Siebeneinhalb Stunden mit Daniel Z.
Oder: Rudernd geht die Welt zugrunde.
17.00 Uhr: Ah, da isser! Hab die Glatze gleich erkannt. Sitzt da mit diesem Michael und lässt sich totlabern. Den muss ich ganz schnell loswerden, sonst geht’s in den nächsten dreieinhalb Stunden nur um Pulp Fiction, Atari Teenage Riot und so nen Käse. Also nix, das man bei einem dritten Date brauchen könnte. „Hallo Daniel! Hi Michael!“
17.30 Uhr: Das ist also das „Sonnendeck“. Hm, ja, ist halt ein Haufen Sand auf einem Parkhaus mit nem Haufen Möchtegern-Hipstern daruf. Aber egal: Daniel ist toll. Seine weißen Zähne strahlen, als er mir von Charlie, seinem Schäferhund-Pekinesen-Mischling, seinen Dorfjugend-Kumpels und seinem Job bei MAN erzählt. Dann wischt er sich mit der Hand über den Mund und lächelt. (Wie männlich er sein Becks hält.) Ich will mich inspirierend auf dem Liegestuhl drapieren, doch der hängt durch. So kann ich Daniel noch nicht mal meine Lippen hinhalten, ohne mir was zu zerren. Daniel fragt mich, wo er einen Strohhut kriegen kann – bei Dehner oder BayWa?
18.30 Uhr: Wir gehen jetzt zur Kahnfahrt. Ist wahrscheinlich besser, da ist man nicht so exponiert wie den doofen Indiefaschos da oben. Daniel erzählt mir, dass er der Beste in seiner Berufsschulklasse war und seit Weihnachten sieben Kilo abgenommen hat, jetzt aber aufhören muss, weil er sonst die Grenze zum Untergewicht überschreitet. Soll das noch ein Date sein? Ich grätsche rein und fange mit meiner Bekannten an, die Pornohörbücher schreibt. Nicht gut: Daniel läuft rot an und ist peinlich berührt. Wahrscheinlich will er gar nichts von mir.
19.00 Uhr. Daniel rudert den Kahn und ich kann seinen Sixpack sehen. Wir reden wieder über unser Gewicht und wie wir es effektiv halten können. Ich bin so motiviert, dass ich zu Kalorienverbrennungszwecken in mit toten Fischen garnierte grüne Brühe springen möchte, um das Boot von hinten anzuschieben. Doch Daniel hört auf mit Rudern und schaut mich an. Er hat sehr blaue Augen und einen Dreitagebart. Ich streiche über seine Glatze und zucke zurück, weil ein paar Leute fahren vorbeifahren. Wir rudern um die Ecke und küssen uns. Daniel schmeckt nach Becks und riecht nach Waschpulver. Ich hoffe, ich stinke nicht. Wir hören auf mit Küssen und es rieselt meine Wirbelsäule entlang, während ich Daniels Bauch streichle. Vielleicht ist das doch ein Date.
21.00 Uhr. Wir sind bei einem Mexikaner und ich bin ultrahibbelig. Von Endorphinen und Mojito berauscht rede ich nur Müll und zerrupfe vorfreudig das Tischset in lauter Strohhalme. Ich finde, dass Daniels Nachname sehr gut zu meinem Vornamen passen würde. Daniel grinst und tippt sich an den Mund, doch es ist schwer, ihn über den Sechspersonentisch hinweg anzufallen. Fieberhaft überlege ich, wie ich ihn nach draußen lotsen kann. Weil es ewig dauert, bis unsere Bestellung kommt, fangen wir an, uns unser Leben zu erzählen. Erst irgendwelche Saufgeschichten, dann Familienkram, dann alles, was gerade schiefläuft. Ich bin begeistert, dass es jetzt schon, so richtig tiefgehend wird. Daniel fragt, ob mir schon aufgefallen sei, dass wir nur über negativen Mist sprechen. Er zahlt.
0.30 Uhr: Daniel fährt mich nach Hause. Ich kann es gar nicht erwarten, Kathi von ihm zu erzählen und warte, dass er endlich fragt, wann wir uns wiedersehen. Doch das tut er nicht. Ich muss explizit erwähnen, dass ich es SCHON schön fände, wenn wir uns wiedersehen. Er sagt, er meldet sich. Vor der Haustür gibt’s noch einen Kuss mit Zungenspitze und ein unsicheres Lächeln. Zwei Tage später macht er per Email Schluss.
Und so hats Daniel Z. erlebt: "Siebeneinhalb Stunden mit Therese M. " von Tim123






Kommentare
Guter Text und lustige Idee! Hat mir gefallen! Aber nicht aufgeben, nicht alle Männer sind Idioten.
13.07.2008, 00:08 von elilihttp://www.neon.de/kat/fuehlen/sex/241903.html
11.07.2008, 20:02 von Honigmelone