KaffeJunge 08.12.2017, 16:17 Uhr 1 4

Immer herein.

Wann genau Sunny aufgehört hatte zu leben, wusste sie gar nicht mehr genau. Ihr Leben war dennoch recht schnell zu zusammengefasst: Gefickt werden.

Das Ficken eignete sich auch ausgesprochen gut, den Verfall des Besonderen, über das Gewöhnliche bis hin zur Gleichgültigkeit zu beschreiben. Ihr erstes Mal, damals mit fast vierzehn, war magisch gewesen. Gregory hatte Teelichter angezündet und sie zu einem nicht ganz symmetrischen Herz drapiert, künstliche parfümierte Rosenblätter auf dem Bett verstreut und leise soften Hip Hop aus seinen PC-Boxen erklingen lassen. In der Rückschau ziemlich armseelig, aber in der konkreten Situation doch viel mehr Prinzessinentraum als das.
 
Als Sunny dann die Uni geschmissen hatte, tagsüber ziellos auf dem Kiez herumirrte, abends genauso ziellos durch die Bars, WGs und Clubs zog, da wurde Sex gewöhnlich. Ficken war kurze Geborgenheit, Wärme und Gedankenfreiheit. Sie sah das mehr als zweckdienliche Selbststudie denn als Lusterfüllung an.
Sunny hatte schon Bock, so war das nicht. Schwänze fand sie geil, wenn sie tief in sie eindrangen. Nur die Typen, die an den Schwänzen dranhingen, die waren irgendwann beliebig geworden. Ihnen gegenüber fühlte sie Gleichgültgkeit. In der Folge waren sie ersetzbar, austauschbar und ihr herzlich egal ab dem Zeitpunkt, in dem sich dieser geile, lüsterne, abwesenden Ausdruck in ihre Gesichter schlich. Dann, wenn sie das eine wollten und ihre schlechten Anmachsprüche auskotzten, die sie sich im Internet zusammengesucht hatten. "Ich hab meine Telefonnummer verloren, kann ich deine haben?" oder "Hey Schöne, alleine hier?" fragten, während ihnen Lustbeulen in den Hosen schwollen und sich ihre Schwänze zukunftsahnend auf das Ersehnte vorbereiteten. Dann begann ihre Studie. Sie wettete gegen sich selbst, wie lange sie es bei jedem von ihnen schaffte, sie mit ihrer Mischung aus femme fatale und gekonnter subtiler Schulmädchenart hinzuhalten, ohne dass die Typen das Interesse an ihr verloren. Die Hosenbeule war stets ihr Maß.

Manche von ihnen wollten es schnell und sofort auf irgendeinem Klo oder draußen, wenn das Wetter es zuließ und nicht allzu viele neugierige Blicke störten. Dann schob sie ihre kurzen Röcke hoch, legte die Hände mal auf rauhe Hauswände, mal auf eddingbemalte Toilettentrennwände und empfing die harten Schwänze, indem sie ihnen ihren Hintern entgegenstreckte. Sie studierte das Stöhnen und Keuchen der Männer, drehte den Kopf zur Seite und schaute ihnen in ihre Gesichter, schaute ihnen zu, wenn sie beim Abspritzen die Augen zusammenkniffen. Verglichen mit dem Prinzessinentraum von Gregory wurde so jeder Fick gewöhnlich.

Sunny lernte, dass die schnellen Nummern ihr in den Wintermonaten keinen warmen Schlafplatz bescherten. Das lüsterne Glitzern in den Gesichtern der Typen verschwand, sobald sie fertig waren. Manch einer konnte sich noch zu einem verlegenen Grinsen oder einem genuschelten "Tschüss, war geil."  herablassen. Sunny spezialisierte sich darauf, in den warmen Wohnungen zu landen. Sie war naturgemäß neugierig und legte eine Gedankensammlung von Schlafzimmern in ihrem Kopf an. Da gab es die Junggesellenbuden, die WG-Zimmer, die Prahlerschlafzimmer, die Ehefrauenbetten und die Schlafsofas. Wenn ihr eine Wohnung gefiel, malte sich Sunny aus, wie sie dort wohnen und was für ein Leben sie führen würde, während fremdes Sperma an den Innenseiten ihrer Schenkel trocknete. Sie pflegte stets heimlich zu verschwinden, wenn die Kerle noch schliefen.

Dann kamen die Drogen. Als sie das erste Mal Koks probierte, saß sie mit einem Spanier in seinem Schlafzimmer auf dem schwarzen Boxspringbett mit Latexlaken. Der Kerl kriegte seinen Schwanz nur halbsteif, während er ungekonnt ihre Brüste befummelte. Er murmelte irgendwas davon, dass er zum Ficken immer Schnee brauche. "Willste?" fragte er, nachdem er zwei Lines auf dem Nachttisch gelegt hatte. Sunny hatte Drogen immer gemieden, wenn man vom exzessiven Alkoholkonsum und dem Rauchen absah. Wenn sie sich langweilte, dann entwickelte sie einen Hang zur Unvernunft. "Warum nicht?" fragte sie. Der Spanier reichte ihr das Röhrchen, sie schniefte und es knallte. Warm, geil, hammer. Von da an strebte Sunny zielstrebig der Gleichgültigkeit entgegen. Das Saufen, Koksen und Vögeln wurden Mittel zum Zweck, wenigstens kurzzeitig etwas zu fühlen, außer Schuld. Auch die Schuld verschwand.

Irgendwo in dieser jämmerlichen Bedeutungslosigkeit lernte sie Cole und Rob kennen. Ersterer war laut, dauernd breit von irgendwas, mittelmäßig attraktiv. Sie hingen oft zusammen rum, es war eine dieser Drogenfreundschaften, in denen sich alle furchtbar lieb hatten und gemeinsam und immer wieder aufs Neue der "geilsten Nacht ever" oder auf die "epischste Party" bei "dem geilsten Typen" entgegenkoksten. Wenn kein Stoff mehr da war, war auch jeder von ihnen nur mit den Gedanken daran beschäftigt, wie man als nächstes drauf kommen könnte. Dem entgegen standen entweder Geldnot oder Faulheit. In diesen Momenten fickte man eben. So wie jetzt steckte Cole ihn ihr dann tief rein. Er war nicht sehr rücksichtsvoll, was wahrscheinlich am Koks lag. Cole war ein egoistsicher Ficker, der hart seinem eigenen Orgasmus entgegenrammelte. Rob glotzte und Sunny stöhnte schlecht gespielt und dachte an das Koks in der Tüte auf dem Tisch.

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1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    endlich mal wieder realitätsnahe Artikel ;)

    12.12.2017, 11:37 von LifeLoveLust
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