Herzgesteuert 17.03.2011, 15:23 Uhr 22 32

Ich bin die Andere

Ich schließe die Augen und lehne meinen Kopf an die Scheibe. Sie ist kühl. Du nicht. Ich kann dich immer noch riechen. Schmecken...

Die Nacht davor:

Ich sehe dich an - grüne Augen, weiße Zähne, braune Haut. Ich halte einen Moment inne und du grinst mich an. Du bist so wahnsinnig sexy. Meine Haut prickelt vor Verlangen, als ich meine Finger unter deine Gürtelschnalle schiebe. Doch weiter kann ich nicht gehen. Spüre deinen warmen Atem auf meiner Kopfhaut. Beide zögern wir den nächsten Schritt hinaus und warten, ich weiß nicht, worauf. Darauf, dass die Vernunft zurückkehrt? Dass einer von uns dem ein Ende setzt? Du senkst den Kopf und küsst mich auf die Stirn. Als deine Lippen meine Haut berühren, zucke ich zusammen.

Zögernd heb ich den Blick und als wir uns in die Augen sehen, bricht etwas in mir los, was sich in deinem Blick widerspiegelt. Verlangen. Verlangen nach deiner Berührung, Zärtlichkeit, deiner rauen Wange, dem Duft deiner Haut, dem Geschmack deiner Küsse.

In dem Moment brechen die Dämme. Diesmal zögern wir nicht, dass der Wahnsinn vorbeigeht. Wir fallen übereinander her, zerren, ziehen, küssen, kratzen. Ertrinken in unserem Verlangen nacheinander. Ungeduldig reiße ich dein Hemd auf, damit ich mit den Fingern über deine Haut auf dem Rücken, über die senkrechte Linie von Haaren auf deinem Bauch fahren kann. Du vergräbst deine Finger in meinen Haaren, ziehst meinen Kopf zurück und küsst mich so heftig, dass es weh tut. "Ich will dich" ist der einzig klare Gedanke, den ich fassen kann. Gierig sehe ich dir in die Augen. Ich kann nicht länger warten. Ich muss nicht länger warten.

Der Morgen danach:

Ernüchtert sitze ich nun auf der Fensterbank. Nur mit deinem Hemd bekleidet. Es ist früh. Oder spät? Jedenfalls beobachte ich die ersten Sonnenstrahlen, während ich einen Kaffee trinke. Ich schließe die Augen und lehne meinen Kopf an die Scheibe. Sie ist kühl. Du nicht. Ich kann dich immer noch riechen. Schmecken. Meine Zunge fährt über meine Lippen. Sie sind ganz wund. Was haben wir getan? Wie ein Flashback kommt die Erinnerung an letzte Nacht wieder hoch. Gnadenlos.

"Es dauerte einen Moment bevor ich begriff, dass ich nicht in meinem Bett lag. Lauschte angespannt dem fremden Atem. Dann, als hätte mir jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet, kam die Erinnerung: das Konzert, die verbotenen Blicke, zu viel Alkohol, das Gefummel im Taxi, der Sex und das Schlimmste überhaupt...die Erkenntnis."

Ich steige von der Fensterbank, schlendere durch das Zimmer, hinüber zum Bett und betrachte dein Gesicht. Friedlich. Habe das jahrelang getan.

Lautlos lasse ich das Hemd zu Boden gleiten, ziehe mich an und spüle die Tasse. Betrachte sie jetzt erst richtig "Liebe ist...die ganze Woche warten, damit man sie das Wochenende wieder sieht!" steht darauf. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Denn jetzt, im sanften Morgenlicht, kann ich sie sehen. Sehe sie überall. In jedem liebevollen Detail. Mir wird übel, als mir bewusst wird: Ich bin nun die Andere.

Während ich die Treppen hinabsteige, komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns jetzt zum ersten Mal begegnet wären und keine gemeinsame Vergangenheit hätten, die uns daran hindert, eine gemeinsame Zukunft zu haben. Aber auf diese Frage gibt es keine Antwort. Man kann nicht ändern, was geschehen ist. Ich verdränge den Gedanken, trete durch die Haustür und schaue nicht zurück.

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22 Antworten

Kommentare

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    Super Text. Ich kann dich genau verstehen..

    31.01.2012, 10:10 von murphyine
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    Ich habe schon einige Artikel hier gelesen, aber noch keinen Kommentar geschrieben. Das hier ist der erste, weil dieser Artikel mich gepackt hat. Nicht weil er außergewöhnlich gut geschrieben war oder eine Geschichte erzählt hat, die die Welt so noch nicht kannte. Ich habe mich einfach darin wiedererkannt, auch ohne "die Andere" zu sein. Einfach das Gefühl, wenn die Dämme brechen, man am nächsten Morgen ernüchtert aufwacht und und aus der Tür geht, während er noch schläft....
    "Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt." und dafür muss man sich nicht schämen.

    05.04.2011, 21:05 von IAmTheOcean
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    Sehr gut!
    Man fährt sich selbst mit der Zunge über die Lippen um zu schauen ob sie zerbissen sind!!!

    24.03.2011, 13:28 von soulmind
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    Ich finde nicht, dass du dich wegen irgendwas schämen musst. Es ist dein Herz und dein Verlangen, das dich zu ihm zieht und keine Rachegelüste einem anderen Menschen gegenüber. Außerdem kann man es sich eben nicht aussuchen, die andere zu sein. Es gibt eben Menschen mit einem Herz, die es nicht abschalten können, wie den Fernseher. Ich finde es schade, dass man nicht mehr auf sein Verlangen und sein Herz hören kann heutzutage, ohne für irgendwas verurteilt zu werden.
    Man sollte außerdem respektieren, dass du deine Gefühle hier mit so vielen fremden Menschen teilst und ein Stück deines Lebens freigibst.

    Ich finde deinen Text weder schwach, noch lasch, noch erinnert er an das "LÄTTA-Luder". Ich finde ihn sehr schön, und kann sehr gut verstehen, wie du dich fühlst.

    Als letztes möchte ich noch sagen, wie schade ich es finde, dass mich NEON.de aufgrund seiner User immer mehr an den Deutschunterricht erinnert. Fehlt nur noch, dass man den FQ drunterschreibt. Bleibt alle mal locker.

    24.03.2011, 10:15 von schubia.wanzhaar
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    Oh ich kenne das Gefühl.
    Sehr sehr gut geschrieben!

    Empfehle ich gerne weiter!

    23.03.2011, 14:53 von AliceInWonderland
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    Einige Kommentare scheinen von Moralaposteln geschrieben worden zu sein, daran störe ich mich hier immer wieder. Geht es darum einen Text nach seinem Stil zu kommentieren, wie ist er aufgebaut, ist er schlüssig, packt er den Leser oder nicht, ist der Sprachgebrauch stringent, usw??? Oder geht es darum, Menschen zu be- und verurteilen, ihre Lebensweise zu kritisieren und ihnen mitzuteilen, ob sie so ok sind oder nicht?

    Ich finde den Text gut geschrieben. Und ob die Verfasserin uns hier an ihrem Leben teilhaben lässt oder nicht, tut dabei nichts zur Sache.

    21.03.2011, 11:36 von miss_mel
    • 0

      @miss_mel *hihi*

      Ich hab schon viele Diskussionen erlebt, wo man übel angeranzt wurde, wenn man mal auf textformale Dinge eingeht...

      Man macht immer alles falsch, es kommt nur drauf an wen man fragt.

      22.03.2011, 09:48 von sailor
    • 0

      @sailor Das stimmt wohl. Niemand hört gerne Kritik...aber ich bin der Meinung, dass sich manche Leute einfach im Ton vergreifen. ich lese hier manchmal Kommentare, die nichts anderes sind als Beleidigungen - schönes Beispiel der Text "für Lars", da hat jmd. geschrieben "Grenzdebiles, redundantes Elaborat, geschrieben aus Selbstmitleid..." Muss das sein?

      22.03.2011, 10:48 von Herzgesteuert
    • 0

      @Herzgesteuert @sailor: Das stimmt, es gibt hier ein paar sehr kritikfreudige User, die gerne alles anschiessen, was sich ans Alphabet wagt. Es geht mir um die Art der Kritik. Es gibt Feedback-Regeln, mit denen wir hier arbieten könnten. Jemanden zu verurteilen, weil er eine andere Lebensweise hat als man selbst finde ich sehr klein (huch, da urteile ich ja selbst!).

      22.03.2011, 13:01 von miss_mel
    • 0

      @miss_mel Es gibt hier auch User, die löschen jeden Kommentar unter ihren Texten, der ihnen unter autoemotionalen Aspekten nicht unter die Mütze passt, oder sie der Meinung sind, er habe nichts mit ihrem Text zu tun (was in aller Regel ein Irrtum ist).

      Aber Hauptsache Regeln aufstellen.

      Ich weise gelegentlich darauf hin, das eine augenfreundliche Formatierung des Textes sowie eine gewisse basalorthographie den Zugang zum Text erleichtert (und das ist ausnahmsweise ein Thema, von dem ich behaupte, daß ich weiß, wovon ich rede), werde dafür aber oft genug vom Autoren angepflaumt, ich solle mich doch bitte mit den Inhalten auseinandersetzen und mich nicht an Formalismen hochziehen.

      So eine Reaktion halte ich für mindestens genauso langweilig...

      @herzgesteuert
      Ich kenne Situationen, da BITTE ich um Kritik.

      23.03.2011, 09:43 von sailor
    • 0

      @sailor Wow, Kommentare löschen ist ja peinlich, dann sollte man's gar nicht erst ins Netz stellen.
      Menschen widersprechen gerne, kritisieren gerne, also nimmt hier eh alles weiter seinen Lauf. Ich verfolge mit grossem Interesse und mag halt die allzu persönlichen Kommentare nicht. Regeln mag ich nicht, aber einen respektvollen Umgang.

      23.03.2011, 11:40 von miss_mel
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  • 0

    Wow...so wie du das geschrieben hast kann man sich das alles richtig gut vorstellen und obwohl die Geschichte keine schöne ist für die betreffende Person, so ist sie es doch für mich als Leser durch die Gefühle, die du in ihr gebunden hast.

    21.03.2011, 08:57 von Anders28
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    zack, tür zu und zurück in die realität

    20.03.2011, 20:08 von allesistweiss
    • 0

      @allesistweiss lasch, sehr lasch

      20.03.2011, 20:20 von Das_Uschi
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  • 0

    wunderschön

    20.03.2011, 16:02 von natour
    • 0

      @natour Oh, McDreamys Zweitaccount!

      20.03.2011, 16:25 von frl_smilla
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  • 0

    und das schlimmste überhaupt...die Erkenntnis.

    bin begeistert & verstehe vollkommen das gefühl "die andere" zu sein...




    20.03.2011, 15:15 von LilaMops
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