Nebenwirkungen
Eine Geschichte über ein Mädchen, welches aufgehört hat sich selbst zu lieben...
Hastig greift sie zu der Packung Parkemed 500, die vor ihr auf dem Schreibtisch liegt. NSAR sorgen immer für rasche Hilfe. Nichtsteroidalen Antirheumatika, lindern schmerzen. Sie hat große Schmerzen. Ihr Körper schreit auf um ihr zu zeigen, dass es an der Zeit wäre sich um ihre gequälte Seele zu kümmern. Nichts da. Rein mit den Dingern und zwar gleich zwei Stück auf einmal. Eine Bekannte von ihr hatte mal erzählt, dass sie Schwierigkeiten damit hätte, größere Tabletten zu schlucken. Ist aber reine Übungssache. Nur noch 10 Stück in der Packung, es ist also an der Zeit, sich Neue zu verschreiben. Vorteilhaft, wenn man in einem Gesundheitsberuf arbeitet und direkt an der Quelle sitzt. Merkt auch keiner. Sie muss sich beeilen, jeden Moment kommen ihre Partygirls um sich gemeinsam für den Abend fertig zu machen.
Zwei Flaschen Wodka und drei lustige, junge Mädels auf einem Haufen. Es wird gelacht, laut Musik gehört, geschminkt und getratscht. Vorglühen nennt man das und sie machen es schon fast vier Mal die Woche. Es gibt immer Orte, an denen man Party machen kann. Nach der ersten Flasche Wodka beginnen auch die Schmerzmittel zu wirken. Das einzige, was sie noch spüren kann ist ein Pulsieren in ihrem Kopf. Niemand hatte ihr erzählt, dass Alkohol in Kombination mit NSAR so gut wirkt. Sie fand es selbst heraus, als sie einmal wegen Zahnschmerzen Tabletten nehmen musste und nicht aufs trinken verzichten wollte. Eine tolle Sache. Man fühlt sich wie auf Wolken und die Welt ist noch viel Schöner, als wenn man nur besoffen ist. Sie bringt es auf Hochtouren. In kaum einem Lokal kennt man sie und ihre Mädels noch nicht. Sie fallen immer auf. Sexy gekleidet, schwindelerregende High Heels und immer gut drauf. So genannte „Partycrasher“. Feinde in den Augen der Frauen, willkommenes Fressen für die Männer.
Nach der zweiten Flasche Wodka schwingen sich die Freundinnen in ein Taxi und auf geht’s. Sicherheitshalber hat sie sich noch zwei weitere Tabletten eingesteckt. Man kann ja nie wissen, wann man wieder zu Hause ist. Angekommen beim Club spürt sie bereits die Vibrationen der übersteuerten Anlage. Ein dumpfer Sound dröhnt aus den geschlossenen Türen und ihr Körper beginnt, sich im Rhythmus zu bewegen. Den Türstehern ist die kleine Gruppe schon bekannt, die Mädels werden an der wartenden Schlange vorbeigewunken.
Drinnen ist es dunkel, laut und heiß. Sie tanzt an den Leuten vorbei, ohne sie richtig zu bemerken. Ihr Ziel ist ein Tisch im Privatbereich, den ein Freund bereits für sie reserviert hat. Als kleines Willkommensgeschenk steht schon eine neue Flasche Wodka bereit. Sie lächelt, öffnet das russische Wasser und gießt schwungvoll drei Gläser voll. Kurze Zeit später steht eine ihrer Freundinnen auf dem Tisch und tanzt energisch zur Musik. Einige Leute kommen vorbei und begrüßen die Gruppe. An die Meisten kann sie sich nicht erinnern. Aber sie ist freundlich und charmant, denn die Erfahrung hat sie gelehrt in dieser Szene gute Kontakte zu knüpfen.
Nach einiger Zeit, die sie mit tanzen und begrüßen verbracht hat, lässt sie sich auf ein nach Kotze stinkendes Sofa fallen. Ihr Glas ist bereits neu aufgefüllt worden. Sehr nett, danke! Ihre Füße beginnen weh zu tun. Erst vor kurzem wurde ihr gesagt, dass sie Marschfrakturen hätte, weil sie viel zu oft viel zu hohe Schuhe tragen würde. Wie gut, dass sie an die Tabletten gedacht hat. Sie drückt eine aus der Packung und schluckt sie gemeinsam mit ihrem hochprozentigen Gesöff runter. Als sie ihr Glas absetzt, sieht sie einen attraktiven Typen an der Bar stehen. Er hat sie bereits in sein Blickfeld genommen und sie lächelt ihn an. Er wertet das als Signal, zu ihr rüber kommen zu dürfen und macht sich auf den Weg.
In den Händen hat er zwei Getränke, eines davon überreicht er ihr. Sie unterhalten sich und kurze Zeit später beginnt er sie zu küssen. Es dauert nicht lang, bis er sie so weit hat wie er es will. Sie küsst ihre Freundinnen zum Abschied und verlässt gemeinsam mit ihm den Club. Sie steigen in eines der wartenden Taxis und er sagt dem Fahrer bescheid wohin es geht. Sie kann kaum noch klar denken. Ihr Rausch hat fast seinen Höhepunkt erreicht und sie weiß, dass sie jetzt nicht aufhören sollte zu trinken. Als er ihr versichert, dass er noch Alkohol zu Hause hätte, ist sie wieder beruhigt.
Seine Wohnung ist groß und spärlich eingerichtet. Es riecht nach alter Bettwäsche und Männerparfum. Die Fenster sind hinter dunklen Vorhängen versteckt und er besitzt zwei Computerbildschirme die auf einem unaufgeräumten Tisch platziert sind. Einen davon schaltet er an, um Musik zu machen. Danach verschwindet er in seine Küche und kommt kurze Zeit später mit zwei Flaschen Bier zurück. Nicht das, was sie erhofft hatte aber besser als nichts. Sie raucht schweigend eine Zigarette und nippt an ihrem Bier. Er dämpft ihre Zigarette aus, nimmt ihre Flasche um sie auf den Boden zu stellen und macht dort weiter, wo sie im Club aufgehört hatten.
Er ist ein Egoficker. Alles, was er gerne hat kennt und kann sie nur zu gut. Von diesem Typ Mann hatte sie schon einige. Während sie ihm einen bläst, drückt er ihren Kopf fest an seinen Durchschnittsschwanz. Sein Glück, dass sie kein Problem mit dem Würgereiz hat. Der monatelange Tablettengebrauch macht sich eben doch bezahlt. Für eine kurze Zeit versucht auch er, sie oral zu befriedigen. Keine Chance, die Tabletten haben sämtliche Gefühlsregionen lahm gelegt. Aber das ist ihm egal, Hauptsache alles wird schön feucht. Ehe sie noch etwas sagen kann, stößt er seinen Penis ohne Schutzvorrichtung in sie hinein. Viele von denen machen das. Es geht alles sehr schnell. Als er genug von ihrem Gesicht hat, dreht er sie um und fickt sie von hinten. Sie spürt, wie ihr Körper langsam nüchtern wird, denn es tut weh. Zähne zusammen beißen, es ist ja gleich vorbei. Im Doggystyle kommen viele Männer recht schnell. Er rammt seinen Penis immer stärker in sie. Ihr Glück, dass er nicht überdurchschnittlich groß ist. Plötzlich zieht er ihn heraus und spritzt seine ganze Ladung auf ihren Rücken. Auch das kennt sie schon zu gut. Das Gesicht ist den Meisten lieber, aber er konnte wohl nicht mehr warten.
Keuchend lässt er sich neben sie aufs Bett fallen und entschuldigt sich lachend für die Wichse auf ihrem Rücken. Danach reicht er ihr ein verklebtes Handtuch, damit sie sich den Rücken abwischen kann. Sie verschwindet auf die Toilette, um sich dort mit Klopapier sauber zu machen. Als sie ihr Gesicht leicht verschwommen im Spiegel entdeckt, schämt sie sich. Schnell nach Hause und unter die Dusche. Das ist das einzige, woran sie denken kann. Ihr Körper beginnt wieder weh zu tun. Sie geht zurück ins Schlafzimmer, wo er sich seine Hose schon wieder angezogen hat. Sie sucht ihre Sachen zusammen, fischt die letzte Tablette aus ihrer Tasche und spült sie mit dem restlichen, mittlerweile warm gewordenen Bier runter. Nach der „Zigarette danach“ fragt sie, ob er ein Taxi rufen könne, da sie ja nicht weiß wo sie ist.
Die Sonne ist mittlerweile aufgegangen und ihr Kopf ist glühend heiß. Der Taxifahrer sieht sie skeptisch durch seinen Rückspiegel an. Sie spricht kein überflüssiges Wort mit ihm. Aber beide wissen, woher sie gerade kommt und was sie getan hat. An seinem Rückspiegel hängt ein Rosenkranz. Sie macht ihre Augen zu, um zu beten: „Lieber Gott, hoffentlich sind meine Freundinnen gut nach Hause gekommen.“Tags: Männer Frauen, Körper, Medikamente






Kommentare
NSAR hemmen nur Symptome von Entzündungsprozessen. Wenn das lyrische ich Linderung möchte, sollte es nen Gang zurück schalten.
11.03.2012, 18:43 von AllShallPerishLeider falsch informiert:
11.03.2012, 19:33 von LadyL"Der Wirkstoff
Mefenaminsäure gehört zu der Gruppe der Nichtsteroidalen Antirheumatika
(NSAR). Er hemmt die Bildung von Prostaglandinen (Botenstoffe) und wirkt
dadurch schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend"
Zurück schalten wäre nicht im Sinne dieses lyrischen Ichs;)
Leider falsch informiert:
11.03.2012, 19:33 von LadyL"Der Wirkstoff
Mefenaminsäure gehört zu der Gruppe der Nichtsteroidalen Antirheumatika
(NSAR). Er hemmt die Bildung von Prostaglandinen (Botenstoffe) und wirkt
dadurch schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend"
Zurück schalten wäre nicht im Sinne dieses lyrischen Ichs;)
So sieht's aus und nicht anders. Traurig.
09.03.2012, 23:56 von Mrs.McHDanke für dein Kommentar!
10.03.2012, 14:01 von LadyLJa, sehr traurig! Aber mir liegt viel daran, solche Begebenheiten zu Thematisieren.
Jetzt wird es interessant :-) Eigene oder Begebenheiten anderer?
10.03.2012, 14:17 von Mrs.McHMeist ist es eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und den Geschichten anderer. In diesem Fall trifft einiges auf meine eigene Vergangenheit zu, gepaart mit den traurigen Geschichten, die ich von anderen kenne.
10.03.2012, 15:56 von LadyLIch denke, dass viele Mädchen/Frauen große Probleme mit ihrer eigenen Sexualität haben und das ist nicht mal deren Schuld. Aber genau das, lässt und dann in solche Situationen schlittern.
Auf die Gefahr hin, dass das jetzt echt spießig klingt, aber es kann helfen "nein" zu sagen, um wieder zu sich selbst zu finden. Allerdings muss man das erst mal lernen und nicht jede(r) im Freundeskreis wird dafür Verständnis haben. Ein bißchen mehr Selbstrespekt kann nicht schaden, damit die Seele nicht ständig von anderen beschädigt wird.
11.03.2012, 12:59 von schlaflosinschwabenJa, da hast du vollkommen recht! Dadurch, dass ich gelernt habe, auch Nein zu sagen bin ich ja erst so weit gekommen, dass ich über die Abgründe so mancher Frauenseele schreiben kann. So eine Geschichte würde mir heute zum Beispiel nicht mehr passieren.
11.03.2012, 13:41 von LadyLMir tut es nur unglaublich leid, dass es in dieser übersexualisierten Gesellschaft immer wieder (und gefühlt immer mehr) so weit kommt, das Raubbau an der eigenen Gesundheit betrieben wird. Mit Spaß und Lustempfinden hat es nichts mehr zu tun, wenn man sich mit irgendwelchen Mitteln betäubt, um ebendiesen Spaß und Lustempfinden zu erleben. Sehr paradox.
11.03.2012, 15:15 von schlaflosinschwabenJa, ich finde das auch sehr traurig! Deswegen bin ich Medien- und angehende Sexualpädagogin. Ich glaube, dass Frauen ihre Körper noch immer viel zu schlecht kennen und es deswegen zu dieser bestimmten Form des Mißbrauchs an sich selbst kommt. Wobei Menschen allgemein, den Draht zu ihren Körpern immer mehr verlieren. Sehe das also ganz genauso wie du!
11.03.2012, 15:19 von LadyLEs wird nicht nur ihr Körper sein, den frau zu schlecht kennt, sondern eher ihr Selbstbewusstsein, was einfach nicht trainiert ist.
Ich könnte mich ja totlachen über Sexratgeber, deren Botschaft "einfach mal miteinander reden" ist, um guten Sex zu erleben. Mir ist es völlig unbegreiflich, dass selbst die nach außen hin selbstbewusstesten, toughsten Frauen nicht mal im eigenen Schlafzimmer sagen können "lass das" oder "fass mich lieber hier an" und wir sind fast 50 Jahre von der sexuellen Revolution der 68er entfernt. Und genauso verhält es sich mit der körperlichen/seelischen Gewalt, die du in deinem Text beschrieben hast. Da hilft auch keine Aufklärung mehr über Bravo für 12jährige, wenn man nicht mal ganz egoistisch seinen Standpunkt mit Worten vertreten kann - oder einfach aufsteht und geht.
11.03.2012, 15:44 von schlaflosinschwabenJa, aber ich denke dass das Selbstbewusstsein auch viel mit der Liebe und Akzeptanz mit seinem eigenen Körper zusammenhängt. Zu verstehen, dass Körper, Geist und Seele eine Einheit bilden, ist eine Lebensaufgabe:)
11.03.2012, 16:40 von LadyLWas mich in den ganzen Magazinen oder Sexratgebern immer nervt, sind solche Artikel ala: "So kommen sie sicher zum Orgasmus..." Wenn ich meinen Körper kenne, dann weiß ich selbst wie ich zum Orgasmus gelange und dann kann ich bei einem Mann auch Nein sagen, wenn es mir nicht gut tut.
Ja, diese Gewalt, die vor allem an Frauen durchgeführt wird (sie sich aber auch selbst antun bzw. zulassen) hat meiner Meinung nach auch etwas mit "gekränkter" Männlichkeit zu tun. Die weibliche Sexualität ist um einiges Komplexer, als die Männliche (und ich rede hier NICHT von Emotionen, sondern nur von der Biologie). Wenn Frau also selbst nicht mit ihrer Sexualität zurecht kommt, wie soll es dann ein Mann?