_never_again 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 16

Erschießungskommando

Alles, was ihr gelingt, ist sich zu fragen, wie es so kommen konnte.

Seine Masse lastet zwischen ihren Beinen. Sein Ausatmen hallt in ihren Ohren.
Sie sieht ihn nicht an. Der kindische Glaube, man könne sich vor jemandem verstecken, wenn man nur fest genug die Augen vor ihm verschließt. Aber sie ist kein Kind mehr.
Seine Hände sind Pranken auf ihren kleinen Brüsten. Drücken zu, als wollten sie ihr etwas entreißen. Als er sein Gewicht verlagert und sich auf ihrem Brustkorb abstützt, keucht sie auf.
Aus den Boxen dröhnt irgendetwas viel zu lautes viel zu hartes. 160 Schläge pro Minute. Sie zählt den Takt mit, um ihn nicht spüren zu müssen. Und um die auseinanderstobenden Gedanken einzufangen.
Seine Blicke fahren mit schartiger Klinge über das gebrochene Weiß ihrer Haut. Später wird sie die Wunden versorgen. Wird sie mit Schweigen und ein wenig Selbstaufgabe salben, damit die Narben schneller verblassen. Unsichtbar werden für die anderen. Und für sie selbst.
Er rammt sich in sie. Bis zum Anschlag. Ein leises „Au!“ entweicht ihrem Mund. Er hält inne. Sie hält den Atem an. Öffnet die Augen einen Spalt und sieht, wie er auf sie hinabblickt. Dann packt er ihre Hüfte, damit sie wieder ins Bild passt. Mit dünnen Händen versucht sie sich ein wenig von ihm zu drücken, sich etwas Luft zu verschaffen. Halbherzig. Denn sie weiß, dass ihr die Kraft dazu fehlt.
Grob hämmert er gegen alles Weiche in ihr. Immer wieder. Er stößt noch einmal zu. Stößt die Luft aus seinen Lungen. Dann zieht er sich zurück.

Schonfrist.

Sein auffordernder Blick bohrt sich durch ihre Lider. Sie weiß, dass es an der Zeit ist. Sie steht auf, wendet ihm den Rücken zu und geht auf schmalen Absätzen in den Flur. Das feste Klacken auf den Dielen nimmt sie nicht wahr. Sie hört nur die vage Beklommenheit im Hintergrund. Mit gespreizten Beinen stellt sie sich vor die Wand. Das Zeichen an ihn, es zu Ende zu bringen.

Er steht hinter ihr. Die Waffe auf sie gerichtet.

Erschießungskommando.

Die Sekunden weigern sich zu vergehen, so oft sie auch an ihre Bestimmung erinnert werden. Sie muss sich zwingen, nicht zurück zu blicken. Sie will sein Gesicht nicht sehen, als er raunt: „Du bist so sexy.“ Dann spürt sie eine flache Hand, die auf ihren Hintern knallt. Eine Erinnerung in ihr zuckt zusammen und verstummt.
Es brennt, als er sich mit genüsslicher Langsamkeit wieder in sie versenkt. Sie presst die Lippen aufeinander. Sie weiß, dass es bald vorbei ist.
Jedes Vor und Zurück scheuert über das Unausgesprochene zwischen ihnen. Es werden sich Krusten bilden, denkt sie, bald, die irgendwann abfallen. Vielleicht.

„Ich mache das nur für dich, so lange durchzuhalten“, sagt er immer. Dann wünscht sie sich manchmal, schreien zu können. Laut zu schreien, bis es schmerzt. Oder wenigstens zu weinen. Aber alles, was ihr gelingt, ist Hinzunehmen.

„Du sollst doch auch was davon haben“, sagt er immer. Dann wünscht sie sich manchmal, die Zeit zurückdrehen zu können, bis zu dem Moment, den sie nicht benennen kann, an dem sie sich selbst verstrickt hat in etwas, für das ihr die Worte fehlen. Aber alles, was ihr gelingt, ist sich zu fragen, wie es so kommen konnte. Die Ahnung einer Antwort liegt irgendwo unter all dem Angehäuften und Aufgebauten. Noch fehlt ihr die Kraft. Also lässt sie ihren Atem schneller werden.

Sie erträgt die Stiche, die aus dem Unterleib zu ihrer Brust ziehen, weil jeder ihn seinem Ziel näher bringt. Noch ein Stoß. Noch einer. Nur. Noch. Einer.

Vorbei.

Er legt einige schwere Atemzüge auf ihren Schultern ab. Dann löst er seine Krallen aus ihrer Taille.
Als er sie verlässt, fällt das, was er ihr geben wollte, in dicken Tropfen hinab. Und etwas von ihr mit ihm.
Sie presst ihre Arme gegen die Wand, um Halt zu finden. Atmet für einen Moment ihren Rhythmus. Atmet gegen das grelle Pochen zwischen ihren Schenkeln.

Sie hört seine Schritte hinter sich. Mit einem Stück Küchenpapier wischt er das, was schon fast wieder vergessen ist, vom Boden auf. Als er sich erhebt, dreht sie sich zu ihm um. „Beeil dich mit Duschen, damit wir nicht zu spät zu deinen Eltern kommen“, sagt sie. „Klar!“ grinst er und drückt ihr einen Kuss auf den Mund. „Ich liebe dich.“ Seine Stimme ist warm.
„Ich liebe dich auch“, sagt sie. Weil es das ist, was alles bedingt.

Er würde nicht merken, wie schwer ihr das unbekümmerte Lächeln in diesem Moment fällt. Sie merkt es ja selbst fast nicht mehr.
Sie ist eine gute Schauspielerin geworden über die Jahre.

16

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Realität?! (an die autorin)

    Ich denke, dass es diese Geschichte in unendlich vielen Abwandlungen überall gibt. Das Schlimmste ist " Wenn man sich an das Schlechte gewöhnt hat, ist es einem egal." Das ist immer das Falsche. aber man brauch jemanden, der einen darauf aufmerksam macht.

    08.04.2010, 15:02 von Icke_un_du_ooch
    • 0

      @Icke_un_du_ooch Vergangene Realität, ja...

      Das Grundproblem "Abstumpfung gegen Dinge, wenn sie nur lang genug falsch laufen" und "Selbstaufgabe in einer Beziehung" (für das diese Situation hier nur stellvertretend steht) gibt es in Abstufungen sicherlich sehr oft. Und bis man selbst an den Punkt gelangt, das zu realisieren, sich zu fragen, "wie es so kommen konnte", vergeht oft viel zu viel Zeit, und bis man die Konsequenz daraus zieht mitunter noch viel mehr... Meistens braucht man wohl tatsächlich Freunde oder Familie, die sensibel genug sind, zu merken, dass etwas nicht stimmt, die einem helfen, vorsichitg zu realisieren, und Kraft geben, den Schritt hinaus zu gehen.

      08.04.2010, 16:07 von _never_again
    • 0

      @_never_again aber du hast es geschafft. gut. und du hast daruas gelernt. :)

      ich kenn das auch.. jeder andere wohl auch.

      aber geschafft is geschafft :)

      08.04.2010, 21:19 von Icke_un_du_ooch
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Zuerst liest es sich wie der Mißbrauch eines Kindes, dann wie die Vergewaltigung einer Frau, etwas später dachte ich an eine Hure mit ihrem Freier, und am Ende wird es richtig bitter, als man merkt, dass es sich um eine Liebesbeziehung handeln soll. Unglaublich.

    Ich finde es gut geschrieben. Daher die Empfehlung.

    08.04.2010, 14:54 von Tanea
    • 0

      @Tanea Dankeschön!
      Genau den von dir beschriebenen Effekt - der Wandel des Bildes, das sich im Kopf des Lesers bildet und der krasse Bruch am Ende, als klar wird, um welche Situation es sich tatsächlich handelt - wollte ich erreichen. Freut mich, dass es so gut gelungen ist.

      08.04.2010, 15:59 von _never_again
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das ist ein wirklich guter text über verblendeten Masochismus.

    Gut geschrieben, der Part mit der Kamera gefällt mir nicht, der ist überflüssig.

    28.03.2010, 12:45 von quatzat
    • 0

      @quatzat Danke!
      Aber welchen Part mit der Kamera meinst du?



      Nachtrag am 30.03.2010 - 17:39 Uhr:
      Ist es wirklich Masochismus? Denn das würde bedeuten, dass sie Lust daran empfindet sich erniedrigen zu lassen (was sie ja nicht nur im sexuellen Sinne zulässt).

      28.03.2010, 17:43 von _never_again
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare