Theresa_Baeuerlein 15.04.2004, 16:06 Uhr 0 3

Pille-Palle

Gleich zeigt der Schwangerschaftstest, ob sich das ganze Leben ändert.

»Wie konnten wir so blöd sein?«, frage ich mich und lehne meinen Kopf gegen den harten Plastikspülkasten. Die Situation ist bestens für Moralpredigten geeignet: Ich sitze auf dem Deckel eines Kneipenklos und warte darauf, dass der Schwangerschaftstest in meiner Hand ein Ergebnis zeigt. Es ist Sonntagnachmittag, heute morgen haben mein Freund und ich nach einer Woche, in der wir meine Wohnung bis zur letzten Fensterrahmenfüllung renoviert hatten, eine kalte, weiße Sonne über den Dächern aufgehen sehen. Sofort war klar: Ganz dringend mussten Bier- und Saftflaschen, Wolldecken und eine Karte der Umgebung ins Auto geräumt und an einen See gefahren werden. Auf der Hälfte der Strecke fiel mir beim Wühlen im Rucksack ein Tampon in die Hand, gleichzeitig sagte ein Radiosprecher laut Zeit und Datum an. »Moment mal«, dachte ich, »wie kann es sein, dass ich die Dinger schon ewig nicht mehr gebraucht habe? «. Dann rutschte mein Herz durch eine Falltür, denn mir fiel der Abend vor fünf Wochen ein, an dem ich mich für ein bodenloses Bierfass gehalten hatte. Später stand ich im Park und kotzte wie ein Kreuzfahrtpassagier, der sich zu heftig am Dessert-Büffet bedient hat. Dass ich kurz vorher die kleine, gelbe Anti-Baby-Pille geschluckt hatte, wusste ich, und mein Freund, der neben mir stand, wusste es auch – zu Hause dachten wir aber nicht mehr daran.

Jetzt wandert er draußen vor der Tür herum, als wäre dieses Kneipenklo bereits der Kreißsaal. Drinnen bleibt mir nur, die Zähne zusammenzubeißen: Jede größere Bewegung könnte das Testergebnis verfälschen. So allein habe ich mich zuletzt gefühlt, als meine Mutter versehentlich einen fremden Zwerg vom Kindergarten abholte, der die gleiche, braune Topffrisur wie ich hatte. Da ist nur noch Panik, die allen rationalen Gedanken gnadenlos den Saft abdreht.

Ich starre meinen Bauch an, als könnte es da schon etwas zu sehen geben. Ist das, woran er arbeitet, nur das Croissant von heute morgen? Oder ist mein Körper jetzt eine Fabrik, die Leben produziert? Dann könnte sich die Fabrikchefin den geplanten Urlaub wohl abschminken – vielleicht für immer. Bei dem Gedanken fällt mir fast der Teststift aus der Hand. Nicht, dass ich das Kinderkriegen an sich nicht toll fände, ich sehe ja, was es mit meinen Geschwistern macht: Okay, sie haben Augenringe wie Pandabären und tragen nur noch T-Shirts, die ein paar hundert Kochwäschen vertragen. Dafür strahlen sie eine Ruhe aus wie in der Mittagssonne liegende Löwen. Aber noch ist in meinem Lebensentwurf der Teil, in dem es darum geht, jederzeit das Land verlassen oder zwei Nächte durchmachen zu können, dreifach unterstrichen. Und ich habe keine Ahnung, ob die Beziehung zu meinem Freund das Gewicht eines drei Kilo schweren Wonneproppens aushalten würde. Gut, ich bin so verliebt in ihn, dass ich einen Leberfleck auf seinem Rücken für ein größeres Kunstwerk als die Mona Lisa halte. Aber die Tatsache, dass wir verplant genug waren, vielleicht aus Versehen ein Kind zu zeugen, macht mir klar: So lange wir unser eigenes Leben nicht im Griff haben, sollten wir kein anderes zeugen. Zum x-ten Mal werfe ich einen Blick auf mein Handy. In einer halben Minute werde ich entweder erlöst oder mit einem Paukenschlag vor die schwerste Entscheidung meines Lebens gestellt. »Bitte«, flüstere ich mit geschlossenen Augen, »ich hab's kapiert. Ich will nur noch dieses eine Mal davonkommen«. Dann öffne ich die Augen. Das kleine Viereck in dem Plastikstift zeigt einen einzelnen, blauen Streifen. Negativ.

3

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare