ohmonika 24.02.2012, 00:59 Uhr 10 2

Eine kurze Geschichte über die Liebe zu Seefahrern und Schlangengurken

Horst Gillig war ein Seefahrer.

Er war kein Matrose oder gar Kapitän einer Fünfmastbark. Zeit seines Lebens traute er sich nie weiter in die See zu stechen, als sein Schlauchboot ihn am heimischen Fischweiher hinaustrug. Er musste also niemals das Ufer aus den Augen verlieren und seine jämmerlichen Schwimmfähigkeiten unter Beweis stellen.

Dennoch war Horst Gillig ein Seefahrer. Mehr noch, er war Seefahrer und Reisender. Und das prangte in großen schwarzen Lettern auf seinem Rücken, teilweise bedeckt von ergrautem krausem Haar.

‚Ich bin ein Reisender und ein Seefahrer und jeden Tag entdecke ich eine neue Region meiner Seele.‘

Der Spruch stammt von Khalil Gibran.

Bis heute ist nicht klar, ob Horst Gillig jemals von ihm gehört hat. Die ernüchternde Wahrheit, die keinerlei Fragen verlangt, ist vielmehr, dass ein bekannter schwedischer Tätowierkünstler auf einer Messe vor zehn Jahren sein Model an die rücksichtslose Influenza verlor und sich merkwürdigerweise niemand fand für ein großflächiges Tattoo der ungewissen Art.

Niemand außer Horst Gillig, der, nach 24 Stunden ununterbrochener Heterosuggestion durch die Musik von DJ Ötzi das Bierzelt verließ und davon überzeugt war, dass sein Name Anton und seine Figur ein Wunder der Natur wäre.

Beflügelt von einem Rausch und  übersteigertem Selbstbewusstsein ließ er sich vom Meister der Tinte den Rücken mit Gibran und den Magen mit Wurstbroten füllen.

Von diesem Tag an war Horst Gillig zumindest mit ein paar Quadratzentimetern Haut an Bord.

 Wer denkt, das wäre schon alles, was Horst besonders machte, ist falsch gewickelt.

Horst hatte fleischige Arme aus denen meistens dick die Adern heraustraten. Es waren bei Gott nicht ausgesprochen hässliche Extremitäten. Nicht die hässlichsten.  Aber an manchen Tagen waren sie für wenige Minuten und einige aufmerksame Augenpaare die schönsten.

An diesen Tagen kochte Horst panierten Abfallfisch mit Gurkensalat.

Nicht die Mahlzeit selbst löste das verzückte Seufzen aus, sondern vielmehr die Zubereitung des Salats. Nein, tatsächlich drehte sich alles rein um Horsts Behandlung der Gurke.

Wobei es nicht wirklich darauf ankam, welche Art er verarbeitete.

Die ordinäre Schlangengurke war trotzdem der Publikumsliebling.

Horst begann damit, das Gemüse sorgfältig unter fließendem Wasser abzureiben. Seine grob motorischen Finger strichen dabei tastend über die Schale, als wolle er sanft eine Verspannung lösen.  Immer wieder fuhr er auf diese Art auf und ab. Es dauerte nicht lange, die Gurke verlor ihre Kürbisgewächsbedeutung und konvertierte sinnvoll in ein Stück pulsierendes Fleisch.

Horst fasste die Gurke an, wie er sich selbst anfasste.  Mit dem Unterschied, dass das Ergebnis hier Salat war.

Das schmutzige Ding wurde geschrubbt und gerubbelt, bis es rein und ohne Schuld war.

Dann legte Horst sie vorsichtig auf seinen Unterarm und umschloss das spitze Ende mit der Hand.

Mit Hilfe eines Sparschäler zog er ihr Zentimeter für Zentimeter die Schale ab. Er entkleidete sie sorgfältig und glitt über ihre Nacktheit. Die Finger glänzten feucht.

Die Gurke glänzte feucht.

Ohne zu zögern hackte er die Enden ab und schickte sich an, die phallische Panzerbeere über eine Reibe unwiederbringlich in hauchdünne Scheiben zu teilen.

Es spritzte. Der Saft ergoss sich über seine Haut und tropfte von seinem Ellenbogen.

Horst hobelte wie ein Besessener. Zartgrüne Fleischfetzen klebten an den behaarten Armen. Der frische Geruch von Gurke verbreitete sich im Raum.

Triefende Finger und ein Gedanke, Horst trocken zu lecken wie ein neugeborenes Kalb.

Er schob sich das zerfetzte Endstück zwischen die schwammigen zu roten Lippen und saugte an seinen nassen Fingern, ganz nach Kälbermanier.

Horst Gillig kochte in der Kantine unserer Firma.

Aber im Herzen war er ein Seefahrer und Gurkenkavalier.

               

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10 Antworten

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      So ein verliert sich schon mal ;). Also ich find die Gurke schon sehr sexuell. Und den Horst erst.

      24.02.2012, 12:03 von ohmonika
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    • 0

      Das ist eine gute Frage. Einmal gesehen und niemehr vergessen. Sowas kann dich natürlich lange verfolgen. Und Gurkensalat schmeckt plötzlich gaaaanz anders.

      24.02.2012, 12:08 von ohmonika
    • 0

      Karotten, Zucchini, Rettich... Rettich!? Wieso nicht. Gemüse ist so gesund :)

      24.02.2012, 12:09 von ohmonika
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    • 0

      Großartig. Mein Tag ist gerettet. Horst wird dich ein Weilchen begleiten, wenns recht ist. ;)

      24.02.2012, 12:16 von ohmonika
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