zett 07.03.2007, 13:44 Uhr 22 22

La petite mort

Eigentlich warst du wie alle Frauen: Neugierig. Und doch warst du irgendwie anders. Seltsam. Ich hätte es wissen müssen und doch ...

° ... war es zu spät, als ich es endlich bemerkte.

Kurz nach dem Abi fuhren wir zur viert nach Südfrankreich: Jessy, Nathalie, Tosch und ich. Im manilagrünen Golf. Wir waren jung und planlos, wussten nicht, wohin uns die Reise bringen würde. Wir campten wild, frühstückten morgens im Café, dessen Toilette wir als Bad benutzen, hingen den ganzen Tag am Strand und verbrachten die Abende am Lagerfeuer mit Unmengen Rotwein. Die Belegung unserer Zelte wechselte ständig, so wie es gerade ergab. Dann gesellte sich ein weiteres Zelt dazu. Zwei französische Mädchen: Bernadette und Sophie. Wir schlossen sofort mit ihnen Freundschaft. Sie begleiteten uns auf unseren Strandausfügen, tranken und tanzten mit uns durch die Nächte. Nach und nach wuchs unsere kleine Zeltstadt heran. Ein Pärchen aus London, ein Trio aus Süddeutschland, zwei Jungs aus dem Ruhrpott und so weiter. Wir waren wild und ungestüm, gierten nach Freiheit und Abenteuer. Wir waren jung, neugierig auf das Leben, leidenschaftlich in allem was wir taten und sagten.

Du warst nicht die erste, der ich davon erzählte und du reagiertest nicht anders, als alle anderen Frauen. Mein bester Freund Ben sagte einmal zu mir, das sei meine Masche. Die Masche Frauen rumzukriegen, so wie andere Männer ein paar Komplimente auf Lager haben oder ein schönes Gedicht von Fried auswendig können. Ein paar Worte, die im richtigen Moment gesprochen ein Gefühlserdbeben auslösen und glauben machen, die ganze Welt drehe sich nur noch um diese eine Frau. Natürlich tut sie das nicht und nach einem Tag bleibt ein schaler Geschmack zurück und das mulmige Gefühl ausgenutzt worden zu sein. Vielleicht war es meine Masche, vielleicht auch nicht. Auch wenn es besonders Erfolg versprechend war, für mich blieb es immer etwas seltsam und wenig befriedigend.

Wir lachten viel am Strand. Das ist es, was mir am meisten in Erinnerung blieb: Das Lachen und die Unbeschwertheit. Es war eine Zeit ohne Verpflichtungen und nie wieder in meinem Leben sollte ich dieses Gefühl der Freiheit so auskosten dürfen. Wir spielten Volleyball oder Karten, sonnten uns, tranken Wein, sprangen durch die Brandung oder lauschten einfach dem Meer, versanken in unseren Büchern. Wir fühlten uns ständig unterschwellig erregt, berauscht von der wärmenden Sonne, vom Geruch des Sonnenöls auf unserer Haut, vom Anblick der leichtbekleideten Frauen, die, nur mit einem knappen bunten String bekleidet, nach nahezu nahtloser Bräune sich sehnten. Und wenn es dunkel wurde, wir das Lagerfeuer anfachten, Dosen auf den Gaskocher erhitzten oder Stockbrot in der lodernden Flamme backten, uns Arm in Arm um das wärmende glühende Holz kuschelten und tief die Seeluft inhalierten, das Duftgemisch aus Sonnencreme, Salz und flüchtigem Schweiß, ließen wir uns fallen, lösten uns vom Körper und gaben unseren Seelen in tiefem Urvertrauen Auslauf.

Als ich dir von meinem Trick erzählte, wunderte ich mich, wie unbeeindruckt du warst, auch nachdem ich erwähnte, wie oft ich ihn schon angewandt hatte. Es war wohl mein einziger und unbeholfener Versuch dich zu schockieren, in dir Ablehnung hervorzurufen. In diesem Moment wusste ich nicht, warum ich das tat. Es war wie eine innere Stimme, die mich dazu antrieb. Mein bester Freund Ben würde sagen, das war sehr sehr dumm von mir. Wenn man bei einer Frau laden will, erzählt man nicht von ihren Vorgängerinnen und ich tat es doch. Heute glaube ich, du hattest mir schon lange nicht mehr zugehört und warst in deiner Fantasie längst auf einem anderen Planeten, träumtest bereits unvorstellbare Dinge zu erleben und es hätte mich warnen müssen, mich aufrütteln müssen. Weshalb sah ich nicht die Gefahr oder wollte sie einfach nicht wahrhaben? Ich würde mein Augenlicht dafür geben, die Zeit dieses eine mal zurückdrehen zu dürfen.

An unserem letzen Abend ging ich mit Sophie am Strand spazieren. Diese Nacht war wärmer, als alle anderen Nächte davor. Wir waren eine skurrile Erscheinung, weil ich so gut wie kein Französisch sprach, sie kein Deutsch und wir unser schlechtes Englisch mit Händen und Füßen anreichern mussten. Wir sahen aus, als wären wir einem Slapstickstreifen entsprungen. In einer kleinen Bucht setzten wir uns an den Rand des Meeres, so nah, dass manchmal das Wasser an unsere Zehenspitzen reichte, aber weit genug, um nicht nass zu werden. Wir waren des Redens müde und so begannen wir uns zu küssen. Das war wohl der Zweck dieses kleinen Ausflugs. Aus Küssen wurden Berührungen, aus Berührungen, Verlangen. Später lagen wir nackt im kribbelnden Sand, eng umschlungen, zählten die Sterne, wie man das so macht, wenn man sich am Strand geliebt hat. Irgendwann murmelte Sophie etwas von "la petite mort" und ich nickte. Aber sie schüttelte den Kopf und setzte sich auf. Sie sprach auf mich ein, ohne, dass ich etwas verstand und wiederholte immer wieder die Worte "la petite mort". Schließlich dachte ich, sie wollte mir bedeuten, dass sie noch keinen Höhepunkt hatte, obwohl mein Eindruck ein anderer war.

Wie bei einem Kunstwerk positionierte sie mich, zeigte mir, wie ich mich hinter sie legen sollte, etwas höher, etwas tiefer, während ich lachend den Sand von ihrem Po abklopfte, dann nahm sie meine Hände weg und legte sie in ihren Nacken und über ihre Brüste. Ich war inzwischen wieder sehr erregt. Dann liebten wir uns. Ihr Atem ging ruhig und tief. Ich wollte das Tempo erhöhen, doch sie legte ihre Hand auf mein Becken und ich verstand: ruhig und tief. Ganz sachte: einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und ich dache an das Sprichwort "in der Ruhe liegt die Kraft". Es hätte langweilig sein müssen, aber ich hörte, wie ihr Atem immer tiefer wurde, immer kraftvoller, wie sich in ihrem Inneren eine ungeheure Energie aufbaute. Sie flüsterte etwas und ich dachte, ich solle nun meine aufgelegten Finger drücken und ich presste mit einem festen Ruck. Plötzlich, ganz leise, ohne markerschütternden Schrei, bäumte sich ihr ganzer Körper auf, als wolle sie eine Brücke machen. Alles stand unter Spannung, während ich meine wogenden Bewegungen nicht unterbrach und erst jetzt fiel mir auf, wie ruhig es war, dass selbst ihr Atem ausgesetzt hatte. Ich weiß nicht wie viel Zeit verging, mir schien es, wie eine Ewigkeit und dann entkrampfte sie sich, sackte in sich zusammen und rang endlich wieder nach Luft. Das aufgestaute Keuchen brach aus ihr heraus und sie jappste, wie eine Ertrinkende nach dem lebenswichtigen Sauerstoff. Das was es also, was sie mir zeigen wollte: der kleine Tod. Eine Symbiose aus Orgasmus und Ohnmacht. Wir sprachen die ganze Nacht kein Wort mehr und ich beobachtete noch lange das zufriedene Grinsen auf ihren Lippen.

Ben, mein bester Freund, meinte, es wäre meine Masche, die Frauen ins Bett zu kriegen, denn fast alle waren sie neugierig darauf, ob ich die Wahrheit sprach oder ob es nur erfunden sei. Die wenigen, die es nicht versuchten, waren zu schamhaft, zu schüchtern oder zu ängstlich. Vielleicht war es meine Masche, vielleicht auch nicht. Im Nachhinein ist das schwer zu beurteilen. Und obwohl ich gleich ein ungutes Gefühl dabei hatte, erzählte ich auch dir vom kleinen Tod. Ich erzählte dir auch davon, wie oft ich den kleinen Tod schon erlebt hatte, dass es immer funktionierte und ich dachte, damit sei das Thema abgeschlossen. Du zeigtest keine Regung. Ich weiß, es ist keine Entschuldigung, denn wir hatten zu viel Rotwein getrunken. Allein das beschwor die Gefahr herauf. Und so naiv, wie ich war, dachte ich mir auch nichts, als du sagtest, du wärst müde und wolltest schlafen. Erst als ich zu dir ins Bett kroch, den eigenartigen betörenden Cocktail deiner Düfte vernahm und spürte, dass du nackt warst, begriff ich, was du wolltest.

Du warst wie alle anderen Frauen. Du warst ruhig und entspannt. Dein Atem ging tief und ruhig. Ich ertappte mich bei etwas leidenschaftsloser mechanischer Routine. Nur einen kurzen Moment, denn ich inhalierte dich förmlich und in diesem Punkt unterschiedest du dich von den anderen: Ich begehrte dich. Mein Herz pochte, ja, ich liebte dich. Wir befanden uns auf einer ruhigen Schiffsfahrt. Du warst das Schiff, ich die Wellen, die an deinen Rumpf schlugen, kraftvoll, aber ruhig. Die Wellen, die dich fort trugen, Stück für Stück einem unbekannten Ziel entgegen. Ich merkte, wie sich die Energie in deinem Körper sammelte, spürte deine Schenkel an meinen, deinen weichen warmen Po, deinen Rücken an meiner Brust. Ich vergrub meine Nase in deinen Haaren und du atmetest ein, atmetest aus, atmetest ein, atmetest aus und dann drücke ich zu und dein Körper zuckte explosionsartig, geriet unter ungeheurer Spannung, wölbte sich, als wolle er aus sich heraus springen und dein Atem setzte aus, während ich ruhig mit dir weitersegelte und dein Herz setzte aus, während mir die Tränen aus den Augen quollen, ich dich sicher in einen Hafen bugsierte. Und so blieben wir noch eine Weile und ich wusste, du bist anders als all die anderen Frauen und ich wartete noch lange auf deinen Herzschlag, der nicht mehr wiederkam. Ich hätte dir sagen müssen, dass du dabei nicht lieben darfst.

22

Diesen Text mochten auch

22 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich müsste den Text jetzt loben, nur weiß ich gerade nicht, auf was ich mehr Lust hätte - auf deinen Text oder auf das, was du sehr gekonnt und gut bekannt umschreibst! Kompliment! :)

    15.10.2010, 23:58 von XeNia79
    • Kommentar schreiben
  • 0

    yeah der Text ballert

    12.06.2010, 15:39 von ivann
    • Kommentar schreiben
  • 0

    es ist schwierig, einen solchen text zu kommentieren oder gar zu bewerten.
    es erschwert selbst die regelmäßigkeit des eigenen atems, ihn zu lesen.
    ich hoffe die eigentlich intention war es, dem leser den wunsch eines kleinen todes nahezubringen.
    eindeutig erreicht.

    12.06.2010, 15:20 von mondjunge
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein unbeschreiblicher Text....

    Du kannst jemandem das Gefühl geben dabeigewesen zu sein.

    Schön.

    09.02.2009, 16:55 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wieder ein klasse Text, einfach klasse wie du schreibst! ;)

    25.06.2008, 12:18 von Ruven
    • Kommentar schreiben
  • 0


    Die Verknüpfung des ersten Males mit der Lehrerin Sophie und der "Geliebten" durch die verschiedenen Schreibstile ist großartig.

    Chapeau

    29.05.2008, 19:40 von B4N4N3
    • Kommentar schreiben
  • 0

    nochmal etwas ziemlich gutes.

    20.05.2008, 20:42 von Verlchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    :) ... kenn ich :)
    sehr gut beschrieben!

    08.10.2007, 22:27 von stefina
    • Kommentar schreiben
  • 0

    WOW

    24.09.2007, 14:32 von MiaMiau
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ohne Worte.

    Du schreibst großartig.
    Wirklich.

    lg

    04.09.2007, 18:48 von Wunderkind.
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare