Theresa_Baeuerlein 19.01.2004, 13:10 Uhr 0 8

Fremddenken

Sex mit jemandem, den man liebt, ist wie ein Trip ins Universum.

Ich lehne an der Bar, dort, wo niemand bestellen will, und was mit mir passiert, gefällt mir nicht. Es ist der erste Abend seit Wochen, an dem ich ohne meinen Freund ausgehe, und bis vor fünf Minuten war das auch noch in Ordnung. Jetzt tanzt da, wo eben noch mein Magen war, ein tollwütiges Wiesel. Schuld daran ist Sara, meine beste Freundin. Sie steht ein Stück weiter Richtung Tanzfläche, in der linken Hand hat sie ein Bier, an ihrem rechtem Arm einen Schwarzhaarigen, den ich nicht kenne. Sie lachen, ihre Schultern berühren sich.

Ich habe das Gefühl, vor einem Zaun zu stehen, hinter dem alle anderen Fangen spielen. Plötzlich sehe ich um mich herum mehr als nur eine bunte Kulisse. Da sind Köpfe mit aufgestellten Haaren und nackte Bäuche mit Gänsehaut. Gesichter, die schwitzen und Falten werfen. Menschen, die nach dem Wagnis dieser Nacht suchen, nach der Liebe vielleicht oder nur einem bisschen Spaß. Ich gehöre nicht dazu. Und bis vor fünf Minuten war ich damit so zufrieden, dass ich genauso gut in Hausschuhen hätte herumstehen können. Ich war gelassener als ein Sektenjünger nach der Tempelreinigung und ging großzügig mit Bier und Weisheit um.

"Für mich ist Treue kein Problem", sagte ich zu Beginn des Abends zu Sara, "erstens sehen hier alle gleich aus. Und zweitens will man gar nicht fremdgehen, wenn eine Beziehung gut ist. So einfach ist das." Sara, die vom Biertrinken rote Wangen hatte, sah aus wie ein Erdbeerfeld. "Sex mit jemand, den man liebt, ist wie ein Trip ins Universum ", antwortete sie. "Der andere Sex ist eher wie ein Ausflug ins, äh, Freibad. Auch nicht schlecht, natürlich". Sie grinste und tippte den Bauch ihrer Flasche gegen meine. Und jetzt steht dieser Schwarzhaarige neben Sara. Wenn sie noch ein kleines bisschen zusammenrücken, viel geht nicht mehr, küsst sie ihn vielleicht und danach kommt sie zu mir und fragt, ob es okay ist, wenn sie jetzt geht und rausfindet, wie der schwarzhaarige Typ ohne T-Shirt aussieht. Und obwohl ich es nicht will, frage ich mich, wie er riecht, ob er Boxershorts trägt oder einen engen, weißen Slip. Und ob er die Luft anhält, wenn er einen Orgasmus hat.

Nicht, dass ich auf Sara sauer wäre: Ich würde ihr neidlos ein Nobelpreisträger-Unterwäschemodel gönnen. Aber was, wenn ich meinen eigenen Nobelpreisträger heute nacht verpasse? Woher soll ich wissen, ob meine Liebe wirklich die eine große Liebe ist? Vielleicht reitet sie gerade einsam in den Sonnenuntergang, weil ich sie nicht mehr suche. Und warum, denke ich, ist der Reiz, in einem fremden Gesicht das zu sehen, was nur die Lust hineinschreiben kann, manchmal so verdammt groß?

Dann fällt mir der Morgen nach der ersten Nacht mit dem Jungen ein, der jetzt mein Freund ist. Zitternd wachte ich auf, weil er sich im Schlaf unsere Decke zweimal um den Körper gewickelt und unter seinen Füßen festgestopft hatte. Doch statt Ärger lief ein anderes Gefühl durch mich, etwas Neues, Flüchtiges, wie ein Mund voll Zuckerwatte oder das Licht. Ich drehte die Heizung auf, setzte mich neben den Kopf des Jungen und hatte den absurden Wunsch, ihm jede Decke dieser Welt zu schenken.

"Wo bleibst Du eigentlich?", fragt Sara, die plötzlich wieder neben mir steht, ein Gesicht wie ein Erbeerfeld im Winter. "Ich dachte, ihr beide seid schon auf dem Weg, euch das Gehirn herauszujuchzen", antworte ich. "Ach" sagt sie, "der war mit Cowboy-Aftershave getränkt. Außerdem ist das doch unser Abend, oder?" Statt einer Antwort gebe ich ihr meine Flasche. Und dann merke ich, dass die Musik der Wahnsinn ist.


Tags: Fremdgehen
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