Gefühlskalte Gletscher
Gewissenhaft erinnere ich mich daran, dass ich hier das Arschloch bin...
Bffft-Bffft!“
Anne liegt neben mir in meinem Arm. Anne ist hübsch. Und es war gut. Reflexartig schnappt sie nach meinem Handy: „Ich vermiss dich genau so, wie du mich!“, säuselt die SMS hinterhältig in unsere echauffierten Gesichter, „sehen wir uns morgen?“, fragt Vera sehnsüchtig.
Annes Lächeln verschwindet blitzartig, ihre Gesichtszüge sind plötzlich schockgefroren und eiskalt. Mit großen, glasigen Augen schaut sie mich an. Noch immer liegt sie neben mir. Ja, sie ist hübsch. Ich streichle ihren nackten Rücken, ohne ein dumpfes Gefühl im Bauch. Es war gut gewesen.
Anne dreht sich weg, ich denke nach, gebe zumindest vor, zu denken.
Formuliere tausend Vorwürfe, doch kein einziger findet den Weg über meine Lippen, ich bin nicht in der Lage, Anne meine Wut an den Kopf zu werfen.
Ich ziehe mich an und muss mir dabei klar machen, dass ich das Arschloch bin. Ich bin es, der mit einer Anderen geflirtet hat, die ich kaum kenne. Ich bin es, der trotzdem mit Anne geschlafen hat, trotzdem ich wohl kaum Gefühle für sie hege. Ich weiß im Stillen, dass ich Anne nicht liebe. Nur sagen, sagen würde ich es ihr niemals!
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal der mysteriösen Unbekannten, der Liebe, über den Weg gelaufen bin.
Im Stillen weiß ich, dass Vera nicht die einzige ist. Ich denke Karla, vermisse sie fast ein bisschen. Ich denke an Nicki, sehne mich fast ein bisschen nach ihr.
Annes Tränen würden mich wütend machen, hätte ich nicht Probleme, Gefühle zu empfinden oder zu bemerken, dass ich sie empfinde. Lediglich die Vorwürfe in mir werden lauter. „DU wolltest mich doch besuchen. Mein Handy geht dich doch überhaupt nichts an“. Immer noch kommt keiner bei ihr an. Auch das ist meine Schuld. Meine Feigheit.
Einen ganzen Abend schweigen wir uns an. Selten habe ich eine solch intensive Stille erlebt. In mir regt sich nichts, weder Schuldgefühl, noch Mitleid. Gewissenhaft erinnere ich mich daran, dass ich das Arschloch bin. Ich bin es, der sich verteidigen sollte.
Ihr sagen, dass ich Vera erst ein einziges Mal gesehen habe.
Ihr klarmachen, dass ich sie nicht wiedersehen werde. Insgeheim wünsche ich mir mehr denn je, Vera wiederzusehen.
Ich sage kein Wort, rede mir ein, dass jedes Wort, das ich sage, Annes Schmerz nur noch schlimmer machen würde.
Doch ich rede, oder besser: ich denke wie der Blinde von der Farbe. Was verstehe ich denn von Gefühlen. Vor Allem von ihren, der Fremden in meinem Bett.
Dann eine Umarmung, zwei, drei nette, aber inhalts- und zumindest meinerseits auch gefühllose Worte, SIE liegt wieder in meinem Arm, neben mir. Anne ist hübsch, ich streichle wieder zärtlich ihren Rücken.
Doch mein Vertrauen in die Vernunft des Menschen schmilzt dahin, nicht mehr nur wie ein langsam tauender, plätschernder Bach im Frühling, seit heute eher wie gigantische grönländische Gletscher.
Es kann nicht vernünftig sein, die Moral der Liebe, die Regeln der Monogamie zu ignorieren und zu brechen. Doch das ist Mein Beitrag zur Erderwärmung. Das Gletschereis schmilzt.
Es kann nicht vernünftig sein, dass die Welt wieder rosarot ist, ohne dass es Worte der Entschuldigung, Worte der Erklärung gegeben hat. Ich Umweltschwein. Das Gletschereis schmilzt, der Meeresspiegel steigt.
Jetzt bin ich allein und wieder säuselt mein Handy, diesmal ist es Anne: „Bffft-Bffft! Ich bin gut angekommen; vermisse dich jetzt schon!“
Endlich, wie ein Goldgräber den Schatz, entdecke ich unerwartet eine ganze Quelle von Gefühlen: Schuld, Sehnsucht, und nicht zuletzt die Erleichterung, allein zu sein.
Ich muss mir keine Sorgen mehr über meine eiskalte Gefühllosigkeit machen.
Wieder einmal gewinnen die Weltmeere der Kuriosität gegen die wenigen noch verbleibenden, aber wackeren Gletscher der Vernunft, geschützt von den allzu seltenen Umweltschützern der Monogamie






Kommentare
danke, in dem ganzen homo-gesäusel mal etwas ehrliches und gut geschrieben i
11.01.2010, 03:38 von cluhst es auch noch.
@cluh Redax? Sowas ist loeschenswuerdig.
11.01.2010, 04:07 von quatzatEs kann nicht vernünftig sein, die Moral der Liebe, die Regeln der Monogamie zu ignorieren und zu brechen. Doch das ist Mein Beitrag zur Erderwärmung. Das Gletschereis schmilzt.
05.01.2010, 09:28 von Mrs.Chatterboxhat mich zu lächeln gebracht. ich mag, wie du schreibst.
ja so bescheuert sind die mädchen
12.08.2009, 15:26 von mukkelchen