derHalbstarke 30.08.2006, 15:53 Uhr 27 22

Schmutzige Kacheln

In dieser Nacht ist es wieder soweit und er hat seit Stunden gespürt, dass sie kommt. Wie jedes Mal, wenn sie nach ihm ruft.

Diese bestimmte Unruhe.
Die ihn in die kalte, feuchte Dunkelheit der Nacht zerrt. Und zu einem von vielen werden lässt. Anonym und ohne Gesicht. Genauso will er es. Dann, wenn er sich auf den Weg macht und seinesgleichen sucht. Heimlich und beinahe lautlos. In Nächten wie dieser. Er weiß, wo sie zu finden sind. Die anderen. Fremd. Namenlos. Und doch auf gewisse Weise vertraut. Die er sicher nicht mal erkennen würde. Tagsüber, irgendwo auf der Straße. Wenn sie wieder ein Gesicht, einen Namen haben, so wie er.

Sie sind Komplizen.
Er und die anderen. Für einen Moment, ein paar Stunden. Dort im Park. Er kann sie hören. Ihre hastigen Schritte auf den kleinen knisternden Kieselsteinen. Das leise Rascheln der Büsche, wenn sie mit ihren Körpern die Zweige berühren. Wie flüsternde, verheißende Worte, die versprechen was er haben will. Und kriegen wird. Von den anderen. Der Gedanke daran erregt ihn. Lässt ihn erschauern und schneller werden. Unstet und vorsichtig wandern seine Augen über die von Gaslaternen spärlich beleuchteten Wege. Niemand hat ihn kommen sehen. Keiner weiß von dem, was ihn treibt. Hierher. Immer wieder.

Er ist am Ziel.
Schummriges, gelbes Licht dringt durch den Türspalt des Toilettenhäuschens. Sie sind schon da. Die anderen. Er kann sie riechen. Ihren Schweiß. Gemischt mit dem beißenden Geruch alten Urins. Der ebenso dazu gehört wie die schmutzigen Kacheln, in denen er manchmal verwischte Bruchstücke von dem sehen kann, was sie hier machen. Er und die anderen. Wie eine geduckte Katze auf der Hut huscht er durch den Raum. Schließt sich in die Kabine mit der löchrigen Holzwand ein. Löcher, die groß genug sind um ihn zu befriedigen, zu geben, wonach ihm verlangt. Jedesmal. Er lässt seine Hose runter. Wartet. Horcht. Ungeduld bestimmt das Tempo seines flachen Atems. Den Blick stier auf die Löcher fixiert.

Hört das Ratschen des Reißverschlusses auf der anderen Seite der Wand.

Lässt sich mit geiler Erwartung auf die Knie fallen.
Er hält es kaum noch aus. Wie immer, an diesem Ort. Der so bizarr und unwirklich erscheint. Dann, endlich. Der Schwanz einer der anderen schiebt sich durch das Loch. Verführerisch. Lockend. Männlich. Alles versprechend. Fast wimmernd saugt er sich an dem harten Stück Fleisch fest. Will sich den alltäglichen Stress wegblasen. Nicht an gleich denken, wenn alles vorbei ist. Nicht an morgen. Wieder mal. Spürt das Pochen der Adern des anderen in seinem Mund. Ächzendes Stöhnen, das Geräusch aneinander klatschender, verschwitzter Körper, wie Gemurmel, das sich seine Bahnen über die trüben Kacheln in sein Gehör sucht und ihn antreibt. Ihn und seine Geilheit. Animalisch. Gedankenlos. In diesem Moment.

Er will, dass er ihn fickt.
Jetzt. Muss sie spüren. Die Geilheit auf der anderen Seite des dünnen, rissigen Holzes. Bereit, sich zu ergeben. Bis er ihm den letzten Tropfen Sperma aus den Eiern gefickt hat. Presst ihm seinen Arsch entgegen. Bietet sich an. Durch das Loch. Groß genug. Auch dafür. Und er bekommt, was er will. Bis zum letzten Tropfen. So, wie jedes Mal. In Nächten wie dieser.

Erschöpft kauert er in der Ecke der Toilettenkabine.
Wischt sich den schmierigen Dreck der vergangenen Minuten weg. Im Licht der gelblichen Glühbirnen, das sich in den schmutzigen Kacheln ersäuft. Er schaut nicht hin. Will nichts mehr sehen, sich nicht sehen. Nicht mal ein Bruchstück davon. Er weiß, wie er aussieht, wie er fühlt. Jetzt. Danach. Billig. Schäbig. Schmutzig. Wie die Kacheln. Muss raus hier. Schnell. So lange der ersehnte Rausch, die Befriedigung, die er ohne wirkliche Nähe bekommen hat, noch anhält. Er ist satt. Fürs erste. Wie lange diesmal, weiß er nicht. Macht sich keine Gedanken mehr. Darüber, wann es wieder soweit ist. Und sie ihn packt. Diese Unruhe, die ihn mechanisch immer wieder zurückkehren lässt. In den Park. Nach ihm ruft. Zwingend. Fordernd.

Und sie wird wiederkommen.
Er kann sich nicht dagegen wehren. Verliert die Kontrolle, wenn sie nach ihm greift. Wieder und immer wieder. Diese Unruhe. Und sein Trieb. Beides zusammen stärker als jede Erinnerung an die schalen Nebenwirkungen. Danach. Dann, wenn er wieder er selbst ist. Allein, mit seiner quälenden, resignierenden Ernüchterung. Über die er mit niemandem spricht. Sie sind sein Geheimnis. Nächte wie diese. Momente, nach denen er sich sehnt. Die Sucht nach dem Kick eines kurzen, jämmerlichen, geilen Ficks. Nein, darüber will er nicht mehr nachdenken. Es ist eben so, wie es ist.

Müde fährt er durch die Straßen der schlafenden Kleinstadt.

Seine Stadt.
Hier ist er aufgewachsen. Hat sich etwas aufgebaut, etwas erarbeitet. Ist wer, in diesem heimeligen Städtchen. Jeder kennt ihn, jeder mag ihn. Hier hat er seine Familie, seine Freunde. Ihm geht es gut. In seiner Rolle, die er sich perfekt zurechtgeschustert hat. So wie die anderen und so, wie es sich nun mal gehört. Das sind die Regeln In seiner Stadt. Das ist, was wichtig ist und zählt. Daran glaubt er.


Und, wie bedeutungslos sind dagegen schon ein paar schmutzige, blinde Kacheln, von Zeit zu Zeit...

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27 Antworten

Kommentare

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    "Will nichts mehr sehen. Sich nicht sehen. Nicht mal ein Bruchstück davon."

    Es ist nicht der "Schmutz" der so weh tut. Dass, was schmerzt, liegt darunter, schimmert durch. Der Wunsch nach Normalität. Danach, so sein zu dürfen, wie man ist. Das Recht auf Erfüllung der eigenen Sehnsüchte.

    Von außen mögen sie blind sein, die Kacheln. Von innen niemals.

    18.12.2006, 00:20 von the_actress
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    Meine Güte, das ist harte Kost die ich erst mal verdauen muss. Wie einsam und unter welchem Druck müssen solche Menschen leben, die nicht zu sich und ihrer Neigung stehen können oder wollen. Das wird bestimmt noch sehr lange ein gesellschaftliches Problem bleiben und viele dieser bemitleidenswerten Menschen werden auch weiter dabei auf der emotionalen Strecke bleiben. Ich finde das sehr sehr schlimm.
    Wieder ein stark geschriebener Text und ein gutgewähltes Thema von dir, meine Hochachtung!

    01.11.2006, 14:14 von CoraCora
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    unfassbar, wie klar ich die szene vor augen hab. wirkilich sehr gut geschrieben. passiert wirklich nicht oft dass texte so klare bilder in einem erzeugen. und die thematik ist zwar hart aber interessant.
    sehr guter text.

    30.10.2006, 14:28 von salzstange.
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      @salzstange. Die "Thematik" ist das wahre Leben, leider!
      Grüße!

      31.10.2006, 00:03 von Kiyan
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    Oh, ich habe Gänsehaut. Nur schön, dass die Sonne gerade hier rein scheint....

    21.09.2006, 11:18 von Connyi
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    Mein Kompliment! Das ist wirklich ganz toll geschrieben. Wie von den andern schon gesagt: Man ist wirklich in der Geschichte drin! Super!

    15.09.2006, 17:35 von ellis_road
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    ich weiß nicht...

    ..mir stellt sich immer die frage, warum du diesen text geschrieben hast, und warum du worte wie "jämmerlich" verwendest. es ist nicht so, dass ich das im text beschriebene befürworte, aber warum verurteilst du es?

    hast du selber damit erfahrung gemacht oder spricht jemand, der solche abende verbringt, offen mit dir darüber? das klingt alles sehr nach spiegel-tv reportage und so anklagend...vielleicht fühlen sich die leute gar nicht schmutzig danach, sondern finden das einfach geil, so "gefickt" zu werden. ich meine, manche leute wollen mit peitschen "behandelt" werden, ist ja auch nicht für jeden nachvollziehbar, wo da der lustfaktor liegt.

    es wäre schön, wenn der text aus einer motivation heraus geschrieben ist, und nicht um sexuelle randgruppen anzuprangern.

    nichts für ungut, trotzdem guter schreibstil

    06.09.2006, 10:00 von Tsongkhapa
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