lilko 28.10.2011, 02:36 Uhr 0 8

Es wird kalt.

Diesmal lag sie mit dem Gesicht nach unten im Schnee.

Es gelingt ihr nicht, dieses Lächeln. Ein Lächeln, stundenlang vor dem Spiegel geübt. Die Mundwinkel leicht nach oben, die Lippen gespitzt, die Stirn in Falten gelegt und die Augen leicht zusammengekniffen, als würde sie in die Sonne schauen. Und so ist es eigentlich auch. Sie ist ganz geblendet. Auf unangenehme Weise. Wie auf der Piste, der Moment, bei dem sich die Skier verhaken, weil das glänzende Eis das Licht reflektiert und einem die Sicht raubt. 

Sie lässt es also lieber, das mit dem Lächeln. Versucht ihr ernstes Gesicht, blickt ihn aufmerksam an und wartet. 


Er sagt nichts, schaut nur zurück. Zwinkert. Vielleicht ist ihm etwas ins Auge gekommen. Oder will er ihr etwas sagen? 


Er hatte sie beeindruckt. Obwohl ihr Männer, die reden, eigentlich lieber sind.

Er hatte von Anfang an nicht viel gesagt. Ihr Türen aufgehalten, sie zum Essen eingeladen. Ihr den Whisky ohne Eis bestellt, ohne zu fragen. Sie im Taxi in den Arm genommen, gedankenverloren ihren Arm gestreichelt. Gefragt, ob sie ein Bad nehmen möchte und auf welcher Seite des Bettes sie lieber schläft. Ihr eine Zahnbürste bereit gelegt. Ihr Kinn mit dem Zeigefinger angehoben und ihr einen Kuss gegeben, zum Abschied.


Sie dann drei Wochen später angerufen, an dem Tag, als sie ihn schon zu den Akten legen wollte, zu all den anderen Strichmännchen. 


Und jetzt standen sie hier, in dieser komplett überfüllten Bar. Seine Freunde - oder vielleicht doch sein Gefolge- schlichen um ihn herum, machten ihr Komplimente, er lächelte nur zurückhaltend. Er trank Cider, sie Gin. Hätte ihn wirklich gerne einiges gefragt. Über seine Arbeit hier und seine andere Arbeit dort. Über seinen Vater oder die linke Szene in der Stadt, in der er gemeinhin als sanfter Rebell bekannt geworden war. Offiziell wusste sie das alles nicht. Sie hatte ihn gegoogelt und das sollte er nicht wissen. Also blieb sie still. 


"Lass uns tanzen gehen." schlug er vor.


"Ich tanze nicht. Nie. Ich gehe in Kneipen, um mich zu betrinken und Gespräche zu führen."


Sie blieb an der Bar, sah ihm beim Tanzen zu - war sich sicher, dass er es auch nicht mochte. Aber wer tanzt, muss nicht reden. 

Er hatte ihr einen Schein in die Hand gedrückt, sie gab eine Runde Schnaps aus- für jeden attraktiven Mann an der Bar einen. Unterhielt sich mit einem Bekannten, dann mit noch einem. Trank weiter Gin. Liess den letzten stehen, als sie langsam betrunken wurde. Es war kurz nach vier. 


Um fünf fuhren sie gemeinsam nach Hause. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und erfuhr etwas über die Architektur von Treppenhäusern in den 50er Jahren. 

In einem runden, gläsernen Lift fuhren sie in seine Wohnung. Seine weiße, sterile Wohnung. Glaswände, Champagner, Lichter über der Stadt, die von oben betrachtet so viel schöner aussah. 


Er zog ganz langsam den Reissverschluß ihres Kleides herunter. Küsste sie. 


"Du bist so kalt." sagte sie.

"Ich weiss." antwortete er. Sie wartete, dass er ihr etwas erzählte. Über eine unglückliche Liebe, eine gefühlskalte Mutter, einen toten Hund. Aber er sagte nichts mehr und knöpfte langsam sein Hemd auf. 

Wieder auf der Piste. Diesmal lag sie mit dem Gesicht nach unten im Schnee. Alles taub und kalt, bis auf ihren Unterleib, der brannte weiterhin wie Feuer. 

"Ich brauche eine Freundin für die Wochenenden." sagte er leise  und klang dabei, als müsste er die Beichte ablegen.

"Eine Geliebte." sagte sie und umfasste seinen halbsteifen Schwanz.

Sie schliefen miteinander. Warm und weich lag er auf ihr, umfasste sie mit festem Griff, küsste sie immer wieder. Sah sie unentwegt an und lächelte, als würde er es zum ersten Mal tun. Die Art von Lächeln, die man nicht im Spiegel üben kann.


Der letzte warme Tag, möglicherweise. Er hatte ihr eine Zeitung gekauft, er selbst las das Wirtschaftsmagazin. Sie aß Rührei, er bestellte Debreceni. Sie sprachen kaum ein Wort. Dann zahlte er, küsste sie und ging. 

"Auf Wiedersehen" sagte sie und ließ es wie eine Frage klingen.

Aber da hatte er die andere Straßenseite schon überquert.

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