dievella 03.02.2012, 15:09 Uhr 3 0

Sehnsucht nach Selbstbestrafung

Eigentlich sollte ich glücklich sein, weil alles so unkompliziert und schnell gegangen ist. Sehe ich mich aber nicht nach einer Bestrafung?

Die Vorgeschichte ist lang, aber unspektakulär. Ich, aus Deutschland, Studium, dann Semester in der Schweiz, neben dem Lernen natürlich auch Party, Freundschaften und auch Sex. So ist das Leben.

Dann: Verdacht, Test, peng: Ich bin schwanger!

Mira, ja Mira! Ich denke an Mira! Bei ihr war es auch so. Es ist schon zwei Jahre her. Nach dem Test hat sie einen Termin beim Arzt gemacht, fünf Tage später hat er es ihr mit Ultraschall bestätigt. Und hat ihre Bedenken gegen ein Kind nicht ernst genommen, sondern nur gratuliert. Und sie auch, wenn auch mit sanften Worten, runtergeputzt, als sie ihm gesagt hat, dass sie es nicht bekommen will. Ausgeweint hat sie sich. Und dann in die Beratungsstelle angerufen. Ich bin mit ihr mit Bus und Bahn in die nächste Stadt gefahren, wo sie fünf Tage nach ihrem Anruf einen Termin bekommen hat. Über eine Stunde stand ich vor dem Haus, während sie innen sich ausgeschüttet hat. Wo eine Beraterin erwartet hat, dass sie ihr einen Vortrag über ihr vergangenes und aktuelles Leben hält, wo ihr eine Beraterin gesagt hat, wie viele Hilfen es doch für junge Mütter gäbe und ihr dann auf ihren Namen einen Zettel aushändigte, mit dem sie ohne strafrechtliche Konsequenzen ihre Schwangerschaft abbrechen kann. Ebenso hat sie dort die Information bekommen, dass in der anständigen Stadt so etwas nicht gemacht werden kann, dafür muss sie in die Metropole fahren. Aber nicht jetzt, eine Wartezeit ist vorgeschrieben. Dann endlich der Termin. Hingefahren, Informationen, geht nur noch als Operation. Zurück mit der Bahn, weinend in meinem Arm. Die nächste Woche wieder hin, ich am Steuer, im Auto ihres Exfreundes. Bizarr die Situation. Drei Stunden war sie im Haus, beim Hineingehen noch angequatscht von einer Frau mit den Worten: Du liebst doch dein Kind! Zum Glück hat sie es mir gesagt. Rückfahrt, sie schreit vor Schmerzen, übergibt sich sogar einmal. Es war ein Horrortrip was sie durchgemacht hat!

Ich denke da an Mira. Das steht mir auch bevor, Arzt, Beratung, Arzt, viel Stress und... Nein! Halt! Das war ja Deutschland. Schweiz ist anders. Strenger? Oder nur anders?

08:45 Ich tippe bei Google das Stichwort Abtreibung und den Namen meines Studienortes ein. Ein Treffer weit oben in der Liste, ein Arzt der es macht. Ok, kein "Werbeverbot" wie in Deutschland?

09:00 Am besten geht es mit einem Anruf. Benötigt der Arzt eine Bestätigung meiner Schwangerschaft? Dann eine Beratungsbescheinigung und was soll ich da alles machen?

09:05 Auf Wiederhören. Ich soll am Nachmittag vorbei kommen.

14:30 Der Arzt informiert mich über das Vorgehen.

14:50 Ich unterschreibe einen Zettel, dass ich mich in einer "Notlage" befinde, eine reine Formalität.

15:00 Eine Zigarette, ich brauche eine Zigarette. Vor wenigen Minuten habe ich zu einem Glas Wasser beim Arzt drei Tabletten geschluckt.

Zwei Tage später nehme ich um die Mittagszeit die vier Pillen, die mir der Arzt mitgegeben hat. Nach zwei Stunden setzt eine Blutung ein, die das Ende meiner Schwangerschaft bedeutet. Leichte krampfartige Schmerzen und ich verlasse das Bad meiner WG. Eigentlich ist es nur eine Arzt Regelblutung, die nach vier Tagen aufgehört hat.

Es ist alles gut gelaufen, das bestätigt mir der Arzt auch dann bei der Nachuntersuchung. Ganz einfach. Anruf, drei Pillen, dann vier Pillen, nicht mehr schwanger. Kind im Bauch, Kind weg. So einfach. Nichts dabei. Ich denke an Mira. Es ist pervers, aber ich beneide Mira. Viele Termine, starke Schmerzen, ich glaube das würde mir bei der Verarbeitung helfen.

3 Antworten

Kommentare

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    Sei doch lieber froh das es einfach ging, es hätte ja doch nichts an der Entscheidung geändert. Guck nach vorn..

    04.02.2012, 23:53 von multicolore
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    Hat wohl seinen Grund, dass es hier keine Abtreibung to go gibt ...

    03.02.2012, 15:35 von B.tina
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    Hm.
    Du hast halt ´ne existentielle Entscheidung getroffen.
    Jetzt musst Du damit leben.
    So einfach.
    Nichts dabei.

    03.02.2012, 15:17 von derHerrMitDemPixel
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