GinoCazino 06.10.2009, 17:00 Uhr 7 9

"Mach es weg!"

22:15:10 Uhr. Ich liege in meinem Futonbett nahe dem staubigen Parkettboden und genieße die angenehme Sommerbrise, die durch meine Fenster weht...

Zwei an der Zahl. Beide passend zum Rest des Zimmers –düster, dreckig, und gedankenlos durchdacht. Ich erinnere mich jedes Mal an die Worte meiner Freundin, wenn ich die, von Smog bedeckten, Fenster sehe: „ Nimm dir halt mal 15 Minuten, länger dauert das nicht!“
Ja 15 Minuten...

Ich weiß nun wirklich Besseres mit meiner „kostbaren“ Freizeit anzustellen als Fenster zu putzen. Fenster, die morgen eh wieder aussehen wie von gestern. Außerdem brauche ich in meinen bescheidenen, spartanischen vier Wänden ein gewisses Feng Shui. Alles muss zusammenpassen. Die sauberen, glänzenden Fenster würden nach außen nur Falsches vermitteln. Ein geordnetes Leben. Ein Typ, der vielleicht hier und da mal einen kleinen Fehler begeht. Hier und da eine Weintraube im Supermarkt nascht. Hier und dort mal über rot geht, wenn keiner guckt. Natürlich niemals wenn Kinder dabei sind. Vielleicht auch mal der Europawahl fernbleibt, weil er sich um seine kranke Großmutter kümmern muss. Aber keiner, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, weil er nicht seinem Alter entsprechend handelt, stehen geblieben ist. Stagniert. Sich versucht zu verstecken. Kein Bagatelldelikt, nichts von wegen Kavalier, nein, lieber Ego statt Wir. Ich statt Du. Jedem das Seine und mir am meisten.
22:15:43 Uhr.

Jeder, der meine Wohnung betritt weiß, dass diese nicht in nur lächerlichen 15 Minuten sauber gemacht werden kann. Was sind schon 15 Minuten? Ich verschwende jeden Morgen eine Viertelstunde unter der Dusche. Nicht weil ich mich so gerne einseife und es mich erregt, wenn ich mich selbst berühre. Nein. Nur hier kann ich dem tristen Alltag entkommen. Wenn auch nur für ein Viertel einer Stunde kann ich vor meinen Problemen davon schwimmen. Wie ein Jemand, der zittert, ob er wieder mit der Steuerhinterziehung durchkommt, hoffentlich kann ich mir wieder die Dividende einstecken, hoffentlich merkt keiner, dass ich heimlich die Firmenkonten belaste. Hoffentlich.
22:16:15 Uhr.

Duschen vergeht wie in Zeitlupe. Die Wassertropfen perlen von der Nase herab. Ich mache abwechselnd meine grünen Augen auf und zu. Wie in einem Traum, den man nicht fassen kann. Die Duschbrause ist so laut, dass ich alles andere nicht wahrnehme. Auch nicht mein Handy, welches seit einer geraumen Zeit dauerklingelt.
22:18:23 Uhr.

Zwischen den kleinen Pausen, in denen ich kurz nach Luft schnappe und versuche die Zeit zu greifen, bemerke ich, dass aus einer kleinen Ecke meines Fünf-Quadratmeter-Bades eine musikalische Untermalung kommt. Gekonnt ignoriert und für meine schlechte Handymusik gehalten, dusche ich weiter. Unter der Dusche kann ich die Entspannung einfach kurz aus und wieder anschalten. Wie ein Regisseur bestimme ich was passiert.

Der mich unterbrechende dumpfe Sound meines Handys ist eigentlich, verglichen mit dem schönen Rauschen der Brause, eine Art Körperverletzung. Doch ich vergesse, dass ich nie Musik anmache wenn ich duschen gehe. Zu Recht. Nachdem ich leider mein einziges Highlight am Tag abbrechen muss, schaue ich verärgert auf mein Accessoire des 21. Jahrhunderts. Elf verpasste Anrufe. Acht Mal unbekannter Teilnehmer, demnach drei Mal eine recht bekannte Rufnummer. Und all das, weil ich diese eine SMS nicht beantwortet habe.

22:19:13 Uhr.
Womöglich habe ich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Ein richtiger Mensch setzt richtige Akzente, richtige Prioritäten. Timing. Timing ist das Schlüsselwort. Ich besitze nichts davon. Aber was soll ich machen, ich liebe mich zu sehr, um mich aufzugeben. Mit einem Handtuch umwickelt ertaste ich im Dunkeln mein Zimmer. Ich stolpere über meinen Laptop und verfluche die Hightech von heute. Alles total überschätzt, überbewertet und übertrieben. Ich besitze doch noch Etwas. Ich bin wer. Jedenfalls wenn es nach euch geht. Zeit für einen Drink.
22:19:58 Uhr.

Mein Kühlschrank ist leer, so wie die Seelen der Menschen meiner Gegend. Nur Milch habe ich noch, aber das reicht mir. Im Eisschrank finde ich noch eine halbe Likör43-Flasche. Ein Geschenk von unserem amtierenden Europameister. Neben der leckeren Edelsalami, Zara und Paella eines meiner Lieblingsprodukte von der tollen Halbinsel. Abgesehen von ihren tollen Frauen. Aber daran mag ich jetzt nicht denken. Lieber Wurst statt Fleisch und Herz. Im gleichen Moment denke ich an meinen Lloret de Mar-Urlaub.
22: 20:49 Uhr.

Mein Blick schweift durch das Küchenfenster. In der rechten Hand mein Drink, links mein Handy. Die Eiswürfel, drei an der Zahl, klimpern in meinem Glas, ich glaube ein Geschenk meiner Schwiegermutter in spe. Ein Hauch von Freiheit macht sich in diesem Moment breit. Eine starke Vibration unterbricht mein kurzes Abschalten vom ernüchternden Dasein.
Wer stört?
„Ja?“, frage ich sichtlich genervt meine Freundin, die am anderen Ende der Leitung wie von einer Tarantel gestochen antwortet. „Ich warte bestimmt schon eine halbe Stunde auf deine Antwort, also?“ Ein Blick auf meine Armbanduhr, ein Erbstück meines Opas, bestätigt mich in meiner Vermutung, dass sie etwas übertreibt.
22:22:44 Uhr.

„Ja, gib mir bitte noch ein wenig Zeit zum Nachdenken, dann sag ich dir endgültig Bescheid!“ Diesen Satz habe ich in den letzten beiden Tagen nun schon das sechste Mal gesagt. Niemals kam es wirklich zu einer Aussprache. Doch heute sind mein Schicksal und ich fällig. Ich warte ihre Antwort nicht ab, sondern lege einfach auf. So wie man es immer wieder in amerikanischen Filmen sieht. Auch dort verabschiedet man sich nicht am Telefon, man legt einfach auf. Keiner schließt beim Aussteigen des Wagens sein Auto ab, und genauso wenig lässt man sein Auto stehen, wenn man nachmittags schon die ersten harten Drinks auf Eis getrunken hat. Genauso wenig tut man das, was ich getan habe, tut man das, was ich tun muss.
22:23:21 Uhr.

Ich setze mich auf meinen Balkon und versuche jetzt endlich abzuschalten. Nur ein paar Minuten, nicht mehr und nicht weniger. Ist das wirklich zu viel verlangt? Als ich mir diese Frage stelle, überlege ich, was man alles in dem Viertel einer Stunde erledigen kann.
Eine wildfremde Person kennen lernen und im Anschluss im Schlafzimmer noch eine weitere Viertelstunde etwas intimer werden. Sich von chemischen Drogen zu viel zu genehmigen und in das nächste städtische Krankenhaus eingeliefert werden. Oder mit seinen engsten Freunden einen Banküberfall durchziehen. Manches muss ich mit einem Schmunzeln für mich bestätigen. Aber auch, wie ich letztens erfahren habe, einen Kredit über 3000 Euro erhalten. Russland macht es möglich. Lediglich Personalausweis und das Ausfüllen des Antrags trennen dich von der kleinen Finanzspritze. Wenn das mal nicht die nächste Finanzkrise sein könnte. Hoffen wir, dass nicht wieder alle miteinander vernetzt sind. In wenigen Minuten wurden schon die ganz großen Fußballspiele entschieden. Von einem einzigen Akteur. Fitness-Gurus behaupten täglich 15 Minuten reichen, um in Form zu bleiben. Leider nein. Was jedoch wirklich reicht, ist die Tatsache, dass 15 Minuten Sport die Lust auf Schokolade hemmen. Übrigens gleicher Effekt bei Nikotin und Drogen.

Während vor meinen Augen die verschiedenen Szenarien vorbeiziehen, versuche ich die befriedigendste Variante virtuell einzufangen. Es gelingt mir nicht. Was mir jedoch gelingt, ist die Tatsache, dass ich ausschließen kann, welche es nicht ist. Mein Telefon macht sich abermals bemerkbar. Jetzt reicht es wirklich. Ich schaue ein letztes Mal auf das Display: 22:24:59 Uhr und werfe mein Mobiltelefon vom Balkon. Genug ist genug.
Zufrieden setze ich mich und trinke mein Glas aus. Die Eiswürfel sind mittlerweile komplett aufgelöst, und der Drink ist dementsprechend etwas wässrig geworden. Mit einem letzten intensiven Schluck leere ich das schöne Glas, welches ich übrigens in meinem Spanien-Urlaub erworben habe. Moment. Oder war es doch von meiner reizenden Schwiegermutter in spe? Ich bin mir nicht mehr sicher und während ich versuche mich genau zu erinnern, lasse ich es mit halbem Bewusstsein fallen. Es zerspringt in tausend Teile. Der Boden ähnelt meinem Leben. Oder einer Badewanne voller gecrushtem Eis. Übrigens ziemlich verwerflich, dass Leute damit Geld verdienen, dass sie uns gefrorenes Leitungswasser verkaufen. Das Schlimme ist, wir kaufen es. Die Scherben bleiben vorerst an Ort und Stelle, in der Hoffnung, dass der Wind mir über Nacht ein wenig aushilft. Nachdem mein Handy weg, mein Glas zersprungen und die Milch leer ist, frage ich mich, womit ich den restlichen trostlosen Abend füllen soll.
22:25:26 Uhr.

Nachdem ich meine Schuhe geschnürt habe, begebe ich mich auf den Weg zu dem Supermarkt meines Vertrauens, der seit neuestem bis 23 Uhr auf hat und quasi einer meiner Nachbarn ist. Das lob ich mir. So kann sich ein frustrierter leicht alkoholisierter junger Mann, wie ich einer bin, noch den Rest geben. Einen Mitternachts-Snack. Noch ein wenig Schnaps wegnaschen, bevor ich meine Entscheidungen mitteilen muss. Wird dieser eine Fehler meinem Leben diesen einen bedeutenden Cut geben? All die guten Zeiten, die lustigen Jahre, die schönen Momente, alles umsonst?

Durch meinen Körper geht ein Gefühl, das ich so in dieser Intensität noch nicht verspürt habe. Als ob die ganze Welt in diesem Augenblick auf mich schaut und gespannt auf ihrem neumodischen Sofa sitzt und sensationsgeil wartet. Was wird er nun machen? Wie wird er sich entscheiden? Werden ihm die 15 Minuten pure, egoistische Geilheit zum Verhängnis? Ist er wirklich so ein Arschloch? So kann man doch nicht mit seiner Freundin umgehen, einem Menschen, den man liebt. Das ist der Punkt. Den man liebt...

Was ist Liebe überhaupt?
Woher weiß ich, dass ich sie wirklich liebe? Dass sie die letzte Person ist, die ich küssen möchte. Alles teilen. Durch dick und dünn. Der ganze altmodische geschwafelte Floskelkram. Ehe du dich versiehst, stehst du vor einer Entscheidung, die dein Leben von Grund auf ändern wird. Nicht mit mir. Ich habe keine Lust mich so zu entscheiden, wie es meinen Fernsehzuschauern gefallen würde. Die Quoten sind mir egal. Na und, dann bin ich eben kein Publikumsliebling, wollte ich nie sein. Kein Lukas Podolski, kein von und zu Guttenberg. Eher ein Batman, ein Hancock, ein Antiheld. Wobei. Für wen bin ich denn überhaupt ein Held? Für meine Freundin? Meine Eltern, die sich erst wieder bei mir melden, wenn ich mein Bachelor-Studium erfolgreich abgeschlossen habe? Oder doch meine so genannten Freunde, die mich für eine Flasche Wein verkaufen würden? Nur weil wir in diesen pseudo-tollen Netzwerken befreundet sind, heißt es noch lange nicht, dass ich euch leiden kann. Ich schau mir eure frisch hochgeladenen Sommerurlaubsphotos mit euren Liebsten an und verspüre starke Verachtung. Lustig mache ich mich über euch. So wird mein Leben erträglich.

Dank eurer krankhaften Selbstbestätigungssucht. „Tolles Photo, Griechenland scheint schön zu sein!“ Griechenland vielleicht, aber du nicht.
22:27:43 Uhr.

Im Supermarkt angekommen, ignoriere ich gekonnt alle aktuellen Preisangebote. Ich interessiere mich eh nur für zwei Sachen. Wurst und Schnaps. Ein gewohnter Griff nach links und die Edelsalami ist meine. Vier Gänge weiter finde ich auf der rechten Seite mein nächstes Objekt der Begierde. Wie ein kleiner Junge im Spielwarenladen stehe ich vor dem Schnapsregal. Die meisten Sachen habe ich mir schon übertrunken. Wirklich schmecken tut mir nichts mehr. Ich greife nach dem teuersten Whiskey.

Die Dame an der Kasse schaut mich verwundert an. Vielleicht wundert sie sich, dass ich mir einen 30 Euro-Schnaps genehmige. Vielleicht fragt sie sich auch, ob sie mich nach meinem Ausweis fragen soll. Während sie sich wahrscheinlich diese Fragen stellt, frage ich mich warum sie mich so mustert. Was fällt ihr ein? Bin ich unfreundlich zu ihr, weil sie unattraktiv und ungebildet ist? Weil sie nicht weiß, wie viel Staaten in der EU sind? Weil sie nicht weiß, wie man sich gescheit die Haare schneiden lässt? Nein. „Schönen Feierabend, Frau Schneider!“
Zuhause angekommen sehe ich, dass mir drei Nachrichten auf den AB gesprochen wurden. Ohne sie abzuhören, rufe ich gleich den potentiellen Kandidaten des Telefonterrors an.

„Ich will das Kind nicht!“

Ich lege auf und schaue auf das Display meines Festnetztelefons: 22:30:10 Uhr.

Meine Freundin ruft an. „Und was ist nun?“
„Ja, dann lass uns doch heute zu dir gehen, ich bring uns einen Film mit!“

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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Endlich mal ein entwaffnend ehrlicher Text ohne Bla bla.
    Großartig !

    23.08.2011, 10:24 von chaos.kind
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Im ersten Moment ließ ich mich hinreißen und dachte "Arschloch!", dann strengte ich für einen kurzen Moment meine Gehirnzellen an und kam zu "Versteh ich.", nun bin ich begeistert und denke.

    29.10.2009, 15:14 von Kayah
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  • 0

    Gut. Aber ich glaube, mit einem anderen Titel noch besser.

    21.10.2009, 13:13 von coronaria
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    Übel. Aber gut geschrieben. :)

    21.10.2009, 13:04 von Pinzepu
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    Bravo.

    10.10.2009, 08:36 von Flocke84
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    Wunderbar!

    06.10.2009, 17:39 von rotbemundet
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