Manchmal denke ich, ich sollte einfach zur nächsten Polizeistation gehen und eine Anzeige machen.
Ich hoffe, dass ich dadurch vielleicht Frieden finden kann und diesen einen Abend einfach vergessen kann.
In diesem naiven Glauben steckt vielleicht auch der Gedanke drin, dadurch diesen dummen Abend einfach ungeschehen zu machen. Das ist logisch gesehen natürlich nicht möglich. Aber man kann es ja mal versuchen. Verrückt. Aber man klammert sich doch an jeden erdenklichen Strohhalm, den man finden kann. Nein, nicht „man“ sondern ICH.
Es ist schwierig. Ich versuche ein normales Leben zu führen. Doch dann kommt man an einen Punkt, wo einen alles einholt und alles einfach umhaut. Immer wieder passiert das. Man kann dem nicht entkommen. Das ist verdammt gemein und einfach auch total scheiße. Da will man sein Leben leben so gut es geht und dann haut es einen wieder um und man steht scheinbar vor einem Haufen Scherben. Und, wer soll helfen diese Scherben aufzuheben und wieder zusammen zu puzzeln? Scheiße, man ist doch allein! Auf sich allein gestellt und immer nur allein.
Ich hab gute Freunde und weiß genau, ich kann mich auf sie verlassen und ihnen vertrauen kann. Aber so etwas Brisantes anzusprechen ist doch immer eine kleine Mutprobe. Naja, man denkt eben, man hat alles unter Kontrolle und alles im Griff. Pech, eben nicht!
Jedenfalls, denk ich darüber nach, einfach zur nächsten Streife zu gehen und zu sagen: Guten Tag. Vielleicht können sie mir helfen. Ich bin vor drei ein halb Jahren vergewaltigt worden und würde jetzt gern eine Anzeige machen. Und wenn man fragt: und warum, was versprechen sie sich jetzt plötzlich davon? Warum sind sie nicht schon viel früher gekommen? Dann werd ich sagen: naja, ich hatte vielleicht nicht den Mut und ich dachte ich bin stark. Denn das denkt man doch so von sich! Man denkt, man hat alles unter Kontrolle und kommt gut aus.
Dann wiederum fällt alles zusammen und gar nichts passt. Dann ist man wieder an dem Punkt, einfach auszupacken. Sich vielleicht dadurch zu retten und irgendwie doch ein ganz normales Leben zu führen. Aber was heißt „normal“? Davon kann man nicht ausgehen. Denn ein normales Leben führe ich ja. Ich kann mich nicht beschweren. Es geht mir gut. Ich komm gut aus. Darauf abgesehen, dass ich manchmal völlig panisch bin und eben gar nicht mehr klar komme.
Das beste Beispiel ist doch Sex. Werden wir doch mal konkret. Ich würde gerne mit einem Mann schlafen. Mich hingeben, Nähe erleben und mich jemandem schenken. Das ist sicher toll. Und es ist auch ein Geschenk, denn der Partner ist einem so nahe, wie sonst nichts. Aber da ist mein Problem: ich empfinde jede Art von Zärtlichkeit und sexueller Nähe als Gewalt. Mein Gegenüber zeigt mir seine Überlegenheit und demzufolge (auch) meine Schwäche. Ich bringe mich dar und öffne mich ganz. Gebe mich hin und bin völlig nackt und schutzlos. Ich fühl mich klein und hilflos. Bin einfach ausgeliefert. Und kann an nichts anderes denken. Wenn ein Mann mir dann näher kommt, ist es für mich, egal wie zärtlich und liebenswert er sein mag (ist), wie ein grausames ausgenutzt werden(Ausnutzen). Ich fühle mich einfach nur (ausgenutzt und) dreckig. Alles einfach abartig. Ich will nicht sagen, dass es mich nicht interessiert. Im Gegenteil. Ich habe auf jeden Fall das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und Geborgen sein. Ganz besonders sogar das Geborgen sein. Doch davon abgesehen, wer wünscht sich das nicht? Für mich ist das allerdings eine Qual.
Ich bin, wie jeder andere Mensch auch, neugierig. Und habe (sicher) auch Bedürfnisse. (Das habe ich ja versucht darzustellen.) Vielleicht habe ich aber auch keinen Spaß, überhaupt keinen, und keinen einzigen positiven Gedanken beim Thema Sex, weil es daran liegt, dass ich bisher nur körperliche Begegnungen hatte. Nur reinen Sex, ohne auch nur einen Anflug an Liebe.
Mein erstes Mal:
Ich treffe einen scheinbar netten Herrn. Ich bin im Ausland. Dort freut man sich ja über jeden Kontakt den man finden kann. Man unterhält sich. Wir sitzen auf dem Bürgersteig und es ist spät. Irgendwann kommt der Alkohol ins Spiel. Ich sag nicht, dass er mir aufgedrängt wurde. Nein, das nicht. Aber es kommt doch eins zum anderen. Eigentlich will ich es nicht. Denn man hat ja die Vorstellung, dass es etwas ganz besonderes werden soll. Also nicht zwischen Tür und Angel, in meinem Fall: zwischen Bordstein und Straßengraben. Es war simpel gesagt einfach hässlich. Er zieht mir die Hose aus und befummelt sich, um auf Touren zu kommen. Dann geht’s zur Sache: Grob, denn was hat auch Zärtlichkeit auf einem schäbigen Parkplatz zu suchen? Kein Vorgeplänkel, er kommt gleich zum Zug. Rein, sinnloses abreagieren und einfach nur zustoßen, raus und sie in Position rücken. Das ganze natürlich ohne Verhütung, was soll‘s auch?!? Scheiß auf Schwangerschaft, denn er wird sie nie wieder sehen, denkt er.
Tja, das war’s also. Schön. Das soll Sex sein? Darauf kann ich verzichten. Danke, nie wieder. Denn das einzige was für mich dabei abgesprungen ist, war Erniedrigung, Scham, Schmerz, Angst: zusammen gefasst also das Gefühl miss- und gebraucht zu werden. Einfach erbärmlich. Entschuldigung, aber das kann ich mir sparen!
Zweiter Versuch:
Etwa ein halbes Jahr später habe ich einen Freund. Jedenfalls denken alle wir sind ein Paar. Ich weiß nicht, ob wir das waren. Vielleicht. Sagen wir, wir haben ein bisschen Zeit zusammen verbracht. Wohl mehr als nur gute Freunde miteinander verbringen. Irgendwann war es also öffentlich, dann wir sind wohl zusammen. Und was macht man, wenn man zusammen ist? Man verbringt auch mal einen Abend zusammen und vielleicht kommt es vor, dass man bei dem anderen übernachtet. Ich hab also bei meinem Freund, wie es alles nannten, übernachtet. Ich gebe gerne zu, ich war neugierig und hab mich in dem Moment wirklich wohl gefühlt. Bis wir an dem Punkt angelangt waren, dass wir nackt aufeinander lagen. Diesmal zwar mit Verhütung, aber das war auch das einzig Gute daran. Denn es war schlimm. Ich konnte keinen einzigen Moment genießen. Das Gefühl einfach nur ausgenutzt zu werden war so verdammt stark und beherrschte meine Gedanken. Und Schmerz. Ich lag ganz passiv da und habe es über mich ergehen lassen. Das einzige Bild, was ich nicht mehr aus meinem Kopf bekommen konnte, war dieses fremde Gesicht auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz. Ein Fremder (in einem fremden Land). Ich fühle mich selbst plötzlich fremd und scheine nicht zu dem Körper zu gehören, der da gerade auf dem Bett liegt. Das Gefühl überrollt mich und ich breche unter Tränen zusammen. Das war das erste und letzte Mal, dass ich diesem „Freund“ so nahe war.
Da hab ich zum ersten Mal den Gedanken, eine Anzeige zu machen. Denn ich merke, dass es mein Leben ein Stück weit beherrscht. Nein nicht ein Stück weit, es ist gegenwärtig. Man kann es nicht abstellen.
Ich springe zu einer anderen Szene. Erst vor kurzem habe ich mich nochmals daran versucht. Wir kennen uns schon eine Weile und irgendwie landen wir zusammen in seiner Wohnung. Eigentlich sind wir gute Freunde und dachten nie an eine Art Beziehung. (Und sollten auch in Zukunft nicht daran denken.) Denn es stand fest, die Tage die er in der Stadt verbringt sind gezählt. Eine Beziehung ist also irgendwie (auch) sinnlos. Und beide hatten wir eher das Bedürfnis frei bleiben zu wollen. Naja, es hat gepasst. Jedenfalls bis hier her: Als wir also in seinem Bett lagen, nackt, bin ich noch (voll dabei und) neugierig. Doch dann dringt er ein und es wirft mich wieder zwei, fast drei Jahre zurück. Ich liege auf einem dreckigen Parkplatz und über mir dieser Fremde. Dieser Fremde, der meine Naivität ausnutzt und nur eine billige Nutte gesucht hat. Ja, so war’s doch einfach!
Scheiße, aber warum soll ich mir das alles von diesem (einem scheiß) Mann versauen lassen? Und was folgt daraus? Scheiß auf Männer und los geht’s auf die Suche nach Frauen zu gehen? Ich hab’s versucht. Durch einen dummen und durchaus interessanten Zufall steht eine gutaussehende, junge Frau vor meiner Tür. Naja, was genau (da) dahinter steckt ist ja auch egal. Jedenfalls landen wir im Bett. In meinem Bett, diesmal. Es war das erste Mal, dass ich völlig locker sein konnte. Ich habe es genossen und mich einfach mal gehen gelassen. Zum ersten Mal keine negativen Gedanke und Bilder. Ja, es war schön. Aber es nichts auf Dauer. Nein. Danke.
Zurück zur Ausgangssituation:
Es gibt also genügend Gelegenheiten, in denen ich zurückversetzt werde in das Gefühl des Ausgenutzt seins und ganz simpel ausgedrückt: das missbraucht werden. Und dann die große Frage: soll ich eine Anzeige wagen und die Mühe in Kauf nehmen, alles aufzutischen, zu erzählen und alles wieder hochzulassen um vielleicht irgendwie meinen Frieden dadurch zu finden?
Dumm, auch nur daran zu denken. Aber schon eine Möglichkeit. Denn vielleicht gibt es (eine) Gerechtigkeit und ich kann Ruhe finden, wenn der Fremde nicht nur ein Schatten bleibt?






Kommentare
Eine Therapie hilft.
18.10.2011, 21:33 von Anti-IchIch kenne das, was du schreibst, ich mache seit rund einem Jahr eine Therapie und es hilft wirklich. Eine Vergewaltigung ist nichts, was man einfach alleine wegstecken kann, man kann (unbewusst) verdrängen, aber dann kann es irgendwann noch viel schlimmer werden.
Mach eine Therapie, der erste Schritt ist hart, aber es hilft wirklich.
Dir viel Kraft und alles gute.
Wahrscheinlich traumatisiert. Ne Anzeige ist ein Schritt, aber vielleicht nicht wirksam in die Richtung, die du dir erhoffst. Dann vielleicht doch lieber ne Beratungsstelle, die sind mit Sicherheit auch sensiblere Zuhörer als die Polizei... Ganz viel Mut und Kraft für dich!
18.10.2011, 12:00 von LarettanaEmpfehle ich dir auch, es gibt kostenlose anonyme Angebote für Missbrauchsopfer. Bringst für dich aufs Tablett,daamit du Frieden schliessen kannst. Wünsch dir viel Kraft!
18.10.2011, 09:02 von pocketIch sehe das ähnlich wie EliasRafael. Eine Therapie ist IMHO warscheinlich sinvoller als eine Anzeige.
18.10.2011, 08:29 von Jingeling89Die unwarscheinlichere Methode ist, dass du einen kennenlernst, der dich quasi von deinem Leid befreit.
Klingt albern, aber so etwas solls geben.
Was ist mit einer Therapie?
18.10.2011, 08:07 von EliasRafael