hannabell 05.08.2009, 15:50 Uhr 17 18

Ich liebe Dich. Arschloch

Geständnisse einer Frau mit schlechtem Geschmack

Schon als ich Dich am Tresen lehnen sehe, weiß ich: Du bist es. Wenn Du mich anlächelst, mir einen Drink ausgibst, mir sagst, dass ich traurige Augen habe und gleichzeitig einen kleinen Witz einstreust, der mich zum Kichern bringt, dann hast Du mich schon fast so weit, dass ich Dir meine Telefonnummer gebe. Vielleicht nehme ich Dich nach ein paar weiteren Sätzen sogar mit zu mir nach Hause und lasse Dich mich vögeln – auch wenn ich eigentlich gegen Sex vor dem dritten Date bin.

Danach wirst Du dann natürlich erst nach ewig langer Zeit anrufen. Du wirst sagen, dass Du unheimlich viel zu tun hattest. Vielleicht wirst Du mir auch von Deiner fiesen Ex-Freundin erzählen und von Deiner Bindungsangst. Trotzdem wirst Du mich wieder treffen, Du wirst sagen, dass Du dank mir wieder neue Hoffnung geschöpft hast und sogar wieder anfängst, an die Liebe zu glauben. Ich werde Dich wieder mit zu mir nach Hause nehmen, wieder mit Dir vögeln und Dir am nächsten Morgen Pfannkuchen backen. Du wirst sagen, Du seist glücklich. Wir werden ein tolles Wochenende haben, endlose Gespräche, romantische Stunden im Park. Dann wirst Du Dich wieder einige Zeit nicht melden. Eines Abends werde ich Dich in einer Bar sehen, während Du einem Mädchen mit traurigen Augen durch die Haare streichst. Ich werde Dich anrufen, Dich zur Rede stellen. Du wirst wieder von Deinen Bindungsängsten sprechen, Du wirst sagen „Ich liebe Dich“ und gleich danach „Du bist die erste Frau, zu der ich das nach so kurzer Zeit sage“ und dann wirst Du vielleicht sogar weinen. Ich werde auch weinen, auf jeden Fall sogar, selbst, wenn Du gar nicht weinst. Ich werde Dir verzeihen. Auch noch das nächste Mal. Und das übernächste. Vielleicht werde ich mir irgendwann sagen, dass ich Dich eben so akzeptieren muss, wie Du bist. Ich werde leiden. Und irgendwann wirst Du Schluss machen. Weil Du Dich in ein anderes Mädchen verliebt hast.

Ich werde sofort meine Freundinnen anrufen, sie werden mit Schokoladeneis und Rotwein vor der Tür stehen und mich trösten. Ich liebe meine Freundinnen. Ich liebe auch Schokoladeneis und Rotwein. Sie geben mir das, was ich brauche. Genauso wie Du. Für mich hätte unsere Beziehung nicht perfekter sein können.

Schon als Kind konnte ich schwer nein sagen. Weil ich die Klassenbeste und außerdem noch nett und adrett war, musste ich mich auf Initiative meiner Lehrerin um die weniger privilegierten Kinder in der Klasse kümmern – die dicke Ramona und Angela mit den Sozialhilfe-Eltern. Dazu musste meine Lehrerin mich nicht einmal überreden. Ein strenges „Du solltest froh sein, dass Du so klug und hübsch bist und dass Deine Eltern eine Arbeit haben“ gepaart mit einem gelächelten „Das fände ich wirklich ganz toll!“ genügte – und schwupps! - war ich mit meinen neun Jahren schon Sozialarbeiterin. Das gefiel mir nicht besonders. Doch die mir anvertrauten Fälle machten es mir leicht. Ramona tunkte mich im Freibad so lange unter Wasser, bis ich mich übergeben musste. Und Angela gab mir während der Mathestunde einen Arschtritt, der mich vom Stuhl katapultierte – vor den Augen meiner Lehrerin. Von da an blieb ich von weiteren Integrationsmaßnahmen verschont. Und war glücklich.

Du magst Dir jetzt vielleicht denken: Wie, die Frau steht auf Kerle, die sie gleich wieder verlassen, weil sie eh lieber alleine wäre? Nein, mitnichten. Doch ich bin eben extrem anspruchsvoll. Bei mir braucht es keine dicke Ramona und keine Sozialhilfe-Angela, damit ich eine Person mit Daumen runter bewerte. Manchmal reichen auch schon ein schlechter Klamottengeschmack, eine Zahnlücke oder laute Kaugeräusche. Das ist für mich Grund genug, Schluss zu machen. Aber ich bin nun mal immer noch nett und adrett und tue mich schwer, negativ aufzufallen. Wenn man sich von einer anderen Person trennt, fällt man jedoch fast immer negativ auf. Zumindestens der anderen Person. Deswegen bevorzuge ich das Selber-Verlassen-Werden.

Außerdem gehört Tragik zu einer Beziehung unbedingt dazu. Ich bin da eher ein Anhänger von Anna Karenina als von Sex and the City. Große Gefühle müssen es sein. Und natürlich darf man, wenn man hinterher angemessen lang trauern möchte, nicht selbst am Ende der Beziehung Schuld sein. Ein Betrug Deinerseits rechtfertigt mindestens einen Monat Schokoladeneis. Ein Betrug meinerseits führt höchstens dazu, dass ICH mich vor aller Welt rechtfertigen muss. Noch dazu verlässt Du mich meist, bevor mir Negativeigenschaften wie Mundgeruch oder CDU-Mitgliedschaft wirklich bewusst werden. So kann ich Dich immer als geheimnisvollen, vom Schicksal gebeutelten einsamen Wolf in Erinnerung behalten, den ich fast zurück auf den Pfad der Liebe gezerrt hätte. Und nicht als den egozentrischen Langweiler, der Du wahrscheinlich in Wahrheit bist.

Sicher könnte ich es auch mal mit einem netten Mann versuchen. Aber dann könnte es ja sein, dass dieser Typ anfinge, mich zu mögen. Dass er sich für mich interessiert. Nicht nur seine Geschlechtsteile entblößt. Sondern sein ganzes Innenleben. Und danach NICHT mit mir Schluss macht. Und dann steh ich da, mit seinem komplexen Innenleben in den Händen, und soll irgendwas machen. Ich bin aber nicht so gut im Machen. Ich bin gut im Ja-Sagen – manchmal auch schon vor dem dritten Date. Ich bin gut im Leiden. Und im Verlassen werden. So ist das nunmal.

Man kann mir sicher viel vorwerfen. Aber wenigstens weiß ich, was ich will: Ich will Dich. Arschloch. Und danach ein Schokoladeneis."Wichtige Links zu diesem Text"
Eine Schnellschuss-Reaktion auf folgende Artikeldiskussion

18

Diesen Text mochten auch

17 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich würde VORHER den rotwein nehmen. das eis kann man erstmal in den tiefkühler tun.

    13.09.2011, 19:26 von lavish
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Bei dem Titel dachte ich erst "Oh näää", nicht schon wieder. Aber ich wurde eines Besseren belehrt! Feines Textchen!

    13.03.2011, 23:02 von topfbluemchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön geschrieben

    13.03.2011, 22:52 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 0

    allerdings..
    hut ab..
    und es stimmt so dermaßen x) -.-

    08.12.2009, 14:18 von werbegeschenk
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hach wie schön, dass es noch Mädchen wie die Protagonistin gibt ;-)

    Schöner, bunter Text!

    07.08.2009, 10:46 von Olliemax
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mir gefällt der Text ebenfalls sehr gut!
    Leider geht es mir genauso wie deiner Erzählerin- mit einem Arschloch, der sich tagelang nicht meldet, aber jemand anderen will ich nicht. Dazu bin ich viel zu nett und ja, gut im verarscht werden. Bei mir gibt´s kein Schokoeis, sondern Spagetti von Mama. Die helfen auch ;-)

    06.08.2009, 19:51 von sweetsola
    • Kommentar schreiben
  • 0

    allerherrlichst. hätte ich garnicht von dir erwartet, bei dem "lieben" profilfoto ;-)

    06.08.2009, 15:00 von juhulia
    • 0

      @juhulia Ja, nett und adrett halt ;)

      06.08.2009, 17:24 von hannabell
    • Kommentar schreiben
  • 0

    irgendwie passen hier ein paar Aussagen nicht zusammen, aber vielleicht verstehe ich auch nur die Koplexität von Frauen nicht :)

    Ach und "ich bin immer so nett und adrett" heißt doch eigentlich: Ich bin perfektionistisch und es ist unmöglich dass mich die Außenwelt nicht genauso perfekt wahrnimmt wie ich mit aller Kraft versuche zu wirken. Ich kenne eine Frau die genau das selbe von sich behauptet und die hat immer weiße oder rosa Sachen an, ihre Gesichtshaut spannt irgendwie komisch, was vielleicht auch daran liegen kann, dass sie den ganzen Tag die Leute angrinst.

    06.08.2009, 09:37 von rolfradolfski
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0


    NEONautisch gut, weil frech, ehrlich (authentisch! *g), und im NEON-Stil geschrieben. Also ab auf Startplatz eins.
    :)
    zz.

    05.08.2009, 23:14 von zzebra
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2
  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare

  • Matrophobie

    „Ich sehe meine Eltern als sehr glückliche Menschen, ...“

    24.04.2014 von Fieseise
  • Matrophobie

    „Meine Eltern sind für mich auch noch immer Vorbilder...“

    24.04.2014 von execratedworld
  • Matrophobie

    „Kurzcheck:Jadie Scheuklappen weiter öffnenja in manc...“

    24.04.2014 von Tanea
  • Matrophobie

    „Mein jüngster Bruder und unser Vater sprechen nicht ...“

    24.04.2014 von miss_mel
  • Matrophobie

    „Meine Eltern sind heute noch Vorbilder für mich. Mei...“

    24.04.2014 von zooropa

NEON-Apps für iOS und Android