Feucht aber fröhlich!
Nase gerümpft, Kopf geschüttelt, ‚Bäh’ gesagt - aber irgendwie hat Charlotte Roche es auf Platz eins der Bestsellerliste geschafft.
Und jetzt sitzt sie bundesweit in ausverkauften Häusern und liest ihrem Publikum all den Ekelkram ins lachende Gesicht.
Wenig euphorisch war die Stimmung, als "Feuchtgebiete" im Februar erschien. Kurzum, das Buch sei für den Arsch - und das leider nicht mal zur sexuellen Stimulation. In der taz hieß es über den "Schleimporno gegen Hygienezwang", er sei außerdem eine dürftige Geschichte mit seichter Protagonistin. Wenn dann nicht mal mehr der Sex sellt, oh weh Charlotte! Mehr aber noch wackelte Roches Status als coole Zahnlückenfeministin. Georg Diez schrieb in der ZEIT: "Aber so manche, die bisher in Charlotte Roche eine neue Feministin gesehen haben [?] bleiben nun angesichts von so viel Freizügigkeit sprachlos zurück." Charlotte Roche, endgültig in der Provokation verrannt? Nun, den Weg zum Erfolg hat sie trotzdem gefunden. 450.000 verkaufte "Feuchtgebiete" machen sich nicht nur auf dem Kontoauszug gut.
Viele Fragen stellen sich: Meint sie das ernst? Warum ist sie so erfolgreich? Nimmt die Jugend Schaden? Am wichtigsten aber ist doch, welche Auswirkungen Charlotte Roches Anliegen, dieses Buch zu schreiben, tatsächlich auf die anvisierte Zielgruppe hat. In Interviews erklärt die 30-Jährige, in Feuchtgebiete habe sie "jene Dinge provokativ überspitzt, die in unserer Gesellschaft schon im Ansatz verboten sind". Deswegen sei es ihr bei dem Buch vor allem darum gegangen "Worte für Details der weiblichen Sexualität zu finden, für die es noch keine Worte gibt". "Feuchtgebiete" als Entwurf einer emanzipierten weiblichen Sexualität? Frauen sollen sich ihres eigenen Körpers voller Lust und Experimentierfreudigkeit bewusst werden. Und bitte nicht die Hingabe vergessen. Vor allem dann nicht, wenn einem gerade jemand die Muschi schleckt. Männer lassen sich für einen Blowjob ja auch fallen - und gewiss nicht auf die Knie. Schön wäre es ja! Charlotte jedenfalls erzählt von Frauen, die auf sie zukämen und erklärten, nach der Lektüre ihres Buches sei ihnen nichts mehr peinlich.
Auch wer das aufgeschlossene Lachen bei einer ihrer Lesungen hört und in schmunzelnd nickende Gesichter blickt, denkt: Mensch Charlotte, ist alles knorke. Hier hat keine Frau Probleme mit ihren Geschlechtsteilen und deren Aromen! Aber ist das denn so? Ist diese demonstrative Heiterkeit angesichts eingehender Rosettenbetrachtung, Trockensperma schlecken und Smegmasammelns tatsächlich ein Zeichen der Befreiung? Oder überdeckt es bloß die eigene Verlegenheit. Feuchtgebiete-Heldin Helen sagt in einer Szene, "über das, wovor man am meisten Angst hat, lacht man immer am lautesten". Ein Eindruck, der sich bei Betrachtung ordentlich frisierter Frauen mit Freund an der Hand nicht ignorieren lässt.
Allerdings besteht "Feuchtgebiete" eben nicht nur aus detaillierter Arschlochbetrachtung. Auch praktisch umsetzbaren Alltagssituationen gibt Helen sich hin. Zum Beispiel dann, wenn sie ein in der Unterhose verirrtes, langes Kopfhaar genüsslich zwischen den Schamlippen herauszieht. Dann entlarvt die Autorin den Wiedererkennungsfaktor bei ihren Leserinnen: "Ich erkenne an einer gewissen Art des Lachens, wer hier schon Erfahrung mit dieser Technik gesammelt hat" verrät Charlotte während ihrer Lesung grinsend und, klar, erntet erneutes Gelächter. Was sich die Protagonistin im Verlauf des Buches noch so alles in den Mund und sonst wohin steckt, das zu schildern, darauf verzichtet Charlotte Roche live. Man soll ja auch nicht über die eigene Erektion kotzen, merkt sie dazu noch an und wir sagen danke schön.
Die kindliche Arglosigkeit, mit der Helen ihre Phantasien praktiziert, lässt sich auch bei ihrer Schöpferin beobachten. Als "Fiktion" mit "Betonung auf der ersten Silbe" bezeichnet Charlotte Roche ihren Roman, dem ein erfreulicher Hedonismus an sexuellen Spielarten nicht abzusprechen ist. In Charlotte Roches Feuchtgebieten sind Gummistiefel überflüssig. Lieber mit nackten Füßen durch die Pfützen springen. Macht ja mehr Spaß und je mehr Leute sie damit anspritzt, umso besser! Mit genau dieser Ambivalenz zwischen Porno und Pfützenspringen setzt Roche ihren Vorsatz, Frauen sexuell zu emanzipieren, sehr gewitzt um.
Denn schien zunächst auch der Boykott der Person Roche beschlossene Sache, tätscheln ihr nun alle wieder das Second-Hand berockte Knie. Charlotte sammelt fleißig Sympathiepunkte und gewinnt unbekümmert den Hach-die-ist-aber-auch-nett-Bonus. Merke: wer einem ans Herz wächst, von dem lässt man sich doch eher den Finger in den Po stecken als von einem One-Night-Stand dessen Namen man nicht kennt. "Feuchtgebiete" und Charlotte haben den Skandal überlebt und ihr Publikum - wie sollte es anders sein - von hinten genommen.
Eigentlich nämlich wollte Roche ein Sachbuch wider den Hygienezwang schreiben. Gähn! - das hätte wohl kaum ein Haar unter den Achseln hervorgelockt. Sich aber vor Lust und Lachen kringeln zu können, das zieht. "Feuchtgebiete" ist somit auch ein geschickter Schachzug in der gegenwärtigen Feminismus-Debatte, die den Ernst viel zu selten mit fröhlichem Überschwang paart. Wo sonst schnell Trotz, Widerstand und offenes Aggressionspotential hochkochen, hüpft Frau Roche feucht fröhlich durch Tabuzonen. Für "Feuchtgebiete" hat sie der Muschiflora ein Lächeln auf die Lippen geschrieben, das sagt: Mädels, macht euch locker! Bleibt zu hoffen, dass sich der Gedanke in weiblichen Gehirnen länger hält als überlicherweise das Sperma in der Vagina.





Kommentare
Ich muss zugeben, dass ich an einigen Stellen im Buch wirklich lauthals gelacht habe.
10.01.2011, 23:04 von krawallkaethchenZum Beispiel über den Konflikt zwischen Helen und ihrer verklemmten Mutter.
Ob ich letztendlich selbst verklemmt bin, weiß ich allerdings nach dem Lesen dieses Buches nicht mehr so genau. Wenn das von Roche erklärte Ziel tatsächlich das Voranbringen der Emanzipation war, dann ist sie meiner Meinung nach gehörig über das selbige hinausgeschossen.
Das Deponieren selbstgebauter benutzter Tampons in Fahrstühlen, das Verzehren von getrocknetem Sperma oder Masturbation mithilfe eines Nassrasierers ist natürlich Geschmackssache, aber sicher kein Merkmal der Frauenbewegung.
Eines der dümmsten Bücher die ich jemals in meinen Händen hielt. Gut,dass es nicht mein Exemplar war. Hatte auch nach circa 2 Seiten nur ein Kopfschütteln dafür übrig.
22.01.2009, 02:11 von tSchillerIch kann diesen neuen "Möchtegern-Feminismus" nicht abhaben.
Warum denken die Mädels, dass sie sich von "uns Chauvinistenschweinen" emanzipieren, indem sie Bilder auf MySpace & co stellen, die den Anschein erwecken, sie wären Hobby-Prostituirte und dann so geistreiche Kommentare unter diese Setzen wie "wanne have sex?!" ...
DAS ist alles andere als Feminismus.
Generation Blöd schlägt Tag für Tag wieder zu...
Guter Artikel! Alles ist gesagt, was zu sagen ist... Außer: Papier ist geduldig. Was Frau Roche so feucht-fröhlich vor sich hin-skandal-nudelt ist im Grunde sehr alt... War da nicht mal so ein Mister de Sade, den fast alle Wissenden "den göttlichen Marquis" nannten !???
01.08.2008, 19:59 von Alexander13Mir war so. Viele Grüße und nicht den Spaß, den Humor vergessen --- dazu sind wir schließlich auf der Welt. Auch wenn wir nur in Nordeuropa leben, man sollte nichts zu ernst nehmen... AR.
Ich fand das Buch sehr unterhaltsam und lustig, und detailgenau beschrieben,... ob es nun emanzipatorisch oder literarisch wertvoll ist, ist mir eigentlich schnuppe ;) einfach nur ein ganz besonderes Buch ;)
24.06.2008, 15:25 von LetMeGo@LetMeGo Das seit langem einzige Buch, was ich in wenigen Tagen ausgelesen hatte. Mag am Geliehen-Zurückgeben-Zwang liegen. Was Charlotte aufgefahren hat, ließ mich so EINIGE male das Gesicht verziehen. Und um dann Sekunden später darüber zu lachen, dass sie in den unpassendsten Situationen fröhlich "Amazing Grace" singt.
16.07.2008, 09:39 von volumINALetztendlich war's nur ein Buch. Für mich keine Auswirkungen. Nur eine andere Traumwelt neben vielen, in den ich schon gereist bin.
Ich habe hin und her überlegt ob ich das Buch lesen sollte oder nicht. Jetzt komme ich darauf, dass ich nicht solange überlegen sondern endlich zum lesen anfangen hätte sollen.
22.05.2008, 12:55 von prinzessin_lillifeeNur eben, hätte sollen...
Jetzt weiß ich, dass ich mir morgen dieses Buch besorgen und zu lesen beginnen werden.
Allerdings mit gemischten Gefühlen . . .
@prinzessin_lillifee habe vergessen zu schreiben, wie mir dein text gefallen hat!
22.05.2008, 12:56 von prinzessin_lillifeeMuss ich das jetzt wirklich lesen, oder ist es nicht eher doch so blöd, wie sichs anhört?
18.05.2008, 03:16 von oneandall@oneandall Über Sex zu reden, wäre eine Sache aber über son Scheiß zu lachen, bloss weil man die Tussi ausm Fernsehen kennt, die das geschrieben hat und dann auch noch vorliest ist schon entsetzlich peinlich. Respekt Charlotte, du hast also einfach kein Schamgefühl. Ich finde es wirklich schade, dass es reicht damit in Deutschland berühmt zu werden, während Menschen mit Anstand als uncool diffamiert werden, die solche Verbalexzesse und Exhibitionismus nicht toll finden.
18.05.2008, 03:26 von oneandallIch habe das Buch auch gelesen, war an einigen Stellen angeekelt, habe aber auch über einiges lachen können.
16.05.2008, 12:26 von MrsPickTrotzdem finde ich das Buch recht primitiv, es wird einfach alles, wirklich alles, worüber Frauen nicht reden sehr überzogen zur Sprache gebracht, ohne dass eine Handlung was damit wirklich zu tun hätte. Ich würde sagen, etwas mehr Plot hätte dem Buch nicht geschadet, so wird es nach spätestens der Hälfte sehr langweilig.
Ich finde es erstaunlich, dass es bisher niemandem aufgefallen ist, dass Frau Roche nichts anderes tut, als sich den Zeichen der Zeit anzupassen, die Dialektik unserer Kultur übernimmt und eben keine Erfinderin einer neuen Sprache ist. Sexualität ist für Frauen und Mädchen nichts neues, es ist nur neu, dass seit einem gewissen Zeitraum von Frauen wie auch von Teenagern erwartet wird, dass sie bei den Worten Analverkehr und Fellatio nicht mehr hochschrecken und erröten, sondern sich den Wünschen und Vorstellungen des Partners anpassen.
09.05.2008, 19:27 von teasysfireIn einer Phase, in der Sex so dermassen kolportiert wird, dass es schwer wird seine Kinder davor zu schützen, sollen wir nun also so tun, als wäre Analverkehr etwas großartiges, nur weil wir damit ein Stück angebliche Selbstbestimmung über unseren Körper gewinnen sollen. Ich hoffe sehr, dass junge Frauen gut darüber nachdenken, welche Sexpraktiken sie ausüben möchten und welche nicht. Es sollte erlaubt sein, etwas nicht zu wollen und für sich zu entscheiden, wie weit man bereit ist zu gehen. Im Beispiel von Feuchtgebiete kann es ja sein, dass sich die Protagonisten mit ihrer Einstellung wohl fühlt, man sollte allerdings bedenken, dass sich viele Mädchen und Frauen eben nicht wie ein Kerl verhalten wollen und das der Unterschied eben genau darin besteht, sich nicht an der Verrohung der (eigenen) Sexualität zu beteiligen. Sie beschreiben Frau Roche als authentisch, sagen aber im gleichen Atemzug, dass sie es bevorzugen würde, wenn ihr eigenes Kind ihr Buch nicht lesen würde. Ich denke, wir wissen alle, warum die Autorin diese Konfrontation scheut.
Bücher wie Feuchtgebiete zementieren in den Köpfen von Männern, dass alle Arten von Sex auch für Frauen in Frage kommen müssen. Die Konsequenz wird nicht sein, dass Männer und Frauen sich mehr über ihr Sexualleben unterhalten, die Konsequenz wird sein, dass Männer mehr Erwartungen an die Berreitschaft ihrer Freundin entwicklen werden, während sich die Frau erneut mit dem Kampf konfrontiert sieht ihre Grenzen festzulegen.
Frau Roche hat hier nichts neues entdeckt, nichts neues beschrieben. Ich erinnere mich noch an ihre Viva Zeiten und schon damals waren ihr Achselhaare bei Frauen wichtiger als die wesentlichen Fragen zu stellen- und die sollte sein, inwieweit wollen Frauen Männer sein und ihre Weiblichkeit dafür einbüßen müssen?
@teasysfire Weiblichkeit nicht bloß so ein verdammtes Konstrukt wäre...
09.05.2008, 19:58 von Seiltaenzerin76