RedSonja 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 18

Schattenhaus

Lange überfällig

Halb geschmolzene Schokolade essend sitze ich in der Hitze an meinem Schreibtisch. Sommerflaute. Trägheit des Körpers und des Geistes. Keine Ablenkung. Und nichts anderes mehr zu tun. Es hilft nichts. Ich muss los, jemanden abholen. Ein Mädchen, fast noch ein Kind. Meine Kleine.

Die Schwüle draußen umfängt mich ungebeten erdrückend wie eine verschwitzte mütterliche Umarmung. Schwer atmend mache ich mich auf den Weg zu dem Haus, von dem ich weiß, dass sie da ist. Seit Jahrzehnten. Wo schon lange niemand mehr lebt.
Im Haus meiner Großmutter.

Die Tür steht offen.
Im Flur außer meinem Atem Stille. Unbewegte Luft.

Gut kenne ich mich aus. habe als Kind hier Wochen verbracht. Ferien, Sommerferien, die ganzen Sommerferien. Viele Jahre unendlich lang.
Bis zum Ende der Kindheit.
Ich gehe den Flur entlang, vorbei an der steilen Treppe mit den viel zu schmalen, mit altem braunem Teppichboden bedeckten Stufen in den ersten Stock. Da wohnte er. Mit seiner freundlichen, runden, stets wohlmeinenden
Haushälterin, die immer so tat, als wüsste sie nichts.
Er, der die Kleine mitgenommen hat. Erst auf Besuch, als sie ihm vertrauend und lächelnd mit liebevollem Blick die Hand reichte, dann machte er mit ihr einen Zeitsprung, riss sie mit und danach kam sie nicht mehr zu mir zurück.
Es war eine Entführung.

Dort geht die Treppe in den Keller. Wie ich es in Erinnerung habe, steigt klamme Luft auf, die nach Schimmel und alten Möbeln riecht. Nach Verlies.
Die schmierige Steintreppe ist fast eine Stolperfalle. Wie vor
Jahrzehnten steht da unten die Kloschüssel, mit Krusten bedeckt wie eine alte Wunde, die noch nicht geheilt ist. Es ist nur Schmutz.

Langsam gehe ich durch die Kellerräume. Holzverschlag um Holzverschlag öffne ich und schaue hinein. Und da, wo früher die Kohle gelagert wurde, sitzt sie. Die Kleine. Im Dunkeln. Auf dem staubigen Boden an der Wand, die Arme um die Knie geschlungen.

Sie schaut mich an. Mit schwarzbraunen Augen. Ruhig sagt sie mit fester Stimme: „Es wurde Zeit, dass du kommst. Ich hab schon auf dich gewartet,“ und steht auf.
Schlank ist sie, fast mager, mit kaum entwickelten Ansätzen von Weiblichkeit. Grazil wie eine Elfe mit Schmutzflecken im Gesicht und an den nackten Armen. Zart ist ihre Haut, die dunkelbraunen Haare fallen ihr ungeordnet ins Gesicht.
Sie lächelt mich ermutigend an und wir gehen die Stufen der steinernen Treppe nach oben.

Die aus den Tiefen des Kellerverlies begehrlich gehauchte Frage: „Willst du nicht noch ein bisschen nett sein zu mir?“ kann ich kaum noch hören, keine eiskalte Panik, die mich im Nacken oder am Knöchel packt und zurückhält. Der Luftzug einer hohlen Verheißung von Zuneigung und Anerkennung streift mich. Oder ich habe ihn mir nur eingebildet.

Wir gehen Hand in Hand durch den Flur auf die Haustür zu, da kommt von oben aus dem Halbdunkel des ersten Stocks die lächelnde Stimme, die voller Wärme und Liebe Belohnung verspricht. Für gutes Benehmen und Gefügigkeit. Mein Schritt will stolpern, meine Mimik verhärtet sich. Lügner.

„Du musst nicht kämpfen, sie haben keine Macht mehr.“ sagt sie, bevor ich meine Wut erbreche.
Und eine Gestalt kommt um die Ecke.
Konziliant lächelnd geht sie langsam auf uns zu, der Dielenboden, von grünem, abgetretenem Filz bedeckt, gibt leise gequälte Laute von sich. Es riecht nach altem Staub unter Biedermeiersofas. nach abgestandenem Tee und kaltem Haferbrei.

„Wenn du jetzt nicht endlich lernst dich zu benehmen, du Verrückte, hab ich dich nicht mehr lieb.“ schnarrt es sanft lächelnd und ich kann die Falschheit schmecken.
Einen angeekelten Moment überlege ich. Die Kleine drückt meine Hand und ich lege den Arm um ihre Schultern, schaue sie an und sage: „Komm, wir sind raus hier..“

Im Gehen höre ich nur noch den Seufzer, als die Gestalt in sich zusammensinkt. Sie hatte das Gesicht meiner Mutter.

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12 Antworten

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    es fällt mir schwer die stimmung die du erzeugst wieder abzuschütteln, es ist furchterregend und trotzdem wunderschön.
    du schreibst nicht nur berührend sondern auch durchdringend!

    17.01.2012, 10:14 von pocket
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    hui, krass...aber gut!

    02.09.2009, 09:52 von hasentatze
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    Er wirkt und lässt einen nachdenklich zurück.

    Was mir auffällt ist die innere Stärke der Person, ohne die sie nicht zurück gegangen wäre. Die sie sich erst aufbauen mußte, bevor sie dieses Kapitel hinter sich lassen konnte.

    02.09.2009, 08:21 von Tanea
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    bemerkenswert geschrieben und leider doch nur zu oft ein traum sich selbst abholen zu können. einzig die kategorisierung "sex" stört.

    01.09.2009, 09:57 von King-Lube-III
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    Also, am Anfang ist es leicht kryptisch, weil ich die Interpretationsstränge noch in alle Richtungen laufen sah.
    Am Schluss schließt es sich wirklich sehr sehr rund zu einem wunderbaren Kreis und ich schwanke immer noch, ob ich das jetzt gut oder schlecht finden soll...

    Ist im Endeffekt bums, funktioniert wunderbar, schöne Stimmung, schöner Geistertext, wilkommen im Herbst!

    01.09.2009, 09:17 von frl_smilla
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    Der letzte Paragraph gibt der Mutter wenigstens noch die Chance, Reue empfunden haben zu können. Das ist groß.

    In dem Text stimmt alles.

    01.09.2009, 00:22 von quatzat
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      @[Benutzer gelöscht] Beides? Geht ja beides, is ja fiktive Literatur ^^

      01.09.2009, 00:40 von quatzat
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    ich lass mal ein zur kenntnis genommen da.
    ich johle morgen ausführlicher drunter...

    01.09.2009, 00:14 von frl_smilla
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