Wunschkind 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 8

Sex mit Klamotten.

Ich habe das Bett nicht abgezogen. Und dabei sollte ich, wir haben geschwitzt. Aber ich bin irgendwie in Schockstarre.

Seit Jahren sind wir umeinander herumgetänzelt. Du hast in meiner Stadt gewohnt, ich gerade erst nicht mehr. Warst der Mitbewohner einer kurzen Liebschaft von mir, im Nebenzimmer, wenn ich mit ihm geschlafen habe und hattest selbst eine Freundin. Das war vor 6 Jahren. Nett fanden wir uns vom ersten Moment, heiß irgendwie aber auch. Als dann mit ihm Schluss war hattest du immer noch deine Freundin. Das hat dich nicht gestört und mich in dem Moment, als wir uns verschwitzt vom Tanzen geküsst haben auch nicht. Ab da haben wir einfach nur gegrinst, wenn wir uns gesehen haben. Wissend, dass das irgendwie nicht in Ordnung war und erst mal nicht mehr passieren sollte. Keine bösen Gedanken, keine Eifersucht, blindes Verständnis. Ich war dann weg, studieren. Du warst da, wenn ich alle paar Wochenenden in die Heimat gefahren bin. Und vielleicht bin ich deshalb ein paarmal öfter gekommen, als das hätte sein müssen und auch weniger gerne zurückgefahren, als das hätte sein sollen.

Tanzen, trinken und flirten, das war seitdem unser Ding. Immer so weit gehen, bis es nicht mehr geht. Freunde sagten danach immer zu mir das sei Sex mit Klamotten. Ich hab ihnen gesagt sie spinnen und wusste sie hatten damit mehr recht als mir das lieb war. Es war nie etwas Ernstes und dennoch nicht ohne jeden Ernst. Bis vor´s Gartentor meines Elternhauses hast du mich jedes Mal begleitet nach solchen Nächten, obwohl du ganz wo anders wohntest. Manchmal sind wir mitten auf dem Bürgersteig sitzen geblieben oder auf der kleinen Bank am Feld zusammen unter einem Regenschirm und haben so lange geredet und geraucht, bis ich irgendwann keinen Vorwand mehr gefunden habe nicht in´s  Bett zu gehen oder weil es einfach hell wurde. Du hast dann versucht mich zu küssen, nicht nur ein Mal. Das war wohl das normalste auf der Welt nach so einem Abend, diesen Gesprächen. Zu diesem Zeitpunkt hattest du keine Freundin mehr, warst frei. Ich nicht. Und weil ich meine festen Prinzipien hatte, habe ich jedes Mal nein gesagt. Vielleicht hat dich das verrückt gemacht, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat es nicht dazu geführt, dass das nachgelassen hätte. Du hast mir Musik geschickt, warst für mich da als mein Großvater gestorben ist. Wir haben Nächte durchgeredet und irgendwann ließ auch diese Spannung nach. Wir wurden Freunde. Als du wegzogst aus meiner Stadt tat das weh.

Du gingst deinen Weg und ich meinen und das war ok. Ich fuhr nicht mehr ganz so oft heim und du hast irgendwann aufgehört Musik zu schicken. So hätte das zu Ende gehen können, die normalste Geschichte der Welt. Wir haben es immer auf „Schlechtes Timing“ geschoben, weil nie beide von uns frei waren zur gleichen Zeit. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht ob es das war. Wäre es die große Liebe, hätten wir nicht ohne den anderen gekonnt, dann hätte uns das nicht abgehalten. Dieser Gedanke hat mich immer wieder auf den Boden geholt.

Den Kontakt haben wir nie ganz verloren trotz ein paar hundert Kilometern die unsere Städte trennen. Du hast mich besucht und es fühlte sich nach Freundschaft an, natürlich nicht ohne das stete kleine Augenzwinkern und die permanente im Raum schwebende Frage: Wie wäre das wohl gewesen mit uns?

Ich bin seit 5 Jahren in meiner Beziehung und du seit fast 3. Du willst Kinder mit ihr und das ist schön und erwachsen. Ich dachte du bist ein anderer geworden und deshalb war es kein Problem für mich, dass du mich für ein Wochenende besuchst, während mein Freund im Ausland ist. Hätte ich das von außen betrachtet, wäre ich mit einem riesigen roten Stoppschild vor mir hergesprungen.

Spätestens als wir um 5 Uhr morgens völlig betrunken und lachend durch die Wasserfontäne gerannt sind und tropfend nass Hand in Hand durch die Straße nach Hause liefen hätte mir klar werden sollen, dass das nicht so läuft wie immer. Die Umstände waren perfekt, Gelegenheit macht Diebe, Alkohol, lost in the Moment, wie auch immer. Ich möchte keine Ausreden finden. Ich habe meine Prinzipien gegen pure Lust aufgewogen und Zweiteres brachte mehr auf die Waage. Zum ersten Mal.

Den ganzen nächsten Tag haben wir das verbal rauf und runtergerollt, uns geeinigt, dass es toll war, es sich natürlich angefühlt hat und richtig weil es schon so lange überfällig war. Aber es hätte nicht passieren dürfen weil das nicht fair ist unseren Partnern gegenüber. Beichten? Auf keinen Fall. Du hast gesagt, es ändert nichts an deiner Liebe zu ihr und an unsere Freundschaft auch nicht. Ich habe dir gesagt, dass ich mir darüber nicht so sicher bin. Am letzten Abend bevor du wieder in dein richtiges Leben zurückgekehrt bist, ist es nochmal passiert. Nüchtern, trotz all den Gesprächen zuvor. Und dann bist du weggefahren. Ein Kuss zum Abschied und der ging zum ersten Mal von mir aus.

Jeder von uns muss nun damit klarkommen. Mit der Erinnerung, der Schuld, den Zweifeln. Ich habe dir gesagt dass ich Zeit brauche als du mich gestern Nacht angerufen hast um zu wissen wie es mir geht. Und das meine ich so. Was aus unserer Freundschaft wird? Ich denke die ist erstmal vorbei.

Denn letztendlich war es vielleicht nie Freundschaft sondern immer einfach nur Sex mit Klamotten: Manchmal spaßig  und zu interessant um es bleiben zu lassen und doch nie genug um es richtig zu machen. Jetzt haben wir uns ausgezogen. Es ist vorbei.


Tags: Freunde verlieren, Fremdgehen, Beziehungen.
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4 Antworten

Kommentare

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    Da bahnt sich ein Treue - bzw. Vertrauensbruch im Prinzip über mehrere Jahre an und erst nachdem es dann auch passiert ist, realisert man, dass es dem Partner gegenüber nicht fair ist. Wow!

    13.03.2018, 22:56 von mirror87
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  • 0

    Warum ist es dann immer gleich vorbei?

    03.10.2014, 09:57 von sailor
    • 0

      Für den Moment ist das so. Wüsste nicht wie es von hier an weitergehen sollte. Deshalb ist vorbei erstmal das wonach es sich anfühlt.

      03.10.2014, 23:52 von Wunschkind
    • 1

      Es geht immer weiter.

      05.10.2014, 13:31 von sailor
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