manuelsantiago 08.10.2006, 18:43 Uhr 28 8

Peepshow

Für eine Hand voll Euro...

Es ist nicht das erste Mal daß ich einen Sexshop betrete. Auch nicht das erste Mal daß ich einen Sexshop betrete in dem sich Videokabinen befinden. Allerdings ist es das erste Mal daß ich einen Raum betrete, in dessen Mitte sich eine Bühne dreht, um die, in einem fast geschlossenen Kreis, Kabinen drapiert sind, in denen dem zahlenden Kunden, für den Einwurf einer Ein- bzw. Zwei-Euro-Münze, Einblick in die diversen Körperöffnungen junger Frauen gewährt wird.

Peep-Show

Alle der hier arbeitenden Frauen haben sehr weibliche Formen. Große Brüste, ein breites Becken sowie eine schmale Taille gehören somit wohl zu den Auswahlkriterien der Geschäftsleitung. Verständlich. Einen Hungerhaken will man(n) nicht sehen. Darin stimme ich mit dem Veranstalter überein.
Die Mädchen heißen Ramona, Nadia, Dana oder Lea und sind doch gleichzeitig namenlos, da außer den Brüsten und dem zum Teil geöffneten Geschlecht nichts weiteres in den Erinnerungen der ebenfalls namenlosen Männern bleiben wird.

Die Kabine riecht nach dem Sperma des Vorgängers, was nicht gerade dazu beiträgt eine erotische Stimmung aufkommen zu lassen. Auf der Bühne dreht sich eine knapp vierzigjährige Asiatin. Es fühlt sich komisch an sich auf das Spiel das sie spielt einzulassen. Sie lächelt, zieht ihren Slip mit quälender Langsamkeit aus und streicht damit über ihr geschminktes Geschlecht. Geil ist das nicht unbedingt.
Klar, ich sehe ihre Möse, sehe wie sie sich mit ihren Fingern streichelt, sehe wie sie den Betrachter ihre großen Brüste entgegenwirft und Küsschen gibt, aber es macht mich eher traurig als scharf. Sie sieht verbraucht aus. Alt. Verlebt.

Ich frage mich warum sie es noch immer macht, dieses Spiel, daß nur darauf aus ist den Männern das Geld aus der Tasche, und das Sperma aus dem Schwanz zu locken. Hat sie Freude daran? Kann sie keinen anderen Job machen?
Das Klingeln, nachdem die Peepshow benannt wurde, kündigt einen Frauenwechsel an.

"Und hier, mit der Nummer sieben, kommt unser Teenie-Girl Dana auf die Bühne... Harte Nippel & eine gepiercte Muschi... Dana weiß was Männer mögen..."

Auf die Bühne kommt eine junge blonde Frau, bekleidet mit einem seidenen Höschen und ebensolchem BH. Sie breitet ihre Decke aus und beginnt sich auszuziehen. Erst den Slip, dann den BH. Ihr Kitzler ist gepierct - und das stellt sie wirksam zur Schau.
Sie streckt die Beine in die Luft um sie so weit wie ihr möglich zu öffnen. Ihre Finger streichen sacht über ihre Scheide und zupfen leicht am Intimpiercing. Die Erregung die mir plötzlich in die Glieder fährt, lässt mich erahnen, warum einsame Männer ihr Geld hier auf diese Art verschwenden. Denn obwohl sie eigentlich nichts anderes macht als ihre Kollegin ist sie dabei so anders als diese. Jung, Frisch, Unverbraucht - Erregend!
Dabei ist ihr Gesicht so verschlossen wie eine Auster. Sie macht ihren Job. Erst. Sachlich. Sie spielt nicht wie die andere mit den Gesichtslosen Männern hinter der Glasscheibe. Sie lässt sie das sehen was sie sehen wollen: Ihre Brüste und ihr Geschlecht...

Die Frage nach dem "Warum" brennt mir auf der Zunge, und ich beschließe sie zu fragen.

Neben der Bühne, wo im Minutentakt eine Andere ihre Beine breit macht um sich begaffen zu lassen, gibt es noch Einzelkabinen, in denen man(n), alleine mit seiner Favoritin, in den Genuß einer "Spezial-Show" kommen kann.

Neugierig werfe also ich auch hier eine Zwei-Euro-Münze ein und drücke die sieben.
Dana ist sehr professionell und auf ihre eigene Art süß. Sie mag zwanzig sein, vielleicht etwas älter, vielleicht jünger. Ihre blonden Haare sind etwas über Schulterlang und fallen lose in ihr mädchenhaftes Gesicht.
Nach der Show hat sie sich ein dunkelblaues Negligé übergeworfen und einen Slip angezogen. Ihre Stimme ist hell, weich und trotz ihrer kühlen Professionalität angenehm zu hören.

"Weißt Du wie das hier funktioniert?" fragt sie mich bevor ich etwas sagen kann. Als ich verneine antwortet sie "Für zwanzig Euro strippe ich, dreißig Euro Fingershow und vierzig Euro Vibratorshow"

Ich bin verwirrt. Von Ihrer Geschäftsmäßigkeit überrumpelt. "Du mußt zwei Euro einwerfen. Solange wie Du möchtest das die Sitzung dauert." sagt sie und schaut mich erwartungsvoll an.
Was sie über mich denkt als ich sage, daß ich soviel Geld nicht zur Verfügung habe, wage ich noch nicht einmal zu ahnen. Schlimmstenfalls bin ich für sie einer von vielen, die sich bei ihrem Anblick aufgeilen und in der Dunkelheit der Kabine einen runterholen.

Meine zwei Euro sind fast durch. Maximal drei Minuten erkaufter Zeit. Als das Licht wieder angeht frage ich sie wie sie dazu kommt hier zu strippen. Sie antwortet, daß sie sowas schon immer mache. Erst Table-Dance, jetzt eben Peepshow. Durch meine Frage erheische ich zwei Minuten weitere Zeit.
Dann nickt sie, lächelt kurz, tauscht noch ein zwei artige Abschiedsfloskeln und verschwindet hinter dem schweren Samtvorhang - nicht ohne vorher noch darauf hinzuweisen, daß sie gleich wieder auf der Bühne zu sehen sei. Für ein, zwei Euro in all ihrer Pracht. Ob sie mich verachtet?
Sie hätte jedes Recht dazu. Immerhin zahle ich Geld dafür ihr zwischen die Beine zu schauen und mir dabei (in Spezial-Show direkt vor ihr) einen von der Palme zu wedeln. Andererseits... Genau das ist ihr Job!

8

Diesen Text mochten auch

28 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Das kann ich nicht verstehen,
    Wieso die im Theater so oft nackt sein müssen.

    11.12.2008, 15:03 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehe die Sache fast ebenso. Habe jedoch mehr Erfahrung im Sexchat gesammelt. Bin des öffteren auf einer sehr beliebten Sexcams Seite namens www.camfeellas.com und habe dort sehr nette Girls im Sexchat kennen gelernt. Was im Prinzip auch nichts anderes als eine Peepshow ist. Stime dir zu irgendwie verkauft doch jeder seinen Körper und seine Seele.

    07.11.2008, 23:09 von sexyben
    • Kommentar schreiben
  • 0

    So oder so finde ich es ehrenwerter, seinen Körper zu verkaufen als seine Seele. Letzteres machen viele gutbezahlte, angesehene Leute, ohne dass es die Gesellschaft verwerflich findet....

    25.05.2007, 14:33 von Tosca
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow.... das ein mann so objektiv über ein solches thema schreiben kann.... richtig guter text!
    lieben gruß

    28.02.2007, 17:27 von anne.z.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Als ich angefangen hab den Artickel zu lesen dachte ich nur "wieso schreibt er da jetzt irgendein Strip-show erlebniss hin??" Aber umso mehr ich las desto mehr "ahh"s und "oohh"s.
    Also: Wie immer toll geschrieben und treffende Poante.

    04.02.2007, 22:56 von Sweet-Jackie
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Interessant und kreativ geschrieben. Macht Spaß zu lesen - mehr davon!

    05.12.2006, 15:10 von Babalou
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. K.M.

    17.11.2006, 12:45 von t.acki
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Zitat: "Schlimmstenfalls bin ich für sie einer von vielen, die sich bei ihrem Anblick aufgeilen und in der Dunkelheit der Kabine einen runterhole"

    Sorry, aber damit trifft es der Autor recht gut, oder?. Warum hat er die Kabine, den Laden denn betreten? Um sich einen runterzuholen? Um mal was Aufregendes erlebt zu haben? Um mal unter den Zuckerguss der Gesellschaft zu schauen, um sich danach besser zu fühlen? Um arme Mädels, die sich prostituieren, zu bemitleiden? Ist alles ein wenig heuchlerisch und hilft auch überhaupt nicht, sich von all den anderen Besuchern zu distanzieren.

    Dass das Mitleid am Ende des Artikels dann noch in Selbstmitleid umschlägt und sich der Autor mit diesen Frauen vergleicht ist haarsträubend.
    Ich schwinge nicht gerne die Moralkeule, aber der Autor soll doch bei so viel Trauer und Mitgefühl das Geld für den nächsten "Kabinenbesuch" einer Organisation spenden, die in dieser Szene helfend tätig ist.



    15.11.2006, 19:31 von Mickey
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich kenne die andere Seite sehr gut - ich arbeite als Webcamgirl.
    es ist eine Möglichkeit Geld zu verdienen, wenn man 40SWS hat und über Jahre keinen Job neben dem Studium bekommt.
    Ich betrachte es als Job. Bestenfalls. Ich mache es nicht gerne.
    Aber die meisten Mädels, die ich kenne, betrachten sich als Rolle, wenn die Kamera angeht. Es sind nicht sie selbst, so kommt man damit klar.
    Man verachtet die Männer nicht. Es sei denn, sie werden ausfallend, aber das ist ja nicht der Regelfall.
    Es ist ein Job. Wie jeder andere auch.

    Der Vergleich mit dem Schauspieler gefällt mir =)

    13.11.2006, 22:24 von Nahadriel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein wirklich guter Beitrag, der viele Fragen aufwirft.

    Er wirft mich in die zweite Hälfte der 80er Jahre zurück, als etliche Freunde plötzlich mit Leichenbittermiene umherl gingen. Allmählich rückten sie mit der Sprache heraus, nachdem ich ihnen versprochen hatte, sie nicht zu "verpetzen": Sie waren alle mehrmals in solchen Peep-Shows gewesen und hatten nachträglich Panik bekommen, sie hätten sich dort an Sperma-Resten mit AIDS infizieren können. Damal herrschte noch der Irrglaube, man könnte sich sogar nur über einen Kuss infizieren.

    Ich wunderte mich nicht schlecht, denn sie waren alle mit recht hübschen und obendrein netten Frauen verheiratet und verneinten meine Frage, ob sie unbefriedigt wären. Was sie in solche Shows trieb, konnten sie sich anschließend selbt nicht mehr erklären.

    Mit feundlichen Grüßen, lilaj.

    11.11.2006, 04:02 von lilaj
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare