Surecamp 27.10.2011, 22:49 Uhr 154 161

Ich bin der Herbst

Ich ziehe die Schwachen an. Mein ganzes Leben schon.

Heute Nacht hat sie geweint. So zeigte er sich also, der große schwere Wal, der in Form einer Unruhe, eines schlechten Gewissens unter ihrer ruhigen Oberfläche tauchte und sich bewegte. Ihre bisherige Ruhe und Hingabe waren in den letzten drei Wochen glatt gewesen, unerschütterlich und still. Ob es heute Nacht die ersten Zweifel waren, weiß ich nicht. Die Letzten waren es bestimmt nicht.

An den letzten zwei Wochenenden haben wir uns meist schweigend verstanden, gewusst, dass es nicht richtig war, ihren Freund zu hintergehen, uns aber in einer Gleichgültigkeit gesuhlt, von der ich glaube, sie vorgegeben zu haben. Denn mir war es von Anfang an egal gewesen. Ich kannte ihn nicht, nur von Fotos und ihren Erzählungen.

Katharina kenne ich bereits seit vielen Jahren. Wir hatten uns vor langer Zeit in eine kurze Affäre geflüchtet, als es uns beiden nicht gut ging und wir an Dingen fraßen, die bitter und lehmig schmeckten. Danach verloren wir uns aus den Augen, nachdem sie ihre Arbeit und den Wohnort gewechselt hatte. Durch eine Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes, trafen wir uns vor ein paar Wochen wieder. Sie schien mir unglücklich, aber anders kannte ich sie nicht, also fragte ich nicht nach den Gründen. Sie erzählte mir von den letzten Jahren, ihrem Freund Frank, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen ist und der gemeinsamen Wohnung. Sie erzählte von seinem Beruf, dem Erfolg, dem Geld, der wenigen Zeit und den Versprechen, dass er bald wieder mehr Zeit hätte. Ihre Beziehung klang so schrecklich gewöhnlich und ich lachte sie dafür aus.

Seit drei Wochen schlafen wir wieder miteinander, treffen uns in der Wohnung der Beiden und erzählen uns nur manchmal von den Dingen, die uns durch die Köpfe gehen. Von Frank erzählt sie nur die negativen Macken, als würde sie sich dafür rechtfertigen wollen, dass sie ihn betrügt – vor mir. In manchen Momenten redet sie von ihm, als wäre er gar nicht mehr da, nicht mehr am Leben. Wenn ich eine alberne Bemerkung mache oder nach dem Essen meinen Teller ungewaschen in die Spüle stelle, sagt sie, dass das ihr Freund auch immer macht oder sagt. Sie nennt ihn nur selten beim Namen, als wäre der Begriff Freund noch zu besetzen, als wäre das alles nicht fest. Aber ist eine zweijährige Beziehung nicht etwas Festes? Ich kann es nicht sagen, da ich nie länger als ein Jahr in Partnerschaften verbracht habe.

Katharina fragt mich gerne über meine Ex-Freundinnen aus. Sie möchte wissen, wieso sie mit mir Schluss gemacht haben, wie sie mich genannt haben und wie der Sex mit ihnen war. Ich erzähle ihr davon. Von den Freundinnen und diesen Dingen.

Manchmal ruft Frank auf Katharinas Handy an. Sie gibt mir dann Zeichen, dass ich leise sein muss, am besten aus dem Zimmer gehen soll. Ich verlasse in diesen Momenten den Raum und höre nicht, was sie mit ihm bespricht, nur ihre gedämpfte Stimme durch die Zimmertür. Sie ist nach den Gesprächen für kurze Zeit angespannt und wenn ich sie frage, ob ich besser gehen sollte, winkt sie ab und bittet mich, zu bleiben.

Ich empfinde nichts für Katharina. Es gibt keinen Wunsch auf meiner Seite, dass sie sich von ihm trennen soll oder dass sie sich für mich entscheidet. Außerdem glaube ich, dass sie Frank irgendwie liebt und diese Sache mit mir nur ein letztes Luftholen ist, bevor sie endgültig in eine lebenslange Beziehung mit ihm abtaucht. Ertrinkt.

Ein Freund, dem ich von Katharina erzählte habe, fragte mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mit ihr etwas Neues aufzubauen, eine Beziehung mit ihr zu starten. Nein, ich will nichts aufbauen. Das hat bisher nie in meinem Leben geklappt und das wird auch nicht klappen. Eher reiße ich Mauern, wie die von Katharina und Frank ein. Ohne Grund. Wie ein kleiner Junge, der lieber mit Feuerwerkskörpern Legohäuser sprengt, als sie zu bauen.

Wenn ich Katharina besuche, bewege ich mich in ihrer Wohnung ganz selbstverständlich. Als wäre ich ihr Freund. Ich sitze in der Küche an seinem Platz, benutze sein Duschgel und liege im Bett auf seiner Seite. Ich pisse wie er, im Stehen. Nur der Sex, der wäre mit mir anders als mit ihm, sagt sie. Er behandelt sie ehrfürchtiger im Bett. Sein Sperma landet immer in ihrem Körper. Noch nie hat es ihren Körper von außen berührt. Ich spritze auf ihren Körper, in ihr Gesicht, auf ihre Brüste. Beim ersten Mal blickte sie mich erschrocken an, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Danach forderte sie mich dazu auf.

Nach dem Sex wird im Schlafzimmer alles Schwarz-Weiß.

Wir liegen auf dem Bett, sind erschöpft und nass. Ich weiß, dass sie in diesen Momenten an ihn denkt, sich vielleicht sogar Vorwürfe macht, das aber vor mir geheim halten will. Meistens steht sie als erste auf und schaltet auf dem Weg ins Badezimmer den Fernseher für mich ein.

Sie schließt im Badezimmer hinter sich ab. Da ist kein Vertrauen zwischen uns, diese Grenzen bleiben bestehen. Ich frage mich, ob es ein Zeichen von Schwäche ist, dass sie mit mir ins Bett geht? Wenn nicht mit mir, würde sie vielleicht mit einem Anderen ins Bett gehen. Ich ziehe die Schwachen an. Mein ganzes Leben schon.

Wenn wir gemeinsam essen, machen wir Witze, albern miteinander herum und verhalten uns wie zwei Studenten, die sich eine Wohnung teilen. In diesen Augenblicken ist ihr Freund weit weg. Frank kann kochen. Und wenn er zu Hause ist, kocht er für sie. Ich kann nicht kochen, deswegen kocht Katharina für mich. Einfache Sachen, wie Bratkartoffeln und Spiegeleier.

Heute Nacht hat sie geweint. Ich hatte sie kurz zuvor gefragt, ob sie glücklich sei, mit Frank. Und überhaupt mit ihrem Leben. Ob sie die Vorstellung glücklich mache, ihr restliches Leben mit ihm zusammen zu bleiben. Sie saß nackt im Schneidersitz neben mir auf der Matratze. Hinter ihr flimmerte der Fernseher als einzige Lichtquelle im Schlafzimmer.

Nein, sie wäre nicht mehr glücklich, sie wolle sich aber auch nicht mehr trennen und wieder von vorne beginnen. Sie sei zu alt für einen neuen Anfang. Und dann liefen die Tränen.

Ich dachte eine Sekunde daran, sie in den Arm zu nehmen, sie zu streicheln und zu trösten. Aber ich konnte nicht. Ich lag neben ihr auf dem Bett, sah an meinem nackten Körper herunter, ans Fußende des Bettes und dann auf den Fernseher. Der Ton war ausgeschaltet. Es wurden Bilder eines Tsunamis gezeigt, der das Meer an Land trieb. Riesige braune Wellen brachen über Häuser ein und begruben sie unter sich. Autos, Kühe und Strommasten wurden durch Straßen gespült. Erschrockene Menschen blickten in die Kamera. Sie schrien. Ihre Münder öffneten und schlossen sich. Wie die Münder von Fischen, die auf dem Bretterboden eines Bootes liegen, kurz bevor sie erschlagen werden. Das Schluchzen von Katharina lag über den Bildern, wie ein Soundtrack, der nachträglich aufgenommen wurde.

Das war er also, der große Wal. Das schlechte Gewissen, das sich unter der trägen Oberfläche bewegte und drehte. Oder war es die Gewissheit, dass sie nicht mehr entkommen konnte? Ich glaube, sie hatte Angst davor, dass der Traum von einer Familie, von eigenen Kindern, kurz davor war, zu platzen. Oder hatte sie Angst davor, dass der Traum wahr werden könnte?

Bereute sie es in diesem Moment, mich getroffen zu haben? Oder bereute sie es, noch mit ihm zusammen zu sein?

Ihre Beziehung war schon kaputt, bevor ich auftauchte. Sie war zumindest kurz davor. Eine Beziehung, wie ein Spätsommer: die Luft noch warm, der Boden schon gefroren.

„Ich bin der Herbst“ dachte ich und schaute Katharina an.

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154 Antworten

Kommentare

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  • 0

    So ein toller Artikel.. Du erzählst die Geschichte einer Frau, die viel zu schwach und faul für das Ende ist. 

    06.02.2014, 23:01 von vonmiraus
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  • 0

    Jetzt habe ich Lust auf Bratkartoffeln und
    Spiegeleier und frage mich, wer zur Hölle "Sebastian" ist???

    23.03.2012, 19:19 von Mrs.McH
    • 0

      War wohl niemand, hihi :)

      24.04.2012, 06:37 von Mrs.McH
    • 1

      Ich glaube Frank hieß vorher Sebastian, aber Katharina bleibt immer Katharina.

      13.11.2012, 13:25 von Tanea
    • 1

      Du machst mich ganz durcheinander, wenn Du mir auf solche älteren Kommentare antwortest. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?? hehe, sehr viel sogar :) Ist interessant.

      13.11.2012, 13:29 von Mrs.McH
    • 0

      Oh, ich stöber nur so rum. Neon täglich iss ja mal wieder strunzlangeweilig heut...

      13.11.2012, 13:31 von Tanea
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  • 0

    Ha, jetzt ist mir übrigens eingefallen woran mich der Text erinnert... an Ulrich und Bonadea im Mann ohne Eigenschaften! (wenn das kein Ausgleich ist für die untenstehende Kritik! Ich würde töten für einen Musil-Vergleich.)

    22.01.2012, 22:40 von AuntAgony
    • 0

      (den Ulrich geht natürlich überhaupt nie irgendwas an, sonst würde er ja womöglich zum Mann mit Eigenschaften....hast du das Buch gelesen? Ich glaube, es wäre auf deiner Wellenlänge). 

      22.01.2012, 22:43 von AuntAgony
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  • 0

    Du beschreibst die Beziehung zum Freund als auslachenswert langweilig, aber die Affaire mit dir liest sich auch nicht viel spannender (ein Text kann auch andere Qualitäten haben - das war eher ein Kommentar zu unterschiedlichen Interaktionsmodellen, weniger zur Qualität des Texts)


    Du fragst dich, ob sie schwach ist; ich frage mich - was geht es dich an? 

    That said, Hobby-Psychologie ist ja schöner Zeitvertreib, dem ich auch gern fröne und ich finde die Diagnose eigentlich auch recht plausibel - man bekommt das als Frau so eingetrichtert, dass man sich das Idyll mit Mann, Kind und Kegel zu wünschen hat, dass es nachvollziehbar verstörend sein kann, wenn man sich eingestehen muss, dass man die Sache im Grunde seines Herzens doch etwas ambivalenter sieht. (Wo ich es üblicherweise unterhaltsamer finde, mit mehr als einem Erklärmodell aufzuwarten). 

    Und der letzte Absatz ist ja auch recht hübsch formuliert; da hat man dann auch den literarischen Mehrwert. 

    Ich frage mich nur ein bisserl, wo bleibt der Erkenntnisgewinn? Es ist doch vergleichsweise einfach festzustellen, was Dinge _nicht_ bedeuten (dass man sich schätzt, dass man für füreinander bestimmt ist), besonders weil die meisten Leute mit so einer beschränkten Liste an möglichen Bedeutungen operieren, dass man gar nicht übersehen kann, wie selten die wirklich passen. 

    Aber was geht es dich an? Das war kein Sarkasmus vorhin, das würde mich wirklich interessieren.


    22.01.2012, 22:21 von AuntAgony
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  • 2

    Eine abgebrühte, schmutzige Wahrheit.

    12.01.2012, 18:31 von lalina
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  • 4

    "Eher reiße ich Mauern, wie die von Katharina und Sebastian ein. Ohne Grund. Wie ein kleiner Junge, der lieber mit Feuerwerkskörpern Legohäuser sprengt, als sie zu bauen. "  GROSSARTIG!

    27.11.2011, 10:19 von Junge_Helden
    • 1

      was ist in gottes namen, daran großartig?
      das ist mehr als traurig. es ist erbärmlich!

      25.12.2011, 21:45 von Gluecksaktivistin
    • 0

      nee, das ist großartig! über diese thematik muss eh noch ein eigener text geschrieben werden! destroy destroy sexy sexy destroy ;-)

      26.12.2011, 02:40 von Surecamp
    • 1

      ne, ich sag nix ;)
      ich lass es einfach

      26.12.2011, 09:04 von Gluecksaktivistin
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  • 2

    unglaublich, wie gut du ihr schluchzen beschrieben hast. mit den bildern, das leid vor deinen augen, und in deinen ohren. gefällt mir sehr gut !

    23.11.2011, 18:24 von marianefeli
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  • 1

    Ich verachte sie.

    23.11.2011, 14:47 von Fruchtsaftgehalt
    • 0

      Und das kommt dir nicht seltsam vor?

      22.01.2012, 21:57 von AuntAgony
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  • 0

    "Wir hatten uns vor langer Zeit in eine kurze Affäre
    geflüchtet, als es uns beiden nicht gut ging und wir an Dingen
    fraßen, die bitter und lehmig schmeckten."

    wirklich gut! ich hab mal die sachen von dir abgebrühtem aboniert

    22.11.2011, 13:47 von Curlson
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  • 0

    einfach nur richtig gut! Danke für die Bereicherung

    20.11.2011, 21:51 von vergluckt
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