Haennah. 01.07.2012, 19:28 Uhr 151 66

Nachtleben

Seine Küsse sind angenehm, aber eben nicht notwendig.

Der Boden unter meinen Füßen vibriert, der Bass ist so stark, dass ich ihn in meinem gesamten Körper spüre. Die Musik dröhnt laut aus den Boxen neben dem DJ-Pult, die Tanzfläche ist voll mit Menschen, betrunkenen, verschwitzten Nachtmenschen. Und ich mittendrin. Die halbleere Bierflasche in der Hand, gedankenverloren zu dem Beat gegen den Schwindel antanzen. Ich drehe mich um als meine Füße anfangen wehzutun, mir ist danach mich hinzusetzen. Und da steht er, etwas weiter hinten in der Ecke, ist mir vorher gar nicht aufgefallen, trotz Scan-Blicks durch den Club zwischendurch.

Er ist schön, braune wuschelige Haare, markantes, attraktives und trotzdem etwas jungenhaftes Gesicht, schöne volle Lippen, guter Kleidungsstil. Er steht an der Wand gelehnt, ein Freund neben ihm, ein Glas in der Hand. Schade, dass ich nicht rauche, das würde alles erleichtern. Dann könnte ich einfach so zu ihm gehen, nach Feuer fragen und ein Gespräch anfangen. Obwohl Reden gerade das Letzte ist, das ich will.

Ich stelle mich in seine Nähe, sodass er mich sehen muss, versuche unauffällig seinen Blick einzufangen, zu lächeln und den Augenkontakt zu halten. Eine echte Mutprobe, offensives Flirten fällt mir schwer, vor allem wenn der Kerl mir so gut gefällt. Aber der Alkohol trägt seinen Teil Selbstbewusstsein dazu, selbst ein Korb wäre mir im Moment egal. Fast egal.

Noch ein Schluck Bier, noch ein kurzer Blick. Er grinst, bewegt sich in meine Richtung, bleibt vor mir stehen, beugt sich zu mir herunter. „Hey, hast du vielleicht Feuer?“ Lässig hält er eine Zigarette in der Hand, ich schüttle meinen Kopf. Leider nicht. Aus der Nähe sieht er noch viel schöner aus, ein kleines Grübchen in der linken Wange, braune Rehaugen mit dichten, langen Wimpern. Eindeutig ein Frauenheld.

Es müssen nicht viele Worte fallen, er kommt mir von Anfang an ein bisschen zu nahe, wir wissen beide was wir wollen und was noch passieren wird.

Seine Lippen sind so weich, wie sie aussehen. Er küsst wirklich gut, hat dabei seine Hände an meinen Hals gelegt, das mag ich. Die Musik erfüllt alles, mir ist immer noch schwindelig. Er schmeckt nach Jägermeister und Rauch, ich versuche mich zu konzentrieren, aber meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Der Bass ist das einzige, was ich in meinem Bauch spüre.

Seine Küsse sind angenehm, aber eben nicht notwendig.

Er nimmt mich an die Hand und sagt mir, dass seine Wohnung hier ganz in der Nähe sei. Wie praktisch.


Die Sonne scheint durch das Fenster, genau in mein Gesicht. Ich mag es nicht, wenn weder Rollos noch Vorhänge das Zimmer verdunkeln und man morgens viel zu früh wach wird.

Ich liege nackt auf einer fremden Matratze, halb unter einer fremden Decke. Unter der anderen Hälfte liegt Max, so heißt er, glaube ich. Falls ich ihn gestern bei der lauten Musik nicht falsch verstanden habe. Sein Gesicht ist mir zugewandt, die Augen fest geschlossen, das Haar durcheinander. Selbst jetzt sieht er noch unheimlich gut aus.

Ich möchte nicht, dass er wach wird. Der Sex letzte Nacht war super, ich bin sogar fast auf meine Kosten gekommen, obwohl er nicht weiß, was ich mag, wo man mich wie berühren muss. Schade, dass er das niemals wissen wird.

Was er wohl gerne zum Frühstück isst? Was wohl seine geheimen Angewohnheiten sind? Schade, dass ich das niemals herausfinden werde.

Ich weiß nicht einmal, was er beruflich macht. Nur die harten Fakten, Alter und Name. Ein bisschen traurig ist es schon, Dinge, die so beginnen, werden niemals einen Schritt weitergehen. Das drogenverseuchte Nachtleben hat keine Zukunft, es wird niemals ein Wir geben. Nur kurz gemeinsam einsam sein.

Obwohl es das komplette Gegenteil von dem ist, was ich gerade möchte. Die ganze Rumfickerei kotzt mich an, bringt mich nicht voran, stellt nur eine kurze unbefriedigende Flucht aus dem Alleinesein dar.

Ich will neben der Person aufwachen, die mich ein klein bisschen besser kennt, als ich mich selbst. Oder wenigstens ein wenig länger, als ein paar gemeinsam verbrachte Nächte. Ich möchte das volle Programm: Kuscheln, Vertrautheit, gemeinsamer Alltag, bedeutungsvolle Küsse, Spießer-Pärchenleben.

Schade, dass es fast unmöglich ist, sowas zu finden.

Es fühlt sich falsch an, neben ihm zu liegen. Falsch, falsch, falsch. Vielleicht sollte ich mich heimlich aus seiner Wohnung schleichen.

Jetzt, im nüchternen Zustand und mit klarem Blick, widert mich die Situation einfach nur noch an. Ich widere mich an. Ich sollte fliehen, um uns die peinliche Situation am Morgen danach zu ersparen. Wenn er sich Ausreden ausdenkt um mich so angenehm wie möglich rauszuschmeißen.

Vielleicht würde zu seiner Sicherheit noch ein „Aber das war nur Sex, eine Beziehung möchte ich momentan nicht“ folgen. Obwohl das ja klar ist.

Ich taste nach meinen Klamotten, an denen die Feierei ihre Spuren hinterlassen hat. Qualmgeruch, Laufmaschen, Flecken. Ich will nur noch weg. Zu mir nach Hause, duschen, bis all der Dreck von mir gewaschen ist. Bis ich wieder etwas fühle.

Ich schleiche mich aus dem Zimmer, eine Nachricht hinterlasse ich nicht. Keine Handynummer, kein Dankeschön für den super Fick.

Die Nacht war gut, aber eben nicht notwendig.

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151 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ein bisschen traurig ist es schon, Dinge, die so beginnen,
    werden niemals einen Schritt weitergehen. Das drogenverseuchte
    Nachtleben hat keine Zukunft, es wird niemals ein Wir geben. Nur kurz
    gemeinsam einsam sein.
    ich finde, das wäre der perfekte schluss für diese geschichte gewesen.
    nach diesem wirklich guten anfang war ich fast ein bisschen enttäuscht, dass du deinen text noch selbst erklärt hast.
    das ende ist gut, aber eben nicht notwendig.

    16.07.2012, 23:34 von wuebbipoa
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  • 1

    Jeder Vers, jeder Gedanke...

    Kommt mir wahnsinnig bekannt vor.
    Tja so ist es halt.

    Gut geschrieben.

    13.07.2012, 21:27 von Maracuja1704
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  • 1

    Der kann was. Gefällt mir. Kann ich nachvollziehen.

    12.07.2012, 11:48 von Plutarch
    • 0

      Aber: Aus Fehlern lernt man eigentlich. Bei dem lyrischen Ich da oben bin ich mir da aber nicht so sicher.

      13.07.2012, 11:05 von Plutarch
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  • 0

    Das drogenverseuchte Nachtleben hat keine Zukunft, es wird niemals ein Wir geben. Nur kurz gemeinsam einsam sein.

    Eigentlich schön geschrieben, aber an sich schon etwas zu offensichtlich. Wer geht schon in nen Club und denkt sich "Ohh heute such ich mir meine große Liebe".

    Kopf hoch, spätestens wenn du alt und fett bist hat das mit der Fickerei ein Ende. :)

    09.07.2012, 15:53 von b4rt0
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  • 3

    Ein bisschen traurig ist es schon, Dinge, die so beginnen, werden niemals einen Schritt weitergehen. Das drogenverseuchte Nachtleben hat keine Zukunft, es wird niemals ein Wir geben. Nur kurz gemeinsam einsam sein.



    Unglaublich stark. Danke sehr!

    07.07.2012, 21:10 von goldhasi
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  • 2

    " Das drogenverseuchte Nachtleben hat keine Zukunft, es wird niemals ein Wir geben. Nur kurz gemeinsam einsam sein." 


    Sehr schade. Anfangs tolle Beschreibungen. Der enge Club, das Jagdobjekt der Erzählerin, der Bass. Sehr hübsch und atmosphärisch. 

    Die "Moral" (wenn man so will) wird dem Leser dann leider mit zu offensichtlich erhobenem Zeigefinger dargeboten. 

    Andere hingegen fanden hier ja, dass die zweite Hälfte den Text rettet. Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind. 

    Gut schreiben kannst du auf jeden Fall. Das zweifelt hier hoffentlich niemand an. 

    07.07.2012, 15:26 von Maycher
    • 0

      Danke! :) Die positive Bewertung des Schreibstils ist mir momentan auch das Wichtigste.

      08.07.2012, 22:42 von Haennah.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Trotz den ganzen Widerworten, ich finde es absolut nachvollziehbar. Da kommt man irgendwie schwer raus. Bin auch kaum schlauer..

    04.07.2012, 18:44 von BlondBlauBloed
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  • 0

    Aah ich sollte wohl aufhören, hier unschuldig auf ONS-Texte zu klicken! Nicht dass sich unbewusst noch ein RTL2-Teaser in meinem Kopf einnistet.

    "Unverbindlicher Sex - das widerliche Spiel mit der Lust"

    04.07.2012, 15:20 von Juliie
    • 1

      angenehm flüssig zu lesen fand ich ihn dennoch.

      04.07.2012, 15:25 von Juliie
    • 1

      So wie RTL2-Teaser

      04.07.2012, 18:28 von WieSieSehnSehnSieNix
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