Schneewittchen
Sie würde nicht von ihren Freundinnen abgeholt werden, sondern von Männern, die sie trotz, oder gerade wegen ihres Alters auswählen würden.
Die Sonne schien. Nicht warm und liebevoll, wie noch vor ein paar Stunden, sondern erbarmungslos und sengend. Die Welt hatte sich verkehrt, und anstatt des Himmels schien sich eine stahlblaue Hölle über die Welt zu spannen, die mit fiebrig heißem Atem alles und jeden zu verbrennen suchte. Selbst die Prostituierten saßen träge auf dem Bordstein und hoben kaum die Köpfe, wenn sich potentielle Freier näherten. Der urbane Puls hatte sich verlangsamt, und das eingedickte Blut floss zäh durch die Adern der dehydrierten Stadt.
Einzig ein waches, nervöses Augenpaar bildete einen Kontrast zu dieser erdrückenden Szene. Es gehörte einem jungen Mädchen, das mit der beinahe albern anmutenden Gewissenhaftigkeit eines Nagetiers an einem Keks knabberte. Ihre Haut verriet, dass sie sich viel im Freien aufhielt, und auf dem Rücken ihrer hübschen Stupsnase zeichnete sich leicht ein beginnender Sonnenbrand ab. So fokussiert, fiel es nicht schwer, sie für ein normales junges Mädchen zu halten. Ein Mädchen, das in den Sommerferien am Straßenrand saß, und darauf wartete, von ihren Freundinnen zum Schwimmen abgeholt zu werden. Erst wenn man den Bildausschnitt vergrößerte, sah man sie sitzen zwischen wesentlich älteren Prostituierten und schwitzenden Zuhältern. Zwischen Junkies, die noch nicht oder nicht mehr in der Lage waren, ihren Körper feil zu bieten. Plötzlich ahnte man, dass sie nicht von ihren Freundinnen abgeholt würde, sondern von Männern. Ledig oder verheiratet, auf Geschäftsreise oder auf dem Weg vom Büro nach Hause. Männer, die einsam oder abgestumpft genug waren, sie trotz oder gerade wegen ihres Alters auszuwählen. Die Knie bis zum Kinn gezogen schien sie ihren Körper eher beschützen als anbieten zu wollen. Ein Handyklingeln durchschnitt die lähmende Stille. „Szia Apukám!“ begrüßte sie ihren Vater, und entfernte sich ein Stück, um sich die hämischen Kommentare der anderen zu ersparen, wenn sie ihrem Vater daheim in Ungarn von Erfolgen ihrer Tanzausbildung erzählen würde. Erfolge, die ebenso erfunden waren, wie ihr Dasein als Ballerina. Erfolge, die es ebenso wenig geben würde, wie ihre Freundinnen und den Ausflug zum See. Ob sie genug esse, fragte er besorgt, und dass er sich freue, dass sie die Hauptrolle bekommen habe. Sein kleines Mädchen würde bestimmt das schönste Schneewittchen sein, dass die Welt jemals gesehen hatte. Er erzählte von einem Besuch beim Arzt, der natürlich wie alle Ärzte der Welt ein Schwindler und Betrüger sei. „Szeretlek, Szivem!“ sagte er, bevor er auflegte. „Ich Dich auch, Papa“ dachte sie, und behielt das Telefon noch einen Augenblick in der Hand. Zärtlich streichelte sie das Display, als könne ihr Vater diese liebevolle Geste spüren.
„Wieviel?“ fragte ein Mann mit belegter Stimme neben ihr. Sie schreckte auf, hatte sich jedoch sofort wieder im Griff. Flirtiv lächelnd nannte sie ihm Preise für Französisch, Verkehr mit oder ohne Gummi. Er musterte ihren schmalen Körper. „Anal?“ fragte er. Sie schüttelte stumm den Kopf. „Na gut“ brummte er. „Wohin?“
„Zieh Dich aus“ befahl er ungeduldig, nachdem sie das Zimmer betreten hatten. „Erst Geld!“ Während er die Scheine auf den Tisch blätterte, entledigte sie sich ihrer Kleidung. Er öffnete seine Hose, und packte sie fest an den Hüften. Er hob sie hoch. So hoch, dass sie über seinem Kopf zu schweben schien. Sie hatte keine Angst. Sie fühlte sich sicher von starken Armen getragen. Als sie sanft auf dem Boden abgesetzt wurde tänzelte sie leichtfüßig zum Bühnenrand, begleitet von ihrem Prinzen, umringt von sieben Zwergen, die die Wiederauferstehung ihres Schneewittchens feierten. Geblendet vom Scheinwerferlicht konnte sie keine einzelnen Gesichter im Publikum ausmachen. Sie wusste aber, dass Papa da war. Er saß in der ersten Reihe. Sie spürte, dass er stolz war. Und wie einen Scheinwerfer spürte sie seinen lächelnden Blick.
Die Scheinwerfer erloschen.
Sie vermied es, den Freier anzuschauen, während sie sich anzog.





Kommentare
wirklich wirklich gut. Fesselnd.
14.09.2012, 12:48 von FantikatoErgreifend!
13.09.2012, 15:24 von Musenkindwirklich gut geschrieben, sehr berührend.
Traurig.Berührend.Schön geschrieben.
Gelungen! Super Zusammenführung der zwei Geschichten die am Ende völlig inneinander übergehen, so dass man es als Leser erst garnicht merkt. Zusammen mit dem Titel ist es wirklich eine abgerundete Story.
10.09.2012, 18:48 von AtticoAmaroDem stimme ich hundertprozentig zu!
11.09.2012, 16:49 von likokosnussErinnert mich irgendwie an Sucker Punch, der sowas von gesuckt hat.
10.09.2012, 12:23 von LunasolBeim letzten Wort saß ich da un musste blinzeln, um es richtig lesen zu können.. hat mich berührt!
10.09.2012, 11:58 von LeendeEliderart romantisiertes nuttenelend gibts nur aus sicherer erfahrung, also hier im plüschzoo.
10.09.2012, 10:04 von Boahmaschinedas läuft so.
10.09.2012, 22:09 von zehnmomenteich kann das behaupten, weil ich das weiß;)
aber der text kommt vielleicht sachlicher rüber, als er sollte....
er hätte ruhig länger und einschneidender und hintergründiger und brutaler sein können:(
du hattest doch schon mal son pädophilentext.... der war ähnlich bescheiden.
09.09.2012, 23:38 von Icke_un_du_ooch