coronaria 14.07.2009, 10:19 Uhr 80 19

Feige aber positiv

Gleich werde ich mit Thomas schlafen. Aber ich denke nur an Fritz. Dabei bedeutet er nichts.

Ich mochte Thomas. Gleich, vom ersten Augenblick an. Das war ungewöhnlich, weil ich Menschen wie ihn eigentlich nicht mochte. Er sah zu gut aus, war sich dessen zu bewusst, war mehr Aufreißer als Tiefgänger oder Tiefgänger um aufzureißen. Und trotzdem mochte ich ihn. Weil ich doch daran glauben konnte, dass er nicht aus Berechnung so herzlich lachte und weil er sich gut anfühlte, vom ersten Augenblick an. Es war Vertrauen da, gleich. Und weil ich ihn mochte, entwickelte sich mehr. Das führte zu noch mehr und dann konsequenterweise zu dieser Situation.

Den ersten Kuss haben wir hinter uns und jetzt hier in seiner chaotischen Wohnung führt er seine Hände Richtung Brüste und mich in Richtung des übergroßen Betts. Es fühlt sich immer noch gut an und je mehr man ihm anmerkt, dass er mich in dieses Bett bekommen will, je mehr will ich das auch. Als es enger wird, warte ich auf die Frage, die nicht kommt und stelle sie schließlich selbst. Aber nein, er hat kein Kondom, dafür aber kürzlich einen AIDS-Test gemacht. Sagt er. Grinst. Und greift gekonnt nach dem BH-Verschluss.

Ich sortiere, während ich mich so gekonnt winde, wie er nach dem BH gegriffen hat, während ich seufze und knutsche, die Fakten. 1) Wir führen irgendwie eine Beziehung. 2) Eine, die auf Vertrauen basiert. 3) Thomas weiß, was er tut 4) Thomas weiß zu gut, was er tut 5) Man kann seinen Freund nicht bitten, einem das Testergebnis schriftlich zu geben. 6) Ich hasse es, Menschen zu enttäuschen. 7) Ich bin zu feige, jetzt nein zu sagen. 8) Thomas ist ein Arsch. 9) Das Vertrauen vom Anfang ist weg.

Der zehnte Gedanke gilt Fritz. Manchmal denkt man in den merkwürdigsten Momenten an die merkwürdigsten Dinge. Dabei ist der Moment eigentlich nicht merkwürdig, sondern war bis eben schön. Wie an Fritz denken eigentlich schön ist. Aber wer denkt schon beim Sex an seinen Patenonkel?

Fritz ist nicht mein Patenonkel. Aber er wäre es sicher gewesen, wenn meine Eltern Patenschaften nicht total konservativ und spießig gefunden hätten. So also war Fritz in meiner Kindheit einfach immer der beste Freund meiner Eltern und der beste erwachsene Spielkamerad, den man sich vorstellen konnte. Auf ihm durfte man klettern, ihn konnte man alles fragen und er nahm unsere Weisheiten ernst, er brachte Geschenke mit und wenn er da war und im Wohnzimmer auf der Couch schlief (weil meine Eltern auch Gästezimmer spießig fanden), dann war Fritz das, worauf wir uns am Morgen freuten und der, der von Anfang an das Wort Wochenende prägte. Er buk den besten Kuchen, den man sich vorstellen konnte. Er begleitete mich durch meine ganze Kindheit, als der ruhige Schatten, der Lieblingsonkel, der er nicht war.

Als wir älter wurden, wurden seine Besuche seltener. Ich habe mich zurückgewisen gefühlt. Er kam nicht mehr am Tag und hat mit uns gespielt, sondern wie der andere Besuch kam er abends und hat nur noch unsere Eltern gesehen. Wenn er über Nacht blieb, schlief er nicht mehr auf der Couch wo wir ihn morgens auf-ihm-turnend weckten sondern im Auto und war meist weg, bevor wir es merkten. Wir sprachen nie darüber, weder untereinander noch mit unseren Eltern, aber ich glaube sowohl ich als auch mein Bruder gaben uns die Schuld, dass Fritz nur noch so selten da war. Er mochte uns nicht mehr. Er sah uns nicht mehr an, er drückte uns nicht bei der Begrüßung, er berührte uns nie wieder. Er brachte noch manchmal Geschenke mit, aber nie gab er sie uns persönlich. Es war größeres Spielzeug als früher. Aber es war immer nur Spielzeug. Nie wieder selbstgebackener Kuchen.

Langsam verschwand Fritz aus unserem Leben. Weil er nicht mehr da war und wir neue Freunde fanden und anderes wichtiger wurde. An meinem 12. Geburtstag erfüllte sich mein größter Wunsch, ich durfte mit mehreren Freundinnen in einen Vergnügungspark fahren. Meine Mutter erlaubte es nicht nur und fuhr uns hin, sie gab mir auch eine Menge Geld, um meinen Freundinnen Pommes und Eis kaufen zu können, denn sie kam nicht mit. Sie fuhr weiter. Ins nahegelegene Krankenhaus. Während wir Achterbahn fuhren und Wildwasserbahn und lachten und schmatzten, und die Sonne schien, saß sie hinter zugezogenen Vorhängen an seinem Bett. Sie sagte mir vorher "Ich fahre zu Fritz" und ich dachte nur "Ich fahre Achterbahn". Sie sagte mir, dass er krank ist, aber an diesem Tag habe ich nicht an Fritz gedacht. Und das bereue ich noch heute.

Meine Mutter besuchte ihn danach nicht mehr. Sie hatte keine Möglichkeit. Er starb zu schnell. Ich war nicht bei der Beerdigung dabei, ich habe ihn nie wieder gesehen. Ich erfuhr erst danach alles. Und begriff es erst Jahre später. Dass er AIDS gehabt hatte. Dass er sich deswegen geschämt hatte, auch weil er als Schwuler zur Risikogruppe gehörte. Dass er uns Kinder deswegen nicht mehr sehen wollte, vor allem um uns nicht anzustecken. Dass er aus diesem Grund immer im Auto schlief. Dass wir ihn am Ende gar nicht mehr sahen. Und dass er uns deswegen nicht bei seiner Beerdigung dabei haben wollte. Ich bereue bis heute, dass ich sauer auf ihn war, dass ich mich nie von ihm verabschiedet habe und dass er am Ende nicht mal mehr eine Bedeutung für mich hatte. Er wird sein Leben lang bereut haben, dass er sich nicht geschützt hat.

Das denke ich mir, während Thomas es geschafft hat, mich ganz auszuziehen. Was ich morgen bereuen werde, ist, dass ich mich jetzt nicht schütze. Nichtmal aus Geilheit. Sondern weil ich zu feige bin, nein zu sagen. So nehme ich dem Tod jeden Sinn. Und Fritz jede Bedeutung.

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80 Antworten

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    Irgendwie verstört mich der letzte kleine Absatz. Kann ich nicht nachvollziehen, gerade weil die Protagonistin sich ja in der Situation intensiv mit der Sitution beschäftigt. Dann hätte ich es noch eher "verstanden", wenn im Text durchzublicken wäre, dass sie nicht darüber nachdenkt.

    Der Absatz mit dem Freizeitpark ist schön geschrieben.

    14.01.2011, 20:17 von topfbluemchen
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    Echt beschämend, der Verstand sollte in solchen Situationen siegen.....

    18.10.2009, 21:06 von Flacky
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      @[Benutzer gelöscht] Traurig, dass so ein Text, solch eine Diskussion auslöst. Traurig auch, dass der NEON-Leser erstmal glaubt, alle Texte seien Autobiographisch. Sehr schlecht, dass sogar unsere Generation, die praktisch mit AIDS aufgewachsen ist, darüber diskutiert, ob Kondome irgendeine vielleicht gar nicht vorhandene (da zu viel Alkohol im Spiel) Romantik kaputt machen könnten. Unglaublich, dass diese Generation nicht den Arsch dafür hat, nach nem AIDS-Test zu verlangen!!! Sorry, aber ich verstehe nicht, wie hier eine so endlos lange Diskussion entstehen konnte - diese Thema sollte doch eigentlich für alle klar sein ??!!??

      22.09.2009, 23:57 von PippiFatale
  • 0

    Ich finde den Text gut. Auch auf der Startseite. Er sagt ja nicht, dass man so handeln soll, ich denke ehr das Gegenteil. Er bringt einen zum Nachdenken, weil man ahnt, dass man selbst auch nicht besser wäre.

    12.09.2009, 14:56 von Zoltanina
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    notlüge die hilft

    "ich nehm keine pille"

    01.09.2009, 17:21 von radiotz
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    guter artikel!

    20.07.2009, 21:51 von ImmanuelCunt
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    Toller Text! Sehr gefühlvoll beschrieben....

    19.07.2009, 18:32 von resanati
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    Obwohl ich keinen Onkel habe der an Aids gestorben ist, schütze ich mich trotzdem. Man braucht niemand in der Bekanntschaft der betroffen ist um zu wissen, wie dumm es ist Sex mit einem quasi Wildfremden zu haben ohne Schutz.

    19.07.2009, 13:21 von Supergalaktisch
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  • 1

    Am Anfang denkt man so beim lesen ups ziemlich vom Thema abgekommen. Doch in Nachhinein... sehr toller Text.

    18.07.2009, 16:34 von Loddie
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