SilvanSunderbar 30.11.-0001, 00:00 Uhr 100 60

Menschen sind per se interessant, daher egal.

Niemand interessiert sich für uninspiriertes Begatten.

Martin und Caro gehen was trinken und verhindern eine drohende peinliche Gesprächspause durch das Thema "peinliche Gesprächspausen".  Guter Plan, Caro und Martin. Na dann mal los!

Caro, 22 Jahre alt, hat einen festen Hintern und nestelt an der kleinen Holzkette herum, die an ihrem Handy hängt und vermutlich Strahlen abhalten, oder verdeutlichen soll, dass Caro ein nicht zu unterschätzendes Interesse an der Lage der Welt hat. Vermutlich hat sie die Holzkette von einer Freundin aus Neuseeland mitgebracht bekommen, oder an einem kleinen Stand auf einem total süßen Markt in Südspanien für 8,50€ nach mehrmaligem Nachverhandeln erstanden. Auf die Nachfrage, was das mit ihrem Job denn genau sei, der für Caro bisher noch nicht der richtige war, antwortet sie mit der Souveränität von einer die weiß, wie die Dinge in der Welt laufen, „das muss sich fügen.“ Wenn es der richtige ist, wird es sich gewiss richtig anfühlen, das weiß Caro.

Martin, der durch diese Frage vor allem ein emotionales Band knüpfen wollte, das ihn aus der spekulativen Masse aller Beischlafanwärter hervorhebt, nickt brav, interessiert sich aber natürlich nicht im geringsten dafür, wie seine Gesprächspartnerin „ihr Leben lebt“, wie sie sagt, und dass sie sich dabei auch nichts vorschreiben lässt. Martin rechnet außerdem gerade seine Chancen bei der Holden aus, die er allerdings – so die Erfahrungswerte – für gering hält. Zum einen wegen potentieller Konkurrenten, die vermutlich der Grund für das repetitive Blicken seiner Gesprächspartnerin auf ihr Smartphone sind, zum anderen weil Abende, die um 5 vor 10 erst bei Chai-Tee-Hibiskus und nervösem Herumnesteln angelangt sind, selten zu verschwitztem Herumwälzen aufeinander führen. Martin hat überdies eh kaum Interesse an ihr, weil das Mädchen eher so der Typ Partybekanntschaft ist. Kann man machen, sagt Martin immer, muss man aber nicht.

Caro findet, dass sich auch die Wohnungssuche fügen muss, und sich richtig anfühlen, wenn‘s denn mal soweit ist.  Selbstverständlich gilt das auch für die Partnerwahl, womit dieser Typ hier eigentlich schon aus dem Rennen wäre, der ein klein wenig zu offensiv ihren Hintern begutachtet hat und gerade seit 20 Minuten erzählt, wie das war, im letzten Sommer, mit Bier und Kumpels an Baggersee, und im Winter, mit Skifahren auf der Hütte. Voll geil und echt der Wahnsinn, mostly.  Und obwohl Caro gern am Baggersee ist, und auch gern auf der Hütte ist, stört sie, dass es sich nicht richtig anfühlt, dass es mit ihm ein bisschen zu viel Arbeit ist, sich zu unterhalten. Auf die Frage „ist was?“ antwortet sie „alles paletti“, steckt ihr Handy weg und lächelt künstlich.

Martin findet, dass irgendjemand so langsam sagen sollte, dass es ein schöner Abend war, aber bald der letzte Bus fährt, und er sagt „die machen hier so langsam zu. Willst du noch was machen oder belassen wir’s dabei?“, wobei er hofft, dass es das jetzt endlich war.

Caro wollte sich eigentlich gerade entschuldigen, mit dem Verweis auf eine Freundin, der’s grad nicht so gut geht; antwortet jetzt aber, sie weiß nicht, man könne ja mal schauen. „Musst du auch in Richtung Innenstadt?“

Martin fragt vor seiner Haustür eigentlich nur aus Prinzip – also aus Datenerhebung – , ob sie noch mit raufkommen möchte, auf nen Kaffee. Caro muss sowieso auf die Toilette und fragt von dort ihre beste Freundin, ob sie das schon noch richtig weiß, was „auf nen Kaffee mit hochkommen“ heißt. Caro kommt von der Toilette, sie küssen sich aus Konvention und landen auf Martins IKEA-Bett. Caro und Martin begatten sich uninspiriert exakt 7 Minuten und 38 Sekunden, was beide mittelmäßig zufriedenstellt.

Martin wacht um halb 3 nachts auf, weil das Mädchen neben ihm schnarcht. Caro schlägt um halb 6 die Augen auf, riecht Martins Mundgeruch, weil er sich aufs Kissen gesabbert hat, steht auf und zieht sich an. Auf einen Zettel schreibt sie besseren Wissens „Bis ganz bald vielleicht. LG“  Einen Tage später ruft Martin, weil er kein Arschloch sein will, an; fragt, wie’s ihr geht und ob sie Lust auf nen Kaffee hat. Caro und Martin haben wieder Kaffee getrunken und waren sogar im Kino. Und weil man sich da weder unterhalten noch sehen muss, sind Caro und Martin jetzt ein Paar. Sie werden Heiraten, zusammen alt werden, Kinder bekommen und sich einen Scheißdreck füreinander interessieren.

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Kommentare

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  • 0

    schön runtergeschnoddert

    20.10.2016, 14:41 von Pesada
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  • 1

    ich mags!

    16.03.2015, 23:54 von androgyn
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    Na ja!
    Nett geschieben. Und viele kennen sich offensichtlich in Deinem Text wieder.
    Das mag vielleicht daran liegen, dass unsere Welt tatsächlich immer komplizierter wird. – Nur der Titel der Geschichte geht mir nicht rein. Ironie? Sarkasmus? Meine Begeisterung hält sich in Grenzen!

    Viele wollen scheinbar einem äußeren Bild verbal entsprechen, was sie mit dem Herzen doch nicht tun. Einfache Begriffe wie Leben, Liebe, Lust, Vertrauen oder Respekt werden unterschiedlich, vielseitig interpretiert."Das muss sich fügen." – Tut es aber nicht, weil die unterschiedlichen Vorstellungen konträr auseinander driften und man nebeneinander, statt miteinander lebt. ...

    02.02.2015, 12:45 von andrew
    • 0

      Mit Verlaub. Ich hab ja gar nichts dagegen, schlecht bis mittelmäßig gefunden zu werden, aber was ich ganz schrecklich finde ist


      1. dass Texte hier durch die Bank als Lebensratgeber gelesen werden, oder man durch sie etwas gefühlt Wahrhaftiges über die Welt mitteilen soll. Ich hätte der Welt doch etwas mehr mitzuteilen, als poetische Formen von:  "Liebe ist schön"; "Trennung macht aua", "sei kein Arsch", "nutze deine Lebenszeit". Und genau dieser billig-romantische Anspruch ist komprimiert als "das muss sich fügen." Dementsprechend ist auch der Titel zu lesen. Menschen sind trotzdem immer interessant, weil jedes Verhalten einen Kontext hat, weil es vielleicht Universalien gibt.

      2. Und ich finde schrecklich, dass jene Forderungen dann mit Gemeinplätzen begründet werden wie "dass die Welt immer komplizierter wird" oder "man etwas mit dem Herzen nicht tut" oder "nicht nebeneinander, statt meiteinander leben sollte". C'mon, das ist Wohlfühl-Lebenshilfe und Küchenphilosophie - und ich bin froh, dem nicht zu entsprechen.

      Das klingt jetzt sehr harsch. Ist nicht böse gemeint. Ich mag nur sagen - meine Schreibhaltung und deine Rezeptionshaltung gehen hier überhaupt nicht zusammen.

      02.02.2015, 13:17 von SilvanSunderbar
    • 0

      Muss es ja auch nicht! Oder? ;-)


      Verstehe meine leise Kritik, oder verhaltene Begeisterung Deines Textes, bitte weder als "Forderung", noch als "Wohlfühl-Lebenshilfe". Und ich freue mich zu lesen, dass Du Deinen Text auch nicht in dieser Richtigung selbst verstehst. ;-)

      Bleib weiter munter! 

      02.02.2015, 14:43 von andrew
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    • 1

      Ziemlich cooler, ostentativ überlegener Kommentar. Macht bestimmt mächtig Eindruck.

      25.01.2015, 12:47 von SilvanSunderbar
  • 0

    wer mehr erwartet, wird weniger kriegen.

    24.01.2015, 13:24 von libido
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  • 2

    Gut geschreiben!
    Inhatlich: Armseelige Beziehungen mögen so entstehen.Aber mir ist - zum Glück - die gesamte Story fremd.

    23.01.2015, 12:19 von Plutarch
    • 1

      Übrigens ist "geschreiben" die neue Trendschriebe. Das haben die Hipster entschieden, ie und ei werden ab sofort von den ganz hippen Menschen immer umgedreht geschreiben...

      23.01.2015, 12:21 von Plutarch
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  • 2

    geil.

    22.01.2015, 11:23 von kxxx
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    • 1

      Versteh ich nicht. Was ist denn Attraktivität in dem Fall für ein Gradmesser?
      absoluter Murks dagegen: Ok, keinen Einwand.

      22.01.2015, 09:18 von SilvanSunderbar
    • 2

      das unattraktiv kann man ja so stehen lassen.

      aber als ob das nicht genug menschen wirklich so machen würden!

      22.01.2015, 09:35 von Agmokti
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