmelhoch weg“ „ganz ab unten“. Sowas von in Art solcher Sätze geht von ihm weg. – Jetzt fang ich auch schon so an…

Der Typ in Leder steht auf, gibt unserem Urgestein eine Five mit der Hand. Eine laue Five, eine laue Geste ist das. Er schleicht davon.

Markus, oder Michael, oder Thomas kann tanzen. Wie ein Wilder tanzt er. Traut man ihm gar nicht zu. Aber er kann. Er steht dann so eine Viertelstunde neben der Tanzfläche, Hände in den Taschen, und wippt mit dem Kopf. Macht er sowieso gerne. Er schiebt den Kopf vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück, das alles brav mit dem Beat. Er verdreht die Augen dabei. Der Kontrast ist groß. Das Weiße in den Augen und seine dunklen Augenringe, das ist als läge weißer Kies in schwarzem Split.

Und dann legt er los, ganz plötzlich, wie ein Berserker. Er tanzt wild und gut. Richtig gut. Das können nicht viele. Eine halbe Stunde und es ist wieder vorbei. Ab mit ihm in den Raucherbereich. So macht er das, so tanzt er, es, das Urgestein.

Ich mag Markus, oder Michael, oder Thomas. Irgendwie mag ich ihn. Er gehört einfach dazu. „Geht“ „Läuft“ „Brummt“ „die ist Celebrity“ „gangbar“ „obsolet“ „gut vermittelt“, all diese gepressten Vokabeln und diese Gestik dazu frei jedes Inhalts. Das ist erfrischend, das ist alles so einfach, so angenehm schräg.

Ein Mädel schlüpft neben ihn. Eine Elfe in weißer Coursage. Sie küsst ihn auf den Mund. Mitte Zwanzig ist sie. Gertenschlank. Wippende Brüste streifen seinen Wanst. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und legt ihren schlanken Arm um seinen Bauch. Sie lacht ihn an, er tuschelt in ihr Ohr. Seine Hand zupft an ihrer Brust. Sie hält den Kopf schräg  und dreht die Augen ganz keck.

Für die Nichteingeweihten: Das ist normal. Man berührt Brüste und was weiß ich, wenn man sich flüchtig kennt. Das kommt vor. Das ist generell erlaubt. Außer es ist verboten. Dann ist es aber verboten, aber so was von verboten. So ist der Code.

Markus, oder Michael, oder Thomas darf. Aber er lässt es schon sein. Brüste sind sein Interesse nicht. Das weiß ich, sie weiß es auch. Sie lacht, er lacht auch. Ein Kuss auf die Wange und schon schwebt die Elfe fort. Direkt trudelt die Nächste ein. Eine warme Begrüßung, sie lehnt sich über hin, schwarzer Catsuit, mäßige Figur, verlebtes Gesicht mit tiefen Falten darin. Sie küsst ihn auf die Stirn. Ein gedehntes „naa“, ein Name fällt.

Markus, oder Michael, oder Thomas kennt sie alle und alle kennen ihn. Alle, wirklich alle, sprechen ihn an, tuscheln schäkern und tätscheln seinen nicht ganz kleinen Bauch. Es ist ein Phänomen, aber andererseits…

Der Catsuit verschwindet. Wir zünden uns gegenseitig eine Kippe an. Wir rauchen. Wir quatschen, wir schweigen. Er wippt mit dem Kopf. Eine Transe gleitet herbei. Etwas ungelenk, stöckelt die Der auf ihren Highheels. Na ganz nüchtern ist die nicht. Sie stützt sich schwer auf den Sitz. Das Urgestein nickt. Das Urgestein lacht. Wie freundlich er immer ist!

Ira schlägt zwischen uns ein. Wie ein Meteor fliegt sie in den kleinen Spalt zwischen Markus und mir. Sie begrüßt mich stürmisch. Total überdreht ist dieses Hühnchen. Sie knutscht mit mir. Drei Sekunden, dann holt sie Luft. Große Augen, schöne Augen, weite Augen, strahlende Augen. Überdreht und nackt ist sie, bis auf einen Slip. Nein, ich habe mich geirrt, es ist nur ein Rest Tape, von Slip keine Spur. „Den Rest habe ich verloren“ sagt sie und dreht die Hände wirr in der Luft. Sie kichert.

„Du beklopptes Huhn“ sage ich und schlage ihr auf den Hintern. Sie dreht die Hüfte, die Muschi hin zu mir. Ich schlage auf das blassrosa Fleisch. Sie nickt. „Muss ja gerecht sein.“ sagt sie, zwinkert mir zu und macht eine Bewegung mit den Fingern. Es soll eine Frage nach einer Kippe sein. Sie bekommt sie. „Feuer habe ich auch nicht.“ Strahlt sie und tastet sich ab. „Hier ist auch keins…“ sie fasst sich in den Schlitz und lacht. Markus gibt ihr Feuer. Theatralisch pustet sie den Rauch in die Luft. Dann hustet sie und fächelt sich Luft zu, als sei ihr nicht luftig genug. Sie gleitet auf Markus Schoß und schaut zu mir. „Sehen wir uns Mittwoch?“

Ich nicke. „Date steht.“ Antworte ich.

Sie zögert. „Kennt ihr Euch?“ fragt sie. Eine Falte ist da auf ihrer Stirn. Ihr ausgestreckter Finger zeigt zwischen uns hin und her.

„Was für eine Frage.“ Ist meine Antwort. „geht logisch“ antwortet Markus. Er grinst und er blinzelt. Dann beugt Ira sich zu ihm, legt sich auf ihn. Nackt gleitet sie auf seinem Bauch, zwei Zigarettenzüge lang. Sie aalt sich auf ihm. Ein Tuscheln, sie steht auf und beide geben sich formvollendet die Hand. Die andere ballt sie zur Faust. Sie teilt zwei Luftküsse aus. Einer fliegt zu ihm, einer zu mir. Sie dreht sich herum und schlüpft zwischen den Leuten hindurch. Markus schaut ihr nach. Er grinst.

Er wirft seine Kippe weg, wippt kurz mit dem Kopf und hört wieder auf. Ein großer Typ mit Muskelbergen taucht vor uns auf. Er wirft einen Schatten. Sie begrüßen sich mit amerikanischen Handschlag, Daumen oben auf. Er setzt sich neben Markus und sitzt dann dort. Schwer stützt er sich auf. Markus nickt. Man spricht.

Doreen kommt zu mir. „Rück mal kurz.“ Sagt sie. Sie will neben mich, zwischen Markus und mir. „Nein“ sage ich. Ich ziehe sie auf meinen Schoß. Doreen ist das zweite Mal hier. Sie kennt die Regeln noch nicht.

Sie sucht ihr Feuer. Ich gebe ihr welches. Sie pafft, entspannt sich und gleitet mehr auf mir, als dass sie sitzt. Jetzt nimmt sie einen tiefen Zug.

„Mannmannmann“ sagt sie gedehnt in den aufsteigenden Rauch.

„Alles gut?“ frage ich.

„Alles gut, alles bestens. Nur ein Zwischentief.“

Ich streichle ihren Arm, dann ihren Bauch.

„War Ira hier?“ fragt sie plötzlich.

„Ja gerade.“ Sage ich. Sie nickt und schaut in den Rauch.

Aus der Gruppe der stehenden, schwatzenden Raucher taucht ein Mädchen heraus. Sie ist ein Gespenst. Dürr, blass, Nasenringe, schwarz geschminkt, schwarze Coursage, turmhohe Highheels. Sie taumelt ein wenig. Verzögert folgen ihre Arme dem Körper. Dieses Mädchen ist Geist. Da wo sie lebt, gibt es keine Substanz. Ihr Blick findet mich, dann das Sofa, dann mich, dann Markus, dann das Zelt. Sie öffnet den Mund. Nichts passiert. Sie schwankt und gleitet dann in den Spalt zwischen Markus und mir. Es ist ein Wunder: niemanden ist etwas passiert. Sie ist dünner als dünn. Sie ist dürr. Sie versinkt in dem Spalt.  

Doreen reckt sich auf mir. Sie dreht ihren Kopf. „Zieh mich mal hoch zu deinem Ohr.“ Ich tue ihr den Gefallen, Umfasse ihren Brustkorb und ziehe sie zwanzig Zentimeter empor. Ich spüre ihren Atem an meiner Wange. Ich rieche ihren Rauch. Sie ist warm. Das ist eine hohe Dosis Doreen.

„Boh, sind die alle dicht. So viele! Ist dir das auch aufgefallen?“ haucht sie in mein Ohr.

Ich antworte nicht.

„…oder nicht?“ fragt sie nach.

Ich zögere. „Ja scheint so,…“ beginne ich und streichle ihr über die Brust. „…ist aber auch kein Wunder.“

„Kein Wunder?“ fragt sie. Ihre Lippe ist nass, ich habe es gespürt.

Ich antworte nicht. Nein, nein, ich spreche nicht weiter. Der Satz geht doof aus. „Kein Wunder, wenn man neben dem Dealer sitzt.“ Das hört sich einfach nicht gut an. Außerdem ist es geheim. Aber so was von geheim, nein, diesen Satz sage ich nicht.

Außerdem… außerdem, will ich Doreen.

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19 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Was für Drogen?

    01.05.2018, 20:33 von eszett
    • 0

      Alle

      02.05.2018, 11:49 von Paul_Kaufmann
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  • 1

    Ich sehe da überhaupt nichts oberflächliches. Ich glaube eher dass das Publikum hier dieses Set auf diesen Partys nicht kennt. Macht ja nix. Ich mag den Text. Der ist schön frech :) 

    01.05.2018, 19:58 von NieOhne
    • 0

      So wird es sein.

      02.05.2018, 09:20 von jetsam
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  • 1

    ja, ist ziemlich flach und langweilig. die frau als sex-ware im kapitalismus. du warst schon besser

    28.04.2018, 21:30 von green_tea
    • 1

      swingerclub, sex-industrie, rauchen - alles ziemlich angestaubt

      28.04.2018, 21:31 von green_tea
    • 1

      sex-industrie? Hä?Frau als Sex-ware? Hä? Wovon redest Du? 

      29.04.2018, 07:02 von Paul_Kaufmann
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  • 2

    Ich stimme meinem Vorredner zu. Besonders der letzte Satz.
    Ich füge noch ein angewidert sein, hinzu und bin froh, dass ich einen anderen Lebensstil pflege, der fern von derartigen Oberflächlichkeiten liegt.
    So lebt jeder das Seine, auf der Suche nach Befriedigung, der eine mehr, der andere weniger.
    Doch auf Dauer kann das keine Erfüllung sein. Mann wird ja nicht jünger.

    27.04.2018, 20:12 von Eisbrecher
    • 0

      Die Abwertung macht es verdächtig. Warum so aggressiv urteilen, über etwas was man nicht kennt? Sei doch stattdessen dann mit deinem Lebensstil zufrieden und verurteile anders Lebende, Denkende und Fühlende nicht.

      01.05.2018, 19:58 von NieOhne
    • 1

      Mit Verlaub, ich möchte da keinem Einzelnen auf die Füße treten. Doch in meiner Vergangenheit wollte man mir schon diverse Male einiges aufzwängen und für grandios verkaufen. Ich konnte aber feststellen, dass sowohl der/die Verkäufer bestimmte ''Theorien'', am Ende vieles selbst nicht mehr mit der Energie und Überzeugung vertreten konnten, wie sie es mir einst brühwarm zu vermitteln versuchten. Ich gestehe, ich ging auf einiges ein, doch am Ende war es eben nicht meins, und es ekelte mich nur noch an. Wenn dem so sei, wider meiner Erwartungen und es zahlt sich bis ins hohe Alter aus, dann wäre es toll für den Protagonisten. Ich persönlich bin mir aber sicher, dass im hohen Rentenalter, der Mensch weit mehr bedarf, um nicht als einsamer Tropf zu enden. 

      01.05.2018, 20:55 von Eisbrecher
    • 0

      Überträgst du deine Einzelerlebnisse auf jemanden anderen, jemanden den du gar nicht kennst? Und ich frage mich auch was du da in dem Text zu lesen meinst, um dir ein Urteil zu bilden. Welche Therorien meinst du? Und warum kannst du diese "Theorien" wo auch immer du die jetzt herleitest - nicht stehen lassen? Gott sei dank gibt es ja noch andere Perspektiven - und Menschen sind sehr unterschiedlich und nicht so gleich wie die gleichen  Eissorten in einem Eisbecher :)
      Und dieses "weit mehr im Rentenalter bedürfen" ist insofern faul als dass promiskuitiven menschen oft vorgeworfen wird den Hals nicht voll zu kriegen - dasmeinst du doch -  eben mehr zu brauchen (- warum das jetzt schlecht ist das frage ich jetzt gar nicht nach), aber auf der anderen Seite auf, der anderen Ebene mit "mehr" argumentiert wird. "Ich brauche da mehr". Aha. Wer da den Hals nicht voll bekommen kann, frage ich mich da. Aber gut. Ich wollte es nur mal erwähnt haben.

      01.05.2018, 21:38 von NieOhne
    • 0

      tippt mal weniger und sagt mal mehr

      01.05.2018, 21:44 von green_tea
    • 1

      die meisten menschen sind übrigens in ihren bedürfnissen genau gleich.

      01.05.2018, 21:45 von green_tea
    • 1

      Gut, dass du es losgeworden bist. Was das mit Eissorten zu tun hat, könnte man da auch fragen. Auch die Argumente, sind ewig nahezu fast identisch, die mir entgegengebracht werden. Nur im Laufe der Jahre,- ich sprach von mir persönlich, wer sich angesprochen fühlt, hat da wohl noch einiges in sich ungeklärt,- traf ich keine einzige Person, wo es langfristig gut ging, ohne dass da zum guten Schluss, nicht eine verletzte Person übrig blieb. In meinen Augen machten sich diese Leute alles etwas vor. Die Panik vor dem Alleinsein mit sich, fraß sie auf. Wollte da auch keinen triggern.
      Ich wollte es nur mal erwähnt haben.

      01.05.2018, 21:47 von Eisbrecher
    • 0

      Jetzt mal neben dieser Kontroverse hier, eine Frage, weil in deinem Kommentar ein Fall mir Fragen erzeugt. "Besonders der letzte Satz." Was meinst Du damit? Den letzten Satz meiner Geschichte findest du... oder den letzten Satz des Vorkommentators. Das macht einen riesen Unterschied. 

      02.05.2018, 11:54 von Paul_Kaufmann
    • 0

      Es bezog sich auf den Vorredner.

      02.05.2018, 14:49 von Eisbrecher
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      .. oder der Leser soll verwirrt sein. Das könnte ja auch sein. Aber das versteht man vielleicht nur, wenn man hin und wieder neben dem Dealer sitzt. ;-)

      29.04.2018, 07:01 von Paul_Kaufmann
  • 2

    Heute mal ganz kritisch...

    Inhaltlich ist mir der Text einfach zu wenig. Als Leser offenbart sich nichts Reizvolles, Intensives und bleibt in einem belanglosen Markus, oder Michael, oder Thomas hängen.

    Der Abschnitt mit dem tanzenden Urgestein ist situativ bedingt vielleicht gegeben, jedoch unnötiges Beiwerk.

    Kurzum: Von einer Party, es muss ja nicht obszön und ausschweifend sein, lese ich nichts.

    Das ist mir für einen Paul_Kaufmann, sorry, einfach zu wenig. Das kannst du besser. ;) 

    26.04.2018, 13:06 von jetsam
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