Johnny
Am 13. August, es war ein Samstag, bin ich meinem netten Freund Marc fremdgegangen.
Ehrlich gesagt bin ich ein liebes, verständnisvolles Mädchen, das selten ausrastet, viel lächelt, einen netten Freund hat, im Leben kaum Mist gebaut und immer gute Noten und eine adrette Frisur gehabt hat.
Doch mein weiß polierter, glänzender Perfektionismus bekam am 13. August letzten Jahres einen tiefen schwarzen Kratzer. An diesem Tag, es war ein Samstag, bin ich meinem netten Freund Marc fremdgegangen.
Es war einer dieser Abende, an denen ich mit meinen Freundinnen Daniela und Elisa zu einem Mädchenabend traf. Wir tranken etwas Sekt, schauten zwei Folgen O.C., California und beschwerten uns über die Faulheit unserer Männer. Elisa kam dann gegen halb 12 auf die Idee noch loszuziehen. „Wir wohnen in dieser tollen Stadt, wir haben ein tolles Leben, lasst uns das feiern und ein bisschen tanzen gehen.“ Dem konnten wir nicht widersprechen, machten uns fertig und gingen los. Nachdem wir in einer Bar noch einen viel zu starken Cocktail getrunken haben, merkte ich, wie betrunken ich war. Beim Weg zum Club hielt ich mich an Daniela fest, lachte mich kaputt, als ein Penner eine Flasche nach uns warf und beschloss, dass ich mein Leben ändern müsste.
„Dani-eeela, ich bin viel zu brav“, lallte ich. Daniela lachte.
„Zumindest bist du nicht zu brav zum Saufen.“
Ich nickte. „Das simmt. Sch…timmt.“
Als wir den Club erreichten, konnte ich zumindest wieder alleine laufen, an einem Kiosk auf dem Weg hatte ich einen halben Liter Wasser getrunken.
Ich riss mich zusammen, grüßte den Türsteher freundlich und wirkte offenbar nüchtern genug, um herein gelassen zu werden. Drinnen lief ohrenbetäubend laute Musik. House, Dance, irgendetwas in die Richtung. Ich war seelig, ging sofort auf die Tanzfläche und tanzte, tanzte, tanzte. Ich spürte den Bass in meinem Blut, schloss die Augen. Es störte mich nicht, dass mich andere verschwitzte Körper berührten. Ich tanzte, wie man sonst nur zu Hause beim Wohnungsputz tanzt, wenn keiner guckt. Ich tanzte „like nobody’s watching“, wie man so schön sagt, und sang laut mit, ohne die Texte zu kennen. Nach einer Weile war ich fast wieder nüchtern und bekam Durst. Elisa entdeckte ich auf einem Lounge-Sofa, Daniela tanzte weiter. Auf dem Weg zur Bar merkte ich, wie meine Beine schmerzten. Der Alkohol und die Anstrengung, keine gute Kombination.
„Eine Cola, bitte“, sagte ich.
„Ganz schön außer Atem, mh?“, antwortete der Mann hinter der Theke.
Ich drehte mich zu ihm, erst jetzt sah ich ihn richtig an. Er hatte dunkelbraune Augen, so dass ich in dem schummerigen Licht nicht einmal seine Pupille darin erkennen konnte. Er hatte dunkle Haare, die leicht gelockt waren, eine Locke fiel ihm wie ungewollt ins Gesicht. Kurz: Er sah umwerfend gut aus.
Einer von diesen Männern, die wissen, dass Frauen bei ihnen anfangen, Haarsträhnen um ihre Finger zu zwirbeln.
„Ja, die Cola kann ich gut gebrauchen“, antwortete ich dem schönen Mann. Er lächelte, ich schmolz dahin. Das ist der Alkohol, versuchte ich mir einzureden. Als er meine Cola einschenkte, sah er immer wieder zu mir, zwinkerte mir zu, lächelte.
„Geht auf mich“, sagte er, als er das Glas auf den Tresen stellte.
„Oh, echt? Danke!“
„Obwohl…“ Er hielt das Glas noch fest.
„Kein Problem, ich kann auch zahlen“, sagte ich.
Er lachte ein kehliges Lachen, ich verfiel ihm vollends.
„Ich will lieber eine andere Bezahlung. Deinen Namen und deine Telefonnummer…“
Ich schluckte und hatte ein Gefühl im Bauch, als hätte ich eine Treppenstufe verpasst. Ich hätte loskichern können, blieb aber cool.
„Na ihr habt ja eine komische Währung hier…“, antwortete ich ihm.
„Nur für die schönste Frau des Abends.“
Obwohl seine Anmachen abgedroschen waren, wie mir am nächsten Morgen dann auch bewusst wurde, passte in dem Moment alles. Ich hatte genug Alkohol im Blut, er hatte genug Ausstrahlung.
Ich grinste und sah verlegen nach unten.
„Und? Wie heißt du?“, fragte er noch einmal.
Ich lächelte. „Nina“, antwortete ich. „Und du?“
„John“, sagte er.
„Johnny“, sagte ich. Wir sahen uns drei Sekunden länger als nötig an.
„Ich hab in zwei Stunden Feierabend. Dann übernimmt hier der Chef. Wartest du, wenn ich dir noch einen Sekt spendiere?“
„Deal.“
Ich tanzte noch ein wenig, verabschiedete meine Freundinnen, die nach Hause gingen, und fühlte mich ziemlich verwegen. Ich war um 4 Uhr nachts alleine in einem rauchigen Club, trank Sekt und wartete auf den hübschesten Mann der Stadt.
An Marc, meinen Freund, versuchte ich nicht zu denken. Ich würde mich ja nur ein bisschen mit Johnny unterhalten. Man darf ja noch flirten. Ich trank den Sekt, ließ mir von Johnnys Kollegen noch einen zweiten geben, um das schleichende schlechte Gewissen und die Müdigkeit wegzutrinken. Als ich mich gegen die feuchte, kühle Wand lehnte, stand er plötzlich vor mir. Er kam ganz nah.
„Hey“, sagte er.
Ich sah ihm tief in die Augen. Ich wollte ihn küssen, er kam mir zuvor. Drückte mich gegen die Wand, und ich merkte, wie sehr ich ihn wollte. Er küsste gut, sanft und fordernd. Ich spürte an meinem Bein, dass er erregt war. Ich war es auch.
Er ließ kurz von mir ab.
„Darauf habe ich mich schon den ganzen Abend gefreut“, sagte er.
„Ich mich auch.“
Er küsste mich wieder.
„Wollen wir gehen?“, fragte er dann.
„Wohin?“
„Zu mir? Ich wohne hier gleich um die Ecke.“
In meinem Bauch kribbelte es, und alles in mir schrie Ja! Ja! Ja!, nur eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte Marcs Namen. Ich ignorierte sie.
Johnny hatte breite Schultern, ein großes Tattoo auf der linken Schulter, einen muskulösen Rücken und schmale Hüften. Er war ein Mann wie aus dem Bilderbuch. In seiner kleinen Wohnung war es unordentlich, die Lampen waren mit roten Tüchern abgedeckt, das Licht war schummerig-warm. Ich fühlte mich begehrt, erotisch und selbstbewusst. Johnny gab mir das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Mit Marc schlief ich zwar auch, aber es war viel alltäglicher, wir machten selten Musik an, das Licht war nicht schummerig, sondern entweder an oder aus.
Johnny entführte mich diese Nacht in eine andere Welt. Ich schwebte zwischen Erregung und Müdigkeit, war angetrunken und kopflos. Es war fantastisch. Bis ich am nächsten Morgen aufwachte. Mein Kopf dröhnte. Ich war alleine, lag im Bett, das jetzt nur noch muffig roch. Johnny war nicht da, auf dem kleinen Tisch in der Küche entdeckte ich einen Zettel: „Bin Brötchen und Kaffee holen.“
In der Spüle lag dreckiges Geschirr, über dem eine Fliege summte. Die roten Tücher über den Lampen hatten dunkle Flecken. Im Sonnenlicht, das in das kleine Wohnzimmer schien, tanzten tausende von Staubkörnchen. In mir bohrte das schlechte Gewissen. Er war 10 Uhr. Marc wollte mich in einer halben Stunde zu Hause abholen, um brunchen zu gehen.
Ich zog meine überall in der Wohnung verstreuten Klamotten an, nahm mir ein Kaugummi, das ich neben dem Bett fand und haute ab, ohne einen Zettel zu hinterlassen. Zum Glück waren es nur zwei U-Bahn Stationen nach Hause. Ich rief Marc an, dass ich verschlafen hätte, und er eine Stunde später kommen sollte.
Nach 30 Minuten unter der Dusche fühlte ich mich etwas besser. Ich hatte einen wilden Traum, versuchte ich mir einzureden. Heute glaube ich auch manchmal selbst daran.
Seit dem 13. August habe ich immer wieder kurze Phasen des schlechten Gewissens.
Seit dem 13. August bin ich nicht mehr nur die brave Musterschülerin mit hübscher Frisur.
Seit dem 13. August muss ich ab und zu grinsen, wenn Marc mir sagt, dass ich mich irgendwie verändert hätte, selbstbewusster und wilder geworden bin.
Danke, Johnny.






Kommentare
10.07.2011, 21:25 von femaleDolphinwenn du´s nicht getan hättest, hättest du es bestimmt bereut :-)
Aber musst damit rechnen dass deinem Freund auch mal n Ausrutscher passiert und dann ggf aktzeptieren (bestenfalls schweigt man)
Hätte es auch mit weniger Alkohol intus passieren können ??
wegen der lari und der sari und der tini und der lauri, die früher im deutsch und kunst lk waren und bei starbucks total gerne latte macchiato trinken und bei ''mädels-abenden'' vooooooll gerne sex and the city und so gucken und sich für fußball eigentlich nicht interessieren, hihi, außer bei der wm und auch supi gerne cocktails trinken und die songs aus dem radio so schön mitsingen und ahhh, wegen diesen mädchen haben wir richtigen bad girls einen schlechten ruf ;)
08.07.2011, 02:32 von NeonBlondjohnnys sind nicht nötig, wenn man sich ein bisschen um das eigene oberstübchen kümmert. lieber besser und wilder durch wissen und reisen, tolle freundschaften und so weiter fühlen als durch irgendwelche bettgeschichten.
@NeonBlond @NeonBlond: Wie, die gibts wirklich?? Ich hielt sie ja bisher fuer eine Erfindung der RomComs und sog. Frauenzeitschriften
08.07.2011, 11:40 von henriettesbimmelbahnAber ich hatte auch Geo LK:)
@henriettesbimmelbahn und ob es die gibt. ha. du solltest froh sein, dass du bislang nicht das zweifelhafte vernügen hattest in näheren kontakt treten zu müsen ;)
09.07.2011, 00:17 von NeonBlondoft sind diese mädels, hust, flittchen, aber weil die sari thomas mann auf dem nachttisch stehen hat, ist sie ''ein ganz toller mensch''.
ich sollte soziologe werden. meine 1a mit sternchen analyse. du verstehst ;)
Klingt nach Jugendliebestory etc.
06.07.2011, 13:23 von DietmarRaketeNicht mein Fall. Das dämliche Runtergesaue allerdings auch nicht. :/
auch wenn einem die Protagonistin ziehmlich unsympatisch erscheint (adrett, nett) am Ende wird der Zwiespalt nachvollziehbar, einerseits schlechtes Gewissen, andererseits Persönlichkeitsentwicklung und über den eigenen Tellerrand mal rausschauen....und man sieht, dass alles Schlechte auch was Gutes hat....
06.07.2011, 10:35 von Kiwisalz@Kiwisalz Das alles schlechte etwas gutes hat, möchte ich mal bezweifeln aber man kann bestimmt an den Fährnissen des Lebens wachsen.
06.07.2011, 13:29 von sailorIm übrigen ist es nur der halbe Weg, wenn man im schlechten Gewissen hängen bleibt.
Es ist keiner gestorben, offensichtlich profitieren alles davon und die Protagonistin ist um eine Erfahrung reicher.
Ende aus, Micky Maus.
Weitergehts.
hier stehen teilweise richtig gute Texte, literarisch anspruchsvoll.
06.07.2011, 10:14 von Lena381Dein Text ist nicht scheisse, aber die BRAVO wäre eine geignetere Plattform gewesen.
Leserschaft verfehlt quasi.
Hat was von Groschenroman...
06.07.2011, 09:43 von sailor@[Benutzer gelöscht] schon krass.. wenn man ne Nacht mit einem anderen braucht um endlich etwas zu sein.. endlich mal jemand, der es ausspricht!
11.07.2011, 08:22 von hinnerk.forkIch mag deinen Text.
05.07.2011, 22:25 von MondkaterFremdschämtext gefällt mir um einiges besser ...
05.07.2011, 19:30 von honestycomesfirstSieht denn Marc oder Johnny besser aus?
@honestycomesfirst Geht's ums Aussehen...
06.07.2011, 10:04 von sailorOder war das jetzt symbolisch?