JackBlack 28.03.2012, 16:25 Uhr 58 50

Kleiner Text übers Ficken

Warum liegt hier eigentlich Stroh?

Ficken.
Das ist es wieder, das F-Wort, das klingt wie ein verklebtes Zittern. Ein Rausrutsch- wie Reinrutschwort – albern, ein bisschen, wenn man’s lässig ausspricht, aggressiv, wenn man’s sagt, weil man gerade Bock hat, aufs Ficken.

Ficken. Manche Leute nennen ihren Hund so. Ficken macht rüde, ficken macht prüde, manchmal müde und ficken ist wie Eis am Stiel. Hormonstatus: ficken.
Gedankeneinschub: ficken.
Der Lenz und seine Triebe.

„Entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt?“
Der Mann/die Frau wiederholt, ich höre nicht hin. Geht nicht. Kann mich schon den ganzen Tag lang nicht konzentrieren.
Der Himmel ist zu blau und die Luft besoffen von zu viel Sonne. Alle Sinne sind geschärft. Niemand atmet, murmelt oder redet lauter, als er es noch im Februar getan hat, aber Stimmen haben jetzt wieder mehr Substanz, die Geräusche ein größeres Spektrum, das Reich der Sinne feiert Neueröffnung.
An der nächsten Ampel steht ein Oberkörper. Limbisches System meldet Reizüberflutung. Muskelspiel in Zeitlupe. Mir tritt kein bisschen Sabber aus dem Auge, aber die Vorstellung, dass es so sein könnte, wie es sich anfühlt, macht mich grinsen. Frühlingsdebilität, Gedanken wie Schäfchenwolken, hier bin ich Mensch und will’s nicht sein.
Es wird grün, zum dritten Mal.

Zuhause dann ist zumindest der Schreibtisch wieder aus Holz. Glatt, warm und trotz der abendlichen Stunde mittagsträge. Die Sonne steht noch hoch genug, der Tag nimmt sich Zeit.
Was wollte ich gleich noch mal tun? Ficken?
Gedanken schwirren wie das Flügelspiel der Biene, die mit ihrem kleinen Hintern immer wieder vors Fenster stößt. Im Hof bringt der Nachbar von oben gerade den Müll weg. Er hat eine neue Brust und einen Gang, der ganz hypnotisch wirkt. Er sieht zu mir hoch und ich muss keine obszönen Gesten mit meiner Zunge machen, aber der Impuls ist zweifelsohne da.
Er lächelt. Und wie er lächelt, mit seinem neuen Gesicht! Er winkt mir zu, ich winke zurück und denke: ficken. So laut, dass es mir fast ein bisschen peinlich ist.

Jetzt bloß nicht übertreiben! Immer hübsch auf dem Boden bleiben. Nicht spinnen. Nicht hormonwild werden. Kaffeemaschine entkalken. Wein kaltstellen. Ficken? Zwei Telefonate führen und ein paar E-Mails müssen auch noch raus.
Kurze Schaffenspause gegen halb sieben, Rieslingschorle, eiskalt, zur Entspannung auf der Terrasse. Dazu ein Keks und auf dem iPhone Pornos schauen. Mit gedrosselter Lautstärke, wegen der Nachbarn. Cockwork Orange. Switch from man scene to main scene. Geschlechtsteile gucken. Und noch ein steifer Schwanz, Träger egal, hauptsache, ich kann das Ding zwischen den Beinen fühlen.
Anruf:
„Und, was machste gerade so?“
Wichsen, zum vierten Mal heute. Nix. Bisschen arbeiten. Du?“
Ficken? Abhängen.“

Ein paar Milliarden geiler Hormone platzen wie pralle Knallerbsen. Geilficken und geilwichsen. Das ist, wenn der Körper anfängt und fertigwerden will, bevor sich das Hirn dazuschalten kann. Kopfkino ohne Poppcorn. Fleischig. Pur. Gedankenlos. Niederschmetternd. Trieb mit nur Sinn und wenig Verstand. Ficken halt, klebrig, schnell, eruptiv und geschmacklos. Dafür magenfüllend, meist nur im übertragenen Sinn.
Ficken. Ich Möse, du Schwanz. Fleischeslust im Konzentrat. Portwein, keine Schorle.
Abendplanung. „Worauf hast du Lust?“

Ficken? Sag ich’s einfach so heraus? Ist es das, was ich will? Will ich mir den dicken Schwanz des Nachbarn hinter den Mülltonnen von vorn, invers und bis zum Anschlag geben? Ja! Will ich mich so wild und hirnlos von ihm rammeln lassen, bis ich allein vom Widerhall seines Stöhnens an den Garagenwänden kommen muss? Na, aber sicher!
Oder trinke ich meine Schorle aus und schwelge mit allen Sinnen in süßer Sehnsucht, tue mich gütlich an verheißungsschwangeren Düften, lieblich und verklärt träumend von dieser einen fremden Hand auf meiner Schulter?
Einer Hand, die zu einem Menschen gehört, den ich kaum kenne, dessen virtuelles Profil es mir angetan hat, weil es so frühling ist.
Zum Zwischendurchzeitvertreib klicke ich durch seine Fotostrecken, sehe mir sein Gesicht an, so lang und intensiv, dass er's merken müsste. Ich denke mir Sachen über und um ihn aus, ein paar Bilder, ein paar erzählerische Sequenzen. Ficksachen.

Momentaufnahme. Er, ich, wir. Ort egal, Zeit egal. Ein Blick genügt. Mein Mund immer näher an seinem. Reden in Zungen. Mehr wollen. Mehr zeigen, mehr verstehen. Ihn entblößen, ganz nackt mit ihm sein, mich gegen ihn reiben, gegen seine Hände, seinen Hals, seinen Verstand.
Ihn in mir wollen wie alles, was mir jemals gefehlt hat. Brennen mit ihm. Auflodern in haushohen Flammen. Zeit vertilgen, ihn vertilgen, ihn an mich reißen und über mich stülpen und in sein Leben kriechen, als wär’s auch meins. FICKEN!
All diese Dinge.
Und mehr davon und weniger davon und küssen und schmecken und streicheln und ficken. Sinnlich ficken. Zärtlich ficken. Ficken wie zwei, die sich lieben könnten, selbstvergessen, leidenschaftlichst, inbrünstig, dringlich – als gäbe es weder gestern noch morgen. Ficken wie auf Lynch. Ficken und gefickt werden.
Und im Anschluss daran vielleicht die Garagennummer.


Tags: albern, Crackhure, Stand-by Power, Krefelder Zoo
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58 Antworten

Kommentare

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    "Wichsen" Frauen auch, oder ist der Erzähler Ein Kerl?

    10.02.2013, 19:02 von timlink
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    Eben! Frühling. Er ist's!

    05.04.2012, 00:25 von liselotterie
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    Das nervt mich so...sobald es ums Ficken geht, muss ichs lesen...

    05.04.2012, 00:15 von Fran_Fine
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      hihihi, dito.

      20.06.2012, 10:05 von proseccoherzumir
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    Geil!

    02.04.2012, 16:38 von Rho
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    Frühlingsdebilität, Gedanken wie Schäfchenwolken, hier bin ich Mensch und will’s nicht sein.
    Es wird grün, zum dritten Mal.
    Großartig!
    Selten so gelacht wie eben ;) Danke dafür.

    01.04.2012, 14:57 von Liz89
    • 0

      PS rein sprachlich absoluter OBERHAMMER!

      01.04.2012, 14:58 von Liz89
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    Das sind für mich die wahren Frühlingsgefühle. Sehr gut!

    30.03.2012, 16:54 von Ulise
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    • 1

      Auch das ist fast richtig.
      Wir alle poppen, selbst Popen poppen, nur eine nicht - die bobt:

      Kommt die Tussi eigentlich aus Sacksen?
      (Brülla!)




      30.03.2012, 16:42 von JackBlack
  • 0

    toller text! sehr sympathisch!

    hehe, dominique aurys schrieb ja auch die geschichte der o, um ihren kerl zu beeindrucken ;-) nachdem der meinte, frauen wären nich fähig, erotische literatur zu schreiben. rausgekommen ist dann mehr als ein heißes buch. fingers crossed xx

    30.03.2012, 15:45 von tjarahel
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