Kopfkino
So gut wie jeder Mensch hat SEXUELLE FANTASIEN. Doch erstaunlich viele schämen sich dafür. Dabei sollte der Sex zumindest im Kopf kein Problem sein.
Vera hat Sex auf einem Ferrari. Zeb würde alles dafür geben, den Fußballer Michael Owen »in den Arsch zu ficken.« Elmer »treibt es mit einer Frau im Korsett, und zwar VON HINTEN!« Duchess hat mit einer anderen Frau Sex, die sie an ihrer »Muschi leckt und saugt«, bis es ihr »total heftig kommt!!!« Gary bumst seine Sekretärin im Abstellraum. Anika beobachtet, wie ein Mann masturbiert, und hört ihm dabei auch zu. Llewellyn liegt auf dem Rücken und »fickt ein Mädel, das gleichzeitig ein anderes Mädel küsst, das auf seinem Gesicht sitzt.« Bonny treibt es gerade in einem Auto, da kommt ein Polizeiwagen vorbei, die Polizisten steigen aus und machen mit.
Und Jasper? Jasper, der erfolgreiche Endzwanziger mit sechsstelligem Jahresgehalt als Investmentbanker und einer Freundin, die als Model und Schauspielerin arbeitet, träumt von zwei deutschen Frauen. Fast jeden Tag, bevor er nach der Arbeit und einer 45-minütigen Session im Fitnessstudio zu Lucy fährt, um dort die Nacht zu verbringen, macht er einen Abstecher in sein Apartment, verdunkelt die Rollläden, dreht die Lautstärke seines Anrufbeantworters herunter und legt eine DVD ein. Auf dem Fernseher erscheint der Titel »Boxende Frauen«, und während die Blonde und die Brünette, die er Helga und Ulla getauft hat, umeinander herumtänzeln und sich gegenseitig auf den Kopfschutz schlagen, holt Jasper sich einen runter, bis er einen Orgasmus hat, den er »den stärksten Abgang seines Lebens« nennt.
Besuch bei Dr. Sex
In einer Hinterhofwohnung in Hampstead, einem ruhigen Viertel im Londoner Norden, zwischen asiatischen Imbissrestaurants mit dunkel furnierten Möbeln und einem Petit- Bateau-Laden befindet sich im vierten Stock die Praxis von Brett Kahr. Auf einer mit einem Betttuch bezogenen Couch lagen die Briten, die ihm Auskunft über ihre sexuellen Fantasien gaben, anfangs, weil sie ganz andere Probleme hatten und im Gespräch immer wieder bei ihren heimlichen Eskapaden landeten. Später, weil sie eingewilligt hatten, auf die ruhigen, verständnisvollen Nachfragen des geschulten Psychotherapeuten so detailliert zu antworten, dass er aus ihren Berichten eine präzise Landkarte des sexuellen Innenlebens seiner Landsleute erstellen konnte. Kahr, Ende vierzig, sanfte Stimme, bietet eine Tasse Wasser an und öffnet eine Packung Schokoladenkekse. Seine Studie über die sexuellen Fantasien der Briten, die letztes Jahr in England erschienen ist, beruht auf der größten Umfrage, die je zum Thema gemacht wurde. Im Verlauf des »British Sexual Fantasy Research Project« hat er in Zusammenarbeit mit einem Umfrageinstitut insgesamt 19 000 Interviews und Fragebögen ausgewertet. Und damit nachgewiesen, was man schon lange vermutet hat. So gut wie jeder Mensch hat sexuelle Fantasien.
Über neunzig Prozent der Befragten fantasieren auch über Menschen, die nicht ihre festen Partner sind. Bei fast vierzig Prozent spielt ein Arbeitskollege oder eine Kollegin eine Rolle. Jeder Dritte träumt von einem Dreier. Jeder Fünfte von einer Orgie. Immerhin dreizehn Prozent der Männer und siebzehn Prozent der Frauen stellen sich vor, Sex mit einem Mann und einer Frau gleichzeitig zu haben. Heterosexuelle bekennen sich zu homosexuellen Fantasien, Homosexuelle zu heterosexuellen, Männer masturbieren beim Gedanken an ihre Schwiegermütter, Frauen fantasieren über ihre Brüder, Hun de dürfen mitmachen, Vorgesetzte, Krankenschwestern und so ziemlich jeder, der schon einmal in einem Klatschblatt zu sehen war. »Vom Inhalt der Fantasien«, sagt jedoch Brett Kahr nach einem Moment des Innehaltens, »war ich nicht wirklich überrascht. Das sind alles Standards der psychotherapeutischen Praxis.«
Und so ist das wirklich Verwunderliche an seiner Recherche nicht die brodelnde und dampfende Oberfläche, die sich in Abertausenden von Einzelfantasien ergeht. Sondern das Ergebnis, dass für einen Großteil der Befragten Gefühle mit diesen Fantasien einhergehen, mit denen im Zeitalter von Alltagspornografie, Bekenntnisforen und einer umfassenden Sexualisierung aller Lebensbereiche niemand mehr gerechnet hätte: Schuld und Scham. »Gerade jüngere Menschen«, sagt Kahr, »denken immer, dass sie so aufgeklärt sind und so frei. Aber am Ende sind es genau sie, die am meisten unter ihren Fantasien leiden.« Kahr weiß, dass es Männer gibt, die hemmungslos über Sex mit sechs Frauen fantasieren. Erfährt die Partnerin davon, ist sie meistens verletzt, weil sie nicht das alleinige Objekt der Begierde ist. Doch die meisten machen sich von sich aus Sor gen, wenn sie über jemand anders als ihren Partner fantasieren. »Hannah hat ein Problem damit, dass sie beim Masturbieren an George Clooney denkt – und nicht an ihren Freund Franz. Warum, fragt sich Hannah, genügt ihr Franz nicht? Heißt das, dass zwischen Hannah und Franz irgendwas nicht stimmt?«
Kindheit gegen Gesellschaft
Gute Frage. Heißt es das? Dass Masturbation zur sexuellen Praxis der Amerikaner gehört, weiß man, seitdem Alfred Kinsey vor sechzig Jahren seine Studie über das sexuelle Leben des Mannes vorgelegt hat. Dass auch Frauen bei der Selbstbefriedigung nicht unbedingt an Blumenwiesen oder das sanfte Timbre der Stimme ihres Ehegatten denken, gehört seit Nancy Fridays Klassiker »My Secret Garden« eigentlich zur Allgemeinbildung – das Buch stammt aus dem Jahr 1973. In Fridays jüngster Zusammenstellung sexueller Frauenfantasien »Befreiung zur Lust« wird deutlich, dass weibliche Fantasien Männerfantasien auch in ihrer Drastik in nichts nachstehen.
Mia fantasiert da über eine gemischte Menschenkette, in der homo- und heterosexuelle Männer und Frauen sich in einer beliebig verlängerbaren Reihe oral befriedigen. Natassia verfolgt erregt den Verkehr zweier Schwuler in Radlerhosen, die sich danach einen blasen. Karen geht – gegen den Rat ihrer Bekannten! – in eine Motorradfahrerbar und lässt sich von einer nach Schmierfett riechenden Horde onanierender Ledermänner vollspritzen. Tara hingegen masturbiert mit weit gespreizten Beinen vor dem Spiegel – bei der Vorstellung, dass ein Fremder gegen ihren Willen ihren Darm im Verlauf einer komplizierten Prozedur mit vier Litern weißer Creme auffüllt. Der wichtigste Unterschied zwischen Brett Kahrs Studie und den Schriften der von vielen Feministinnen geschmähten, sich selbst aber immer als Feministin betrachtenden Friday, liegt nicht in der Art der beschriebenen Fantasien, sondern in ihrer Interpretation.
Tatsächlich kommt auch Kahr auf einen Anteil von über einem Viertel der Befragten, in deren Fantasien Dominanz und Unterwerfung eine entscheidende Rolle spielen – ein Thema, auf das Friday detailliert eingegangen ist. Auch bei Kahr ist das wichtigste Ziel der meisten Fantasien Wunscherfüllung. Weiter zählt er eine ganze Reihe von Funktionen wie das Ausprobieren unterschiedlicher Tätigkeiten, das Vertreiben von Langeweile oder auch Selbsttröstung auf. Doch als Freud-Anhänger sucht er sowohl in gewalttätigen als auch in oberflächlich noch so harmlosen Fantasien nach einer Verletzung oder traumatischen Erfahrung in der Kindheit, die sich hinter der Fantasie verbirgt. Die scheinbar paradoxe Schlussfolgerung, dass etwa Frauen, die darüber fantasieren, missbraucht zu werden, damit einen tatsächlich erlebten Missbrauch oder zumindest eine starke Demütigung kompensieren, ist klassisch psychoanalytisch: Eine traumatische Erfahrung wird dadurch, dass sie in der Fantasie mit einer sexuellen Belohnung versehen wird, erträglich gemacht.
Dass man die tiefen Gründe derartiger Fantasiestrukturen auch ganz anders verorten kann, zeigt Friday aber schon in den 70er Jahren. Für sie ist die Vergewaltigungsfantasie, besonders wenn es sich um eher milden, herbeigewünschten Zwang handelt, eine Möglichkeit für Frauen, in einer Kultur, die eigenständige sexuelle Wünsche von Frauen nicht zulässt, über Sex mit Fremden oder tabuisierte Praktiken zu fantasieren, und gleichzeitig die Schuld daran, dass es so weit kommt, schon in der Fantasie von sich zu weisen.
Auf einem heiklen Gebiet wie Gewaltfantasien wird deutlich, dass pauschale Erklärungen nicht weiterhelfen. Immerhin zeigte eine vergleichende Analyse sexualwissenschaftlicher Ansätze Anfang dieses Jahres, dass weder der klassische psychoanalytische Ansatz noch der kritische, feministische Zugang die Frage allgemein beantworten kann, warum viele Frauen in ihrer Vorstellung von Szenen erregt werden, die fast keine in der Realität erleben möchte.
Wichsen heute
Aus seiner therapeutischen Praxis berichtet Brett Kahr, dass viel mehr Menschen über Analverkehr fantasieren als noch vor fünf oder zehn Jahren. Handelt es sich um Folgen veränderter Standards bei der kindlichen Sauberkeitserziehung oder ultimative Überlegenheitsfantasien von Männern? Oder stimmt die ganz einfache Begründung, dass da nach und nach ein Tabu weggefallen ist, das einst so mächtig war, dass sich kaum jemand in diese finsteren Regionen gewagt hätte?
»Natürlich hat sich mit der Realität unseres Sexlebens auch das Verständnis dessen, was normal ist, verschoben. Jugendliche und junge Erwachsene haben mit sehr vielen Verhaltensweisen und auch Fantasien kein Problem mehr, die für ihre Eltern noch ein Skandal gewesen wären«, bestätigt Professor Michael Günter, der als Kinder- und Jugendpsychologe täglich mitbekommt, was junge Menschen sexuell bewegt. »Aber mir ist bis jetzt kaum ein Jugendlicher untergekommen, der sich nicht gefragt hat, ob er sexuell normal ist.« Auch die Aufregung um den aktuellen Bestseller »Feuchtgebiete« der ehemaligen VIVAModeratorin Charlotte Roche, ein Buch, das nicht viel mehr macht, als die Innenansicht einer sexuell hyperaktiven Jugendlichen zu beschreiben, die freimütig mit ihren äußeren Geschlechtsorganen herumfuchtelt und nicht verhehlt, dass sie sich auf alle erdenklichen Weisen regelmäßig sexuelle Erleichterung verschafft, ist ein Zeichen dafür, dass ein unverkrampfter Umgang mit der eigenen Sexualität bis heute keine Selbstverständlichkeit ist.
Mit der permanenten medialen Präsenz von Sexpartys, Partnertausch und bekennenden Tantrikern wächst gleichzeitig der Druck: Die coolen Leute vögeln scheinbar, wen oder was sie wollen. Die durchschnittliche Mehrheit dagegen muss beim Masturbieren an all die wilden Taten denken, die in ihrem wirklichen Leben leider keine Rolle spielen. »Wichser ist auch in England eine üble Beschimpfung«, sagt Brett Kahr. »Es heißt: Du bist nicht liebenswert genug, um Sex mit jemand anders zu haben. Gleichzeitig gibt es eine Riesenangst bei Paaren, dass man Masturbation mehr genießt als Sex mit dem Partner.«
Doch sich schämen, weil man sich beim Onanieren etwas anderes vorstellt als die letzte Nacht im geteilten Schlafzimmer? Schuldgefühle wegen einer gelegentlichen Affäre im Kopf? Folgt man Kahrs Tiefenanalyse, dürfte sich nur der in einem unbedenklichen Zustand wissen, der wie ein gewisser Otto aus der britischen Studie als seine aufregendste Fantasie angibt, »meine Frau nackt zu sehen.« Der wie Elvira davon träumt, von ihrem Partner »liebkost und überall geküsst« zu werden, oder wie Peggy keinen extremeren Gedanken nachhängt als »Kaminfeuer, Wein, mein Mann, viel Zeit, nur wir beide.« Über Menschen, die in der Nacht das Gleiche träumen, was sie am Tag erleben, hat der Schriftsteller Max Goldt einmal geschrieben: »Solche Schilderungen erwecken in mir den Eindruck, dass viele Leute die Fähigkeit zu träumen nicht zu schätzen wissen oder nachgerade missbrauchen.«
Träumen und träumen lassen
Einer der wenigen Wissenschaftler, der die Forschung über sexuelle Fantasien verlässlich überblickt, ist Volkmar Sigusch, der bis zur Schließung das Institut für Sexualwissenschaft der Universität Frankfurt geleitet hat. Wir erreichen ihn mitten in den letzten Korrekturen seiner gerade erschienenen »Geschichte der Sexualwissenschaft«. »Die allermeisten sexuellen Fantasien ergeben sich aus harmlosen akuten und äußerlichen Reizungen«, sagt er. »Oder aus einer gesunden Sehnsucht nach menschlicher Nähe.«
Wie also soll man nun mit den Fantasien umgehen, die uns alle bewegen und scheinbar so viele bedrängen? »Sie zulassen «, rät Sigusch. Und weiter ganz freimütig: »Überlegen, ob sie vielleicht in die Tat umgesetzt werden könnten – ohne zu große Umstände, Schwierigkeiten oder gar Risiken.« Das kann sich auch innerhalb einer Paarbeziehung lohnen. Ein Team um den Paartherapeuten Ragnar Beer hat ein Onlinemodul entwickelt, mit dessen Hilfe Paare getrennt angeben können, welche sexuellen Wünsche sie dem Partner erfüllen würden. Das Ergebnis: 71 Prozent der Wünsche von Männern und 84 Prozent der sexuellen Wünsche von Frauen würden wahr, wenn der Partner nur davon wüsste. Doch auch hier kommt ein Gefühl ins Spiel, das schon beim persönlichen Umgang mit Fantasien Ärger macht. »Die Scham«, sagt Beer, »ist leider oft zu groß.«
Und das ist nicht das einzige Problem. Spätestens in der Studie von Brett Kahr wird klar, dass sich viele Kopfkinostreifen zumindest nicht innerhalb einer Paarbeziehung verwirklichen lassen. Zu oft wird über Szenen fantasiert, in denen Menschenmengen, unerreichbare Personen oder Verwandte vorkommen. Auch wenn sich die Szenen mit viel Aufwand realisieren ließen, spricht vieles dafür, sich sein persönliches inneres Utopia zu erhalten. Oder, wie Kahr sagt: »Das Tolle an einer Fantasie ist ja auch, dass sie eine Fantasie ist.«
Wer allerdings wie Jasper, der Investmentbanker so sehr auf deutsche Boxerinnen fixiert ist, dass er beim Sex mit seiner Freundin Lucy das Licht ausmachen muss, damit er vergessen kann, dass er sich gerade nicht zwischen Helga und Ulla im Ring befindet, tut vielleicht gut daran, einen von Kahrs Kollegen aufzusuchen. Bei Jasper sind die beiden Boxerinnen wahrscheinlich Stellvertreterinnen von Mutter und Schwester, und die Boxerei spiegelt eine insgesamt vertrackte Kindheit wieder. Ganz gelöst ist der Knoten noch nicht, aber es gibt wohl Hoffnung.
Nicht ergründen konnte Kahr die Fantasie von Byron, der angibt, extrem auf die Vorstellung von Britney Spears abzufahren, »in einem Slip ouvert und mit flauschigen Fellpantoffeln, wie sie mich mit einem großen Fisch grün und blau schlägt.«




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