Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 42

Lübner, die irritierte Drecksau

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Lübner lebte in Worten, man kann sagen: er wählte sie so sehnsuchtswild und hoffnungswohlig wie ein Kind in der Erwartung sonnenreicher Sommertage. Ein Wort war ihm ein Kleinod, wie der Kern der Dinge, wie die Haut, in der er wohnte. Sie stimmten ihn so glücklich milde, wenn sie von den Lippen glitten, wenn er ganz bedächtig wie in priesterlicher Anwandlung so leisverträumt und ganz bei sich ein danke sprach. Wieviele Wörter ihn auf Reisen in versteckte Ecken jenes Kontinents der Deutung schickten und was er auf den Flügen, Fahrten und Verfolgungen so alles lernte: Jede Fährte war Verführung und erfüllte ihn mit Ausdruckslust: Ach, wie er in die Worte wanderte mit all den Pfaden und Verweisen: Lübner und die Freuden der Verwortung!  

So ein Wort war Schmuck und er sortierte ihn so zärtlich wie manch' andre ihr Geld und zahlte doch am liebsten bar mit seiner auserkornen Währung: seinem ausgesuchten Wort. Und verschenkte es wie mancher Plätzchen und Pralinen, die er selbst gebacken! Wie sorgsam wählte er die Worte, um sich und andre vor und für sich einzukleiden: Sieh, so sprach er letztlich über eine Dame, die ihn faszinierte: dieses blütenweiße Wortbrautkleid, wie steht es ihr und funkelt - wie gern erfänd' ich ihr ein Wort, das bei ihr bliebe und wirkt' als wäre es Liebkosung. Wie baut' er mit den Worten Brücken, um sie zu erreichen, um ihr zu bedeuten, was er ist und was er will, und zu begreifen, was sie meint und möchte: Wörter sind wie Schlüssel, stimmte er euphorisch an, und ich will ihre Türen öffnen: Lübner und die Freuden der Entschlüsslung.



Lange war er zeitabseits, dann fand ich ihn. Lübner lag vernichtet wie ein Fort, das überfallen war und verbot sich jedes Wort, als ich das meine an ihn richtete. So seltsam schweigend schien er fremd und fern und gar nicht jener Lübner, den ich kannte und sehr schätzte. Fort war alles Federleichte, fort auch alles Ambossschwere, ihn Verankernde: Fort war jede Wortverzückung und nirgendwo ein Silbensprühen, Lübner schien mir
fast erloschen, Lübner war inzwischen funkenlos-erdrücktes Nichtmehrglühen. Sofort erfragte ich, ganz sorgevoll im Vasenton, was wohl geschehen und dem Freunde zugestoßen, und wählte meine Worte weise, wusst' ich doch, dass schon ein schlicht verkehrtes oder falsches Wort den Freund, den Literatenlübner, all zu sehr verstörte oder irritierte und mitunter gar aus sich verbannte als litte er an Ohnmacht oder temporärem Hörinfarkt. Wie oft schon war er wortverkatert, so auch jetzt. Lange lag er wortnackt da, als sei er Laub des letzten Herbstes, selbstvergessen, nur noch wartend, dass er auf den Kehricht komme, dass man ihn mit Stumpf und Stil und Schubkarre entferne. Dann wand' er sich und widerstand und stotterte schlußendlich völlig aus dem Ton gefallen als stünd' er vor Gericht und sage aus, wie es zu einem Mord gekommen war:


"Sie und ich, du weißt schon, diese Dame. Alles so nahe. Wir redeten. Wie das so ist. Auge in Auge, Wort an Wort, wenn man so ganz verfallen ist. Verknüpfungsreigen und Versteckspiel, Sturzfluggedanken und Rettungswörter, gar nicht so viel, aber tief. Tauchgangseuphorie, die Farbenpracht vor schwarzem Hintergrund, du weißt schon: Und dies und das und und und und. Ohne Schonung, ohne Rücksicht, die allumfassende Entblößung - dann: Verschmelzung, erst im Geiste, dann Materie. Sie und ich, wir, bei mir..."


"Und?" fragte ich.


Lübner verblasste und bunkerte sich in Schweigen ein. Er könne es nicht benennen, das Unnennbare sei geschehen. Um verstehen zu können, brauche ich das Wort, sagte ich. Er verweigerte sich, spielte Mimose, duckte sich, gab sich burggrabengeschützt. Als ich jedoch auch nach Stunden der Belagerung noch auf einer Erklärung bestand und ihm meine Neugierde als die unendlich-hartnäckigste beschrieb, lenkte er ein und mit einem betont wissenschaftlichen Ton von der wahren Tragödie ab:

"Folgendes könnte man als das Geschehene wohl annehmen: Zwischen der Dame und mir kam es also zum Antritt des biologischen Trieberbes. Wir kopulierten, Reibung, Bewegung, Druck. Wie das eben so ist, wenn du Verlangen bist. Hinten, vorn, kopfüber und ruckzuck. Nicht unschön, nicht im entferntesten kritisierbar, nicht uneuphorisiert. Wie das eben so ist, wenn man die Beherrschung verliert. Druck, Bewegung, Reibung. Ekstase wäre Untertreibung. Koitus spottet der Beschreibung. Also eben Reibung, Druck, Bewegung. Gedankenstilllegung, Flut- und Begierdensegnung, Lebenslusterregung und deren Ausdruck, ein Lebensnektarschluck. So. So war das eben."

"Und weiter?" fragte ich.

"Und dann habe ich sie höflichst gefragt, wo sich meine zu erwartende Ejakulationsexplosion abspielen solle, ob auf ihrem höchst ansehnlichen Antlitz oder in der natürlich vorgesehenen Örtlichkeit oder ... woraufhin sie mich ruppigst unterbrochen und mir nur entgegengeschrien hat: "Wichs mir in die Fresse, du Drecksau", sie hat mich einfach so während des Aktes angeschrien", so Lübner in grenzenloser Fassungslosigkeit, "sie hat mir völlig entfesselt entgegengeschrien: "Wichs mir in die Fresse, du Drecksau". Das hat mich völlig, gänzlich, in meiner lübnerischen Gesamtheit paralysiert, ich bin einfach ausgegangen, ich habe das gehört und habe überall Augen an den Wänden gesehen, lidlose Augen, überall an den Wänden mich beäugende Augen und offene Münder und überall um mich herumschwebende Comicpapageien mit Schweineköpfen und alle schrien und krächzten und grunzten "DRECKSAU" und die Augen beäugten mich und die Münder beschrieben mich, "DRECKSAU" intonierten sie mehrstimmig im Chor, unerbittlich beschreibend, nie verklingend wie ein ewiges Echo hallte es "DRECKSAU", das sagte sie und da bin ich einfach ausgegangen".

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6 Antworten

Kommentare

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    Fein! 


    Mag's seeehr! 
    Liebe wie du schreibst! 

    23.01.2014, 13:35 von Nero-Noir-Nitro
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    Ahh ich mag das! 

    21.01.2014, 02:34 von Schniebline
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    Ja, doch. 

    19.01.2014, 18:10 von MindaMalLeiser
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  • 1

    Alceste, der Blutpenis.
    Wenn Alceste groß ist, ist er ein ganz Großer.

    15.01.2014, 21:24 von JackBlack
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  • 1

    Hihihihiiiiiii. 

    Nicht alles endet in Poesie, vieles aber im Dreck.

    15.01.2014, 18:11 von cosmokatze
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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