tjarahel 29.03.2012, 20:45 Uhr 3 7

Immer wieder dienstags

Wenn wir so weitermachen, sind wir irgendwann Asche.

„Fühl dich bloß nicht reduziert“, versetze ich mit leisem Lächeln meinem Stecher den feinen Stich, den er verdient hat. Ich reibe meine Stirn über sein Gesicht wie ein verspieltes Kätzchen, fehlt nur noch, dass ich anfange zu schnurren, aber das ist keine Absicht, es passiert einfach, jedes Mal, und direkt wird das Lächeln breiter, erst meines, dann seines. 

"Es ist ja nicht so, dass ich dich nicht auch als Mensch mag. Du bist sehr nett."

Als ich das sage, stoppt mein Mund absurd nah vor seinem. Da ist sie wieder, diese trügerische Wärme, eine Art stilles Einverständnis. Denn genau so funktionieren wir: Er hält mich hin, und ich mache die Witze darüber. Ich führe uns ad absurdum, und er ist verzückt. Ohne Ironie wäre dieses lächerliche Schauspiel auch wirklich nicht zu ertragen. Wie um den Deal zu besiegeln, gebe ich ihm erst einen Kuss und greife ihm dann zielsicher in den Schritt: „Na Huch.“  – Er lacht. – „Also wirklich, komm doch erstmal rein.“

Ich weiß, was er gleich sagen wird, und er sagt es: „Ähm? Mixed Signals?“

Ich muss selbst lachen, schmiege mich zärtlich an ihn, und fummle weiter dreist an ihm herum: „Ist gut dich zu sehen." – „Ebenso.“

Wir stehen noch immer bei mir im Flur herum, die Wohnungstür steht sperrangelweit offen. Wir bewegen uns kein Stück. Mit  festen Händen umfasse ich seine Schultern, fixiere ihn und dann schiebe ich ihn kaum merklich ein Stück weit von mir weg. Ich will ihn betrachten. Er hat sich nicht verändert. Wie auch, es ist keine Woche her, dass wir uns zuletzt sahen. Für den Bruchteil von Sekunden versuche ich einen ruhigen, sachlichen Blick. Doch kurz bevor ich verstehe, wie fremd er mir doch eigentlich ist, keine halbe Idee vor der Erkenntnis, dass wir nicht die leiseste Ahnung haben, was wir hier gerade vor den Baum fahren – sowas ist fahrlässig –  da ist schon längst die Zärtlichkeit zurückgekehrt. Und dann lullt sie uns träge ein wie ein wohlig warmes Bad.

Ein blöder Schalk blockiert schon wieder mein Gehirn und besetzt mir die Eingeweide. Offenbar ist mal wieder Frühling, Gehirnfrühling, und mit einem Mal beherberge ich Heerscharen von hyperaktiven Ameisen im Anus, plötzlich sind da lauter libidinöse Libellen in meiner Bauchspeicheldrüse. Und ich sehe es schon: Der ganze Oxytocin-Unsinn bringt mich wie immer erst um den Verstand und dann in Teufels Küche. Ich muss blöde grinsen, als ich den heimlichen Ohrwurm bemerke, der sich im selben Moment in meinem Kopf einnistet: Immer-wieder-dienstags, kommt-die-Er-in-ner-ung. 

Ich weiß, wie man Männer in sich verliebt macht. Was ich nicht weiß, ist, wie man es schafft, dass sie bleiben.

Denn eigentlich könnte ich genauso gut irgendwas kaputt machen, eigentlich sollte ich ihm ins Gesicht springen, oder rumbrüllen, ihn eiskalt wieder zur Tür rausschieben, aufrichtiger wäre es wohl, konsequenter in jedem Fall. Und vernünftig, klug, weise. Stattdessen entscheide ich mich, nur ein weiteres Mal, für den Leichtsinn. Nur noch einmal. Heute noch. Weil Dienstag ist. 

Langsam ziehe ich ihn in meine Wohnung. Hinter uns fällt sachte die Tür ins Schloss. Wir wissen beide, was nun folgt. Es ist das natürlichste und älteste Spiel der Welt, und doch fühlt sich jeder Augenblick so an, als hätten wir ihn gerade persönlich erfunden. 

Und dann spielen wir. Nur noch einmal.

Heile Welt. Es ist ganz leicht.

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Kommentare

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  • 0

    Verliebt machen (das ist ironisch, oder?) oder das Spiel spielen, das sexuelle, das von der Anziehung zwischen zwei Menschen, unkontrollierbar... triebhaft auch, was unemotional nicht ausschließt.


    aber schön aus der sicht einer frau :)


     

    10.04.2012, 15:26 von yveh
    • 0

      hallo yveh,

      tatsächlich habe ich "es" bewusst im vagen gehalten. weil die *nonverbalität* in dieser geschichte eine größere rolle spielt.

      vielleicht so: "sie" spielt die perfekte geliebte, um ihn an sich zu binden. dafür benutzt sie auch sex. sie gibt sich ihm ganz hin, ohne im gegenzug jedoch verbindlichkeit/offenheit einzufordern. sie lässt ihm allen raum. ihre verletzlichkeit zeigt sie höchstens auf eine ironisierte art und weise. 

      aufgrund ihrer leidenschaft, unkonventionalität und weil sie ihm eben keine szene macht, ist er ihr verfallen, spricht sogar von liebe, bekennt sich in letzter instanz jedoch nicht zu ihr. 

      warum sollte er auch? ;-)

      10.04.2012, 15:43 von tjarahel
    • 0

      oh,


      spricht mir aus der seele, man müsste doch denken, das sei der traum aller männer (unkonventionell, leidenschaftlich, entspannt) und ich dachte auch mal, man könne mit sex männer binden... ich bezweifle das. aber ich glaube die wollen lieber mäuschen oder komlizierte damen als geliebte zur festen freundin, vielleicht, sicherlich auch, weil die eher wegrennen könnten, unhaltbar mglw. sogar flatterhaft oder anspruchsvoll .. naja, das geht zu weit. begriffen hab ich's noch nicht.


      guter text - jedenfalls :) und danke für die schnelle aufklärung des verliebtmachens ... "geliebt" machen trifft es wahrscheinlich auch nicht.


       

      10.04.2012, 16:38 von yveh
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